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Geistig fit dank Gehirntraining: Wahrheit oder Mythos?

Schlagwörter wie Brainfood oder Gehirnjogging sind momentan in aller Munde. Der diplomierte Gehirntrainer Marcel Liechti erklärt im Interview mit familienleben, wie die Übungen zu mehr Sicherheit und Flexibilität im Alltag führen. Noch Zweifel? Probieren Sie es aus!

Gehirntraining hilft Gross und Klein

Gehirntraining ist etwas für Neugierige jeden Alters - probieren Sie es aus! Foto: iStock, Thinkstock

Sie wissen nicht so recht, was Sie sich unter Gedächtnistraining vorstellen sollen? Dann lösen Sie doch als Einstieg folgende Übung:

Gedächtnistraining ÜbungIn diesem Drehknopf ist eine Rechenaufgabe im Uhrzeigersinn zu lösen - leider fehlen die Rechenzeichen. Tragen Sie diese so in die weissen Felder ein, dass das Ergebnis der Zahl in der Mitte entspricht. Beginnen Sie bei der Zahl im blauen Feld (5).

Geschafft? Die Lösung zu dieser Aufgabe und mehr Übungen finden Sie auf der zweiten Seite.


In vielen Zeitungen oder Magazinen findet man Übungen wie die oben abgedruckt. Woher kommt der plötzliche Drang, sein Gehirn zu trainieren?

Marcel Liechti: Das ist nicht ganz einfach zu sagen. Im Alter wird das Gedächtnis immer schlechter und viele Menschen fürchten sich vor Demenz. Laut einer deutschen Studie nennen 85 Prozent der Frauen und Männer im mittleren und fortgeschrittenen Alter die geistige Fitness als höchstes Ziel. Gehirntraining kann Demenz und Alzheimer zwar nicht verhindern, den geistigen Alterungsprozess aber zumindest etwas hinauszögern.

Vergesslichkeit kann aber auch schon in jungen Jahren auftreten. Wenn sich mir Fremde vorstellen, passiert es viel zu oft, dass ich die Namen schon nach wenigen Minuten wieder vergessen habe. Kann Gehirntraining da helfen oder sollte ich besser gezielt mein Gedächtnis trainieren?

Man muss klar zwischen Gedächtnistraining und Gehirntraining unterscheiden. Gedächtnistraining soll dabei helfen, sich möglichst viele Dinge in kürzester Zeit zu merken und später wiedergeben. Gehirntraining hingegen verbessert die Plastizität des Gehirns, was Menschen dabei hilft, sich bis ins hohe Alter neuen Situationen flexibler anzupassen. Vielleicht hilft ein Vergleich zum Sport: Gedächtnistraining ist vergleichbar mit einer speziellen Übung im Kraftraum, bei der man gezielt einen Muskel trainiert, damit er stärker wird. Gehirntraining ist eher Konditionstraining, das die Gesamtleistungsfähigkeit eines Menschen verbessert.

In welchen Alltagssituationen zeigt das Training seine Wirkung?

Stellen Sie sich vor, ein älterer Mensch will über den Fussgängerstreifen laufen, wenn die Ampel grün aufleuchtet. Bevor er losläuft, schaut er aber zuerst nach rechts und links. Weil er verunsichert ist, wiederholt er den Vorgang danach noch einmal und wenn er endlich bereit ist, ist die Ampel schon wieder rot.

Gehirntraining macht also sicherer?

Es gibt Alltagssituationen, in denen Gehirntraining den Menschen wieder mehr Sicherheit, Reaktionsfähigkeit, Schnelligkeit und Aktivität zurückgibt. Ausserdem verbessert es das Gedächtnis, unseren Arbeitsspeicher: Gehirntraining erhöht die Geschwindigkeit, mit welcher wir Informationen aufnehmen und die Anzahl an Informationen, die wir verarbeiten.

«Arbeitsspeicher» hört sich sehr technisch an. Kann man das Gehirn denn wie einen Computer überschreiben?

Ja, aber der Vergleich zu einem Muskel ist passender. Wird es nicht aktiv benutzt, verringern sich Gehirnleistungen und die Informationsgeschwindigkeit. Studien haben ergeben, dass bereits ein Strandurlaub von drei Wochen, wo nur gefaulenzt wird, einen flüssigen IQ-Punkteverlust von zehn bis 15 auslösen kann.

Einer gross angelegten Studie der BBC zufolge zweifeln einige Wissenschaftler an der Wirkung des Gehirntrainings. Es wird kritisiert, dass der «Transfer-Effekt», also die Übertragbarkeit in den Alltag, oft nicht gemeistert wird.

Ich bin der Meinung, dass man einen Transfer-Effekt nachweisen kann, auch dazu gibt es mehrere jüngere Studien, dass dieser jedoch nicht immer signifikant ist. Wissenschaftler sind sehr vorsichtig; es wird nichts behauptet, was nicht niet- und nagelfest bewiesen werden kann. Die Transferleistungen erhärten sich aber laufend.

Weshalb sind Sie trotzdem von Gehirntraining überzeugt?

Es ist ein natürlicher Prozess, dass Gehirnzellen absterben. Es wachsen auch einige wieder nach, da kann es nur von Vorteil sein, diese zu trainieren und neue Verknüpfungen zu bilden. Menschen, die es ausprobieren, werden positiver und selbstbewusster. Solche Auswirkungen kann man nicht nur auf individueller, sondern auch auf volkswirtschaftlicher Ebene beobachten: Wenn Männer und Frauen wieder zu mehr Selbstbewusstsein und Alltagskompetenz gelangen, können sie anstelle des Altersheims länger zu Hause wohnen. Dadurch würden wahnsinnig viele Kosten bei der Krankenkasse eingespart. Wichtig ist, dass man sich nicht überschätzt und auf einem angemessenen Niveau einsteigt.

Wie findet man sein Level?

Man darf sich keinenfalls mit anderen vergleichen. Jeder Mensch startet auf einem anderen Niveau und hat andere Schwächen: Einer hat eine langsame Reaktion, ein anderer kann sich fast nichts merken. Man sollte einfach mal irgendwo einsteigen und die Übungen langsam, dafür richtig machen. Mit der Zeit wird man schneller und besser; und das ist messbar!

Sind Handübungen oder Übungen am Computer effektiver?

Handübungen haben den Vorteil, dass man sie immer dabei haben kann, weshalb sie vor allem bei älteren Leuten beliebt sind. Übungen am Computer sind aber meist komplexer und effizienter. Viele steigen mit Handübungen ein und gehen dann auf den Computer über.

Ist der persönliche Erfolg messbar?

Ja. Der sogenannte S-KAI-Test generiert beispielsweise Zufallsbuchstaben-/ und Zahlenreihen, die man sich merken muss und misst, wo man diese nicht mehr erfassen kann. Wir arbeiten dann mit der Formel «Working Memory = Informationsgeschwindigkeit x Merkspanne». Die messbare Zahl verbessert sich ständig und bis zu 30 bis 45 Prozent, wenn man mittels Gehirntraining arbeitet.

Kritiker bemängeln, dass Gehirntraining nur dann funktioniert, wenn man auch motiviert ist.

Es gibt viele Männer und Frauen, die zuerst kritisch sind. Wenn beim Lernen dann aber Glückshormone ausgeschüttet werden und sie ihre Fortschritte bemerken, sind sie begeistert. Es handelt sich um eine Wechselwirkung: Wenn man Erfolg hat, ist man motivierter und wenn man motivierter ist, hat man mehr Erfolg.

Der Zürcher Neurologieprofessor Lutz Jäncke behauptet, dass es für das menschliche Gehirn besser sei, ein neues Instrument oder eine Sprache zu erlernen als sich am Computer fit zu halten.

Auch beim Lernen einer Sprache oder eines Instruments braucht es die Flexibilität des Gehirns, die beim Gehirntraining trainiert wird. Wenn jemand so etwas für seine Hirnleistung tun will – super, wenn er aber weder sprachlich noch musikalisch begabt ist, kann Gehirntraining die bessere Lösung sein. Der Effekt ist ähnlich gut.

Marcel LiechtiMarcel Liechti ist diplomierter Gehirntrainer GfG und Master of Mathematics UZH und ETH Zürich. Der Gründer und Geschäftsführer von neuronalfit.ch bietet auf seiner Website Schnupperseminare sowie eine Vielzahl kostenloser Übungen und Kurse an, bei denen man sich zum Gehirntrainer-Assistent und Gehirntrainer ausbilden lassen kann.

 

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