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Schulsystem Schweiz: Vom Kindergarten bis zum Abschluss – alle Schulformen im Überblick

Wenn dein Kind in die Schule kommt oder der Wechsel in eine neue Stufe ansteht, tauchen schnell viele Fragen auf: Welche Schulformen gibt es in der Schweiz? Was bedeutet Sek A oder EBA – und welche Wege stehen danach offen? Dieser Artikel führt dich Schritt für Schritt durch das Schweizer Schulsystem – vom Kindergarten bis zu den verschiedenen Abschlüssen – und zeigt dir, worauf du als Mutter oder Vater im Alltag achten kannst, ohne dich im Fachjargon zu verlieren.

Drei Kinder stehen bei dem Lehrer und diskutieren mit ihm
Das Schweizer Schulsystem ist vielfältig und durchlässig © FG Trade / Getty Images

So ist das Schweizer Schulsystem aufgebaut

Obligatorische Schule in Kürze

Die Schweiz kennt eine obligatorische Schulzeit von in der Regel 11 Jahren. Sie gliedert sich in:

Kindergarten / Eingangsstufe: meistens 2 Jahre
Primarstufe: rund 6 Jahre (inklusive der zwei Kindergartenjahre je nach Kanton) oder 6 Jahre Primarschule nach 2 Jahren Kindergarten, je nach Zählweise im Kanton
Sekundarstufe I: rund 3 Jahre (Sekundarschule, Realschule, Bezirks-/Oberschule o.ä.)

In allen Kantonen gilt eine Bildungspflicht. Das heisst: Jedes Kind muss während dieser Zeit eine Form von Schule besuchen – in der Regel die öffentliche Schule am Wohnort. Die Zuteilung erfolgt normalerweise über den Schulsprengel; ein Wechsel in eine andere öffentliche Schule oder eine Privatschule ist möglich, aber meist mit Gesuch, Gespräch und teilweise mit Kosten verbunden.

Wichtig zu wissen: Bildung ist in der Schweiz kantonal geregelt. Die Grundstruktur ist überall ähnlich, aber Bezeichnungen, Dauer und Übertrittsregeln können sich von Kanton zu Kanton unterscheiden. Für ganz konkrete Fragen lohnt sich deshalb immer ein Blick auf die Website deines Kantons oder der Gemeinde.

Sekundarstufe II und Tertiärstufe – nur das Nötigste

Nach der obligatorischen Schule, also nach der Sekundarstufe I, beginnt die Sekundarstufe II. Sie umfasst vor allem:

Berufliche Grundbildung (Lehre) mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) oder eidgenössischem Berufsattest (EBA).
Gymnasium (Lang- oder Kurzgymnasium) mit dem Abschluss der gymnasialen Maturität.
Fachmittelschulen (FMS) oder Handelsmittelschulen bzw. andere schulische Maturitätswege.

Nach der Sekundarstufe II folgt die Tertiärstufe: Hochschulen (Universitäten, ETH, Fachhochschulen, Pädagogische Hochschulen) und höhere Berufsbildung (z.B. Höhere Fachschulen, eidgenössische Fachausweise). Für Details zu diesen Stufen lohnt sich eine vertiefte Übersicht im spezialisierten Bildungssystem-Artikel – hier fokussieren wir auf das, was für dich als Mutter oder Vater von Primar- und Sek-I-Kindern im Alltag relevant ist.

Primarstufe: Kindergarten und Primarschule

Kindergarten – Spiel, Schule und Stichtage

Der Kindergarten ist in der Schweiz Teil der obligatorischen Schule. Die meisten Kinder besuchen zwei Jahre Kindergarten. Er ist eine Übergangsstufe zwischen Familie und Schule: Es wird viel gespielt, ausprobiert und beobachtet, gleichzeitig werden erste schulische und soziale Grundlagen gelegt.

Typische Ziele des Kindergartens sind:

• Entwicklung der Sprache (Wortschatz, Erzählen, Zuhören)
• Förderung der Motorik (Bewegung, Basteln, Malen, Schreiben vorbereiten)
• Stärkung der sozialen Kompetenzen (Teilen, Konflikte lösen, sich in einer Gruppe bewegen)
• erste Erfahrungen mit Zahlen, Formen, Natur, Musik
• Aufbau von Lernfreude und Selbstvertrauen

Der Eintritt in den Kindergarten ist an kantonale Stichtage gebunden (z.B. Alter am 31. Juli oder 31. Dezember). Das bedeutet: Ab einem bestimmten Geburtsdatum gehört dein Kind automatisch zum neuen Kindergartenjahrgang. Rund um den Stichtag gibt es häufig Diskussionen, ob ein Kind «schon reif» für den Kindergarten ist oder ob eine Verschiebung (Rückstellung) sinnvoll wäre.

Fachgesellschaften wie die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie betonen, dass Schul- bzw. Kindergartenreife mehr ist als nur das Alter. Entscheidend sind:

• körperliche Entwicklung (z.B. Ausdauer, Sehkraft, Gehör)
• emotionale Stabilität und Selbstregulation
• sprachliche Kompetenzen
• soziale Fähigkeiten (z.B. Ablösung von den Eltern, Umgang mit anderen Kindern)
• Interesse an neuen Aufgaben und an der Umwelt

Wenn du unsicher bist, ob dein Kind «bereit» ist, kannst du frühzeitig mit der Kinderärzt:in oder Lehrperson der Eingangsstufe sprechen. Studien zur Schulreife zeigen, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schule und Medizin hilft, individuelle Lösungen zu finden, statt nur nach dem Kalender zu entscheiden (Pädiatrie Schweiz, 2021).

Primarschule – Grundlagen für alle

In der Primarschule (zumeist 1.–6. Klasse) legen Kinder die Basis für ihre gesamte weitere Bildungslaufbahn. Im Fokus stehen vor allem:

Lesen, Schreiben, Rechnen
• mindestens eine Fremdsprache (je nach Kanton Englisch und/oder eine andere Landessprache)
Realienfächer wie Natur, Mensch, Gesellschaft
Musik, Gestalten, Bewegung und Sport
• zunehmend auch Medien- und Informatikkompetenzen

Die wichtigsten Kompetenzen sind nicht nur Faktenwissen, sondern Grundfähigkeiten wie Lernen lernen, sich konzentrieren, mit Rückmeldungen umgehen und in Gruppen arbeiten. Bildungsforschung im DACH-Raum zeigt klar: Gute Grundkompetenzen in Lesen und Mathematik sind ein starker Schutzfaktor für spätere Bildungschancen, unabhängig vom gewählten Weg (z.B. Gymnasium oder Lehre).

Die Beurteilung erfolgt kantonal unterschiedlich – oft mit Noten ab einem bestimmten Schuljahr, kombiniert mit Lernberichten oder Beurteilungsrastern. Wichtig für dich als Mutter oder Vater sind vor allem die Eltern-Lehrpersonen-Gespräche:

• Nutze sie, um dir ein konkretes Bild zu machen: Welche Stärken zeigt dein Kind? Wo gibt es Stolpersteine?
• Bitte um Beispiele (Heft, Aufgaben), statt nur Noten zu betrachten.
• Erkundige dich nach Unterstützungsangeboten (Förderunterricht, Logopädie, integrative Förderung), wenn etwas schwer fällt.
• Teile auch deine Sicht: Wie erlebt ihr das Lernen zu Hause? Wie geht es deinem Kind emotional?

Entwicklungspsychologische Forschung zeigt, dass Kinder, deren Eltern mit den Lehrpersonen im regelmässigen, konstruktiven Austausch stehen und zu Hause eine lernfreundliche Atmosphäre schaffen, langfristig deutlich profitieren – unabhängig von Bildungsabschluss der Eltern.

Sekundarstufe I: Sek-Modelle und Schulniveaus

Drei Modelle – drei Wege: integrierte, kooperative und getrennte Sek

In der Sekundarstufe I (meist 7.–9. Schuljahr) werden die Lernvoraussetzungen der Jugendlichen stärker berücksichtigt. Die Kantone nutzen dafür drei Grundmodelle:

1. Integrierte Sekundarschule
Alle Jugendlichen besuchen formal dieselbe Schule, werden aber in bestimmten Fächern (z.B. Mathematik, Sprachen) in Niveaus eingeteilt. Beispiel: Ein Kind kann im Niveau «hoch» in Mathematik, aber im Niveau «grundlegend» in Deutsch sein. Die Klassen sind durchmischt, und es gibt je nach Kanton unterschiedliche Bezeichnungen (z.B. Sekundarschule mit Niveaugruppen).

2. Kooperative Sekundarschule
Es gibt verschiedene Abteilungen (Niveaus) in derselben Schule, etwa «Sek A» und «Sek B». Die Klassen sind innerhalb der Abteilung gebildet, aber für einzelne Fächer kann es Durchmischungen oder Kurse in anderen Niveaus geben. Der Kontakt zwischen den Niveaus bleibt relativ eng.

3. Getrennte Sekundarschule
Unterschiedliche Stufen (z.B. Realschule, Sekundarschule, Bezirksschule) sind oft sogar in getrennten Schulhäusern organisiert. Ein Wechsel ist möglich, aber meist an bestimmte Bedingungen (Noten, Empfehlung, Aufnahmeverfahren) geknüpft.

In allen Modellen spielt die Niveaudifferenzierung eine wichtige Rolle. Niveaufächer (z.B. Mathematik, Sprachen, teilweise Naturwissenschaften) sollen ermöglichen, dass Jugendliche weder über- noch unterfordert sind. Bildungsforschung zeigt, dass gut umgesetzte Niveaus die Lernmotivation stärken können – vorausgesetzt, Wechsel nach oben oder unten sind real möglich und die Lehrpersonen arbeiten eng mit den Jugendlichen und Eltern zusammen.

Was Sek A, Sek B, Real, Bez und Co. bedeuten

Die Bezeichnungen unterscheiden sich je nach Kanton. Einige Beispiele (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, da Kantone ihre Modelle weiterentwickeln):

Kanton Zürich (ZH)
Sek A: anspruchsvolleres Niveau, öffnet typischerweise viele Wege in EFZ-Lehren mit Berufsmaturität, Fachmittelschulen und teilweise Kurzgymnasium (über Aufnahmeprüfung).
Sek B: auf grundlegende Anforderungen ausgerichtet, führt häufig in EFZ- oder EBA-Lehren; weitere Wege sind über Brückenangebote und Berufsmaturität möglich.

Kanton Bern (BE)
Realschule: eher praxisorientiertes Niveau, zielt vor allem auf berufliche Grundbildung (EFZ/EBA) ab.
Sekundarschule: anspruchsvoller, mit guten Anschlussmöglichkeiten an EFZ-Lehren, Fachmittelschulen und Berufsmaturität.

Kanton Aargau (AG)
Realschule: grundlegendes Anforderungsniveau.
Sekundarschule: mittleres Niveau.
Bezirksschule: anspruchsvolles Niveau, typischer Vorbereitungsweg auf das Kurzgymnasium und andere weiterführende Schulen.

Kanton Waadt (VD)
• Niveaus werden oft mit «Voie prégymnasiale» (anspruchsvoller, gymnasialvorbereitender Weg) und «Voie générale» oder «voie secondaire à exigences élémentaires» bezeichnet. Anschlusswege reichen von Gymnasium über Fachmittelschule bis zu beruflicher Grundbildung.

Kanton Tessin (TI)
• Die Sekundarstufe I (Scuola media) kennt unterschiedliche Leistungszüge v.a. in Sprachen und Mathematik. Danach folgen Berufsbildung, Liceo (Gymnasium) oder andere schulische Wege.

Wichtig ist: Kein Niveau legt den weiteren Lebensweg für immer fest. Die Schweiz gilt international als sehr durchlässiges Bildungssystem. Das heisst, dein Kind kann:

• von einem niedrigeren in ein höheres Niveau wechseln, wenn sich Leistungen und Motivation entwickeln,
• nach einer Lehre über Berufsmaturität und Passerelle an eine Fachhochschule oder Universität gelangen,
• über Brückenangebote fehlende Voraussetzungen nachholen.

Übertritt von der Primar in die Sek – wer entscheidet was?

Der Übergang von der Primarstufe in die Sekundarstufe I ist für viele Familien emotional. Die grundlegenden Mechanismen sind ähnlich, auch wenn die Details kantonal variieren:

Beurteilung durch die Lehrpersonen: Noten, Lernentwicklung, Arbeits- und Sozialverhalten.
Kantonale Richtlinien: definieren, welche Notendurchschnitte oder Kriterien für bestimmte Niveaus oder Schularten nötig sind.
Mitwirkung der Eltern: Gespräche, in denen Lehrperson und Eltern die Empfehlung und Wünsche besprechen.
Prüfungen: In einigen Kantonen gibt es Aufnahmeprüfungen für bestimmte Sek-Stufen oder für das Gymnasium.

Was kannst du als Mutter oder Vater realistisch beeinflussen?

• Du kannst dein Kind im Alltag unterstützen: regelmässige Lernzeiten, ruhiger Arbeitsplatz, Ermutigung, Hilfe beim Organisieren von Hausaufgaben.
• Du kannst im Gespräch mit Lehrpersonen frühzeitig nachfragen, wenn du Veränderungen siehst oder andere Einschätzungen hast.
• Du kannst bei Unklarheiten eine zweite Meinung (z.B. schulpsychologischer Dienst, Berufsberatung) einholen.

Grenzen deiner Einflussmöglichkeiten liegen dort, wo kantonale Vorgaben und Noten klare Grenzen setzen. Auch wenn es schwer ist: Versuche, den Übertritt nicht als «Endgültig-Entweder-Oder» (z.B. Gymnasium oder «Misserfolg») zu sehen. Studien zu Schweizer Bildungsverläufen zeigen, dass viele Jugendliche Umwege und spätere Aufstiege machen – entscheidend ist, dass sie sich gesehen und unterstützt fühlen.

Sekundarstufe II: Gymnasium, Berufslehre, Fachmittelschule

Gymnasium (Lang- und Kurzgymi)

Das Gymnasium ist ein schulischer Weg, der zur gymnasialen Maturität führt. Sie eröffnet direkt den Zugang zu Universitäten, ETH und Pädagogischen Hochschulen (teilweise mit zusätzlichen Zulassungsbedingungen, je nach Studiengang).

Man unterscheidet:

Langgymnasium: Eintritt in der Regel nach der 6. Primarklasse (je nach Kanton auch ab 5.). Dauer: meist 6 Jahre.
Kurzgymnasium: Eintritt nach der Sekundarstufe I (z.B. nach 2–3 Jahren Sek). Dauer: meist 3–4 Jahre.

Die Aufnahmeverfahren unterscheiden sich kantonal:

• In einigen Kantonen braucht es eine Empfehlung der Primar- bzw. Sek-Lehrperson plus eine Aufnahmeprüfung.
• Anderswo ist die Prüfung entscheidend, ergänzt durch Noten oder Beurteilungen.
• Die Prüfungen testen meist Deutsch (oder Unterrichtssprache), Mathematik und teilweise eine Fremdsprache.

Das Gymnasium verlangt von Jugendlichen eine hohe theoretische Lernbereitschaft, Selbstorganisation und Ausdauer. Wenn du unsicher bist, ob dieser Weg passt, helfen Fragen wie:

• Lernt mein Kind gerne und selbstständig, auch ohne unmittelbare Praxisbezüge?
• Kann es gut mit Leistungsdruck und Prüfungen umgehen?
• Hat es Freude an Sprachen, Literatur, Geschichte oder Naturwissenschaften?

Studien der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren zeigen, dass Leistung, Motivation und Unterstützung durch Eltern und Schule zusammen wichtiger sind als «Perfektion» in allen Fächern. Scheitert der erste Anlauf ins Gymnasium, gibt es später oft eine zweite Chance über Kurzgymnasium, Berufsmaturität oder Passerelle.

Berufliche Grundbildung – die Lehre EFZ und EBA

Die berufliche Grundbildung ist ein Herzstück des Schweizer Bildungssystems. Rund zwei Drittel der Jugendlichen wählen nach der obligatorischen Schule eine Lehre. Dieses duale System verbindet Praxis im Betrieb mit schulischem Lernen.

Es gibt zwei Hauptabschlüsse:

EFZ (eidgenössisches Fähigkeitszeugnis): Dauer in der Regel 3–4 Jahre. Es qualifiziert für einen anerkannten Beruf (z.B. Polymechaniker:in, Fachfrau Gesundheit, Informatiker:in).
EBA (eidgenössisches Berufsattest): Dauer meist 2 Jahre. Es richtet sich an Jugendliche, die mehr Zeit für schulische Anforderungen brauchen oder praktischer orientiert sind. Es ermöglicht den Einstieg in zahlreiche Berufsfelder.

Während der Lehre schliessen Jugendliche einen Lehrvertrag ab, besuchen 1–2 Tage pro Woche die Berufsfachschule und absolvieren den Rest im Betrieb. Dazu kommen überbetriebliche Kurse. Forschung zu Berufsbildungssystemen zeigt, dass dieses Modell hohe Beschäftigungsquoten und gute Übergänge in den Arbeitsmarkt ermöglicht (ETH Zürich, 2021).

Wichtig für die Durchlässigkeit:

• Nach einer EBA-Lehre kann bei guten Leistungen eine Anschlusslehre EFZ in verwandten Berufen absolviert werden.
• Während oder nach einer EFZ-Lehre besteht die Möglichkeit, eine Berufsmaturität (BM) zu machen (berufsbegleitend oder im Vollzeitjahr), die den direkten Zugang zu Fachhochschulen ermöglicht.
• Mit EFZ und BM kann über die sogenannte Passerelle der Zugang zu Universitäten und ETH erreicht werden.

Für dich heisst das: Lehre oder Gymnasium ist kein endgültiges Entweder-oder. Beide Wege können später zu Hochschulen führen – mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Geschwindigkeiten.

Fachmittelschule und weitere schulische Wege

Die Fachmittelschule (FMS) ist ein schulischer Weg der Sekundarstufe II, der auf bestimmte Berufsfelder vorbereitet. Typische Schwerpunkte sind:

Gesundheit (z.B. Pflegeberufe, Therapieberufe)
Pädagogik (z.B. Kindheitspädagogik, schulische Berufe)
Soziales (z.B. Sozialpädagogik, Sozialarbeit)
• teilweise auch Gestaltung, Musik oder Kommunikation

Nach 3 Jahren FMS schliessen die Jugendlichen mit einem Fachmittelschulausweis ab. Mit einer zusätzlichen einjährigen Vertiefung und einer Fachmaturität erhalten sie Zugang zu entsprechenden Fachhochschul-Studiengängen oder Pädagogischen Hochschulen (je nach Fachrichtung und Kanton).

Daneben gibt es Handelsmittelschulen (HMS) oder andere Wirtschaftsmittelschulen, die kaufmännische Kompetenzen mit einer kaufmännischen Berufsmaturität verbinden. Diese Wege richten sich an Jugendliche, die lieber schulisch lernen, aber klar berufsfeldorientiert denken.

Brückenangebote und zweite Chancen

10. Schuljahr, Vorlehre und Zwischenlösungen

Nicht alle Jugendlichen finden direkt nach der obligatorischen Schule eine passende Lehrstelle oder schulische Anschlusslösung. Hier kommen Brückenangebote ins Spiel. Sie sollen helfen, Lücken zu schliessen und den Übergang vorzubereiten.

Typische Angebote sind:

10. Schuljahr: Vertiefung der schulischen Grundlagen, Berufswahlvorbereitung, oft kombiniert mit Praktika.
Vorlehre / Integrationsvorlehre: Kombination von Praxistagen in einem Betrieb und Schultagen, besonders auch für Jugendliche mit Migrationshintergrund oder verstärktem Förderbedarf.
Motivationssemester (kantonale oder nationale Programme): Begleitung bei der Stellensuche, Stabilisierung der Lebenssituation, Coaching.

Ziel dieser Angebote ist nicht, Jugendliche «zu parken», sondern Unterstützung in einer sensiblen Phase zu bieten. Studien zur Übergangsforschung zeigen, dass gezielte Brückenangebote Abbrüche reduzieren und die Chancen auf einen stabilen Einstieg in die berufliche Grundbildung erhöhen.

Späterer Wechsel der Bildungswege

Das Schweizer Bildungssystem ist bewusst so gebaut, dass zweite Chancen möglich sind. Einige Beispiele:

• Nach einer Lehre EFZ kannst du dein Kind ermutigen, bei Interesse eine Berufsmaturität zu machen – entweder parallel zur Lehre oder danach. Mit BM sind Fachhochschulen zugänglich.
• Wer nach EFZ und BM an eine Universität oder ETH möchte, kann die Passerelle absolvieren – eine Zusatzprüfung, die die Gleichwertigkeit mit der gymnasialen Maturität herstellt.
• Jugendliche aus der Fachmittelschule können – je nach Leistung und kantonalen Regelungen – ins Gymnasium wechseln oder in eine Lehre eintreten.
• Umgekehrt können Gymnasiast:innen, die abbrechen, in eine Lehre, eine FMS oder ein Brückenangebot wechseln.

Für dich als Mutter oder Vater bedeutet das: Auch wenn ein Weg nicht so verläuft wie erhofft, ist es selten «zu spät». Entscheidend ist, gemeinsam mit deinem Kind realistisch, aber zuversichtlich zu planen – und bei Bedarf Fachstellen einzubeziehen.

Wie finden wir den passenden Weg für unser Kind?

Kriterien: Kind, Familie, Perspektiven

Es gibt nicht «den besten» Weg, sondern den Weg, der zu deinem Kind und eurer Situation passt. Diese Fragen können euch helfen, eine Entscheidung vorzubereiten:

Stärken und Interessen: Worin geht dein Kind auf – Sprachen, Technik, Menschen, Natur, Kreatives? Was gelingt ihm auch dann, wenn es anstrengend wird?
Lernstil: Lernt es lieber praktisch (durch Ausprobieren) oder theoretisch (durch Lesen, Erklären, Diskutieren)? Wie gut kann es sich konzentrieren?
Belastbarkeit: Wie geht dein Kind mit Druck um? Wie reagiert es auf Tests und Noten? Braucht es eher kleinere Schritte oder mag es Herausforderungen?
Soziale Situation: Gibt es besondere Belastungen (Krankheit in der Familie, Umzug, finanzielle Sorgen), die mitberücksichtigt werden sollten?
Finanzielle Rahmenbedingungen: Reicht eine Lehre mit Lohn vielleicht besser zur Entlastung der Familie oder ist auch ein längerer schulischer Weg gut tragbar?

Versuche, mit deinem Kind im Gespräch zu bleiben – nicht nur über Noten, sondern über Gefühle, Wünsche und Ängste. Psychologische Studien betonen, dass Jugendliche, die sich ernst genommen und unterstützt fühlen, eher durchhalten und Verantwortung für ihren Weg übernehmen.

Unterstützungsangebote für Eltern und Jugendliche

Du musst diese Entscheidungen nicht alleine tragen. Es gibt verschiedene Beratungs- und Unterstützungsangebote:

Berufsberatung / Laufbahnberatung: Fast alle Kantone bieten kostenlose Beratungen für Jugendliche und Eltern an – mit Interessenstests, Informationen zu Lehrberufen, Gymnasien und anderen Wegen.
Schulische Beratung: Klassenlehrpersonen, Schulleitung, schulpsychologische Dienste können bei Lernschwierigkeiten, Übertrittsfragen oder Konflikten unterstützen.
Medizinische Fachstellen: Kinderärzt:innen, Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychotherapie helfen bei Fragen zu Entwicklung, Belastung oder psychischer Gesundheit.
Soziale Fachstellen: Je nach Region bieten Familien- und Jugendberatungsstellen Hilfe, wenn es um finanzielle oder familiäre Belastungen geht.

Nimm Unterstützung ruhig frühzeitig in Anspruch – nicht erst, wenn «nichts mehr geht». Forschung zu schulischen Übergängen zeigt, dass frühe, gut vernetzte Unterstützung das Wohlbefinden von Jugendlichen stärkt und riskante Brüche im Bildungsverlauf verringern kann.

Am Ende gilt: Der Bildungsweg deines Kindes ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es wird Höhen und Tiefen geben, vielleicht Umwege und Richtungswechsel. Deine wichtigste Rolle ist, dein Kind als Mensch mit individuellen Fähigkeiten und Grenzen im Blick zu behalten – und es auf seinem ganz eigenen Weg verlässlich zu begleiten.

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