«Junge Leute denken, Politik sei abstrakt»

Nina Kunz und Benjamin Fischer im Gespräch.

Nina Kunz (18) und Benjamin Fischer (20) über Werte und Herausforderungen der jungen Generation.

Wünscht ihr euch das klassische Familienbild zurück?

Kunz: Nein, überhaupt nicht. Für Stabilität und Geborgenheit braucht es ja nicht zwingend Mami, Papi, Golden Retriever und Einfamilienhaus. Ich bin die Tochter einer Alleinerziehenden und hatte eine viel glücklichere Kindheit als viele meiner Freunde, die in einer wohlbehüteten, traditionellen Familie aufgewachsen sind. Es liegt an unserer Generation, neue Familienbilder zu kreieren und vor allem zu akzeptieren.

Fischer: Ich sehe das anders. Es ist ja kein Zufall, dass sich das klassische Familienbild über Jahrhunderte hinweg bewährt hat. Es wäre schön, wenn wieder vermehrt intakte Familien die Norm prägen würden. Unsere Gesellschaft scheint es aber anders zu diktieren. Für die heutige Jugend ist es realistischer, eine Karriere aufzubauen als eine Familie.

Kunz: Klar, Geld regiert die Welt! Dem Geborgenheitsgefühl kann man aber trotzdem einen hohen Stellenwert einräumen. Mit Betonung auf Gefühl, nicht auf eingeschränkte Rollenbilder. Ich wohne in einer WG und wir stehen uns alle sehr nah. Meine Mitbewohnerinnen sind für mich auch eine Art Familie, ganz ohne biologische Verbindung.

Fischer: Die klassische Familie wird aber auch nicht nur durch die Biologie zusammengehalten! Das geht viel tiefer, es geht um ein Urvertrauen, das nur Familienmitglieder geben können.

Ihr scheint eher sachlich mit dem Thema Familie und zwischenmenschliche Beziehungen umzugehen. Ist eure Generation zynischer als die eurer Eltern?

Kunz: Vielleicht. Wir sind zudem abgestumpfter. Daran sind die Medien bestimmt auch Schuld. Gewisse News in den Pendlerzeitungen lesen sich wie die Beschreibungen von Videogames. Wegen unserer Sensationsgeilheit werden sie aufgebauscht und wir können keine emotionale Verbindung dazu herstellen. Informationen werden kürzer, knalliger, plakativer. Reflektiert und differenziert wird selten.

Fischer: Das ist ein grosses Problem der neuen Medien: Die Kluft zwischen Realität und Wahrnehmung. Mit dem Internet haben wir aber auch eine Menge neuer und positiver Möglichkeiten erhalten: Dank den sozialen Netzwerken wird die Kommunikation gefördert, Blogs und unabhängige Nachrichtenportale informieren uns fernab der Mainstreammedien. Die Gefahr ist, dass sich so jeder seine eigene Wahrheit zurechtsammeln kann – das ist viel zu bequem und oft zu wenig skeptisch.

Nina Kunz, Vorstandsmitglied der JUSO Zürich.

Nina Kunz, JUSO: «Heute können wir uns mit Ausgang und Freunden prima von Problemen ablenken.»

Wieso interessieren sich Jugendliche trotz dem freien Zugang zu Information nur selten für Politik?

Fischer: Kürzer, knalliger und plakativer, wie bereits von Nina Kunz treffend formuliert, erklärt dieses Phänomen. In die Medien gelangen nur die Politiker, die provozieren. Seriöse Politiker, die keine Skandale verursachen und sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, erreichen die Masse selten. Das ist schade...

Kunz: ...und führt zu inhaltsloserer Politik.

Fischer: Ich muss aber auch sagen, dass das fehlende Interesse der Jugend an Politik ein Wohlstandsproblem ist.

Kunz: Klar, es geht uns einfach zu gut! Wer in den Achtzigern jung war, hatte mit Repression zu kämpfen. Entweder die Jugendlichen interessierten sich für Politik oder sie gingen total unter. Heute hingegen kann man sich wunderbar ablenken mit Party, Freunden und dem bequemen Alltag. 

Macht ihr der Jugend deswegen einen Vorwurf?

Fischer: Ja, ich bin manchmal schon sehr enttäuscht. Die Jugend von heute ist nicht verdorben, sie ist nicht unanständig, aber das fehlende Interesse an Politik, System und Hintergründe, das stört mich.

Kunz: So geht es mir auch. Deshalb ging ich in die Politik. Um etwas an diesem Zustand zu ändern. Zukunftsangst und Erfolgsdruck entstehen nur, weil unsere Zukunft zu 99 Prozent von den alten Männern in Bern bestimmt wird. Von Leuten also, die unsere Zukunft nicht miterleben werden. Manchmal denke ich, um mich herum merkt das niemand.

Fischer: Die meisten jungen Leute denken, Politik sei extrem abstrakt. Aber es geht um konkrete Themen, die uns direkt betreffen. Bildung, Berufswelt, Sicherheit...

...also auch das Thema Jugendgewalt?

Fischer: Ja, das ist auch ein zentrales Thema. Der Staat muss der Jugend unbedingt Grenzen setzen und strengere Massnahmen einfordern. Jugendliche wissen gar nicht mehr, was ihre Delikte bedeuten. Da gibt es für mich kein Tabu: Erziehungsanstalten und Arbeitslager für kriminelle Jugendliche müssen eingeführt werden. Nur so überlegt man sich zweimal, ob  eine schwere Straftat begangen wird.

Kunz: Arbeitslager? Jeder Jugendliche will Grenzen austesten, da helfen solche Massnahmen nicht. Bereits im Kindesalter müssen Eltern und Lehrpersonen sensibilisieren und Präventionsarbeit leisten. Gewalt wird romantisiert. So wären wir wieder bei den Rollenbildern. Gewalt ist männlich, stark. Ein Mann der dreinschlägt ist bewundernswert. Dieses Bild müssen wir unseren Kindern zuliebe schwächen. Die Repression, von der du sprichst, ist «Pfläschterli-Politik».

Fischer: Überhaupt nicht. Da muss man schlichtweg härter durchgreifen. Vor allem  Jugendliche mit Migrationshintergrund kennen die Grenzen nicht Diese können sich in Schulklassen oft nicht integrieren und zuhause sprechen die Eltern das Thema Gewalt nicht an, weil das in ihrer Kultur gar keine Problematik ist. Lehrer sind überfordert. Es entstehen kleine Gruppen, die sich abschotten und der Hass wird geschürt. Die Problematik Jugendgewalt geht Hand in Hand mit dem Ausländerproblem.

Kunz: Wie kommt es denn, dass über 50 Prozent der Jugenddelikte von Schweizern ausgeübt werden? Die Ausländerproblematik können wir uns nicht wegdenken, natürlich. Aber du schlägst ja gar keine konkreten Verbesserungsvorschläge vor. Die Schweiz muss einfach mehr Integrationspolitik betreiben. Die gegenwärtige Asylzentren-Problematik zeigt, dass die Leute Angst vor den Fremden haben und wenn sie diese wirklich kennenlernen, das Problem weitgehend verschwindet. In meiner Primarschulklasse war ich die einzige Schweizerin. Ich konnte viel von den ausländischen Kindern profitieren, neue Kulturen und Sitten kennenlernen, Toleranz und Offenheit üben.

Fischer: Nun, ein Schweizer Pass sagt noch nichts über einen allfälligen Migrationshintergrund aus. Zum zweiten Punkt: Da hast du wohl einfach andere subjektive Erfahrungen gemacht. Ich als Schweizer Kind, kam mir zurückgedrängt vor , wo Ausländer,beispielsweise auf Pausenplätzen oder an bestimmten öffentlichen Plätzen das Zepter übernommen hatten. Ich frage mich: Wie tolerant müssen wir sein? Wo ist die Grenze? Und wer muss sich wem anpassen?

Die heutige Jugend läuft in Zukunft also vielen Herausforderungen entgegen. Was wird eure Generation besser oder anders machen als die «alten Männer in Bern»?

Fischer: Unsere Generation wird nicht drum herum kommen, vernetzter zu werden und Probleme in grösseren Zusammenhängen zu betrachten. Die Welt ist durch die Globalisierung kleiner geworden. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass jeder Schritt im einen Bereich in einem anderen gewisse Folgen auslöst.

Kunz: Zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Umwelt. Wie viel können wir konsumieren, bis uns die Ressourcen ausgehen? Das ist ein Problem, das die Gesellschaft bis jetzt immer aufschieben konnte. Unsere Generation wird gezwungen sein, die zentralen Entscheidungen zu treffen. Ein riesiger Druck ist damit verbunden, Angst aber nicht. Trotz der zuvor angesprochenen Enttäuschung, muss ich sagen, dass ich gleichzeitig auch stolz auf die heutige Jugend bin. Nennt mich idealistisch, aber es wird nun mal an uns liegen, die Welt zu verändern.

Interview, Moderation und Fotos: Sabrina Stallone - Januar 2012

 

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