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Nie mehr Hausaufgaben! Die Volksschule Kriens macht es vor

Die Volksschule Kriens hat die Hausaufgaben für alle Primarschüler abgeschafft. Was Eltern und Schüler darüber denken – und welches überraschende Fazit Schulleiterin Sandra Schuler zieht. 

An der Volksschule Kriens gibt es keine Hausaufgaben für Primarschüler mehr.

Ab nach Hause und die Freizeit geniessen – ganz ohne Hausaufgaben. Foto: Damircudic, E+, Getty Images Plus

Freizeit pur nach der Schule, nie wieder Hausaufgaben und kein Streit mehr mit den Eltern darüber, ob wirklich jede Schulaufgabe sorgfältig erledigt ist. Diesen Traum haben Schülerinnen und Schüler seit Generationen.

In Kriens, LU, ist genau das seit dem Sommer 2018 Realität. Die Ufzgi wurden für alle Primarschüler abgeschafft. Als die Nachricht bekannt wurde, griffen viele Zeitungen die Schlagzeile auf und Bildungsexperten diskutierten über den Sinn und Unsinn von Hausaufgaben.

Hausaufgaben stehen schon seit Langem in der Kritik

«Es hat mich erstaunt, wie gross das Feedback war», sagt Sandra Schuler, Schulleiterin der Schulhäuser Kuonimatt und Roggern 1 der Volksschule Kriens. «Aber die Volksschule hat mit dem Abschaffen der Hausaufgaben sicher eine heilige Kuh geschlachtet.»

Obwohl die heilige Kuh oft als unantastbar gilt, gibt es lange schon Kritiker an den Ufzgi. In einem Interview mit Familienleben sagte der bekannte Buchautor und Kinderarzt Remo Largo gar: «Hausaufgaben bringen gar nichts.» Kinder und Eltern würden damit bloss schikaniert. Ob er recht hat, könnten die Erfahrungswerte an der Volksschule Kriens nun zeigen.

Sind Hausaufgaben wirklich überflüssig? Diese Frage will Sandra Schuler auch heute, ein paar Monate nach dem Abschaffen der Ufzgi, nicht mit einem definitiven Ja beantworten. «Die alte Art, Hausaufgaben zu geben, ist überflüssig. Dadurch wurden die Kinder nicht motiviert. Die Schulleitungskonferenz hat sich darüber unterhalten, was intelligente Hausaufgaben sind. Diese Diskussion finde ich sehr spannend.»

Gute Hausaufgaben sind schwer realisierbar

Gute Hausaufgaben, so sagt die Schulleiterin, fördern jedes Kind individuell. Die Kinder bekommen also unterschiedliche Aufgaben. Der Haken daran: Auch die Hausaufgabenkontrolle und das Feedback der Lehrperson müssen individuell geschehen. Ein Zeitaufwand, der nur schwer realisierbar ist.

«Wir haben uns gefragt, schaffen die Kinder das? Können sie sich wirklich selbst organisieren?»

Ersatzlos hat die Volksschule Kriens die Hausaufgaben aber nicht abgeschafft. Die umstrittenen Aufgaben wurden durch zwei verschiedene Lernzeiten in der Schule ersetzt, wie Sandra Schuler erklärt: «Eine Lernzeit findet während des Unterrichts statt. Daran nehmen alle Kinder teil. Es geht dabei auch darum, Lerntechniken kennen zu lernen wie etwa das Mindmap, also das Lernen zu lernen. Zudem können die Kinder an ihren eigenen Stärken arbeiten.»

Und dann gibt es noch die freiwillige Lernzeit nach der Schule: «Die Kinder können freiwillig in der Schule bleiben, noch etwas fertigstellen oder üben», sagt die Schulleiterin. Sie gibt zu, dass das Lehrerkollegium anfangs skeptisch war: «Wir haben uns gefragt, schaffen die Kinder das? Können sie sich wirklich selbst organisieren?» Ihr Fazit nach den ersten hausaufgabenfreien Monaten: «Ja, sie schaffen das.»

Zeit für Freunde, Familie und Hobbys

Sandra Schuler verschweigt nicht, dass bei manchen Kindern eine regelrechte Ferienstimmung aufgekommen sei: «Einige denken, Juhu, wir brauchen nach der Schule gar nichts mehr machen, und gehen nach Hause.» Daran mussten sich Lehrer und Eltern erst einmal gewöhnen. Dennoch: «Die Kinder können sich sehr gut selbst einschätzen», bilanziert die Schulleiterin.

Eine gewisse Ferienstimmung nach der Schulzeit gehört tatsächlich zu den Zielen der Volksschule Kriens. «Seit der Einführung des Lehrplans 21 haben die Kinder länger Schule, oft bis um 15 oder 16 Uhr. Danach haben sie nur noch wenig Zeit für Hobbys»; sagt Sandra Schuler. «Wir gehen davon aus, dass sie für ihr ganzes Leben profitieren, wenn sie mehr Zeit für ihre Familie, Freunde und Hobbys haben.»

Was Eltern und Schüler denken

Franziska Müller-Imfeld vom Elternrat des Schulhauses Roggern 1, ist nicht vollständig vom neuen Konzept überzeugt. «Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass die Hausaufgaben bleiben», sagt sie. Sie befürchtet, dass das selbstständige Lernen nach der Schule vernachlässigt werde.

Wenn Kinder Hausaufgaben erledigen, sehen die Eltern täglich, womit sie sich in der Schule beschäftigen. Bekommt die Elternrätin nun überhaupt noch mit, was das Kind in der Schule lernt? «Das klappt nach wie vor», sagt sie. «Die Kinder haben ja Prüfungen, auf die sie lernen. Somit wissen wir auch, welche Themen sie in welchem Fach haben.»

Das Schulhaus Roggern 1 hat auch einen Schülerrat. War die Abschaffung der Ufzgi dort ein Thema? «Nein», sagt Sandra Schuler. «Für den Schülerrat waren andere Themen wichtiger: Das Fussballspielen während der Pause oder der Pausen-Kiosk.» Ob abgeschafft oder nicht, Hausaufgaben scheinen also zumindest aus Schülersicht ein überbewertetes Thema zu sein.