Interview mit Remo Largo: «Geld ist uns wichtiger als das Wohl der Kinder»

Sie plädieren für ein selbstbestimmtes Lernen. Heisst das, ein Kind muss nur lernen, wenn es Lust dazu hat?

Remo Largo: Jedes Kind will lernen, aber seinem Entwicklungsstand und Entwicklungstempo entsprechend. Ich kenne kein Kind, normalentwickelt oder behindert, das nicht lernen will. Es ist die Herausforderung für Eltern und Lehrpersonen, herauszufinden, wie das Kind mit welchen Lernerfahrungen in seiner Entwicklung unterstützt werden kann.

Wie können Eltern ihr Kind beim Lernen fördern?

Vor allem, indem sie für gute Beziehungen in Familie und Schule sorgen. Sie sollten die Kinder beim Lernen unterstützen und sich dem schulischen Drill verweigern, was zugegebenermassen schwierig ist, da Kind und Eltern unter einem grossen Druck stehen.

Warum sollten sie sich dem Drill verweigern?

Um bei Hattie zu bleiben: Hausaufgaben bringen gar nichts. Bei uns wird mit den Hausaufgaben ein eigentlicher Missbrauch betrieben. Mit Auswendiglernen, Prüfungen und Noten wird in unseren Schulen eine Treibjagd veranstaltet, die nichts bringt. Die Verantwortung wird von der Schule immer mehr an die Familie delegiert, zum Beispiel beim Vorbereiten eines Vortrags. Es gibt meines Erachtens kein einziges gutes Argument für Hausaufgaben in den ersten sechs Schuljahren. Um nochmals Hattie zu zitieren: Auch Noten bringen nichts! In Schweden gibt es in den ersten fünf bis sieben Schuljahren keine Noten.

Warum bringen Hausaufgaben und Noten nichts?

Wenn empirisch nachgeprüft wird, ob Hausaufgaben und Noten den Lernerfolg verbessern, stellt man keinen Lernerfolg fest. Schüler wie auch Eltern werden damit nur schikaniert. Nicht nur Lehrpersonen, auch viele Eltern verlangen Noten. Sie wollen wissen, wo ihr Kind steht. Dies kann man ihnen aber zum Beispiel mit Kompetenzrastern viel besser vermitteln. Noten sind auch nicht aussagekräftig, deshalb macht die Wirtschaft ihre eigenen Tests. Note 4.5 sagt nichts über die Lesekompetenz eines Schülers aus, der sich für eine Lehrstelle bewirbt. Es ist aber schon so: Ohne Noten muss man anders unterrichten.

Sie sind der Meinung, dass wir schon viel früher auf die Qualität der Förderung schauen sollten, in den Kitas.

Wir haben ein grosses Problem. Immer mehr Einzelkinder in Kleinfamilien entwickeln sich nicht mehr altersgerecht. Ihnen fehlen die anderen Kinder, die auch die beste Mutter nicht ersetzen kann, und zunehmend auch entwicklungsgerechte Erfahrungen. Deshalb sind die Kitas so wichtig geworden. Ob es getrennte WCs für Knaben und Mädchen gibt, ist dabei nicht so wichtig. Entscheidend sind die fachlichen Kompetenzen der Erzieherinnen, die Betreuungskontinuität und die Erfahrungsmöglichkeiten, die den Kindern geboten werden.

Was halten Sie von einem Qualitätslabel für Kitas, das dieses Jahr lanciert werden soll?

Das ist eine gute Idee, aber man sollte nicht nur auf Räumlichkeiten, sondern vor allem auf die Aus- und Weiterbildung der Erzieherinnen Wert legen. Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sind eine grössere pädagogische Herausforderung als Gymnasiasten. Die Finnen entlöhnen ihre Erzieherinnen auch entsprechend!

Sie fordern gratis Kinderkrippen und eine Ganztagesbetreuung für Schulkinder.

Krippen sind heutzutage weit mehr als nur ein Ort, wo Kinder betreut werden. Immer mehr Kinder - auch aus Schweizer Kleinfamilien - sind auf Krippen für eine normale Entwicklung angewiesen. In den Krippen können sie die notwendigen Erfahrungen mit andern Kindern machen, damit sie sich normal entwickeln können. Kitas müssen Teil des Bildungssystems werden genauso wie Schule und Universität.

Kann sich die Schweiz das leisten?

Wegen einer fehlenden Familienpolitik in den letzten 40 Jahren sind in der Schweiz mehr als eine Million Kinder nicht geboren worden, weil zahllose Schweizer den Spagat zwischen Beruf und Familie nicht geschafft haben. Dieses Manko an Kindern musste mit Einwanderung kompensiert werden. Wir Schweizer sind solche Krämer und das im grössten Wohlstand. Im Vergleich mit den skandinavischen Ländern setzt die Schweiz einen dreifach kleineren Betrag des Bruttosozialproduktes für Kinder und Familien ein. Es ist keine Übertreibung: Die Schweiz ist bezüglich Bildungs- und Familienpolitik ein Entwicklungsland. Trotz allen privaten und öffentlichen Beteuerungen: Geld ist uns wichtiger als das Wohl der Kinder und Familien. Für was leben wir eigentlich?

Remo Largo ist Autor der Bücher Schülerjahre und Lernen gehr anders.

Buchtipps

  • Remo H. Largo: Lernen geht anders. Bildung und Erziehung vom Kind her denken. Piper Verlag GmbH.
  • Remo H. Largo, Martin Beglinger: Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen. Piper Verlag GmbH.


Autor: Angela Zimmerling

Das Interview ist erstmal 2013 auf familienleben.ch erschienen. Vieles ist so aktuell wie eh und je. Was halten Sie von der Schweizer Bildungspolitik und dem Schweizer Bildungssystem? Diskutieren Sie mit uns!

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