Kind > KleinkindErmutigen statt Schimpfen: So stärkst du das Selbstwertgefühl deines KindesAlle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Auch dann, wenn sie drohen oder strafen. Du willst dein Kind fürs Leben vorbereiten, es in der Schule unterstützen und es zu einem sozialen Menschen begleiten. Die Erfahrung zeigt jedoch: Drohen, Belehren und Strafen funktionieren meist nur kurzfristig – und können langfristig Beziehung und Selbstwert belasten. Ein Gastbeitrag von Familiencoach Karin Zink. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Ermutigten Kindern wachsen Flügel. Bild: iStock Was ist das Beste für das Kind? Durch die Geborgenheit, die du deinem Kind gibst, entwickelt es Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihm helfen, das Leben gut zu meistern. Ihm wachsen «Flügel», die auf einem guten, stabilen Selbstwertgefühl aufbauen. Dein Kind spürt: So wie ich bin, bin ich gut genug. Ich gehöre dazu, ich habe meinen Platz – auch wenn ich mich manchmal «schwierig» verhalte. Ermutigen heisst deshalb auch, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das Wir-Gefühl zu stärken. Dabei stellt sich die Frage: Wie genau verhalten sich Erwachsene, wenn sich Kinder bei ihnen wohl fühlen, sich anvertrauen und bereit sind, Neues zu lernen? Meine Erfahrungen und Beobachtungen sind dabei folgende: Diese Eltern nehmen sich Zeit für ihr Kind. Sie haben Geduld, mit sich und dem Kind Sie sprechen mit freundlicher Stimme. Sie geben Geborgenheit. Sie sehen das Gute in ihrem Kind. Sie haben einen freundlichen Blick. Sie hören aufmerksam zu. Alles Fähigkeiten, die du als Elternteil wirklich gut üben kannst. Ermutigen statt Loben Ein Beispiel aus meinem Alltag: Meine Tochter, sie ist 5 Jahre alt, malt ein Bild. Sie zeigt es mir. «Toll, super, gut gemacht.“, sage ich. Meine Tochter wird gelobt. Mein Sohn, er ist 7 Jahre alt zeigt mir auch ein gemaltes Bild. Es zeigt einen Menschen. «Oh, wen hast du da gemalt? Bist du das? Du siehst fröhlich aus, mit diesem lachenden Mund.» Mein Sohn spürt mein ehrliches Interesse an seinem Bild. Zwischen Lob und Ermutigung gibt es einen deutlichen Unterschied. In der heutigen Zeit werden Kinder für fast alles, was sie machen, gelobt. Lob ist eine Beurteilung in Worten: Gelobt wird etwas, das ich in meinem Bewertungssystem gut finde. Loben ist nicht verkehrt. Hilfreich ist aber, wenn dir bewusst ist: Viel Lob kann Kinder daran gewöhnen, ständig Rückmeldung von aussen zu brauchen. Dann fühlt sich etwas ohne Lob schnell «weniger wert» an. Wenn du eine ermutigende Haltung einnimmst, unterstützt du dein Kind dabei, eigenständig und selbstständig zu werden. Du traust ihm zu, Fähigkeiten zu entwickeln, um sein Leben verantwortungsbewusst zu meistern. Ermutigung bei Kleinkindern: ganz konkret Gerade zwischen 2 und 4 Jahren sind Kinder in einer Phase, in der sie vieles zum ersten Mal können wollen: anziehen, klettern, teilen, «selber!» sagen, Gefühle ausdrücken. Gleichzeitig ist die Impulskontrolle noch in Entwicklung, Frust ist gross, und Sprache reicht oft noch nicht, um Konflikte gut zu lösen. Ermutigung bedeutet in diesem Alter vor allem: Verbindung halten, Gefühle benennen, und Handlungsoptionen anbieten – ohne dein Kind zu «pushen» oder zu beschämen. Kinder lernen Selbststeuerung und soziale Kompetenz besonders gut in einem verlässlichen, wertschätzenden Miteinander. Mini-Tabelle: Lob vs. Ermutigung (mit Kleinkind-Beispielen) Du kannst dir als Faustregel merken: Lob bewertet, Ermutigung beschreibt und stärkt das innere Erleben («Ich kann das», «Ich werde gesehen»). Situation Lob (bewertend) Ermutigung (beziehungs- und prozessorientiert) Dein Kind stapelt Klötze «Super gemacht!» «Du hast so lange probiert, bis der Turm steht.» Es zieht sich an «Toll, du bist so brav!» «Du hast den Ärmel selber gefunden. Soll ich kurz halten oder willst du nochmals versuchen?» Es räumt mit auf «Du bist ein gutes Kind!» «Danke, du hast die Autos in die Kiste gelegt. Jetzt ist wieder Platz zum Spielen.» Es ist wütend «Sei lieb, hör auf zu weinen.» «Du bist richtig wütend. Ich bin da. Wir atmen zusammen, dann schauen wir, was du brauchst.» 12 Beispielsätze für 2–4-Jährige Kleinkinder profitieren von kurzen, konkreten Sätzen. Sie geben Halt, ohne zu kontrollieren. Hier sind Formulierungen, die du sofort im Alltag nutzen kannst: «Zeig mir deinen Plan.» «Du übst gerade – das ist nicht einfach.» «Ich sehe, du probierst es nochmals.» «Willst du es alleine versuchen oder soll ich kurz helfen?» «Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du haust. Ich helfe dir.» «Du bist wütend. Ich bin da.» «Dein Körper braucht eine Pause. Komm, wir setzen uns kurz.» «Du darfst traurig sein. Magst du eine Umarmung?» «Danke, dass du mir zugehört hast.» «Das hat nicht geklappt. Was machen wir als Nächstes?» «Du hast dich getraut, es zu sagen.» «Wir gehören zusammen – auch wenn es gerade schwierig ist.» Wichtig: Ermutigung ist keine «Technik», die immer sofort Wirkung zeigt. Sie ist eine Haltung, die sich über viele kleine Momente aufbaut. Wie viel Lob ist zu viel? Lob ist nicht «verboten». Entscheidend ist, wie und wofür du lobst. Wenn Lob sehr häufig, sehr allgemein («Du bist so toll!») oder an Bedingungen geknüpft ist («Nur wenn du brav bist, freue ich mich»), kann das bei manchen Kindern Druck erzeugen: Sie orientieren sich dann stark daran, Erwartungen zu erfüllen, statt sich selbst wahrzunehmen. Entwicklungspsychologisch wird in der Forschung seit Jahren betont, dass ein Fokus auf Anstrengung, Strategie und Lernprozess («Du hast lange geübt») eher ein Lern- und Durchhalteklima unterstützt als ein Fokus auf feste Eigenschaften («Du bist so schlau»). Praktisch hilft dir diese Balance: Weniger «Etiketten» («brav», «genial») und mehr Beobachtung («Du hast … gemacht»). Weniger Vergleich («besser als …») und mehr Selbstbezug («Heute ging es schon leichter als gestern»). Weniger Dauer-Lob und mehr echte Aufmerksamkeit: zuhören, nachfragen, gemeinsam staunen. Wenn du dazu eine leicht verständliche, alltagsnahe Ergänzung suchst: Der Artikel «Kinder richtig loben» auf swissmom erklärt den Unterschied zwischen «bewertendem Lob» und stärkender Rückmeldung sehr praxisnah. Konflikte am Spielplatz: stärken ohne zu dominieren Spielplatzkonflikte sind für viele Eltern besonders herausfordernd: Du willst dein Kind schützen, gleichzeitig soll es selbst sozial kompetent werden. Ermutigung heisst hier: Du übernimmst nicht den Konflikt, aber du lässt dein Kind auch nicht allein damit. Du wirst zur «Brücke» für Sprache und Grenzen. Mini-Skript (in 30 Sekunden) Stoppen & Sicherheit: «Stopp. Ich lasse nicht zu, dass geschubst wird.» Gefühl benennen: «Du wolltest auch rutschen und bist wütend.» Wunsch in Worte bringen: «Ich helfe dir, Worte zu finden: ‹Ich will auch. Ich bin dran nach dir.›» Option anbieten: «Willst du warten oder zuerst schaukeln?» Nachbesprechen (kurz): «Das war schwierig. Du hast es geschafft zu warten / zu sagen, was du willst.» So stärkst du dein Kind, ohne es zu «überfahren». Und du modellierst genau das, was Kleinkinder erst lernen: Grenzen, Sprache und Perspektivübernahme. «Repair»: Nach dem Schimpfen wieder gutmachen Auch die feinfühligsten Eltern schimpfen manchmal. Entscheidend ist nicht, ob es passiert – sondern was danach kommt. In der Bindungs- und Emotionsforschung gilt «Repair» (Wieder-Verbindung herstellen) als zentral: Kinder erleben, dass Konflikte sicher gelöst werden können und Beziehung belastbar ist. Das unterstützt emotionale Sicherheit und Selbstwert. So kann «Repair» aussehen, ohne Drama und ohne dich kleinzumachen: Kurzer Stopp: «Ich war gerade zu laut.» Verantwortung übernehmen: «Das war mein Fehler. Du hast das nicht verdient.» Bedürfnis dahinter nennen: «Ich war gestresst und wollte, dass es schneller geht.» Neu starten: «Komm, wir versuchen es nochmals. Ich sage es dir ruhig.» Verbindung anbieten: «Willst du eine Umarmung oder kurz Abstand?» Wichtig: «Repair» ersetzt keine Grenzen. Du kannst klar bleiben und gleichzeitig respektvoll. Ihr Kind besser verstehen lernen: 5 Wege zur Ermutigung Das Buch «Die 5 Sprachen der Liebe für Kinder» von Gary Chapman und Roos Campbell kann eine Hilfe sein, dein Kind besser zu verstehen und es auf verschiedene Weise zu ermutigen. Jeder Mensch spricht nach Chapman eine oder mehrere Liebessprachen. Welche dein Kind spricht, gilt es herauszufinden, um ihm besser antworten zu können. 1. Sprache der Liebe: Lob und Anerkennung Worte der Zuneigung, des Lobes, der Ermutigung sagen dem Kind: «Du bist mir wichtig». Sie sind Balsam für die Kinderseele. Solche Worte sind schnell gesagt, bleiben aber lange im Gedächtnis. Ein Kind spürt, ob ein solches Wort der Anerkennung ernst gemeint ist. Ein Lob ist, wie oben bereits erwähnt, eine Anerkennung für eine besondere Leistung oder positive Verhaltensweise. Du hast es in der Hand, ob du dein Kind mit deinen Worten er-mutigst oder ent-mutigst. 2. Sprache der Liebe: Zweisamkeit Wenn der «Liebestank» des Kindes leer ist und er speziell mit gemeinsamer Zeit gefüllt werden kann, setzt das Kind all seine Phantasie ein, um seine Bedürfnisse gestillt zu bekommen. Einige Kinder fühlen sich geliebt, wenn sie ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen. In dieser Liebessprache kommt es nicht in erster Linie darauf an, was ihr zusammen macht. Wichtiger ist die Qualität der gemeinsamen Zeit. 3. Sprache der Liebe: Geschenke «Was wäre dir lieber, wenn ich dir beim Fussballspiel zuschauen komme, oder dir ein T-Shirt kaufe?». Wenn die Liebessprache «Geschenke» ist, wird die Antwort klar auf das T-Shirt fallen. Wenn wir unsere Kinder beschenken, kann schon das Auspacken grosse Freude bereiten. Das Geschenk ist Zeichen unserer Zuneigung. 4. Sprache der Liebe: Hilfsbereitschaft Hier geht es darum, dem Kind Hilfe anzubieten, wo sie nötig ist. Wenn du dein Kind in einer Haltung des Vertrauens in sein eigenes Tun unterstützt, befähigst du es dazu, zu reifen und zu einem verantwortungsbewussten Menschen heranzuwachsen. Dein Kind muss selber Hilfe und Unterstützung erfahren – nur so lernen Kinder, Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. 5.Sprache der Liebe: Körperkontakt Vor allem kleine Kinder wollen gehalten, gestreichelt und liebkost werden. Sie sind gerne im Körperkontakt. Es gibt Kinder, deren Liebesprache der Körperkontakt ist. Solche Kinder brauchen besonders Zärtlichkeit und Körperkontakt. Eine liebevolle Umarmung bei Jungen oder Mädchen beeinflusst die Stimmung wesentlich. Es ist schwierig, die Liebessprachen des Kindes während der ersten fünf Jahre zu erkennen. In dieser ersten Zeit ist es wichtig, alle Liebessprachen mit deinem Kind zu leben und es zu ermutigen. Freue dich über dein Kind und zeige diese Freude in deinem Alltag. Zur Gastautorin In ihrer Praxis an der oberen Breitenstrasse 14, 8717 Benken berät Karin Zink Familien zu Erziehungs- und Familienfragen. Im STEP-Elterntraining und im Familienkonferenz-Seminar unterstützt Sie Eltern in ihren Ressourcen und ermutigt sie, neue Schritte zu gehen. karin-zink.ch