Zum Inhalt
Kind > Schule

Eltern und Lehrpersonen: Eine konfliktreiche Beziehung

Lehrer:innen und Eltern kommen nicht immer gut miteinander aus. Woran liegt das nur? Was kannst du für ein besseres Miteinander tun? In diesem Text findest du viele Anregungen, wie du zu einem guten Kontakt zu den Lehrpersonen deines Kindes beitragen kannst.

Eine Mutter unterhält sich in der Schule mit dem Lehrer und ihrer Tochter.
Für das Wohl des Kindes ist es wichtig, dass Lehrer und Eltern an einem Strang ziehen.  © Drazen Zigic / iStock / Getty Images Plus

«Der Englisch-Lehrer mag meinen Sohn nicht. Wenn alle etwas ausfressen, wird er am meisten ausgeschimpft.» – «Kein Wunder, dass meine Tochter nichts lernt. In dem Unterricht würde ich auch einschlafen!» – «Die Biologie-Lehrerin nimmt keine Rücksicht auf die schwächeren Schüler. Wer nicht mitkommt, hat selber Schuld, findet sie.» Egal, ob sich Eltern beim Eltern-Stammtisch oder in Internet-Foren austauschen: Wenn Eltern zusammen sind, bleiben Klagen über Lehrer:innen nicht lange aus. Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrpersonen ist manchmal angespannt – und das belastet am Ende oft alle: das Kind, dich als Elternteil und die Schule.

Darum ist eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Lehrer wichtig

Eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Lehrpersonen ist wünschenswert. «Wenn Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen, lassen sich für viele kleine und grosse Probleme gemeinsame Lösungen suchen und finden», erklärt Heidemarie Brosche, Autorin des Buches «Warum Lehrer gar nicht so blöd sind». Sitzt dein Kind morgens häufig müde im Klassenzimmer, brauchen Lehrer:innen Eltern, die künftig dafür sorgen, dass ihr Kind mehr Schlaf bekommt. Und wenn dein Kind von den Hausaufgaben regelmässig überfordert ist, bist du auf verständnisvolle Lehrpersonen angewiesen.

Egal, ob Kinder in ihrer eigenen Unordnung ertrinken, ob sie in der Schule und am Nachmittag zu oft in Raufereien verwickelt sind oder ob sie unter schlechten Noten leiden – immer ist es hilfreich, wenn Lehrpersonen und Eltern an einem Strang ziehen. «Eltern und Schule sind Partner! Gemeinsam tragen sie die Verantwortung für Kinder und Jugendliche», dafür plädiert auch das Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt.

Rechte und Pflichten in der Schweiz: So ist die Zusammenarbeit geregelt

Die Volksschule in der Schweiz hat einen klaren Bildungs- und Erziehungsauftrag. In der Praxis heisst das: Schule und Elternhaus tragen gemeinsam Verantwortung – aber mit unterschiedlichen Rollen. Du bist Expert:in für dein Kind und sein Umfeld. Die Lehrperson ist pädagogische Fachperson und verantwortlich für Unterricht, Beurteilung sowie die Förderung in der Klasse.

Deine Rolle als Elternteil umfasst vor allem, dass du den Schulalltag mitträgst: Du nimmst – soweit möglich – an wichtigen schulischen Anlässen teil (z.B. Elternabende, Standortgespräche), unterstützt dein Kind beim Lernen zu Hause in einem realistischen Rahmen (Struktur, Ruhe, Ermutigung statt Nachhilfe-Marathon) und erfüllst deine Informationspflicht: Elternbriefe und Mitteilungen lesen, Fristen einhalten, Rückmeldungen geben und bei wichtigen Veränderungen im Familienalltag früh informieren.

Die Rolle der Lehrer:innen ist, Lernprozesse zu planen und zu begleiten, Leistungen zu beurteilen, Förderentscheide zu treffen und dich regelmässig über Lernstand, Verhalten und Entwicklung zu informieren. Dazu gehört auch, mit dir über Unterstützungs- oder Förderangebote zu sprechen, wenn dein Kind sie braucht.

Elternmitwirkung und Elternrat: In vielen Kantonen gibt es Elterndelegierte oder einen Elternrat. Diese Gremien können Schulanlässe mitgestalten, Projekte rund um Schulweg und Sicherheit anstossen oder bei Themen wie Gesundheitsförderung mitwirken. Was sie in der Regel nicht tun: individuelle Konflikte zwischen dir und einer Lehrperson «entscheiden» oder einzelne Fälle verhandeln. Wenn du unsicher bist, wie Elternmitwirkung an eurer Schule geregelt ist, lohnt sich ein Blick auf die Website deiner Gemeinde oder Schule – Suchbegriffe sind oft «Elternmitwirkung» oder «Elternrat».

Wichtig zu wissen: Schulorganisation und Abläufe sind kantonal unterschiedlich geregelt. Gerade bei Fragen zu Zuständigkeiten (Klassenlehrperson, Schulleitung, Schulbehörde/Schulpflege, schulpsychologischer Dienst) hilft es, die lokalen Regelungen zu kennen – das nimmt Druck aus Konflikten, weil du schneller den passenden Weg findest.

Die Ursachen vieler Missverständnisse zwischen Eltern und Lehrern

Oft sehen Eltern Lehrer:innen wie durch eine ungeputzte Brille: Der Blick wird getrübt von schlechten Erfahrungen mit Lehrpersonen in der eigenen Kindheit. Dazu kommt, dass viele Erwartungen an Lehrpersonen sehr hoch sind. «Lehrer sollen Schülern – auch in zu grossen Klassen – möglichst viel Wissen vermitteln. Sie sollen Schüler zum friedlichen Miteinander bewegen und sie gleichzeitig knallhart auf Leistung trimmen. Sie sollen den Einzelnen fördern und die Gruppe disziplinieren. Sie sollen Mut zusprechen – auch bei miserablen Zukunftsperspektiven. Und sie sollen neuen Unterrichtsmethoden gegenüber immer aufgeschlossen sein», berichtet Heidemarie Brosche. «Die vielen Dinge, die sie aber sehr wohl leisten, werden von aussen kaum wahrgenommen.»

Hilfreich ist auch dieser Perspektivwechsel: Ein grosser Teil von Schule ist Beziehungsarbeit. Lernfortschritte, Motivation und Verhalten hängen stark davon ab, ob sich ein Kind grundsätzlich sicher und gesehen fühlt. Wenn du und die Lehrperson euch gegenseitig «in den Problem-Modus» schiebt, spürt das dein Kind sofort. Ziel muss nicht sein, dass ihr euch sympathisch seid – sondern dass ihr zuverlässig, respektvoll und lösungsorientiert zusammenarbeitet.

Tipps für ein besseres Miteinander von Eltern und Lehrern

Eigene Erfahrungen überdenken

Sinnvoll ist es, deine eigenen Erfahrungen zu überdenken. Wie ist das Bild, das du dir selbst im Laufe deines Lebens von Lehrpersonen gemacht hast? Ist es heute noch angemessen? Schulen und auch die Ausbildung von Lehrer:innen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Manchmal hilft es, innerlich zu trennen: «Das war damals meine Erfahrung» – und «das ist die Lehrperson meines Kindes heute».

Erwartungen an Lehrer reflektieren

Sind deine Erwartungen an die Lehrpersonen deines Kindes realistisch? Lehrpersonen sind nicht nur Lehrpersonen, sondern auch Privatpersonen. Wie alle anderen Berufstätigen haben sie ein berechtigtes Interesse daran, dass ihr Beruf nicht zu viel Energie verschlingt. Und sie haben Stärken und Schwächen wie alle anderen Menschen auch. Heidemarie Brosche sagt: «Zieh zumindest in Erwägung, dass eine Lehrkraft, die auf einem Gebiet in deinen Augen nicht so gut ist, den Kindern in einem anderen Bereich Vorteile bietet.»

Praktisch kann dir diese Frage helfen: Geht es um ein einzelnes Ärgernis (z.B. ein Tonfall, eine unglückliche Bemerkung) oder um etwas, das dein Kind nachhaltig belastet (z.B. wiederholte Demütigung, massive Angst, dauerhafte Überforderung)? Je klarer du das unterscheiden kannst, desto gezielter kannst du handeln.

Lehrer ernst nehmen

«In der Regel dürfen Eltern dem Lehrer als pädagogische Fachkraft vertrauen», sagt Heidemarie Brosche. Sich gegenseitig anzuerkennen, bedeutet aber nicht, immer gleicher Meinung sein zu müssen. Du darfst nachfragen, wenn du etwas nicht verstehst: «Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?» oder «Was wäre aus Ihrer Sicht ein realistischer nächster Schritt?» Das signalisiert Respekt – ohne dich klein zu machen.

Kontakt halten

Kleinere Probleme lassen sich oft zwischen Tür und Angel klären. Bei komplexeren Schwierigkeiten ist es besser, einen Gesprächstermin zu vereinbaren. Elternsprechstunden bieten immer eine gute Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. «Viele Eltern sehen die Elternsprechstunde als ungeliebten Pflichttermin, vor allem, wenn die Noten eigentlich in Ordnung sind», beklagt der Schweizer Studienkreis. «Trotzdem: Jede Chance, mit den Lehrern zu sprechen, sollten Eltern wahr- und ernst nehmen. Nur so erfahren sie aus erster Quelle, wie sich ihr Kind in der Schule macht.»

Wenn du unsicher bist, ob «schon Anlass» für ein Gespräch ist: Lieber früh, kurz und sachlich klären, als zu warten, bis sich Frust aufstaut. Gerade bei wiederkehrenden Themen (Hausaufgabenstress, Konflikte in der Klasse, auffällige Müdigkeit) ist ein frühes Gespräch oft der beste Schutz für dein Kind.

Elterngespräche und Elternabende gut nutzen

Vor dem Gespräch: realistische Ziele setzen

Überleg dir vorab, was du erreichen willst. Geht es dir darum, Informationen zu bekommen (z.B. «Wie erleben Sie mein Kind im Unterricht?»), Beobachtungen zu spiegeln («Zu Hause wirkt es seit Wochen angespannt») oder konkrete Vereinbarungen zu treffen (z.B. Hausaufgabenmenge, Sitzplatz, kurze Rückmeldung nach zwei Wochen)?

Bereite dir Notizen vor: konkrete Beispiele aus dem Alltag, Daten/Situationen (ohne lange Anklage-Liste) und 3–5 Fragen, die du unbedingt klären willst. Das hilft dir, im Gespräch ruhig und klar zu bleiben.

Sortiere auch deine Emotionen: Wenn die Wut oder Angst sehr gross ist, ist das ein Signal für eine Pause. Schlaf eine Nacht darüber, geh kurz raus, oder nimm – wenn sinnvoll und von der Schule erlaubt – eine Vertrauensperson mit. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern kann Eskalationen verhindern.

Während des Gesprächs: auf Augenhöhe bleiben

Sprich in Ich-Botschaften: «Ich erlebe …», «Ich mache mir Sorgen, weil …», statt «Sie machen immer …». So bleibt das Gespräch offen und lösungsorientiert.

Lass die Lehrperson ausreden und frag aktiv nach: «Wie nehmen Sie mein Kind in der Klasse wahr?» oder «In welchen Situationen klappt es besser?» Oft liegen zwischen Schule und Zuhause grosse Unterschiede – und genau diese Unterschiede sind wertvolle Hinweise.

Such gemeinsam nach Lösungen, statt Schuldige zu suchen. Gute Fragen sind: «Was wäre ein realistischer nächster Schritt?» und «Woran merken wir in 2–4 Wochen, dass es besser wird?»

Halte Vereinbarungen fest. Das kann ein kurzes Gesprächsprotokoll sein oder eine kurze Mail-Zusammenfassung: Was wurde beobachtet, was wird ausprobiert, wer macht was bis wann? Das schafft Klarheit und reduziert spätere Missverständnisse.

Nach dem Gespräch: dranbleiben

Setz Abmachungen um, soweit es in deinem Alltag machbar ist (z.B. feste Hausaufgabenzeit, klare Schlafenszeiten, Lernpausen, Nutzung von Förderangeboten). Wenn etwas nicht klappt, ist das wichtiges Feedback – nicht «Versagen».

Gib nach einigen Wochen Rückmeldung: Was hat sich verbessert, was braucht Anpassung? Und wenn nötig: Vereinbare einen Folgetermin. Kontinuität ist oft wirksamer als ein einzelnes «grosses» Gespräch.

Offen sein

Du trennst dich von deinem Partner oder deiner Partnerin? Ein geliebtes Haustier ist gestorben? Du oder dein Partner oder deine Partnerin werden arbeitslos? Solche Sorgen können sich auf die Leistungen und das Verhalten deines Kindes auswirken. Sinnvoll ist es, Lehrer:innen zu berichten, was dein Kind belastet. Nur wenn sie die Hintergründe kennen, können sie auf das Verhalten deines Kindes feinfühlig reagieren.

Du entscheidest, wie viel du teilen willst. Oft reicht ein kurzer Satz wie: «Zu Hause ist gerade viel los, das kann sich auf Konzentration und Stimmung auswirken.» Wenn es um sensible Informationen (Diagnosen, belastende Ereignisse) geht, frag nach, wer innerhalb der Schule informiert werden muss und wie mit dem Datenschutz umgegangen wird.

Kritik sachlich vortragen

«Wenn dein Kind zusehends die Lust an der Schule verliert, solltest du nicht zögern zu handeln», rät Heidemarie Brosche. Die Kritik sollte allerdings sachlich vorgetragen werden. Ein Satz wie «Mein Sohn fühlte sich letzten Donnerstag ungerecht von Ihnen behandelt» kann ein Einstieg in ein gewinnbringendes Gespräch sein. Ein Satz wie «Immer wieder behandeln sie meinen Sohn ungerecht» dagegen greift die Lehrperson an, ohne zu vermitteln, wo genau sie sich falsch verhalten haben soll.

Hilfreich ist auch, Wirkung statt Absicht zu benennen: «Bei meinem Kind ist angekommen, dass …» oder «Bei uns zu Hause hat das ausgelöst, dass …». Das öffnet den Raum, damit die Lehrperson erklären, einordnen oder korrigieren kann.

Bei gravierenden Problemen nicht aufgeben

Eltern sind Anwälte ihrer Kinder. Manchmal ist ein Problem so schwerwiegend, dass es die Entwicklung deines Kindes beeinträchtigen kann. Dann musst du versuchen, das Problem zu lösen. Wenn ihr im Gespräch mit der zuständigen Lehrperson nicht weiterkommt, kann es sinnvoll sein, die Klassenlehrperson, eine Vertrauenslehrperson oder die Schulleitung hinzuzuziehen. Auch Elternvertretungen, Beratungslehrer:innen und schulpsychologische Dienste können geeignete Anlaufstellen sein.

Digital kommunizieren: E-Mail, Schul-Apps und Chats

Welche Kanäle wofür?

Digitale Kommunikation kann entlasten – und gleichzeitig Missverständnisse verstärken. Als Faustregel gilt: E-Mail oder Schul-App eignet sich für Organisatorisches und kurze Rückfragen (z.B. «Können Sie mir sagen, bis wann …?»). Bei heiklen Themen wie Konflikten, Sorgen, Diagnosen oder dem Verdacht auf Ausgrenzung ist ein Telefonat oder ein persönliches Gespräch meistens fairer und klärender, weil Tonfall und Zwischentöne nicht verloren gehen.

WhatsApp-Elterngruppen sind praktisch für organisatorische Informationen (z.B. «Treffpunkt beim Ausflug»). Für Bewertungen von Lehrer:innen oder Diskussionen über einzelne Kinder sind sie ungeeignet: Das eskaliert schnell und kann das Klassenklima belasten.

Erreichbarkeitsregeln und Reaktionszeiten

Lehrer:innen sind nicht rund um die Uhr erreichbar. Viele Schulen haben interne Regelungen, zum Beispiel eine Antwort innert 2–3 Arbeitstagen. Wenn du spät abends, am Wochenende oder in den Ferien schreibst, rechne nicht mit einer sofortigen Reaktion. Wenn es dringend ist (z.B. ein Sicherheitsproblem auf dem Schulweg), frag nach dem offiziellen Notfall- oder Kontaktweg deiner Schule.

Respekt auch online

Gleiches gilt digital wie im direkten Gespräch: respektvoll bleiben, konkrete Beobachtungen nennen, keine Pauschalurteile. Teile keine Screenshots oder Inhalte aus Schul-Apps ohne Erlaubnis weiter. Und: Abwertende Kommentare über Lehrpersonen in Social Media oder in Chats können Beziehungen dauerhaft beschädigen. Wenn dich etwas stört, ist der direkteste Weg meist der beste: ruhig nachfragen, klären, Vereinbarungen treffen.

Wenn die Zusammenarbeit schwierig wird

Früh reagieren statt warten

Manchmal zeigt dir dein Kind durch Körper und Verhalten, dass etwas nicht stimmt. Nimm Signale ernst wie wiederkehrende Bauch- oder Kopfschmerzen vor der Schule, häufiges Weinen am Morgen, Schulverweigerung, ein starker Notenabfall oder plötzliches «Ich bin dumm». Solche Zeichen bedeuten nicht automatisch, dass «die Schule schuld» ist – aber sie sind ein klarer Anlass, hinzuschauen.

Such möglichst früh ein ruhiges Gespräch mit der Lehrperson: «Mir fällt auf … Ich mache mir Sorgen … Wie erleben Sie das in der Schule?» Frühzeitige Klärung verhindert, dass sich Missverständnisse verfestigen.

Schritt für Schritt vorgehen

Wenn ein Thema festgefahren ist, hilft ein abgestuftes Vorgehen. Beginne bei der zuständigen Lehrperson oder Klassenlehrperson. Wenn das Gespräch nicht vorankommt, Abmachungen nicht eingehalten werden oder es um strukturelle Fragen geht, bezieh die Schulleitung ein.

Bei anhaltenden Konflikten oder wenn das Wohl deines Kindes gefährdet wirkt, können je nach Kanton und Schule weitere Stellen unterstützen: Schulsozialarbeit, schulpsychologischer Dienst oder die zuständige Schulbehörde/Schulpflege. Ein Ziel ist dabei nicht «gewinnen», sondern ein tragfähiger Plan für die nächsten Wochen: Was wird beobachtet? Welche Unterstützung wird organisiert? Wann überprüft ihr die Wirkung?

Grenzen und Selbstfürsorge

Du bist Anwalt oder Anwältin deines Kindes – und du darfst deine eigenen Grenzen ernst nehmen. Konflikte mit der Schule können enorm belastend sein, vor allem wenn du gleichzeitig Job, Geschwisterkinder oder eine belastete Familiensituation stemmst. Hol dir Unterstützung, bevor du ausbrennst: Viele Gemeinden kennen Erziehungsberatung oder Familienberatung, oft gibt es Schulsozialarbeit, und schweizweit ist auch die Pro Juventute Elternberatung eine mögliche Anlaufstelle.

Manchmal hilft auch eine einfache Entlastungsfrage: «Was ist der kleinste nächste Schritt, der unser Kind spürbar entlastet?» Nicht alles muss sofort gelöst werden – aber dein Kind soll merken: Die Erwachsenen übernehmen Verantwortung.

Bei gravierenden Problemen nicht aufgeben

Eltern sind Anwälte ihrer Kinder. Manchmal ist ein Problem so schwerwiegend, dass es die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen kann. Dann musst du dranbleiben. Wenn du im Gespräch mit der Lehrperson nicht weiterkommst, ist es sinnvoll, die Klassenlehrperson oder die Schulleitung hinzuzuziehen. Bitte um ein strukturiertes Gespräch mit klarer Zielsetzung: Welche Beobachtungen liegen vor? Welche Massnahmen werden vereinbart? Bis wann wird überprüft, ob es besser wird?

Wenn es Hinweise auf Mobbing, wiederholte Demütigung oder andere Formen psychischer Gewalt gibt, ist eine zeitnahe Klärung besonders wichtig. Dokumentiere konkrete Vorfälle (Datum, Situation, Beteiligte, Auswirkungen auf dein Kind) und sprich gezielt ab, wie die Schule den Schutz und die Unterstützung deines Kindes sicherstellt. Bei Bedarf können auch Schulsozialarbeit und schulpsychologische Dienste hinzugezogen werden.

Besondere Situationen: Wenn Zusammenarbeit extra anspruchsvoll ist

Getrennte Eltern und Patchworkfamilien

Nach einer Trennung ist Schule oft ein zusätzlicher Stressfaktor: Wer erhält welche Informationen? Wer unterschreibt was? Wer kommt an Gespräche? Klär möglichst früh pragmatisch, wie Informationen fliessen sollen (z.B. gemeinsame Mailadresse, Zustellung an beide, definierte Kontaktperson). So entlastest du auch die Schule.

Wichtig für dein Kind: Es sollte nicht zum Boten oder zur Vermittlerin werden. Versuche, Konflikte zwischen Erwachsenen nicht über Schule auszutragen. Wenn Gespräche schwierig sind, kann ein gemeinsames Standortgespräch mit klaren Gesprächsregeln helfen.

Familien mit Migrations- oder Fluchterfahrung

Wenn du die Unterrichtssprache noch lernst oder das Schweizer Schulsystem neu für dich ist, ist das kein «Defizit», sondern eine Realität, die Schule berücksichtigen sollte. Trau dich, um Unterstützung zu bitten: In vielen Gemeinden ist es möglich, Dolmetschende beizuziehen oder eine vertraute Bezugsperson mitzunehmen (frag vorher nach, wie eure Schule das handhabt).

Viele Schulen informieren zudem in mehreren Sprachen oder bieten Elternbriefe in einfacher Sprache an. Wenn du etwas nicht verstehst, ist Nachfragen ausdrücklich erlaubt – es ist ein Beitrag zur Zusammenarbeit, nicht ein Störfaktor.

Kinder mit besonderen Bedürfnissen

Wenn dein Kind besondere Bedürfnisse hat (z.B. Lernschwierigkeiten, ADHS, Autismus-Spektrum, chronische Erkrankung), braucht es besonders klare Absprachen zwischen dir, Lehrperson und Fachpersonen. In der Schweiz ist dabei oft die schulische Heilpädagogik oder eine sonderpädagogische Fachperson beteiligt.

Hilfreich sind verbindliche Ziele, konkrete Unterstützung im Unterricht und regelmässige Standortgespräche: Was funktioniert bereits? Wo braucht es Anpassungen? Welche Massnahmen sind realistisch und überprüfbar? Je klarer die Rollen sind, desto weniger gerät dein Kind zwischen die Fronten – und desto eher kann es seine Stärken zeigen.

0 Kommentare

?

Meistgelesene Artikel

Anmelden oder Registrieren

Melde dich kostenlos an und diskutiere mit anderen Eltern und speichere deine Artikel.
Anmelden Registrieren

Speichere deine Artikel

Logge dich ein oder erstelle einen Account und du kannst deine Artikel für später speichern.
Anmelden Registrieren