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Suizid bei Jugendlichen: «Die Problematik wird totgeschwiegen»

Suizid bei Jugendlichen wird nicht thematisiert

Suizid bei Jugendlichen wird zu häufig tabuisiert.

Die Problematik ist da, aber keiner möchte darüber sprechen: Suizid bei Jugendlichen. Foto: © Jochen Schönfeld - Fotolia.com

Geschlechterunabhängig ist jedoch nach wie vor die Tabuisierung des Themas. Während Themen wie Sexualkunde und Medienkompetenz vermehrt in den Schulplan eingebunden werden, wird das Thema Jugendsuizid von der Lehrerschaft totgeschwiegen. Ein äusserst gefährliches Manko, wie auch die Chefärztin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes Zürich Dagmar Pauli im Gespräch mit dem Tages Anzeiger beteuert. Lehrer und Eltern sprechen zwar mit ihren Kindern nicht über das Thema, den Jugendlichen selbst seien aber im Informationszugang kaum Grenzen gesetzt. In Internetforen haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit anderen über ihre Suizidgedanken auszutauschen. Es seien oft undifferenzierte Gespräche, welche die Problematik glorifizieren. Gleichzeitig schrumpfen die Hemmungen, sich etwas Schlimmes anzutun. «Foren kultivieren kranke Gedanken», titelte der Tages Anzeiger nicht grundlos das Interview mit Chefärztin Pauli.

Doch weshalb wird der Suizid von Jugendlichen in Schulen und in Familien dermassen selten zum Gesprächsgegenstand? Der Psychiater Dr. Hepp erklärt es sich mit der Angst und der Ohnmacht des familiären Umfelds. «Wenn sich ein Jugendlicher das Leben nimmt, lässt er das Umfeld rat- und hilflos zurück.» Für die Familie, besonders für die Eltern, sei der Selbstmord des eigenen Kindes etwas vom Allerschrecklichsten. Es brauche eine Menge Mut und Selbstkontrolle, um sachlich darüber sprechen zu können. Die Enttabuisierung des Themas Jugendsuizid sei jedoch ein unerlässlicher Schritt, um die Selbstmordquote zu senken, beteuert Unger. «Wenn in der Öffentlichkeit immer wieder über das Thema gesprochen wird, wird das dazu beitragen, dass Betroffene sich eher trauen, darüber zu reden.»

Suizid bei Jugendlichen: Beratungsstellen können helfen

Jugendliche, die ernsthaft einen Suizid in Erwägung ziehen – laut Studien spielt jeder Zweite im Laufe des Lebens mit Selbstmordgedanken – brauchen meist keine voreiligen Lösungsvorschläge zu ihren Problemen, sondern vielmehr ein offenes Ohr. Oft weigern sich Jugendliche, mit Familie und Freunden zu sprechen, um diese nicht zu belasten. In solchen Situationen seien leicht zugängliche Organisationen und Anlaufstellen enorm wichtig, erklärt Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der PDAG Dr. Jürg Unger. Eine davon ist Pro Juventute, die Beratungsstelle für Jugendprobleme, die vor kurzem eine nationale TV-Kampagne zur Prävention von Jugendsuizid gestartet hat. Mindestens einmal pro Tag wählt ein Teenager die Pro Juventute Beratungs- und Hilfstelefonnummer 147, weil er oder sie sich umbringen will. Diese alarmierende Häufigkeit führte zur gross angelegten Sensibilisierungskampagne.

Jugendpsychiater Jürg Unger schätzt die gezielte Sensibilisierung von Lehrpersonen, Haus- und Kinderärzten besonders hoch ein. Es sei erschreckend, wie viele Hausärzte nicht dafür geschult seien, Suizidalität zu erkennen. «Auf diesen Ebenen ist die Früherkennung zentral für effiziente Suizidprävention», bekräftigt er. Sollte ein Jugendlicher Anspielungen auf Lebensmüdigkeit und den Tod machen, sei es wichtig, dass Ansprechpersonen sofort darauf reagieren und professionelle Hilfe herbeiziehen. «Die Probleme, die bei Jugendlichen zu Suizidgedanken führen, sind in den allermeisten Fällen phasenbedingt und behandelbar. Wichtig ist, sie frühzeitig zu erkennen.»

Text: Sabrina Stallone - Februar 2012

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