Kind > KindergartenNatur & Spiel in Kita und Kindergarten: Der Schweizer Eltern-Guide Luisa Müller Pfützen, Matschküche, Kletterbäume: Für viele Kinder sind die besten Kita- und Kindergartenmomente draussen. Gleichzeitig tauchen bei Eltern viele Fragen auf – von «Friert mein Kind?» bis «Wie ist das mit Zecken und der FSME-Impfung in der Schweiz?». In diesem Guide erfährst du, welche Natur-Angebote es gibt, was die Forschung dazu sagt und wie du ein passendes Angebot für dein Kind und euren Alltag findest. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Ein Waldkindergarten kann die Kreativität beim Kind und seinen Bezug zur Natur fördern © vm / Getty Images Warum Natur-Spiel so wertvoll ist Bewegung, Motorik, Gleichgewicht – «der Boden ist nie eben» Drinnen sind Böden gerade, Möbel stehen stabil, vieles ist vorhersehbar. Draussen sieht das anders aus: Wurzeln, Steine, Hügel, Matsch und Schnee fordern Kinder ganz anders heraus. Genau das ist aus entwicklungspsychologischer Sicht ein grosser Vorteil. Wenn Kinder über Wurzeln steigen, auf Baumstämmen balancieren oder einen Hang hochklettern, trainieren sie: • die Grobmotorik (Klettern, Rennen, Springen) • die Feinmotorik (Zapfen, Stöcke, Blätter manipulieren) • das Gleichgewicht (auf unebenem Boden, auf Baumstämmen) • die Körperwahrnehmung (Wie weit kann ich mich lehnen? Wie schwer ist dieser Ast?) Forschungsarbeiten zur bewegten Kindheit aus der Schweiz und Deutschland zeigen, dass vielfältige Bewegungserfahrungen im Vorschulalter mit besserer motorischer Entwicklung und mehr Bewegungslust im Schulalter verbunden sind. Kinder, die früh viel draussen sind, behalten dieses Bewegungsverhalten oft länger bei – ein wichtiger Baustein für ihre spätere Gesundheit. Konzentration, Stressabbau, Schlaf: was Studien berichten Viele Eltern berichten, dass ihr Kind nach einem Waldtag müde, aber ausgeglichen nach Hause kommt – und oft besser einschläft. Solche Beobachtungen passen gut zu dem, was Forschungsgruppen u.a. an Schweizer und deutschen Universitäten herausgefunden haben. Studien aus dem deutschsprachigen Raum und internationalen Journals zeigen unter anderem: • Kinder, die regelmässig in grünen Umgebungen spielen, zeigen tendenziell bessere Aufmerksamkeitsleistungen und weniger Verhaltensauffälligkeiten. • Naturerleben wird mit weniger Stresssymptomen in Verbindung gebracht, zum Beispiel niedrigeren Cortisolwerten und besserer Emotionsregulation. • Viel Tageslicht und Bewegung draussen können den Schlaf-Wach-Rhythmus stabilisieren – Kinder werden abends müder und schlafen in vielen Fällen schneller ein. Wichtig: Auch drinnen können Kinder gut gefördert werden, und nicht jedes Kind reagiert gleich. Die Datenlage legt aber nahe, dass regelmässige Naturzeit unter dem Strich die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern stärkt – als Ergänzung zu anderen Lern- und Spielräumen. Kreativität & Fantasie durch Naturmaterialien Draussen gibt es kaum «fertige» Spielsachen. Kinder spielen mit dem, was da ist: Ästen, Steinen, Blättern, Schlamm, Wasser, Zapfen. In der Pädagogik spricht man von «Loose Parts» – lose Teile, die sich immer wieder neu kombinieren lassen. Ein Ast kann heute Angel, morgen Pferd und übermorgen Kochlöffel sein. Aus Steinen wird ein Laden, aus Blättern eine Suppe. Solches freie, symbolische Spiel unterstützt: • die Fantasie und Kreativität • das soziale Lernen (Rollen verteilen, verhandeln, Konflikte lösen) • das Problemlösen (Wie baue ich eine stabile Hütte? Wie leite ich Wasser um?) • sprachliche Entwicklung (Erzählen, Verhandeln, neue Begriffe) Pädagogische Fachstellen betonen, dass gerade dieses wenig vorstrukturierte Spielen in der Natur eine gute Ergänzung zu angeleiteten Angeboten drinnen ist – und Kinder so Selbstwirksamkeit erleben: «Ich kann etwas schaffen, mit dem, was ich hier finde.» Diese Natur-Angebote gibt es in der Schweiz Waldkindergarten: dauerhaft draussen Ein Waldkindergarten (oder Naturkindergarten) ist ein Kindergarten, bei dem der Schwerpunkt ganzjährig draussen liegt – in einem Waldstück, auf einer Wiese oder in einem naturnahen Areal. Es gibt meist einen Bauwagen, eine Hütte oder einen Raum als Rückzugs- und Schlechtwetterort. Typisch ist: • Alter: meist 4–6 Jahre, analog zum Kindergartenalter. • Organisation: Kinder treffen sich morgens an einem vereinbarten Ort und sind dann überwiegend draussen; gegessen wird oft ebenfalls draussen. • Tagesablauf: Ankommen, Morgenkreis, freies Spiel, angeleitete Sequenzen (z.B. Geschichten, Experimente, Lieder), Znüni, nochmals Spiel- und Lernphasen, Abschlussrunde. • Woche: Viele Waldkindergärten sind Vollzeitangebote, manche nur an bestimmten Tagen. Die Inhalte orientieren sich am Lehrplan 21, werden aber mit Naturmaterialien und in der Umgebung umgesetzt. Kinder üben zum Beispiel Zählen mit Steinen, Laute mit Naturgeräuschen oder Formen mit Ästen. Regel-Kindergarten mit Waldtag oder Waldwoche Sehr verbreitet ist in der Schweiz der normale Kindergarten mit einzelnen Waldtagen oder Waldwochen. Das bedeutet: An einem fixen Tag pro Woche oder in bestimmten Projektwochen verbringt die Klasse den Morgen oder Tag im Wald oder in einem naturnahen Gebiet. Das hat Vorteile für Familien, die einen klassischen Kindergarten wünschen, aber auf die Vorzüge der Natur nicht verzichten wollen. Lehrpersonen können die Ziele des Lehrplans 21 mit Naturpädagogik verbinden, etwa: • Mathematische Grundideen durch Sammeln und Sortieren von Naturmaterialien • Sprache und Erzählen rund um Naturphänomene • Sachunterricht direkt vor Ort (Jahreszeiten, Tiere, Pflanzen) Wenn du unsicher bist, wie der Waldtag in eurem Kindergarten organisiert ist, kannst du die Lehrperson konkret fragen: Wie lange sind die Kinder draussen? Wie ist der Weg? Wo sind die Grenzen? Welche Kleidung wird erwartet? Natur-Kita / Kita mit Waldprojekt Kitas und Krippen können ganz unterschiedlich naturorientiert sein. Manche verstehen sich explizit als «Natur-Kita», andere haben einzelne Naturtage oder Projekte. Typische Merkmale einer Natur-Kita: • ein naturnaher Aussenraum mit Büschen, Hügeln, Wasser, Sand, Baumstämmen • regelmässige Ausflüge in den Wald, an den Bach oder auf eine Wiese • Naturmaterialien auch drinnen (z.B. Zapfen, Steine, Äste in der Bauecke) • Naturthemen im Alltag (Wetter, Jahreszeiten, Tiere) Im Unterschied zum Waldkindergarten bleibt der Alltag einer Kita breiter: Es gibt Schlafenszeiten, Mahlzeiten in Innenräumen, Betreuungszeiten über den ganzen Tag. Die Natursequenzen sind eingebettet in den Krippenalltag – wichtig vor allem für jüngere Kinder ab wenigen Monaten bis ca. 4 Jahren. Waldspielgruppe & Naturspielgruppe Waldspielgruppen und Naturspielgruppen richten sich meist an Kinder ab ca. 2 bis 4 Jahren. Die Kinder sind ein bis mehrere Male pro Woche für 2–3 Stunden draussen, in kleinen Gruppen, oft mit Begleitung durch eine Spielgruppenleiter:in und eine zweite Fachperson. Eine klassische Waldspielgruppe findet überwiegend im Wald statt. Eine Naturspielgruppe kann zusätzlich auch auf einer Wiese, einem Bauernhof oder in einem naturnahen Garten sein. Für Eltern sind diese Angebote oft ein guter Einstieg, um zu schauen, wie das eigene Kind draussen zurechtkommt. Du kannst in der Regel erwarten: • viel freies Spiel mit Naturmaterialien • einfache Rituale (Lieder, Geschichten, Znüni) • kleine gemeinsame Aktivitäten wie Feuer machen, Äste schnitzen (altersgerecht begleitet), Hütten bauen Frage bei der Anmeldung nach Gruppengrösse, Qualifikation des Teams, Notfallkonzept und wie mit Wetterextremen umgegangen wird. Naturnaher Kita-Aussenraum und Naturspielplatz Nicht jede Kita liegt neben einem Wald. Ein naturnaher Aussenraum oder Naturspielplatz kann aber ähnliche Erfahrungen ermöglichen. Es geht darum, dass der Spielraum nicht nur aus glatten Flächen und fertigen Spielgeräten besteht, sondern aus vielfältigen, veränderbaren Elementen. Ein naturbasierter Aussenraum kann beinhalten: • Hügel, Unebenheiten und verschiedene Untergründe (Erde, Kies, Holzschnitzel) • Bäume, Büsche, Wiesenstücke, möglichst mit einheimischen Pflanzen • Wasserstellen (Bachlauf, Pumpe, Matschbereich) • «Loose Parts» wie Stämme, Bretter, Steine, Kisten zum Bauen und Gestalten Für öffentliche und viele institutionelle Spielplätze gilt in der Schweiz die Norm SN EN 1176, die sich mit der Sicherheit von Spielplatzgeräten befasst. Sie legt unter anderem Anforderungen an Sturzräume, Fallhöhen und Materialien fest. Ein konformer Naturspielplatz soll also herausfordernd sein, aber das Risiko schwerer Unfälle minimieren. Du kannst bei der Kita ruhig nachfragen, ob sich der Aussenraum an dieser Norm orientiert und wie die Unfallprävention konkret umgesetzt wird. Auswahlhilfe: Passt das zu unserem Kind – und zu unserem Alltag? Für welche Kinder es oft besonders gut passt Viele Kinder profitieren von Naturangeboten – aber jedes Kind ist anders. Besonders gut passen Waldtage und Natur-Kitas häufig für Kinder, die: • einen grossen Bewegungsdrang haben • gerne draussen sind und sich für Tiere, Steine, Pflanzen oder Wetterphänomene interessieren • in grossen, lauten Innenräumen schnell überreizt wirken • Mühe haben, sich in sehr strukturierten Settings lange zu konzentrieren Aber auch ruhigere, vorsichtige Kinder können draussen aufblühen, weil sie sich auf eigene Weise einbringen können – zum Beispiel beim Beobachten von Schnecken, Bauen von kleinen Welten im Moos oder Sammeln von Blättern. Wichtig ist, dass Fachpersonen das Kind wahrnehmen und nicht drängen, sondern behutsam begleiten. Wenn ein Kind schnell friert oder sehr sensibel ist Manche Kinder frieren schnell, mögen Wind oder Nässe nicht oder reagieren sensibel auf Geräusche, Gerüche oder viele Reize. Das schliesst Naturangebote nicht aus, erfordert aber etwas mehr Abstimmung: • Sprich vorab mit der Kita-Leitung, Kindergartenlehrperson oder Spielgruppenleiter:in und schildere, was dein Kind braucht. • Frage, ob dein Kind sich bei Bedarf zeitweise zurückziehen kann (z.B. an den Rand der Gruppe, in den Bauwagen, in ein Zelt). • Achte sehr auf gute, passende Kleidung und Reservekleider (dazu mehr in der Packliste). • Für sensible Kinder kann ein Einstieg über eine kurze Waldspielgruppe oder einen einzelnen Waldtag ideal sein. Beobachte in den ersten Wochen genau: Kommt dein Kind erschöpft, aber zufrieden nach Hause? Oder ist es dauerhaft überfordert, verängstigt oder körperlich angeschlagen? In diesem Fall ist ein Gespräch mit der Fachperson sinnvoll, um Anpassungen zu vereinbaren oder das Angebot zu überdenken. Der Eltern-Check: 10 Fragen an Kita, Kindergarten oder Spielgruppe Folgende Fragen können dir helfen, die Qualität eines Naturangebots einzuschätzen und herauszufinden, ob es zu euch passt: 1. Wie oft und wie lange sind die Kinder draussen? 2. Wie sieht ein typischer Natur- oder Waldtag aus (Ablauf, Rituale, Ruhezeiten)? 3. Welche Qualifikationen und Weiterbildungen haben die betreuenden Personen im Bereich Naturpädagogik und Sicherheit? 4. Wie wird mit Wetterextremen (Hitze, Sturm, starker Kälte) umgegangen? Wann wird abgebrochen oder verkürzt? 5. Wie sind die Regeln zu Messer, Feuer, Klettern und Wasser? Wie wird «kontrolliertes Risiko» gehandhabt? 6. Wie wird die Gesundheit geschützt (Zecken, Sonne, Kälte, Hygiene beim Znüni/Zmittag)? 7. Gibt es ein Notfall- und Kommunikationskonzept (Mobiltelefon, Treffpunkt, Kontakt zu Rettungsdiensten)? 8. Wie gross sind die Gruppen und wie ist das Betreuungsverhältnis? 9. Wie werdet ihr als Eltern informiert (Infobriefe, Fotos, Gespräche)? 10. Wie wird auf individuelle Bedürfnisse eingegangen (Kind friert schnell, hat Allergien, ist ängstlich)? Du kannst diese Fragen als Liste ausdrucken und zu einem Informationsgespräch mitnehmen. So vergisst du nichts Wichtiges und kannst die Antworten verschiedener Angebote gut vergleichen. Gesundheit & Sicherheit in der Schweiz – ohne Panik, aber konkret Zecken & FSME: was Fachstellen empfehlen Zecken kommen in vielen Regionen der Schweiz vor, vor allem in Wäldern, hohen Gräsern und Sträuchern. Sie können Borreliose-Bakterien und das FSME-Virus (Frühsommer-Meningoenzephalitis) übertragen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und pädiatrische Fachgesellschaften betonen, dass ein bewusster, aber gelassener Umgang wichtig ist: Kinder sollen weiterhin draussen spielen, aber geschützt werden. Wichtige Punkte: • Zeckenrisikogebiete: Nahezu die ganze Schweiz (mit Ausnahme weniger Hochalpenregionen) gilt als FSME-Risikogebiet. • FSME-Impfung: Das BAG und pädiatrische Fachstellen empfehlen die FSME-Impfung in der Regel ab 3 Jahren für Personen, die sich in Risikogebieten häufig im Wald oder in hohem Gras aufhalten. Sprich dazu mit der Kinderärzt:in; sie beurteilt das individuelle Risiko. • Zeckenstiche vermeiden: Lange, eher helle Kleidung, geschlossene Schuhe, Socken über die Hosen ziehen, Zeckenschutzmittel gemäss Altersangabe können helfen, Stiche zu reduzieren. • Zeckencheck: Nach Wald- und Wiesenaufenthalten Körper sorgfältig absuchen (besonders Kniekehlen, Leistengegend, Achseln, Haaransatz). Eine Zecke mit einer geeigneten Zeckenkarte oder -zange möglichst bald entfernen. Borreliose wird durch Bakterien verursacht, FSME durch ein Virus. Gegen Borreliose gibt es keine Impfung, aber sie ist in vielen Fällen gut behandelbar, wenn sie früh erkannt wird. Bei kreisförmiger Rötung um die Stichstelle, Fieber oder Unwohlsein solltest du die Kinderärzt:in kontaktieren. Sonne & Hitze: UV-Schutz und Trinkroutinen Kinderhaut ist empfindlich, und Sonnenschäden in der Kindheit erhöhen das Risiko für Hautkrebs im Erwachsenenalter. Schweizer Fachstellen empfehlen daher einen konsequenten Sonnenschutz, besonders bei Kindern unter 6 Jahren. Darauf könnt ihr achten – und gute Einrichtungen tun dies ebenfalls: • Kleidung: leichte, lange Kleidung, die Schultern und Beine bedeckt; breitkrempiger Hut oder Kappe mit Nackenschutz. • Sonnencreme: hoher Lichtschutzfaktor (mindestens 30, besser 50), kindergeeignet, grosszügig auf alle unbedeckten Hautstellen auftragen und gemäss Empfehlung nachcremen. Viele Kitas bitten, die Kinder bereits zu Hause einzucremen. • Schatten: Pausen im Schatten, besonders um die Mittagszeit; Aktivitäten werden, wenn möglich, in den Vormittag oder den späteren Nachmittag gelegt. • Trinken: Klare Trinkregeln und genügend Wasser in der Gruppe. Jüngere Kinder werden aktiv ans Trinken erinnert. Frage die Einrichtung, wie sie Hitzetage handhabt: Ab wann wird der Aufenthalt gekürzt? Gibt es Alternativen (z.B. Bach, schattiger Wald, Innenräume)? Kälte & Nässe: Layering, Ersatzkleider und Grenzen «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung» – dieser Satz stimmt nur bedingt. Gute Kleidung hilft viel, aber Fachstellen betonen auch: Es gibt Wetterlagen, bei denen Naturangebote verkürzt oder verschoben werden sollten, etwa bei Sturm, Gewitter, Vereisung oder sehr tiefen Temperaturen. Für «normale» Winter- und Regentage gilt: • Zwiebelprinzip: mehrere dünne Schichten statt einer dicken; so kann die Gruppe Kleider an- oder ausziehen, wenn es wärmer oder kälter wird. • Innen: Funktionsunterwäsche oder Wolle, eine wärmende Schicht (Fleece, Wolle), darüber eine wind- und wasserdichte Schicht. • Füsse und Hände: warme, möglichst wasserdichte Schuhe oder Stiefel mit warmen Socken; Handschuhe oder Fäustlinge, idealerweise mit Reservepaar. • Reservekleider: trockene Socken, Handschuhe, manchmal auch Ersatzhose und -pullover im Rucksack oder in der Kita. Gute Einrichtungen beobachten Kinder genau: Wenn viele Kinder zittern, blass werden, sehr still oder apathisch wirken, wird aufgewärmt, Kleider gewechselt oder der Aufenthalt abgebrochen. Du darfst offen fragen, welche Temperatur- oder Wettergrenzen gesetzt werden und wie das Team vorgeht. Risiko-Kompetenz: Warum «kontrolliertes Risiko» dazugehört Klettern, auf Baumstämmen balancieren, am Feuer sitzen – Naturpädagogik arbeitet bewusst mit «kontrolliertem Risiko». Die Idee, ähnlich wie im Konzept der britischen «Forest Schools», ist: Kinder sollen lernen, Risiken einzuschätzen und mit Unterstützung verantwortungsvoll damit umzugehen («supported risk taking»). Das bedeutet konkret: • Nicht jede Gefahr wird eliminiert, aber unnötige Risiken werden reduziert (kein Klettern auf morsche Bäume, klare Grenzen beim Wasser). • Kinder werden angeleitet, selbst zu prüfen: Ist der Ast stabil? Wie hoch ist mir noch wohl? Wo stelle ich mich sicher zum Feuer? • Fachpersonen beobachten aufmerksam und greifen ein, bevor es wirklich gefährlich wird. Studien aus der Unfallprävention zeigen, dass Kinder, die früh altersgerechte Risiken erleben dürfen, langfristig oft sicherer mit Gefahrensituationen umgehen. Die Unfallquote schwerer Verletzungen in gut geführten Naturangeboten ist nach heutigem Wissensstand nicht höher als in klassischen Settings – das subjektive Risiko wirkt nur oft grösser. Wenn du verstehst, wie die Einrichtung Risiken managt, fühlt sich vieles für dich und dein Kind sicherer an. Packliste: So sind Kinder in der Schweiz gut ausgerüstet Übergang (Frühling/Herbst): Zwiebelprinzip & Matsch In der Übergangszeit kann es morgens kalt und mittags warm sein, dazu Regen oder Matsch. Flexible Kleidung ist hier der Schlüssel. Für einen typischen Waldtag im Frühling oder Herbst kann folgendes sinnvoll sein: • Unterste Schicht: Baumwoll- oder Funktionsunterwäsche, je nach Temperatur allenfalls ein dünner Woll- oder Funktionspullover. • Mittlere Schicht: Fleece oder Wollpullover, bei kühleren Tagen eine leichte Fleecehose. • Aussen: wasserdichte Matschhose (mit Latz und verstellbaren Trägern) und eine wasserdichte, atmungsaktive Regenjacke mit Kapuze. • Füsse: Gummistiefel oder wasserdichte Schuhe mit Socken (bei Kälte Woll- oder Thermosocken). • Kopf/Hals: Mütze oder Stirnband, ggf. dünner Schal oder Schlauchschal. • Rucksack: leichter, gut sitzender Rucksack mit Brustgurt, darin Trinkflasche, Znüni gemäss Vorgabe der Einrichtung, evtl. Sitzunterlage, Reserve-Socken und -Handschuhe. Achte darauf, dass dein Kind sich noch gut bewegen kann und kein Kleidungsstück einschnürt oder ständig rutscht. Am besten probierst du die Kombinationen zuhause kurz aus. Winter: warm, aber beweglich Im Winter geht es darum, Wärme und Trockenheit mit Beweglichkeit zu kombinieren. Zu viele, zu dicke Schichten können Kinder unbeweglich machen und sogar auskühlen, wenn sie stark schwitzen. Bewährt hat sich: • Unterste Schicht: Woll- oder Funktionsunterwäsche (Ober- und Unterteil). • Mittlere Schicht: dicker Fleece- oder Wollpullover, je nach Kälte zusätzliche Fleece- oder Wollhose. • Ausserste Schicht: gefütterte, wasserdichte Winterjacke und Winterhose oder ein hochwertiger Winteroverall. • Füsse: gefütterte, wasserdichte Winterstiefel mit dicken Woll- oder Thermosocken; Reserve-Socken im Rucksack. • Hände: wasserabweisende Fäustlinge mit langer Stulpe (kommen besser unter die Jacke), dazu ein Reservepaar; bei älteren Kindern evtl. Fingerhandschuhe als Zweitpaar. • Kopf/Hals: warme Mütze, bei Minusgraden zusätzlich Schlauchschal oder Sturmhaube. Viele Einrichtungen geben eine spezifische Liste heraus – es lohnt sich, diese genau anzuschauen. Falls dein Kind sehr kälteempfindlich ist, besprich mit der Leitung, ob eine zusätzliche Schicht im Bauwagen oder drinnen möglich ist. Sommer: leicht, aber schützend Bei Wärme ist es verlockend, Kinder nur im T-Shirt und Shorts loszuschicken. Fachstellen empfehlen jedoch, die Haut möglichst mit Kleidung zu schützen und nicht nur auf Sonnencreme zu setzen. Für Sommertage im Wald oder auf dem Naturspielplatz bieten sich an: • Leichte, lange Baumwoll- oder Leinenhose (oder funktionale, dünne Outdoorhose). • Leichtes, luftiges Langarmshirt oder T-Shirt, das Schultern bedeckt. • Sonnenschutzkappe oder Hut mit Nackenschutz. • Geschlossene, bequeme Schuhe (z.B. leichte Trekkingschuhe oder Turnschuhe), die den Fuss gut stützen. • Sonnencreme mit hohem LSF auf alle unbedeckten Stellen. • Dünne Regenjacke für Wetterumschwünge. • Ausreichend Wasser im Rucksack; bei längeren Touren evtl. kleine zusätzliche Trinkflasche. Bei Unternehmungen am Wasser (Bach, See) sind Wasserschuhe sinnvoll, um die Füsse vor scharfkantigen Steinen oder Scherben zu schützen. Frage die Einrichtung, was sie dafür empfiehlt. Natur im Alltag – auch ohne Waldkindergarten Mikro-Abenteuer nach der Kita: 20 Minuten reichen Du brauchst keinen Waldkindergarten, damit dein Kind von Natur-Spiel profitiert. Schon kurze «Mikro-Abenteuer» im Alltag können viel bewirken. Wichtig ist die Regelmässigkeit, nicht die Länge. Ideen für 20–30 Minuten nach der Kita oder am Wochenende: • Ein kurzer Umweg durch den Park oder über eine Wiese statt direkt nach Hause. • Am Wegrand Steine, Blätter oder Tannzapfen sammeln und vergleichen (Grösse, Form, Gewicht). • An einem Bachufer sitzen, Boote aus Blättern bauen und schwimmen lassen. • Einmal pro Woche «Natur-Spaziergang» einführen: Das Kind bestimmt, wo es stehenbleiben und genauer hinschauen möchte. • Im Quartier kleine «Forschungsaufträge»: Finde drei verschiedene Blattformen, höre drei unterschiedliche Vogelstimmen, suche eine Ameisenstrasse. Solche Rituale schaffen nicht nur Naturerlebnisse, sondern auch gemeinsame Zeit – und oft gute Gespräche, weil Kinder draussen gern erzählen. Naturmaterialien fürs freie Spiel zuhause Auch zuhause lässt sich Natur ins Spiel holen. Ein Korb mit Naturmaterialien kann spannende Alternativen zu Plastikspielzeug sein und die Fantasie anregen. Du kannst zum Beispiel sammeln (oder gemeinsam mit deinem Kind sammeln): • Steine in verschiedenen Grössen und Farben • Tannzapfen, Kastanien, Eicheln (bei kleineren Kindern auf Verschluckrisiko achten) • Äste und kleine Stöcke (auf Splitter prüfen) • Muscheln, getrocknete Blätter, Rindenstücke Daraus entstehen Bauwerke, Muster, «Suppen», Mandalas oder kleine Welten für Figuren. Viele Familien richten auch einen «Naturtisch» ein, auf dem je nach Jahreszeit passende Fundstücke liegen. So werden Jahreszeitenzyklen für Kinder sinnlich erfahrbar, ohne dass du dafür aufwändige Aktivitäten planen musst. Schweizer Anlaufstellen zum Thema Gesundheit: BAG, pädiatrische Fachstellen, Elterninformationen Für vertiefte Informationen zu Zecken, FSME-Impfung, Sonnenschutz und Kinder-Gesundheit kannst du dich an öffentliche Fachstellen und pädiatrische Gesellschaften wenden. Dort findest du evidenzbasierte, regelmässig aktualisierte Empfehlungen speziell für Kinder in der Schweiz. Bildung draussen: Fachstellen für Naturpädagogik Es gibt in der Schweiz verschiedene Institutionen, die sich mit Bildung für Nachhaltige Entwicklung und Naturpädagogik befassen. Sie bieten Materialien, Kurse und Argumentarien, die auch für interessierte Eltern spannend sein können, etwa zur Frage, wie Lernen draussen mit dem Lehrplan 21 verknüpft ist. Sicherheit Spielplätze: Unfallprävention Zur Sicherheit von Spielplätzen und Freizeitaktivitäten von Kindern informieren nationale Stellen zur Unfallprävention. Sie erläutern auch, was die Norm SN EN 1176 bedeutet und wie Spielplätze – inklusive Naturspielplätze – sicher und gleichzeitig herausfordernd gestaltet werden können.