Kind > KindergartenPflegekinder brauchen besondere Aufmerksamkeit Angela Zimmerling Pflegekinder sind verletzte Kinder. Viele haben in ihrer Herkunftsfamilie Schlimmes erlebt: Vernachlässigung, seelische oder körperliche Gewalt, manchmal auch schwere Belastungen durch Sucht oder psychische Erkrankungen der Eltern. Wenn ein Kind in eine Pflegefamilie kommt, ist deshalb besondere Aufmerksamkeit gefragt – nicht, weil «etwas nicht stimmt», sondern weil das Kind oft lernen muss, dass Beziehungen sicher sein können. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Pflegekind in Kita/Kindergarten: Was du früh klären solltest Eingewöhnung und Bindung: Warum «Ankommen» Zeit braucht Viele Pflegekinder haben wiederholte Beziehungsabbrüche oder unzuverlässige Betreuung erlebt. Das kann sich auf Bindung, Stressregulation und Verhalten auswirken – auch in der Kita oder im Kindergarten. Wichtig ist: Eine gelungene Eingewöhnung ist bei Pflegekindern häufig kein «2‑Wochen-Projekt», sondern ein Prozess mit Rückschritten. Plane deshalb mehr Zeit ein, halte Absprachen konstant und nimm Irritationen ernst, ohne sie zu dramatisieren. Eine traumasensible Grundhaltung (ruhig, vorhersehbar, beziehungsorientiert) hilft dem Kind, Sicherheit aufzubauen – und entlastet auch das Team. Trigger & Übergänge: typische Stolpersteine Übergänge (morgendliches Ankommen, Raumwechsel, Aufräumen, Abschied) sind für viele Kinder anspruchsvoll – für traumabelastete Kinder oft noch mehr. Typische Stolpersteine sind: Abschiede: Ein schneller Abschied kann bei manchen Kindern Stress senken, bei anderen löst er Panik aus. Beobachtet gemeinsam, was euer Kind braucht. Regeln und «Konsequenzen»: Strenge, drohende oder beschämende Reaktionen können alte Erfahrungen aktivieren. Besser wirken klare, kurze Regeln plus Co-Regulation («Ich bin da, wir schaffen das zusammen»). Körperkontakt: Umarmungen, Hochheben oder «tröstendes Festhalten» können sich für ein Kind bedrohlich anfühlen. Kläre, welche Formen von Nähe passend sind und welche No-Gos gelten. Datenschutz: Wer weiss was – und wie geht man mit Nachfragen um? Du darfst steuern, welche Informationen weitergegeben werden. Für den Alltag reicht oft: Was hilft dem Kind konkret (z. B. bei Übergängen, beim Essen, beim Schlafen), welche Situationen sind schwierig, welche Wörter oder Berührungen sollen vermieden werden, wer darf kontaktiert werden. Die Biografie gehört dem Kind – Details zu Herkunftsfamilie oder Platzierungsgründen müssen nicht im Team oder unter anderen Eltern «zirkulieren». Praktischer Grundsatz: So viel wie nötig für Sicherheit und Betreuung, so wenig wie möglich an persönlichen Details. Wenn es schwierig wird: Runder Tisch & Unterstützung organisieren Wenn die Situation kippt (häufige Eskalationen, Rückzug, Schlafprobleme, starke Trennungsangst, wiederkehrende Vorfälle), hilft es, früh einen «Runden Tisch» zu organisieren: Pflegeeltern, Bezugsperson Kita/Kindergarten, Leitung, je nach Fall Beistandsperson, Fachstelle und Kinderärzt:in. Ziel ist nicht Schuldzuweisung, sondern ein gemeinsamer Plan: Was beobachten wir? Was entlastet? Welche Anpassungen sind realistisch? Wie messen wir Fortschritt? Checkliste: Erstgespräch mit Kita/Kindergarten Ziele klären: «Was wäre in 4–6 Wochen ein guter Start?» Bezugsperson festlegen: Wer ist die Hauptansprechperson fürs Kind – und für dich? Übergänge planen: Ankommen/Abschied, Abholsituationen, wechselnde Betreuung. Beobachtungen teilen: Was beruhigt? Was überfordert? Welche Warnsignale gibt es? No-Gos definieren: z. B. beschämende Strafen, Drohungen, ungefragter Körperkontakt, «Festhalten» ausser bei akuter Gefahr. Kommunikation vereinbaren: Kurzer Tagesrapport? Heft/App? Wie bei Krisen? Datenschutz besprechen: Wer weiss was im Team? Wie wird auf Nachfragen anderer Eltern reagiert? Mini-Glossar Trauma: Eine überwältigende Erfahrung, bei der ein Kind sich hilflos und nicht sicher fühlt. Folgen können sich im Alltag zeigen (z. B. starke Alarmreaktionen, Rückzug), ohne dass das Kind «absichtlich schwierig» ist. Bindung: Das innere Sicherheitsgefühl in Beziehungen. Pflegekinder können Nähe gleichzeitig suchen und fürchten – beides kann zusammen auftreten. Trigger: Ein Auslöser (Geruch, Ton, Satz, Situation), der das Nervensystem an frühere Gefahr erinnert. Das Kind reagiert dann oft schneller und heftiger, als es zur aktuellen Situation passt. Satzbausteine für das Gespräch «Wir möchten, dass Übergänge sehr ruhig und vorhersehbar gestaltet werden – das hilft unserem Kind am meisten.» «Bitte sprechen Sie schwierige Situationen zuerst mit uns bzw. der Bezugsperson ab, bevor Sie grössere Massnahmen planen.» «Unser Kind reagiert sensibel auf Körperkontakt. Bitte immer zuerst fragen und Alternativen anbieten.» «Wenn es zu einer Eskalation kommt: Bitte zuerst Sicherheit herstellen, dann kurz dokumentieren, was vorausging – wir suchen gemeinsam Muster.» «Zu seiner/ihrer Vorgeschichte möchten wir im Team nur das teilen, was für Betreuung und Sicherheit nötig ist.» Pflegeeltern müssen ihrem Pflegekind viel Aufmerksamkeit schenken und ihm zeigen, dass es bei ihnen sicher aufgehoben ist. Foto: iStock, Thinkstock In der Schweiz leben nach Schätzungen der Pflegekinder-Aktion Schweiz etwa 15.000 Pflegekinder. Die Mehrheit ist bei ihren Verwandten untergebracht. Weil die Eltern nicht mehr für sie sorgen können, müssen die Kinder zu einer Pflegefamilie. Ihre Eltern haben sie vernachlässigt, seelisch oder körperlich missbraucht oder waren wegen der eigenen Suchterkrankung oder psychischer Probleme nicht in der Lage, sich um sie zu kümmern. Das hinterlässt Spuren. Viele Pflegekinder bringen Belastungsreaktionen mit, die sich als Konzentrationsprobleme, starke Unruhe, Rückzug, Schlafschwierigkeiten oder herausforderndes Verhalten zeigen können – besonders in neuen Situationen und Beziehungen. Mehr zum Thema: «Pflegeeltern wird nicht genug Gehör geschenkt» Kinder in der Pflegefamilie Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen Wie wichtig es ist, dass diesen Pflegekindern besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, betonten Expert:innen an der Fachtagung «Pflegekinder – verletzte Kinder?» der Pflegekinder-Aktion Schweiz im Dezember in Zürich. «Wir müssen die traumatisierende Geschichte der Pflegekinder anschauen», sagte Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm. Pflegeeltern sollten wissen, was das Pflegekind erlebt hat, bevor es zu ihnen kommt – nicht aus Neugier, sondern damit Betreuung, Alltag und Hilfeplanung passend gestaltet werden können. Pflegekinder leiden an Entwicklungsstörungen und psychischen Störungen Viele Pflegefamilien wissen zwar, dass ihr Pflegekind aus schwierigen Familienverhältnissen kommt. Was aber genau passiert ist, bleibt oft unklar – manchmal auch, weil Akten fehlen oder weil Informationen aus Kindesschutzgründen nicht vollständig geteilt werden. Häufig gibt es die Hoffnung, dass Geborgenheit in der neuen Familie von selbst reicht, damit ein Kind «alles vergisst». Ein sicherer Alltag ist eine starke Basis, aber er ersetzt nicht automatisch die Verarbeitung belastender Erfahrungen. Entwicklungsauffälligkeiten und psychische Belastungen können bei Pflegekindern häufiger vorkommen und sich zudem zeitversetzt zeigen – etwa dann, wenn ein Kind in der neuen Familie zur Ruhe kommt oder wenn ein Entwicklungsschritt (z. B. Eintritt in die Schule, Pubertät) neue Anforderungen bringt. «Pflegeeltern sollten geplant in das Pflegeverhältnis gehen», erklärte Jörg Fegert. Dazu gehört auch die realistische Erwartung, dass Vertrauen Zeit braucht. Viele Kinder haben unsichere Bindungserfahrungen gemacht. Es ist daher nicht ungewöhnlich, wenn Pflegekinder Nähe und Distanz gleichzeitig zeigen, Regeln testen oder starke Kontrolle über Situationen übernehmen wollen. «Es braucht Zeit, bis die Pflegekinder Vertrauen zu den Pflegeeltern fassen können», so der Psychiater. Pflegeeltern müssen sich in das Pflegekind hineindenken Die deutsche Ärztin Bettina Bonus, die seit über 20 Jahren mit frühtraumatisierten Adoptiv- und Pflegekindern und deren Familien arbeitet, forderte Pflegeeltern auf, mit den Augen des Kindes zu sehen. Die Pflegeeltern sollten symbolisch in das Kind hinein schlüpfen. «Dafür müssen sich Eltern von all ihrem Wissen über Psychologie oder Erziehung befreien», sagte sie. Nur so könnten sie nachvollziehen, wie sich das Kind fühlt – besonders dann, wenn Verhalten auf den ersten Blick «unlogisch» wirkt, das Nervensystem des Kindes aber gerade Alarm meldet. Pflegekinder sind oft von ihren leiblichen Eltern verletzt worden. Es ist wichtig, dass sie wieder Selbstvertrauen bekommen. Das gelingt häufig über viele kleine, wiederholte Erfahrungen von Sicherheit: verlässliche Tagesstruktur, klare und faire Regeln, feinfühlige Begleitung bei Stress, und echte Beziehung im Alltag. «Es reicht nicht, das Kind im Herzen zu lieben. Man muss die Liebe zeigen.» Pflegekinder brauchen also besondere Aufmerksamkeit: Sie brauchen einen strukturierten Alltag, sie müssen immer wieder gelobt und in den Arm genommen werden – wenn Körpernähe für sie stimmig ist. Manche Kinder brauchen statt Umarmungen zunächst andere Zeichen von Zuwendung (z. B. gemeinsam etwas tun, Nähe ohne Berührung, ein ruhiger Platz, eine feste Einschlafroutine). Bis diese Mühe der Pflegeeltern Früchte trägt, kann es lange dauern. Das kann auch der Psychiater Jörg Fegert bestätigen: «Man kann nicht erwarten, dass stark traumatisierte Pflegekinder normale Kinder werden, wenn sie in die Pflegefamilie kommen. Aber die Pflegefamilie kann sehr viel helfen.» Viele Pflegekinder haben Missbrauch oder Vernachlässigung erlebt und sind traumatisiert. Foto: © Eléonore H - Fotolia.com Aber nicht nur Pflegeeltern müssen sich Mühe geben. Auch Fachpersonen sind gefordert. «Die Voraussetzung für die Überwindung einer Traumatisierung ist eine stabile Betreuungssituation und weil das nicht ausreicht, ist auch eine Psychotraumatherapie für Kinder nötig», erklärte der Fachpsychologe für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie Ulrich Zingg aus Bolligen. Zu einer Therapie gehört die psychische Stabilisierung der Kinder, die Beratung der Pflegeeltern und die Traumakonfrontation. Ohne gute Betreuung und fachgerechte Therapie sei die ganze Gesundheit des Kindes gefährdet, sagte Ulrich Zingg. Der Psychiater Jörg Fegert formulierte zudem die Forderung, dass Profis, wie Ärzt:innen und Therapeut:innen, die Lebensgeschichte der Kinder aufbereiten sollten. Nur so könnten Pflegekinder ihre eigene Biografie nachvollziehen. Das sei enorm wichtig – und kann je nach Alter auch helfen, Scham und Selbstvorwürfe zu reduzieren («Ich war nicht schuld»).