Ohrloch stechen: Verführerisch, aber auch riskant

Die Auswahl an Ohrringen für Kinder ist gross. Sie reicht von kleinen Beschützer-Eulen über bunte Glücks-Käfer bis hin zu roten Herzchen. Doch gesundheitlich unbedenklich ist das Ohrloch stechen für Kinder nicht.

Ohrloch stechen bei Kindern: nicht ganz ungefährlich

Das Ohrloch stechen ist nicht ganz ungefährlich. Foto: angelacolac, iStock, Thinkstock

«Mama, ich möchte auch Ohrringe tragen!» Spätestens, wenn die beste Freundin bunte Ohrstecker trägt, beschäftigt das Thema «Ohrloch stechen» die Familie. Viele Eltern können den Wunsch verstehen, hübsche und bunte Ohrringe tragen zu wollen. Doch sie sehen auch den Schmerz beim Ohrringe stechen und die gesundheitlichen Risiken.

Ohrloch stechen: Gesundheitlich unbedenklich?

Rolf Temperli, Co-Präsident bei Kinderärzte Schweiz, dem Verband der Kinder- und Jugendärzte, steht dem Ohrloch stechen skeptisch gegenüber. «Es handelt sich dabei um einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes, der nicht notwendig ist, Schmerzen bereitet und überdies ein – wenn auch geringes – Komplikationsrisiko aufweist», sagte er dem Tages-Anzeiger. Auch die Stiftung Kinderschutz Schweiz lehnt Ohrloch stechen ab. «Die Stiftung Kinderschutz Schweiz hält fest, Kinder seien eigene Rechtssubjekte und hätten nicht die Schönheitsvorstellungen der Eltern zu befriedigen, wie es bei Ohrsteckern oft der Fall ist», schrieb der Tagesanzeiger.

Ohrloch stechen bei Babys

Viele Eltern glauben, sie täten ihrem Kind etwas Gutes, wenn sie ihm bereits als Baby Ohrlöcher stechen. Sie sind der Ansicht, sie würden ihm so die Angst vor dem Schmerz ersparen, den sie wahrscheinlich haben, wenn sie älter sind. Doch vor allem Säuglinge können vom Ohrloch stechen leicht Infektionen davon tragen. «Hier sehen wir immer wieder ernsthafte Komplikationen», berichtet Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des deutschen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. «Die Ohrstecker wachsen ein, dies führt zu schmerzhaften, langwierigen Entzündungen.» Darüber hinaus sei die Verletzungsgefahr bei Ohrringen für Kleinkinder gross. Vor allem bei kleinen Kindern bestehe darüber hinaus die Gefahr, dass sie Kleinteile verschlucken, wenn sie an Ohrringen herumspielen und diese sich lösen. «Als Kinder- und Jugendärzte raten wir daher davon ab, Säuglingen und Kleinkindern Ohrlöcher stechen zu lassen.»

Das Kind will unbedingt Ohrringe haben? Zwar kann es die gesundheitlichen Risiken nicht überschauen, doch Bilder von entzündeten Ohrlöchern könnten es durchaus abschrecken. Vielleicht lässt sich das Kind mit einer besonderen Kette oder einer aussergewöhnlich schönen Haarklammer vertrösten? Oder finden sich schöne Ohrklipse?

Ohrlöcher stechen: So geht es

Wer seinem Kind dennoch Ohrringe schenken will, sollte sich umhören. Gibt es einen Juwelier des Vertrauens? Wo haben sich Bekannte Ohrlöcher stechen lassen – und welche Erfahrungen haben sie gemacht? Auch viele Apotheken versprechen, Ohrlöcher hygienisch und weitgehend schmerzfrei zu stechen. Pistolen, die durch Federantrieb einen Chirurgenstahl mit Ohrstecker durch das Ohr schiessen, gelten allerdings als veraltet. Sie belasten stark das weiche Gewebe im Ohrläppchen. Als schonender gelten Systeme wie «Studex», in die sterile Kartuschen mit einem medizinischen Ohrsteckern gesetzt werden. Der spitze Ohrstecker, der einen Durchmesser von ca. 0,8 mm hat, wird nun durch die Muskelkraft der Hand in das Ohrloch gedrückt. Der Verschluss rastet dann hinter dem Ohr am Steckerstift ein. Die Person, die das Ohrloch sticht, kommt bei dieser Methode weder mit den Ohrsteckern noch mit dem Verschluss in Berührung. Für ein Paar Ohrringe inklusive Stechen ist mit ca. 40 Franken zu rechnen.

Ohrloch stechen: Gesundheitsstecker

Bei dem medizinischen Ohrstecker handelt es sich um einen nickelfreien Gesundheitsstecker, meist aus Titan, der im Ohr bleibt, bis die Wunde vollständig verheilt ist. Wer die Ohrringe zu früh herausnimmt, läuft Gefahr, dass sich Narben bilden, die das Wechseln der Ohrringe erschweren oder gar unmöglich machen. Das Drehen der Ohrringe reizt die Wunde. Das Kind sollte möglichst nicht mit dreckigen Händen an die Wunde fassen, denn so haben es Keime leicht, sich in der Wunde einzunisten. Auch im Schwimmbad kann sich die Wunde entzünden. Sinnvoll ist es, gelegentlich das Ohrloch mit einem Antiseptikum aus der Apotheke zu behandeln. Sind die Ohrlöcher gut verheilt, verträgt das Kind in der Regel Gold- und Silberschmuck, der in jedem Fall nickelfrei sein sollte. Wichtig ist, auf Qualität zu achten.

Entzündungen am Ohrloch: Auf zum Kinderarzt!

Das Ohrloch ist gerötet oder eitert? Der Ohrring lässt sich nicht herausnehmen? Wichtig ist, nicht mit Gewalt das Problem lösen zu wollen. Besser ist ein Gang zum Kinderarzt. Eine professionelle Behandlung kann viele hässliche Narben und wulstige Narbenwucherungen verhindern.

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