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Kindergartenstart in der Schweiz: So gelingt die Eingewöhnung

Der Start in den Kindergarten ist für viele Kinder in der Schweiz der erste grosse Schritt in die Volksschule – und für Eltern ein Moment voller Stolz, aber auch Unsicherheit. Wie hilfst du deinem Kind beim Abschied, bei Trennungsangst oder bei Wut nach einem anstrengenden Kindergartenmorgen? In diesem Artikel erfährst du, was auf euch zukommt, wie du die Eingewöhnung liebevoll und realistisch begleiten kannst – und wann es sinnvoll ist, Unterstützung zu holen.

Ein Kind geht an der Hand seines Vaters in den Kindergarten
Die Eingewöhnung in den Kindergarten kann anspruchsvoll sein © Nadezhda1906 / Getty Images

Was Eltern in der Schweiz wissen sollten

Kindergarten = Teil der Volksschule: Warum der Start anders ist als «nur» Spielgruppe

In der ganzen Schweiz gehört der Kindergarten zur Volksschule. Das bedeutet: Es geht nicht nur ums Spielen mit anderen Kindern, sondern auch um einen strukturierten Alltag mit Bildungsauftrag. Kinder lernen im Kindergarten zum Beispiel, in einer Gruppe Regeln einzuhalten, sich eine gewisse Zeit zu konzentrieren, Konflikte zu lösen, eigene Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen – alles spielerisch, aber mit klaren Rahmenbedingungen.

Im Unterschied zur Spielgruppe oder Tagesbetreuung ist der Kindergarten:

  • verbindlich – die Teilnahme ist in der Regel obligatorisch oder sehr empfohlen,
  • stärker strukturiert – es gibt feste Zeiten, Rituale und pädagogische Ziele,
  • gruppenorientiert – die Lehrperson orientiert sich an der ganzen Klasse, nicht nur am einzelnen Kind.

Entwicklungspsychologisch gesehen ist das ein wichtiger Übergang: Kinder bewegen sich von der kleinen, familiären Welt in ein grösseres soziales Umfeld mit mehr Anforderungen. Forschung aus der Frühpädagogik zeigt, dass feinfühlige Begleitung durch Bezugspersonen diesen Übergang deutlich erleichtert – nicht indem man alles perfekt macht, sondern indem man verlässlich und zugewandt bleibt.

Typischer Alltag: Halbtage, Znüni, Weg – und was das für Familien bedeutet

In vielen Gemeinden findet der Kindergarten an fünf Halbtagen pro Woche statt. Mancherorts kommen in höheren Stufen oder an einzelnen Tagen längere Einheiten hinzu. Für dein Kind bedeutet das: Es ist über mehrere Stunden in einer Gruppe unterwegs, meist mit Pause auf dem Pausenplatz oder im Freien, mit gemeinsamen Ritualen (Morgenkreis, Geschichten, Lieder) und Phasen von freiem Spiel und angeleiteten Aktivitäten.

Für euren Familienalltag heisst das oft:

  • Fester Tagesrhythmus: Aufstehzeiten, Morgenroutine und Bring-/Holzeiten werden verbindlicher.
  • Znüni-Organisation: Täglich ein kindgerechter Znüni (z. B. Obst, Brot, Gemüse), der sich gut transportieren lässt.
  • Schulweg: Viele Kinder gehen mit der Zeit allein oder mit anderen Kindern – ein Schritt zu mehr Selbständigkeit.
  • Mehr Erschöpfung: Neue Eindrücke, Lärm, soziale Situationen – das alles macht müde und kann zu «Nachmittagskrisen» führen.

Versuche, rund um den Kindergartenstart nicht gleichzeitig viele andere Veränderungen zu planen (neue Wohnung, neues Geschwisterchen, viele Freizeitkurse). Kinder bewältigen Übergänge besser, wenn einzelne Bereiche stabil bleiben.

2–4 Wochen vorher: Vorbereitung, die wirklich hilft

Alltag üben: Kleidung, WC, Znüni, Pausen (ohne Drill)

Kinder müssen beim Kindergartenstart nicht «fertig selbständig» sein. Wichtig ist, dass sie Schritt für Schritt üben dürfen – ohne Druck und mit deiner Unterstützung im Hintergrund.

Hilfreich kann sein, wenn dein Kind:

Kleidung: Kleidung tragen kann, die es möglichst selbst an- und ausziehen kann (einfache Reissverschlüsse, Klettschuhe, keine komplizierten Knöpfe). Übe spielerisch: «Wer schafft zuerst den Reissverschluss?» oder «Wir ziehen uns wie im Kindergarten für draussen an.»

WC: Kinder müssen nicht alles perfekt allein können. Wichtig ist, dass sie wissen: «Ich darf aufs WC gehen, wenn ich muss» und grundlegende Schritte ausprobieren durften. Du kannst zu Hause üben: Türe anlehnen, Hände waschen, Unterhose hochziehen – und dabei immer wieder sagen: «Im Kindergarten gibt es auch WC, die Lehrperson hilft dir, wenn du sie rufst.»

Znüni: Lass dein Kind den Znüni schon vorher im eigenen Rucksack mitnehmen (z. B. auf einen Spielplatz-Ausflug). So kann es üben, die Dose zu öffnen und weiss, dass es in der Pause Zeit zum Essen haben wird. Grosse Studien zur Kinderernährung in der Schweiz zeigen, dass ein ausgewogener Znüni (Wasser, Obst/Gemüse, Vollkornprodukt) die Konzentration unterstützt und die Stimmung stabil hält.

Pausen & Warten: Viele Kinder müssen im Kindergarten lernen, auch mal kurz zu warten oder nicht sofort dran zu sein. Du kannst das zuhause im Spiel üben, z. B. bei Brettspielen oder beim Abwechseln: «Jetzt bist du dran, dann ich, dann wieder du.» Wichtig ist, dass du dabei ruhig bleibst und dein Kind lobst, wenn es kurz warten konnte.

Mentale Vorbereitung: Gefühle benennen, Erwartungen realistisch halten

Studien der Entwicklungspsychologie zeigen, dass Kinder Übergänge besser bewältigen, wenn ihre Gefühle wahr- und ernstgenommen werden. Du kannst deinem Kind helfen, indem du Gefühle in Worte fasst und klare, ehrliche Informationen gibst.

Nützlich sind Sätze wie:

«Im Kindergarten gibt es viele Kinder und eine Lehrperson. Ihr spielt, hört Geschichten und geht auch nach draussen.»
«Am Anfang ist vieles neu. Du darfst neugierig sein, aber auch nervös. Viele Kinder fühlen das so.»
«Wenn du etwas nicht weisst, kannst du die Lehrperson fragen. Sie ist für euch Kinder da.»
«Ich komme dich nach dem Kindergarten wieder holen / du kommst mit den anderen Kindern nach Hause. Wir sehen uns jeden Tag wieder.»

Wichtig ist, Erwartungen realistisch zu halten – auch deine eigenen. Nicht jedes Kind rennt am ersten Tag fröhlich in den Kindergarten, und das ist völlig normal. Vermeide Aussagen wie: «Du freust dich doch sicher riesig!» wenn dein Kind in Wahrheit unsicher ist. Besser: «Ein Teil von dir freut sich vielleicht, ein anderer Teil ist noch unsicher. Beides ist okay.»

Praktisch: Schulweg/Bring-Situation üben

Der Weg zum Kindergarten ist für viele Kinder ein eigener «Abenteuerraum». Wenn möglich, übt ihr ihn ein paarmal gemeinsam. Lauf ihn mit deinem Kind zur typischen Zeit ab: Ihr seht Ampeln, Strassen, andere Kinder. Für das Sicherheitsgefühl ist es hilfreich, wenn dein Kind weiss, wo es langgeht und welche Regeln gelten.

Du kannst dabei konkret sagen:

«Hier bleiben wir immer auf dem Trottoir.»
«An dieser Strasse schauen wir links, rechts, links. Wenn kein Auto kommt, gehen wir.»
«Falls du dich einmal unsicher fühlst, gehst du zurück zum Kindergarten / zu dieser Kreuzung und wartest auf eine vertraute Person.»

Wenn dein Kind später allein oder mit anderen Kindern gehen soll, ist eine schrittweise Vorbereitung wichtig: zuerst gemeinsam, dann du in etwas Abstand, dann vielleicht mit älterem Kind, erst ganz am Schluss allein. Die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie weist darauf hin, dass Kinder sehr unterschiedlich reif für eigenständige Wege sind; eine individuelle Einschätzung ist wichtiger als starre Altersgrenzen.

In den ersten Tagen: Bringen, Verabschieden, Ankommen

Abschiedsritual: kurz, klar, freundlich (mit Beispielsätzen)

Der Abschied ist oft der schwierigste Moment – für Kinder und Eltern. Aus Bindungsforschung wissen wir: Klare, zuverlässige Abschiede sind für Kinder sicherer als langes Hin-und-her oder «davon schleichen». Kinder dürfen weinen, und gleichzeitig dürfen Eltern einen freundlichen, klaren Rahmen geben.

Ein hilfreiches Abschiedsritual ist:

1. Zusammen ankommen, Garderobe, evt. kurz in den Gruppenraum schauen.
2. Ein fester Satz, z. B. mit Umarmung oder High-Five.
3. Dann wirklich gehen – nicht nochmals umdrehen, nicht wieder von vorne anfangen.

Konkrete Beispielsätze für dich:

«Wir hängen jetzt deine Jacke auf, dann bringe ich dich zur Tür und sage dir Tschüss.»
«Ich sehe, du bist aufgeregt. Ich bleibe noch einen Moment bei dir und dann gehe ich. Die Lehrperson bleibt hier bei dir.»
«Ich gebe dir jetzt einen Kuss, dann gehe ich zum Bus / zur Arbeit. Heute nach dem Kindergarten holen wir dich wieder ab.»
«Du darfst traurig sein und weinen. Ich gehe trotzdem, wie wir abgemacht haben. Die Lehrperson hilft dir, wenn du mich vermisst.»
«Wir machen unseren Abschieds-High-Five und dann winkst du mir beim Fenster / bei der Türe.»

Wenn dein Kind sehr weint, ist es wichtig, mit der Lehrperson abzusprechen, wie lange du bleiben sollst. Oft beruhigen sich Kinder relativ rasch, sobald die Eltern weg sind. Du kannst die Lehrperson nach einer kurzen Rückmeldung fragen, z. B. per Telefon oder Zettel: «Wie lange hat es heute gedauert, bis es meinem Kind besser ging?»

Übergangsobjekt & kleine Anker (Nuschi, Foto, Duft)

Viele Kinder beruhigen sich in neuen Situationen mit einem vertrauten Gegenstand – ein weiches Nuschi, ein kleines Stofftier, ein Foto der Familie oder ein Taschentuch mit einem vertrauten Duft (z. B. deinem Parfum). Forschung zu Bindung und Emotionsregulation zeigt, dass solche Übergangsobjekte Kindern helfen können, sich innerlich sicher zu fühlen, auch wenn die Bezugsperson nicht da ist.

Sprich vorher mit der Lehrperson ab, was im Kindergartenalltag praktisch möglich ist. Ein kleiner Anker kann sein:

«Dieses Nuschi bleibt in deinem Fach / Rucksack. Wenn du mich vermisst, darfst du kurz daran riechen oder es halten.»
«Dieses Foto ist nur für dich. Du kannst kurz draufschauen und dann wieder spielen gehen.»
«Ich zeichne dir ein kleines Herz auf die Hand. Wenn du es anschaust, kannst du daran denken, dass ich an dich denke.»

Zusammenarbeit mit Lehrperson: Was gehört in den «Start-Info»-Zettel?

Eine gute Zusammenarbeit mit der Lehrperson erleichtert die Eingewöhnung spürbar. Gerade zu Beginn kann ein kurzer Info-Zettel hilfreich sein, besonders wenn du beim Bringen nicht alles in Ruhe besprechen kannst.

Auf deinem «Start-Info»-Zettel können stehen:

Wichtige Basisinfos: Name des Kindes, bevorzugte Anrede, Sprachen der Familie.
Allergien / medizinische Hinweise: z. B. bekannte Allergien, chronische Erkrankungen, nötige Medikamente (mit ärztlicher Anordnung).
Tröst-Tipps: «Wenn mein Kind weint, hilft oft … (kurz auf den Schoss, Buch anschauen, etwas trinken).»
Übergangsobjekt: «Im Rucksack ist ein Nuschi / kleines Stofftier. Wenn möglich, darf es das kurz holen, wenn es traurig ist.»
Abholsituation: Wer holt das Kind normalerweise ab? Wer darf es zusätzlich abholen?

Du kannst der Lehrperson ausserdem sagen:

«Wir sind beim Abschied klar, aber zugewandt. Sie dürfen mir gern kurz zurückmelden, wie es nach dem Abschied läuft.»
«Mein Kind hat manchmal Mühe mit lauten Situationen. Wenn Sie etwas bemerken, sagen Sie mir bitte Bescheid – dann suchen wir gemeinsam nach Lösungen.»

Die ersten Wochen: typische Stolpersteine & Lösungen

Trennungsangst am Morgen – was hilft, was verschlimmert

Trennungsangst ist eine normale Reaktion in neuen Situationen, besonders bei Kindern mit enger Bindung zu ihren Bezugspersonen. Studien zeigen, dass sich die meisten Kinder innerhalb von einigen Wochen an die neue Situation gewöhnen, wenn die Erwachsenen feinfühlig und gleichzeitig verlässlich bleiben.

Was hilft:

Routinen: Gleicher Ablauf jeden Morgen (aufstehen, anziehen, frühstücken, Rucksack, Abschiedsritual). Vorhersehbare Abläufe geben Sicherheit.
Gefühle benennen: «Du bist heute wieder traurig beim Abschied. Das verstehe ich. Und du weisst: Am Schluss des Kindergartens sehen wir uns wieder.»
Verlässliche Abmachungen: Wenn du sagst, dass du nach dem Kindergarten kommst, halte dich unbedingt daran. Das stärkt das Vertrauen.
Kurze Infos von der Lehrperson: Viele Eltern sind beruhigt, wenn sie wissen: «Nach 5 Minuten war wieder alles gut.» Diese Sicherheit überträgt sich auf dein Kind.

Was eher verschlimmert:

Sehr lange, ausschweifende Abschiede: Sie verlängern das Hin-und-her und halten das Kind im Trennungsschmerz fest.
Drohungen oder Beschämung: «Wenn du jetzt nicht aufhörst zu weinen, gehe ich einfach!» oder «Alle anderen sind mutig, nur du nicht» erhöhen Stress und Angst.
Überreden ohne Ernstnehmen: «Ist doch gar nicht schlimm, stell dich nicht so an» signalisiert dem Kind, dass seine Gefühle nicht wichtig sind.

Nach dem Kindergarten: Müdigkeit, Wut, Rückzug 

Viele Eltern kennen das: Im Kindergarten «funktioniert» das Kind gut – und zuhause kommen Müdigkeit, Wutanfälle oder Rückzug. Fachleute für frühe Bildung nennen das manchmal «Rucksack voller Eindrücke», den Kinder nach Hause bringen und dort auspacken.

Häufige Reaktionen sind:

Müdigkeit: Kinder brauchen mehr Ruhe, manchmal auch wieder einen kurzen Mittagsschlaf oder eine Kuschelzeit.
Wut oder Quengeln: Zuhause dürfen die angestauten Gefühle raus. Das ist kein Zeichen von «Undankbarkeit», sondern von Vertrauen.
Rückzug: Manche Kinder wollen erstmal allein spielen oder nichts erzählen.

So kannst du den Übergang nach Hause erleichtern:

«Du warst heute so lange im Kindergarten. Wir machen jetzt zuerst eine Pause. Möchtest du kuscheln, ein Hörspiel hören oder einfach in Ruhe spielen?»
«Du musst mir nicht alles sofort erzählen. Wenn du magst, kannst du mir später beim Znacht erzählen, was schön oder schwierig war.»
«Ich sehe, du bist sehr müde und schnell wütend. Wir machen heute Nachmittag nichts Grosses mehr, einfach zuhause sein.»

Versuche, direkt nach dem Kindergarten nicht gleich viele Anforderungen zu stellen (Hausaufgaben bei älteren Kindern, viele Termine). Ein klarer, ruhiger Nachmittagsrahmen mit wenig Medienzeit und Möglichkeiten zur freien Bewegung hilft dem Nervensystem, herunterzufahren.

Wenn das Kind plötzlich nicht mehr gehen will: Gesprächsleitfaden

Manche Kinder starten motiviert und wollen nach einigen Wochen plötzlich nicht mehr in den Kindergarten. Das kann ein Zeichen dafür sein, dass jetzt, wo die erste Aufregung vorbei ist, die Anstrengung spürbar wird – oder dass es konkrete Schwierigkeiten gibt (Konflikte mit anderen Kindern, Lärm, Überforderung).

Wichtig ist, nicht sofort in Panik zu geraten, sondern Schritt für Schritt herauszufinden, was los ist. Ein möglicher Gesprächsleitfaden:

1. Ruhe abwarten: Sprich nicht im Moment der Wut, sondern später, wenn dein Kind etwas entspannter ist.
2. Offene, einfache Fragen stellen: «Was ist im Kindergarten im Moment schwierig für dich?»
3. Konkreter nachfragen: «Gibt es Kinder, mit denen du dich nicht wohl fühlst?» – «Gibt es etwas, das dir Angst macht?» – «Wann im Kindergarten fühlst du dich am unwohlsten?»
4. Gefühle spiegeln: «Aha, in der Pause ist es dir zu laut. Da wirst du ganz angespannt.»
5. Lösungen gemeinsam suchen: «Was könnte dir helfen? Möchtest du mit der Lehrperson abmachen, dass du in der Pause kurz bei ihr bleiben darfst, wenn es zu viel ist?»

Ein Gespräch mit der Lehrperson ist wichtig, wenn dein Kind wiederholt sagt, es wolle nicht mehr in den Kindergarten. Du kannst sagen:

«Mein Kind sagt seit ein paar Tagen/Wochen, es wolle nicht mehr in den Kindergarten. Haben Sie etwas beobachtet, das helfen könnte zu verstehen, was los ist?»
«Gibt es Situationen, in denen es besonders ruhig oder besonders auffällig ist?»
«Können wir gemeinsam überlegen, was meinem Kind helfen könnte, sich wieder wohler zu fühlen?»

Nimm die Sorgen deines Kindes ernst, ohne sofort den Kindergarten in Frage zu stellen. Kinder profitieren meist davon, wenn sie lernen: Schwierigkeiten darf ich ansprechen, und Erwachsene suchen mit mir nach Lösungen.

Mythen rund um den Kindergartenstart

Rund um den Kindergartenstart kursieren viele gut gemeinte, aber nicht immer hilfreiche Sätze. Eine kurze Einordnung:

Mythos 1: «Wenn es beim Abschied weint, mache ich etwas falsch.»
Weinen beim Abschied ist kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch gemacht hast – im Gegenteil: Es zeigt oft, dass die Bindung zu dir stark ist. Laut kinderpsychologischen Fachgesellschaften ist vorübergehendes Weinen in Übergängen ganz normal. Wichtig ist, dass du verlässlich bleibst, das Weinen aushältst und deinem Kind signalisierst: «Du darfst traurig sein, und trotzdem gehe ich jetzt. Wir sehen uns wieder.»

Mythos 2: «Ein gutes Kind geht gerne in den Kindergarten.»
Ob ein Kind gern in den Kindergarten geht, hängt von vielen Faktoren ab: Temperament, Vorerfahrungen, Gruppensituation, Tagesform. Kinder dürfen Phasen haben, in denen sie keine Lust haben oder ängstlicher sind. Das sagt nichts über ihren Wert oder deine Erziehung aus.

Mythos 3: «Je früher es allein in den Kindergarten geht, desto selbständiger wird es.»
Selbständigkeit entsteht nicht durch Überforderung, sondern durch zugetraute Schritte mit Rückhalt. Fachleute empfehlen, die Eigenständigkeit beim Schulweg individuell und gestaffelt zu fördern – nicht nach starren Altersvorgaben und nicht, indem man Ängste einfach ignoriert.

Wann ihr Unterstützung holen solltet 

Warnsignale vs. normale Anpassungsreaktionen

In den ersten Wochen sind viele Reaktionen deines Kindes normale Anpassungsprozesse: vermehrtes Weinen beim Abschied, Müdigkeit, mehr Nähebedürfnis, zeitweilige Rückschritte (z. B. wieder ins Bett kommen, etwas mehr Hilfe beim Anziehen wollen).

Du solltest genauer hinschauen und ggf. Unterstützung holen, wenn über mehrere Wochen (z. B. länger als 4–6 Wochen) eines oder mehrere der folgenden Anzeichen auftreten:

– Dein Kind hat anhaltend starke körperliche Beschwerden rund um den Kindergarten (häufige Bauchschmerzen, Kopfweh, Übelkeit), ohne dass medizinisch etwas gefunden wird.
– Es zeigt starken Rückzug, wirkt traurig, lustlos, spielt kaum noch und freut sich nur selten.
– Es hat massive Schlafprobleme (häufiges Aufschrecken, Albträume, dauerhaft stark verkürzter Schlaf) im Zusammenhang mit dem Kindergartenstart.
– Es zeigt anhaltend grosse Angst vor bestimmten Situationen (z. B. Panik bei der Vorstellung, in die Garderobe zu gehen, starke Angst vor bestimmten Kindern) und lässt sich kaum beruhigen.
– Die Lehrperson berichtet von grossen Schwierigkeiten in der Gruppe (ständige Aggressionen, totale Verweigerung, kaum Kontakt zu anderen Kindern), die sich nicht allmählich bessern.

Wenn du dir unsicher bist, ist es immer legitim, fachlichen Rat einzuholen. Frühzeitig nachzufragen ist kein Zeichen von «Übertreibung», sondern von Sorge und Verantwortung.

Anlaufstellen: Kinderarzt, Schulpsychologischer Dienst, Pro Juventute

In der Schweiz gibt es mehrere Möglichkeiten, dir Unterstützung zu holen:

Kinderärzt:in: Erste Anlaufstelle bei Sorgen um Gesundheit, Schlaf, starke Bauch- oder Kopfschmerzen, aber auch bei Fragen zu Entwicklung und Verhalten. Kinderärzt:innen kennen typische Anpassungsreaktionen und können einschätzen, ob weitere Abklärungen sinnvoll sind.
Schulpsychologischer Dienst: Dieser Dienst ist kantonal oder kommunal organisiert und bietet Beratung bei schulischen Übergängen, Verhaltensauffälligkeiten, Ängsten oder Konflikten im Kindergarten. Du kannst dich in vielen Gemeinden direkt oder über die Lehrperson melden.
Beratungsstellen für Familien / Elternbildung: In vielen Gemeinden gibt es Elternberatung, Mütter-/Väterberatung oder Familienzentren, die Kurse und individuelle Gespräche anbieten.

Wenn es deinem Kind im Kindergarten anhaltend schlecht geht oder du dich selbst dauerhaft überfordert fühlst, ist es ein Zeichen von Stärke, dir Begleitung zu holen. Je früher ihr Unterstützung bekommt, desto eher lassen sich Schwierigkeiten abfedern.

Checklisten 

Checkliste 1: erster Tag / erste Woche

Du kannst diese Punkte als gedankliche Stütze nutzen und individuell anpassen:

Vor dem ersten Tag: Schulweg geübt, Znüni und passende Kleidung bereitgelegt, Rucksack gepackt, eventuelles Übergangsobjekt abgesprochen.
Am Morgen: Genügend Zeit eingeplant, kurze ruhige gemeinsame Phase (z. B. Frühstück ohne Hektik).
Beim Bringen: Klare, kurze Begrüssung der Lehrperson, Kind in Ruhe anziehen lassen, Abschiedsritual durchführen, dann gehen.
Nach dem Kindergarten: Zeit für Pause / Snack / Kuscheln, keine grossen Termine, Raum für Gefühle (Weinen, Wut, Freude).
Am Abend: Kurze Reflexion: «Was war heute schön? Was war schwierig?» – ohne Druck, etwas erzählen zu müssen, dann früher ins Bett als sonst.

Checkliste 2: Gespräch mit Lehrperson / Betreuungspersonen

Diese Fragen können dir im Austausch helfen, ein rundes Bild zu bekommen:

– «Wie wirkt mein Kind im Gruppenalltag? Eher ruhig, eher lebhaft?»
– «Gibt es Situationen, in denen es sich besonders wohl fühlt? Und solche, in denen es sich schwer tut?»
– «Wie erlebt ihr die Abschiede am Morgen? Gibt es etwas, das wir zu Hause oder beim Bringen anpassen könnten?»
– «Wie ist der Kontakt zu den anderen Kindern? Gibt es bereits Freundschaften oder wiederkehrende Konflikte?»
– «Wenn mein Kind traurig oder wütend ist: Was funktioniert im Kindergarten gut, um es zu beruhigen?»
– «Gibt es etwas, das euch Sorgen macht oder das wir gemeinsam im Blick behalten sollten?»

Checkliste 3: «Notfallplan» für Tränen beim Bringen

Wenn du weisst, was du tun willst, wenn dein Kind beim Bringen weint, bist du selber ruhiger – und das hilft auch deinem Kind. Ein möglicher Notfallplan:

1. Atme zuerst selbst durch. Erinnere dich: Tränen sind nicht gefährlich, sondern Ausdruck von Gefühlen.
2. Benenne, was du siehst: «Du bist gerade sehr traurig / hast Angst / willst nicht, dass ich gehe.»
3. Körperliche Nähe anbieten: «Komm, ich halte dich kurz fest.» – kurze Umarmung, tiefes Atmen.
4. Zuversicht ausdrücken: «Ich weiss, dass du das schaffst. Die Lehrperson ist hier, um dir zu helfen.»
5. Abschiedsritual durchführen: Kuss, High-Five, Spruch – so wie ihr es abgemacht habt.
6. Klarer Satz: «Jetzt gehe ich. Heute Nachmittag / nach dem Kindergarten sehen wir uns wieder.»
7. Gehen – ohne wieder umdrehen. Wenn möglich, mit der Lehrperson abmachen, dass sie dich kurz informiert, wie es danach gelaufen ist.

Du darfst nach einem schwierigen Abschied selbst gut für dich sorgen: kurz spazieren, durchatmen, mit einer vertrauten Person sprechen. Der Kindergartenstart ist auch für dich ein Übergang – du musst ihn nicht allein bewältigen.

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