Schwingerkönigin Sonia Kälin begeistert junge Mädchen für das Frauenschwingen

Frauen in Männersportarten werden häufig belächelt und nicht ganz ernst genommen. Schwingerkönigin Sonia Kälin versteht das nicht und möchte mehr junge Mädchen fürs Frauenschwingen motivieren. Wir haben sie und zwei Jungschwingerinnen im Training besucht.  

Sonia Kälin möchte das Frauenschwingen bekannter machen

Sonia Kälin wurde im 2012 Schwingerkönigin. Foto: Christa Bossard

Frauen spielen in Kanada um den Weltmeistertitel im Fussball. Während bei den Männern fast alle Spiele im Fernsehen übertragen werden, sind es bei den Frauen die wenigsten. Frauen werden in Männersportarten nicht immer ernst genommen. Diese Erfahrung hat auch die 30-Jährige Schwingerkönigin Sonia Kälin aus Egg (SZ) gemacht. Sie wurde schon belächelt. «Es gibt sicher solche, die finden, man könne Frauenschwingen nicht ernst nehmen. Ich habe das Gefühl, dass ich bei den Schwingern selber recht gut akzeptiert bin. Die sehen, dass ich sauber trainiere und sehr viel Zeit investiere». Der Sport sei genau der gleiche wie bei den Männern.

Sobald sie kritische Stimmen höre, fordere sie die Leute auf, selber einmal an ein Schwingfest zu kommen. Wenn sie vor Ort seien, dann merkten sie, dass sie ein Vorurteil hatten, welches nicht stimmt. «Ein richtiger Schwinger-Fan ist begeistert, egal, ob ein Mann oder eine Frau, ein Bube oder ein Mädchen im Sägemehl steht. Es geht um den Sport und nicht um die Person, die ihn macht».

Schwingerkönigin Sonia Kälin macht in der Schule Werbung fürs Frauenschwingen

Mittwochnachmittag in Einsiedeln. Ich treffe beim Schulhaus Brüel Sonia Kälin und zwei Jungschwingerinnen. Sie wollen mir im Schwingkeller zeigen, warum Schwingen nicht nur etwas für Männer ist. Antonia Schelbert und Leonie Lussi schwingen erst seit letztem September. Die 14-jährigen Mädchen haben den Sport dank Sonia Kälin entdeckt. In ihrer Schule, in der Sonia Kälin als Lehrerin arbeitet, hat sie die Mädchen auf Schwingfeste angesprochen und gefragt, ob sie Frauenschwingen selber einmal ausprobieren wollen. «Ich habe den Sport zwar gekannt, habe es aber nicht mitverfolgt. Ich wusste nicht einmal, dass es in Einsiedeln einen Schwingkeller gibt. Ich bin auch nie ein Sportfan gewesen», sagt Antonia. Schwingen sei der einzige Sport, welchen sie betreibe. Der Zweikampf sei der grosse Reiz. Einmal im Training, war sie sofort vom Schwingen begeistert.

Am Anfang hat sie sich nicht getraut ihren Freunden davon zu erzählen: «Unter den Frauen ist Schwingen nicht so bekannt. Da weiss man nicht, wie die anderen darauf reagieren». Die Reaktionen waren aber positiv. Ihre Freunde erkunden sich jetzt immer, wie es laufe. Ähnlich tönt es bei Leonie, auch sie hat sich früher nicht fürs Schwingen interessiert. Die Kollegen haben unterschiedlich auf ihr neues Hobby reagiert: «Zuerst haben sie gesagt ‚Ach was, du schwingst?’. In der Zwischenzeit haben sie sich damit abgefunden».

Wann immer es eine Möglichkeit gibt, macht Sonia Kälin in ihrer Schule Werbung fürs Frauenschwingen: «Ich frage Mädchen, warum sie nicht schwingen. Sie sollen in ein Training kommen und es ausprobieren».

Leonie und Antonia schwingen erst seit letztem September

Leonie und Antonia im Schwingkeller in Einsiedeln. Foto: Evelyn Leemann

Frauenschwingen: Im Training über die Schultern schauen

Der Schwingkeller ist im Untergeschoss vom Schulhaus Brüel in Einsiedeln. Das Training beginnt mit Aufwärmübungen. Zuerst rennen die Mädchen einige Runden im Sägemehl. Während des Aufwärmens wird über das Mittagessen geplaudert. Sie haben zu viel gegessen, die Bäuche sind voll und das Rennen fällt noch schwer. Danach gehen sie in die Knie und dehnen ihre Gelenke. Zum Abschluss strecken sie den Kopf wie ein Strauss ins Sägemehl. Sie rollen mit dem Nacken hin und her, nach vorne und nach hinten. Es ist wichtig, dass man gut aufgewärmt ist. Anschliessend nehmen sich die Mädchen die traditionellen Schwingerhosen. An der Wand hat es eine grosse Auswahl. Es gibt grössere und kleinere. Die Hosen werden der Reihe nach abgetastet, auch da gibt es Unterschiede. Ich als Laie sehe diesen natürlich nicht. Die Mädchen haben ihre Favoriten schnell gefunden.

Antonia und Leonie machen sich bereit. Die rechte Hand fasst den Gurt, die linke Hand die aufgekrempelte Schwingerhose des Gegners. Mit geradem Rücken und dem Po nach hinten gestreckt, warten sie auf das Kommando von Sonia. Es geht schnell und Leonie liegt auf dem Rücken. Antonia hat sie über ihre Hüfte ins Sägemehl befördert. Leonie steht allerdings schnell wieder auf den Füssen und macht sich bereit für den nächsten Schwung. Sonia Kälin schaut zu und gibt nützliche Hinweise  Da Leonie erst kürzlich das Pfeiffersche Drüsenfieber hatte, hält sich Antonia zurück. Leonie findet, Antonia müsse nicht so zimperlich mit ihr umgehen, so schwach sei sie nun auch wieder nicht. Wenn ein Schwung nicht nach Wunsch gelingt, bleiben beide am Boden liegen und müssen lachen.

Die Atmosphäre im Training ist locker. Zum Teil sehen die Schwünge grob aus, besonders dann, wenn die Mädchen auf dem Rücken landen oder sich die Beine verdrehen. Sonia Kälin sagt, es passiere selten etwas: «Klar, kann es einen mal treffen, wenn ein Schwung nicht richtig gelingt. Im Normalfall aber nicht. Wenn jemand an seine Grenzen kommt, dann kann er aufgeben. Meist ist aber der Ehrgeiz grösser». Wenn der Siegeswille einen gepackt habe, akzeptiere man recht viel. Dann habe man auch einmal einen blauen Fleck. Es sähe brutaler aus als es sei.

Was für Voraussetzungen braucht es? «Beim Schwingen braucht es Gewicht, Grösse und Masse. Man muss aber nicht übergewichtig sein», sagt Antonia. Antonia und Leonie sind zwei schlanke junge Mädchen. Sie sehen nicht muskulös aus. Wenn ich die beiden auf der Strasse sehen würde, käme mir nicht in den Sinn, dass sie schwingen. Wichtig sei auch die Taktik, ergänzt Leonie: «Man muss sich die Schwünge überlegen und diese sauber ausführen. Die Technik spielt eine entscheidende Rolle».

Antonia und Leonie trainieren regelmässig im Schwingkeller

Antonia und Leonie haben Spass beim Frauenschwingen. Foto: Leemann

In der Regel trainieren die Mädchen mit den Buben zusammen, da es in Einsiedeln keinen Frauenschwingclub gibt. Davon können die Mädchen profitieren. Der grösste Unterschied zwischen Männern und Frauen ist die Kraft, sagt Schwingerkönigin Sonia Kälin. «Bei den Buben kann ich super schwingen. Sobald sie aber in der Pubertät sind, so 16 Jahre alt,  muss ich einpacken. Sie haben dann massiv mehr Kraft. Das liegt am Körperbau». Sie könne noch so viel trainieren, das könne sie nie aufholen. Für die beiden Jungschwingerinnen ist klar, sie möchten einmal so gut werden wie Sonia Kälin. Antonia ergänzt: «Wir probieren schon jetzt, jedes Mal besser zu werden. Wir wollen in Zukunft auch einmal einen Kranz gewinnen. Wenn wir dann 16 Jahre alt sind». Den ersten Zweig hat Antonia schon gewonnen.

Frau sein, auch auf dem Schwingplatz

Im Schwingkeller in Einsiedeln habe ich drei Frauen erlebt, welche grossen Spass am Schwingen haben. Sie haben kein Problem damit, sich im Sägemehl zu wälzen. Sonia Kälin sagt, es gebe immer noch Leute, die glauben, dass nur dicke Frauen schwingen, das stimme nicht. «Es ist wie bei den Männern, es gibt solche, die vor allem rund sind und dann gibt es super Athleten wie Kilian Wenger oder Matthias Sempach». Auch das Äussere ist den Frauen wichtig: «Wir sind gerne Frauen, das ist unsere Persönlichkeit. Wir wollen nicht die Schönsten sein, aber wir schauen, dass man Defizite kaschieren kann. Ich bin auf dem Schwingplatz immer geschminkt».

Was sich alle drei wünschen ist, dass es mehr Schwingerinnen gibt. Am liebsten würden sie die Zahl verdoppeln. Alle sollen es probieren, egal ob sieben Jahre alt oder schon 20. Sonia Kälin hat auch erst mit 16 Jahren angefangen: «Wir haben eine Kollegin, die hat mit 35 angefangen. Ich rate Mädchen, egal was der Freund, der Vater oder der Freundeskreis sagt, probiert es aus und seid nicht gehemmt ». Frauenschwingen ist im Vergleich zum Männerschwingen viel weniger bekannt. Bei den Frauen und Mädchen gibt es rund 100 Aktive, bei den Männern sind es rund 3000.

Sonia Kälin Schwingerkönigin 2012

Foto: Christa Bossard

Zur Person Sonia Kälin

Sonia Kälin ist in einer Schwingerfamilie aufgewachsen. Schon ihr Vater Benedikt hat geschwungen und auch die Brüder ihrer Mutter waren erfolgreiche Schwinger. Als ihr Bruder Benedikt mit Schwingen anfing, hat es auch sie und ihre Schwestern Heidi und Marian gepackt. Bei ihrem ersten Training war sie bereits 16 Jahre alt. Seit 2011 trainiert Sonia Kälin auch regelmässig mit den Ringern der Ringerriege Einsiedeln. Im 2012 wurde Sonia Kälin Schwingerkönigin. Sie hat in ihrer Karriere bereits 27 Kränze gewonnen. Anders als bei den Männern gibt es bei den Frauen jedes Jahr eine Schwingerkönigin. Sonia Kälin möchte diesen Titel nach 2012 wieder holen. Für sie sei es ein Lebensziel.

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