«Kinder finden in der Natur zu sich selbst»

Wind, Sonne und Regen, Harz an den Fingern und das Summen der Insekten in einer Sommerwiese: Kinder brauchen genau diese Naturerlebnisse, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln. «In der Natur können Kinder zu sich selbst finden», erklärt der Naturpädagoge Felix Immler aus St. Gallen im Interview mit familienleben.

Naturerlebnisse machen Kindern Spass

Die Natur ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Bild: iStockphoto-Thinkstock

Familienleben: Wer auf die Strasse geht, sieht Autos und Radfahrer, Spaziergänger mit Hunden, Anwohner, die ihre Gärten pflegen. Wo sind die Kinder?

Felix Immler: Kinder sind heute viel länger in der Schule als früher. Sie verbringen einen grossen Teil ihrer Freizeit, die deutlich kürzer ausfällt als in unserer Kindheit, organisiert – zum Beispiel in Sportvereinen und beim Musikunterricht. Sind sie dann zu Hause, wollen sie einfach mal nichts tun. Darüber hinaus haben Kinder im Haus viel mehr Beschäftigungsmöglichkeiten als früher, vor allem mit den neuen Medien. Ich wäre früher wohl auch nicht so oft im Wald gewesen, wenn ich eine Playstation gehabt hätte!

Wollen Kinder nicht mehr draussen spielen?

Doch, unbedingt! Kinder wollen draussen spielen. Aber sie haben das Spiel unter freiem Himmel nicht mehr im Blut. Diese Entwicklung stimmt mich nachdenklich, denn es ist enorm wichtig, dass Kinder viel draussen in der Natur spielen.

Weshalb?

Kinder brauchen das Spiel in der Natur, um zu sich selbst zu finden und Persönlichkeit zu entwickeln. Dort sind sie frei und dürfen lauter sein als im Haus, ohne gleich reglementiert zu werden. Dort können sie mal Aggressionen hinausschreien, Sauereien machen, matschen. Vor allem aber lernen sie draussen die Welt kennen, wie sie in ihrem Ursprung ist. Schliesslich leben wir in erster Linie auf dem Planeten Erde, nicht in künstlichen Welten.

Kinder sollten also nicht nur naturwissenschaftliche Kenntnisse haben, sondern auch persönliche Naturerlebnisse sammeln?

Ja, unbedingt! Sie müssen Wind und Wetter mit allen Sinnen erleben und den Wechsel der Jahreszeiten spüren. Das ist eine Eiche – das eine Buche. So singt das Rotkehlchen, so trällert ein Fink, so piepst ein Spatz. Kinder sollten wissen, dass Hahnenfuss giftig ist, wie wilde Kirschen schmecken und frisches Gras riecht. Nur dann entsteht ein echter Bezug zur Natur, nur dann werden die Kinder von heute als Erwachsene von morgen den Planeten, unsere Lebensgrundlage, pflegen und schützen.

Was können Eltern tun, damit Kinder mehr in der Natur spielen?

Kinder benötigen draussen eine gewisse Anleitung. Sie brauchen engagierte Eltern, die sich resolut die Schuhe anziehen und sie in die Natur begleiten – bei Ausflügen, Waldwanderungen, Schnitzeljagden und beim Geocaching. Eltern, die ihnen Fragen beantworten, sie auf Gefahren aufmerksam machen und ihnen Spielanregungen geben. Eltern, die sich selbst auf den Waldboden oder die Wiese legen, tief durchatmen und den Blick in den Himmel geniessen können. Kinder folgen dem Vorbild ihrer Väter und Mütter. Ich selbst wurde auf viele Wanderungen meiner Eltern mitgeschleppt. Damals hatte ich nicht immer Lust, aber heute bin ich froh um die Erfahrungen, die ich dabei machen durfte.

Leider sind nicht alle Eltern so engagiert.

Manche Eltern sehen in der Natur mehr Gefahren als in künstlichen Welten. Sie fürchten sich mehr vor Fuchsbandwurm und Zecken als vor den Gefahren der Medienwelt. Eltern, die selbst einen geringen Bezug zur Natur haben, können auch ihre Kinder nicht dafür begeistern. Wer mit seinen Kindern nicht selbst durch den Wald stromern kann oder will, kann trotzdem den Heisshunger auf Naturerlebnisse fördern. Verschiedene Freizeitorganisationen wie zum Beispiel die Pfadi, CEVI, Jungwacht, Blauring oder WWF unternehmen mit Kindern draussen spannende Abenteuer!

Zur Person:

Naturerlebnisse sind wichtig für KinderDer Naturpädagoge Felix Immler, 1974 geboren, arbeitet als Sozialarbeiter im städtischen Kinderheim St. Gallen. Er ist Leiter der naturpädagogischen Workshop-Angebote des Erlebnisgartens Buchhorn in Arbon. Bekannt wurde er vor allem als Autor des Ratgebers «Werken mit dem Taschenmesser».

 

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