Kind > KindergartenWas Kinder im Kindergarten lernen Sigrid Schulze In vielen Kantonen ist der Kindergarten heute fester Teil der obligatorischen Volksschule. Auch wenn Kinder dort noch nicht «wie in der Schule» Lesen und Schreiben üben, lernen sie im Kindergarten sehr viel – und zwar systematisch. Grundlage sind kantonale Lehrpläne: In der Deutschschweiz ist das der Lehrplan 21 (Zyklus 1), in der Romandie der Plan d’études romand (PER) und im Tessin der Piano di studio. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Im obligatorischen Kindergarten werden die Kinder nach Lehrplan unterrichtet und gefördert. Foto: © Warrengoldswain | Dreamstime.com Die Kinder sitzen im Kreis. In der Mitte stehen verschiedenfarbige Dosen. «Jetzt bin ich dran!» freut sich Emma. Sie wählt die blaue Dose und schnuppert an der kleinen Öffnung. Gut riecht es – den Geruch kennt sie doch, oder? «Da ist eine Erdbeere drin!» ruft sie und greift nach der nächsten Dose. Emma ist im Kindergarten. Mit Hilfe dieses Geruch-Spiels wird ihre Wahrnehmung gefördert – und gleichzeitig übt sie etwas, das im Alltag oft unterschätzt wird: warten, zuhören, Vermutungen äussern, Gefühle benennen («Ich bin mir sicher!»), andere ausreden lassen und Regeln einhalten. Genau darum geht es im Kindergarten: Lernen mit allen Sinnen, in Beziehungen und in echten Situationen – spielerisch, aber nicht zufällig. Viele Eltern fragen sich: «Wenn keine Noten und kein klassischer Unterricht – woher weiss ich dann, ob mein Kind ‘mitkommt’?» Die Antwort ist: Lehrpersonen arbeiten mit gezielter Beobachtung und Förderung. Sie achten darauf, welche Kompetenzen sich zeigen, wo dein Kind Unterstützung braucht und welche nächsten Schritte passend sind. Das ist entwicklungspsychologisch gut begründet: Frühe Bildung wirkt besonders dann, wenn sie an den Entwicklungsstand anknüpft, Sicherheit gibt und Kinder aktiv handeln lässt – nicht, wenn sie nur Arbeitsblätter abarbeiten. Auch der Kindergarten folgt in der Schweiz systematisch formulierten Lernzielen. Was Kinder im Kindergarten lernen: drei Bereiche, die sich gegenseitig stärken Viele kantonale Konzepte beschreiben Kindergartenbildung in drei eng verbundenen Bereichen. (Die Begriffe variieren je nach Kanton, die Idee ist ähnlich.) Leitziel: Selbstkompetenz Selbstkompetenz bedeutet: Bewegungsmöglichkeiten weiterentwickeln Wahrnehmung differenzieren Ausdrucksfähigkeit weiterentwickeln Selbstständiges Handeln und Selbstvertrauen weiterentwickeln Mit Erfolg und Misserfolg umgehen Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit erweitern Ein Beispiel für den Punkt «Wahrnehmung differenzieren»: Die Kinder betrachten mit Lupe, Mikroskop, Drachenauge, Kaleidoskop, Feldstecher, Spiegel und Taschenlampe die Umwelt. Emma staunt, wie sehr sich durch diese Instrumente scheinbar die Umwelt verändert! Danach malt sie auf, wie sie eine Blume sieht - mit blossem Auge, durch die Lupe, durch das Kaleidoskop. Leitziel: Sozialkompetenz Sozialkompetenz bedeutet: An Freud und Leid der anderen Anteil nehmen Andere Meinungen anhören und respektieren lernen Sich immer besser in die Lage des Gegenübers versetzen können Körperliche und psychische Grenzen respektieren lernen Mehr zum Thema: Den richtigen Kindergarten finden - welcher ist am Besten für ihr Kind geeignet? Kinderbetreuung: Kosten und Modelle im Vergleich HarmoS: der Streit um die Schul-Harmonisierung Ein Beispiel für den Punkt «An Freund und Leid der anderen Anteil nehmen»: Die Lehrpersonen haben ein Ritual eingeführt, mit dessen Hilfe Kinder sich gegenseitig trösten können. Verletzt sich ein Kind und weint, singen alle zusammen das Lied «Heile, heile Segen». Heute hat Max sich an der Tischkante gestossen. Emma läuft los, um ein Kuscheltier zum Trösten zu holen. Sie ist sehr stolz, als er bald wieder fröhlich lacht. Leitziel: Sachkompetenz Sachkompetenz bedeutet: Mit Materialien experimentieren und gestalten Werkzeuge, Geräte und Musikinstrumente kennenlernen und sachgerecht einsetzen Kulturelle Erfahrungen erweitern und verarbeiten Naturvorgänge wahrnehmen und differenzieren Ein Beispiel für den Punkt «Mit Materialien experimentieren und gestalten»: Emma ist ganz still. Hochkonzentriert beugt sie sich über den Webrahmen und bewegt den Webstock hin und her. Emma will eine Decke für ihre Puppe weben. Dabei lernt sie das Material Wolle kennen und macht die Erfahrung, dass sie aus eigener Kraft bereits mit Wolle arbeiten kann. Lehrplan 21 im Kindergarten: Was «kompetenzorientiert» für dich als Elternteil bedeutet In der Deutschschweiz ist der Kindergarten heute Teil des Lehrplans 21 und gehört zum Zyklus 1 (Kindergarten bis 2. Klasse). «Kompetenzorientiert» heisst dabei nicht, dass Kinder möglichst früh möglichst viel «Schulstoff» können müssen. Es heisst: Lehrpersonen planen Lerngelegenheiten so, dass Kinder Fähigkeiten aufbauen, die sie im Alltag brauchen – und die späteres Lesen, Schreiben und Rechnen überhaupt erst möglich machen. Ein Beispiel: Wenn Kinder beim Spielen Regeln aushandeln, zählen, vergleichen, Muster legen, erzählen, zuhören oder Rollen übernehmen, trainieren sie Grundlagen für Sprache, Mathematik und Lernen in Gruppen. Der Lehrplan 21 macht diese Lernziele sichtbar und hilft Lehrpersonen, Förderung gezielt zu planen. Die 9 entwicklungsorientierten Zugänge – warum Kinder über Spiel lernen Im Zyklus 1 arbeitet der Lehrplan 21 mit «entwicklungsorientierten Zugängen». Das sind Entwicklungsbereiche, die im Kindergarten besonders wichtig sind und in jede Lerngelegenheit hineinspielen. Kurz gesagt: Kinder lernen nicht in Schulfächern, sondern ganzheitlich. Körper, Gesundheit und Motorik: klettern, balancieren, Stifthaltung vorbereiten, Körpergefühl entwickeln, Pausen und Ruhe wahrnehmen. Wahrnehmung: hören, sehen, tasten, riechen und Unterschiede erkennen (wie bei Emmas Geruchsdosen). Zeitliche Orientierung: Tagesabläufe verstehen, Reihenfolgen einhalten, «zuerst–dann» planen. Räumliche Orientierung: Wege finden, rechts/links im Alltag einordnen, bauen und konstruieren. Zusammenhänge und Gesetzmässigkeiten: beobachten, experimentieren, Ursache–Wirkung erleben (z.B. Wasser, Magnet, Wachstum). Fantasie und Kreativität: Rollen- und Symbolspiel, Geschichten erfinden, gestalten. Lernen und Reflexion: dranbleiben, Strategien ausprobieren, über das eigene Tun sprechen («Wie hast du das geschafft?»). Sprache und Kommunikation: Wortschatz, Erzählen, Reime, Zuhören, Mehrsprachigkeit wertschätzen. Eigenständigkeit und soziales Handeln: Bedürfnisse äussern, Konflikte lösen, Verantwortung übernehmen. Wichtig: Spiel ist dabei nicht «Pausenprogramm», sondern die zentrale Lernform im frühen Kindesalter. Wie Lehrpersonen beobachten, dokumentieren und fördern Im Kindergarten gibt es in der Regel keine klassischen Noten. Stattdessen arbeiten Lehrpersonen mit professioneller Beobachtung: Sie schauen hin, wie dein Kind spricht, spielt, Probleme löst, mit anderen umgeht, sich bewegt und Aufgaben angeht. Daraus leiten sie ab, welche Unterstützung sinnvoll ist – zum Beispiel bei der Feinmotorik, beim Sprachverständnis oder beim Umgang mit Frust. Für dich als Elternteil heisst das: Wenn du Rückmeldungen bekommst, sind diese oft sehr konkret («Kann Reime erkennen», «traut sich in der Gruppe noch wenig zu sprechen», «bleibt bei kniffligen Aufgaben dran»). Diese Art von Rückmeldung ist für die Förderung im Alltag meist hilfreicher als eine Zahl. Der Lehrplan 21 beschreibt diese Ausrichtung ausdrücklich über Kompetenzen und Entwicklungszugänge. So sieht Lernen im Kindergarten aus Sprache: Geschichten nacherzählen, Fragen stellen, Reime und Silben klatschen, Wortschatz zu Alltagsthemen aufbauen. Tipp: Lies zu Hause regelmässig vor und sprich über Bilder und Gefühle in der Geschichte – das unterstützt Sprachverständnis besonders wirksam. Mathematik: sortieren, Muster legen, Mengen vergleichen («mehr/weniger»), im Spiel zählen, beim Znüni aufteilen. Tipp: Lass dein Kind beim Kochen abmessen, decken, verteilen und vergleichen – ohne Druck, aber regelmässig. Bewegung & Feinmotorik: schneiden, kleben, knöpfen, bauen, draussen rennen, balancieren. Tipp: Feinmotorik wird alltagstauglich über Anziehen, Knete, Schrauben, Perlen oder Basteln trainiert – nicht über frühes «Schreiben üben». Sozial-emotional: Gefühle benennen, Konflikte lösen, Perspektivenwechsel üben, Regeln aushandeln. Tipp: Hilf deinem Kind, Worte für Gefühle zu finden («Du bist wütend, weil …») – das unterstützt Selbstregulation. Das HarmoS-Konkordat fordert ein einheitliches Vorschulobligatorium für alle Kantone bis 2015. Foto: © Ewa Rejmer | Dreamstime.com Kindergarten-Obligatorium & Eintritt – kantonal geregelt Die Ziele der Harmonisierung sind in der Schweiz weitgehend umgesetzt: Der Kindergarten ist heute in fast allen Kantonen Teil der obligatorischen Schule, Details bleiben aber kantonal geregelt (z.B. Stichtag für das Eintrittsalter, ob 1 oder 2 Jahre obligatorisch, sowie konkrete Übergangs- und Ausnahmeregeln). Darum lohnt es sich, immer die offiziellen Informationen deines Kantons zu prüfen. Was die EDK-Zahlen zeigen (2 Jahre vs. 1 Jahr obligatorisch) Die Erziehungsdirektorinnen- und -direktorenkonferenz (EDK) erhebt regelmässig Strukturdaten zur Volksschule. Diese Übersichten zeigen, dass das Kindergartenobligatorium und die Rahmenbedingungen (Eintrittsalter, Dauer, Ausnahmen) zwar stark harmonisiert wurden, aber weiterhin kantonale Unterschiede bestehen. Wenn du wissen willst, was genau gilt, sind die EDK-Strukturdaten ein guter Startpunkt – und danach die Bildungsdirektion deines Kantons. Wo du verlässliche kantonale Infos findest (Beispiel Kanton Zürich) Für verlässliche Antworten sind kantonale Bildungsdirektionen und Gemeinden zuständig (Einschulung, Stichtag, Abklärungen, Sprachförderung, sonderpädagogische Unterstützung). Im Kanton Zürich findest du diese Informationen in der Regel bei der Bildungsdirektion sowie bei deiner Wohngemeinde (Stichworte: «Kindergarten Eintritt», «Einschulung», «Dispensation/Rückstellung»). Wenn du unsicher bist, hilft ein Gespräch mit der Kindergartenlehrperson oder der zuständigen Schulleitung: Dort kannst du klären, ob dein Kind eher Zeit braucht oder ob eine frühe Einschulung gut passen könnte. Westschweiz & Tessin – kurz erklärt Auch ausserhalb der Deutschschweiz ist der Kindergarten bzw. die école enfantine / scuola dell’infanzia in ein klar beschriebenes Curriculum eingebettet. Die Begriffe unterscheiden sich, die Grundidee ist ähnlich: frühe Bildung ist spielbasiert, beziehungsorientiert und kompetenzorientiert. Plan d’études romand (PER) im Cycle 1 In der Romandie gilt der Plan d’études romand (PER). Für Eltern ist vor allem wichtig: Der Cycle 1 beschreibt die frühen Lernziele und Entwicklungsbereiche und macht transparent, wie Kinder in Sprache, Mathematik, Bewegung, Künsten und im sozialen Lernen begleitet werden. Grundsätzlich gilt: Kinder sollen gemäss ihres Entwicklungsstandes und ihrer Bedürfnisse gefördert werden. Eine Leistungsbeurteilung gibt es im Kindergarten in der Regel nicht. Spiel und Spass, Lernen mit allen Sinnen in der Gemeinschaft stehen nach wie vor im Kindergarten im Vordergrund. Spielen und Lernen sind für Kinder untrennbar miteinander verknüpft – denn sie lernen im Spiel. Und so merkt Emma gar nicht, wie viel sie beim Geruchsspiel lernt: Abwarten, bis sie an der Reihe ist. Düfte unterscheiden. Hypothesen bilden («Ich glaube, das ist …»). Wörter finden. Und Erfahrungen mit anderen teilen.