Aus dem Au-Pair wurde ein Auswandern

«Thrown In At The Deep End» - Ein Sprung ins kalte Wasser

Natalies Gastfamilie bestand nicht nur aus den Gasteltern, den Kindern Emily (5) und Kitty (15 Monate), sondern auch aus zwei Labradors, drei Katzen und vier Hühnern. In der ersten Woche als Au-Pair gab es viel Neues zu lernen: die Betreuung der Kinder, das Autofahren auf der linken Strassenseite, die Zubereitung des Frühstücks und viele weitere Hausarbeiten. «In der Schweiz hat das immer meine Mutter gemacht. In England wurde ich ins kalte Wasser geworfen oder ‚thrown in at the deep end‘, wie man hier sagt. Dafür hatte ich wegen der vielen Ablenkung kein Heimweh. Das war für meine Eltern viel schlimmer!»

Probleme gab es am Anfang vor allem mit Emily: «Da mein Englisch noch nicht so gut war, wollte sie mir manchmal einfach nicht gehorchen. Nach ein paar Wochen hatte ich dann aber glücklicherweise genügend Autorität.» Natalie brachte die Kinder zur Schule, kochte und unternahm mit ihnen Wochenendausflüge im Süden Englands. Auch zu ihrer Gastmutter Kate hatte sie eine sehr enge Beziehung. Die beiden gingen zusammen ins Fitnessstudio, borgten sich gegenseitig Kleider und sprachen offen über Probleme. Dies wurde vor allem wichtig, als sich die Gasteltern überraschenderweise trennten. «Ich tröstete Kate und erklärte den Kindern, weshalb ihr Daddy nicht mehr Zuhause wohnt. Das hat uns sehr zusammengeschweisst», erinnert sich Natalie.

Wie drei Monate zu eineinhalb Jahren wurden

Ursprünglich war nur ein dreimonatiger Sprachaufenthalt geplant, aber abgesehen von ihrer Gastfamilie gab es noch etwas anderes, das Natalie am Gehen hinderte: Sie hatte sich verliebt; Rosamunde Pilcher lässt grüssen! Doch auch für dieses Problem gab es eine Lösung. Nach stundelangem Hin- und Herüberlegen und Gesprächen mit ihrer Schweizer Familie entschied Natalie sich, ihren Auslandsaufenthalt um ein Jahr zu verlängern und zwei Sprachkurse zu absolvieren. Auch Kate begrüsste diese Entscheidung und war froh um die zusätzliche Hilfe. Im folgenden Jahr besuchte Natalie an zwei Vormittagen Sprachkurse. Sie absolvierte das First wie auch Advanced Certificate und kehrte erst im Herbst 2007, ein Jahr später als geplant, zurück um ihr Anglistikstudium zu beginnen.

Auslandaufenthalt in England

Natalie und ihr Freund Simon aus England. Bild: Privat

Ein Abschied und ein Wiedersehen

«Der Abschied von meiner Gastfamilie und den neu gewonnenen Freunden aus aller Welt fiel mir extrem schwer. Ich habe während des ganzen Heimflugs geweint, doch wenigstens gab es ein Trostpflaster: Es war bereits geplant, dass mein Freund kurze Zeit später in die Schweiz auswandern würde», erinnert sich Natalie zurück. In den folgenden drei Jahren wohnte sie zusammen mit Simon in einer Wohnung in Zürich und Natalie machte ihren Bachelor. Leider sprach Simon nur wenige Worte Deutsch. Schliesslich war die Sprachbarriere so gross, dass sich Natalie vor einem Jahr dafür entschied, ihren Master in England zu machen. Erneut wurden Koffer gepackt, Tränen vergossen und Abschiede zelebriert.

«Natürlich vermisse ich die Schweiz oft», gibt sie zu, «der öffentliche Verkehr und das Schulsystem sind um einiges besser organisiert und natürlich lebt auch noch der grösste Teil meiner Freunde dort. Am meisten fehlt mir aber mein Fussballteam.» Und trotzdem hat der Umzug auch Vorteile: Die Menschen in England seien entspannter, spontaner und sehr freundlich. «Wenn einem jemand auf den Fuss tritt, entschuldigt sich die Person dreimal und in der Schlange vor der Toilette kommen immer wieder lustige Gespräche mit Fremden zustande.» Obwohl Natalie und Simon sicher noch eine Weile in England bleiben wollen, sehen sie die längerfristige Zukunft in der Schweiz. «Für Simon ist das gar kein Problem. Er vermisst unser Leben in Zürich sogar mehr als ich! Ihm gefällt die Stadt und der vergleichsweise hohe Lohn», sagt  Natalie und lacht. Auf die Frage, welches der beiden Länder sie jetzt als ihr Zuhause bezeichnen würde, zuckt sie nur mit den Schultern. «Muss ich mich denn wirklich entscheiden? Es ist doch viel schöner, sein Herz an zwei Orten zu haben.»

Text: Jasmine Helbling

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