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Der Schutzengel hat am Fussgängerstreifen viel zu tun

Scharen von Schülern marschieren jeden Morgen auf den Fussgängerstreifen zu. Viele Autofahrer verhalten sich angemessen, halten vorbildlich und winken Schüler durch. Dennoch hat der Schutzengel viel zu tun. Unsere Autorin hat den Test gemacht.

Autos müssen am Fussgängerstreifen immer ganz anhalten
Leuchtwesten sorgen für zusätzliche Sicherheit am Fussgängerstreifen. Foto: TCS

Ein Morgen am Zebrastreifen: Was im Alltag wirklich passiert

7.35 Uhr: Der Morgen kommt nur zögerlich. Nur ein Teil der Sonne findet einen Weg durch den Himmel, der dicht mit Wolken verhangen ist. Es regnet. Primarschüler trippeln mit hochgezogenen Schultern und gesenkten Kapuzen-Köpfen Richtung Schule. In der Dunkelheit sind ab und an die Reflektoren an ihren Schulranzen zu erkennen. Nur ein Kind ist wirklich gut zu erkennen – aufgrund seiner Leuchtklipse an Fuss- und Handgelenken.

7.37 Uhr: Ein Mädchen hüpft von einem gelben Streifen auf den nächsten gelben Streifen des Fussgängerüberwegs. Zuvor hat es vorbildlich am Strassenrand gestanden, nach links, nach rechts, dann wieder nach links geschaut. Und es ist erst los marschiert, als das herannahende Auto richtig zum Stehen gekommen ist.

7. 40 Uhr: Flinke Autoreifen lassen trotz Tempo 30-Zone das Pfützenwasser spritzen. Ohne anzuhalten ist der Wagen über den Fussgängerstreifen gerast. Die beiden Jungen, die das Wasser am Rand des Bürgersteiges erwischt hat, schauen lachend auf ihre nassen Hosenbeine. Die Fahrerin des nächsten Autos bemerkt noch rechtzeitig den Zebrastreifen – sie bremst abrupt ab und schaut die Kinder entschuldigend an, die sich nun langsam in Bewegung setzen.

7. 45 Uhr: Ein Schulbus kommt. Scharen von Kindern mit schlackernden Turnbeuteln springen heraus. In der Gruppe fühlen sie sich sicher. Nur die ersten schauen am Fussgängerstreifen, ob ein Auto kommt. Alle anderen laufen den Schulkameraden einfach hinterher.

7.50 Uhr: Ein Sportwagen parkt halb auf dem Fussgängerstreifen, obwohl auf Fussgängerstreifen grundsätzlich absolutes Halteverbot herrscht. Der Fahrer scheint kein Bewusstsein für Fehlverhalten zu haben. Er steigt aus, um sich am Kiosk in die Schlange einzureihen. Die Kinder, die nun den Zebrastreifen überqueren wollen, können die Strasse nach rechts nicht mehr richtig einsehen. Eine Mutter, die ihren Erstklässler begleitet, schimpft lauthals. Doch der Schuldige ist zu weit entfernt, um sie zu hören. Zum Glück sorgt die Mutter dafür, dass auch die anderen Kinder sicher über die Strasse kommen.

7.55 Uhr: Endlich ist der Sportwagen wieder abgerauscht. Weil schon in zehn Minuten die Schule beginnt, tauchen immer mehr Elterntaxis aus dem Morgenebel auf. Es ist keine Zeit mehr, die Kinder ein Stückchen laufen zu lassen. So suchen fast alle Fahrer eine Haltemöglichkeit möglichst nah an der Schule – im Zweifelsfall auch mal in zweiter Reihe. «Warte, Mia!», ruft ein Junge, nachdem er sich von der Mutter am Steuer verabschiedet hat. Mit schnellen Schritten rennt er los, der Schulkameradin hinterher, die ihn noch gar nicht bemerkt hat. Sie ist schon auf der anderen Strassenseite, als er mit hüpfendem Schulranzen bereits 20 Meter vor dem Fussgängerstreifen auf die Strasse schnellt. Der Schutzengel hat an diesem Morgen einiges zu tun. Das herannahende Auto bremst zum Glück rechtzeitig.

8.00 Uhr: Zum Glück gibt es auch viele Autofahrer, die langsam und mit Übersicht fahren. Die wissen: Wenn ein Fahrzeuglenker ein Kind an einem Fussgängerstreifen sieht, das die Strasse überqueren will, muss er ganz anhalten. So gelangt auch ein Kind mit der grossen Kapuze sicher über die Strasse, obwohl es beim Wenden seines Kopfes nie die Strasse, sondern immer nur die Kopfbedeckung vor Augen hat. Selbst die Kinder, die mit dem Rad über den Bürgersteig auf den Zebrastreifen schiessen, werden von geduldigen wartenden Autofahrern flankiert.

8.05 Uhr: Die Schulglocke muss längst gebimmelt haben. Ruhe herrscht auf der Strasse. Nur ab und an rauscht ein Auto vorbei. Doch von weit hinten nähert sich noch ein Kind – es wird zu spät kommen. Seine Stirn ist sorgenvoll gerunzelt. Schon hat es einen Schritt auf den Fussgängerstreifen gemacht, da fällt ihm ein, dass es noch nicht geschaut hat, ob ein Auto kommt. Schnell hüpft es zurück. Doch die Strasse ist frei. Jetzt ab in die Schule!

Was Kinder im Strassenverkehr (noch) nicht können – und wie du sie stärkst

Vielleicht kennst du das: Dein Kind kann Regeln aufsagen – und handelt in der Situation trotzdem anders. Das ist kein «Nicht-wollen», sondern oft «Noch-nicht-können». Kinder nehmen Verkehr komplexer wahr als Erwachsene, und ihr Blickfeld, ihre Aufmerksamkeit sowie das Einschätzen von Geschwindigkeit und Distanz sind in der Entwicklung. Unter Stress (Zeitdruck, Gruppe, Regen, Kapuze, schwere Tasche) passiert dann schneller ein Fehlentscheid.

Hilfreich ist deshalb ein Mix aus Training, Vorbild und Rahmenbedingungen:

  • Üben in ruhigen Momenten: Der Schulweg lässt sich am Wochenende oder in den Ferien in Zeitlupe üben. So bleibt mehr Kapazität, um Blickkontakt, Stoppen am Rand und das Warten bis zum vollständigen Stillstand eines Autos zu automatisieren.
  • Klare, kurze Merksätze: Zum Beispiel: «Stopp am Rand – schauen links, rechts, links – erst gehen, wenn es sicher ist.» Je simpler, desto eher abrufbar.
  • Gute Sichtbarkeit: Reflektoren, helle Kleidung und korrekt getragene Leuchtwesten erhöhen die Chance, dass dein Kind früh gesehen wird – gerade bei Regen, Dämmerung und dunkler Kleidung.
  • Kein «Schnell noch rüber»: Zeitdruck ist ein Unfallverstärker. Wenn möglich: ein paar Minuten Puffer einplanen.
  • Vorsicht bei Handzeichen und «Winken»: Wenn Autofahrer:innen winken oder blinken, kann das Kinder verunsichern. Für dein Kind zählt als Regel weiterhin: erst gehen, wenn das Fahrzeug wirklich steht und die Lage übersichtlich ist.

Der Schulweg – Rad steht, Kind geht

«Rad steht, Kind geht» so heisst die aktuelle Kampgange von der Beratungsstelle für Unfallverhütung bfu, der TCS und der Polizei. Die Botschaft bleibt die Gleiche: Wenn ein Fahrzeuglenker ein Kind an einem Fussgängerstreifen sieht, das die Strasse überqueren will, muss er ganz anhalten.

Jedes Jahr verunfallen 530 Kinder als Fussgänger im Strassenverkehr, sechs davon tödlich. Kinder können Distanzen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen schwerer abschätzen. Deshalb lernen sie auch in der Schule, durch Kurse für Verkehrssicherheit, dass sie einen Fussgängerstreifen nicht betreten sollen, bevor die Räder eines Fahrzeugs völlig still stehen. Viele Fahrer wissen das nicht und halten nicht ganz an; manche machen ein Handzeichen oder betätigen die Lichthupe, was von den Kindern falsch verstanden werden kann und sie unvorsichtig werden lässt.

Verkehrserziehung: Gemeinsam mit Schule und Lehrpersonen

Schulweg als gemeinsames Thema

Der sichere Schulweg ist in vielen Klassen, im Verkehrskundeunterricht und an Elternabenden ein wiederkehrendes Thema. Das lohnt sich: Wenn alle dieselben Regeln und Signale verwenden, fällt es Kindern leichter, das Gelernte auch in Stresssituationen abzurufen.

Wenn dir auf dem Schulweg etwas auffällt, behalte es nicht für dich. Du kannst deine Beobachtungen (zum Beispiel unübersichtliche Übergänge, gefährliche Parkmanöver, häufige Regelverstösse oder Stellen, an denen Kinder im Pulk losrennen) der Lehrperson oder dem Elternrat weitergeben. Konkrete Angaben helfen am meisten: Ort, Uhrzeit, was genau passiert, und was es für Kinder schwierig macht (Sicht versperrt, viele Abbiegemanöver, Tempo, schlechte Beleuchtung).

Zusammenarbeit mit Elternrat und Gemeinde

Elternrat oder Elterndelegierte wirken oft bei Schulwegprojekten, Sensibilisierungsaktionen und Kampagnen mit – häufig gemeinsam mit Schulleitung, Gemeinde oder Polizei. Wenn du dich engagieren möchtest, gibt es viele sinnvolle Rollen: gefährliche Stellen melden, Verbesserungen anregen, bei Aktionen mithelfen (zum Beispiel Präsenz am Zebrastreifen zu Stosszeiten) oder dich für sichere Übergänge und gut sichtbare Schulwege stark machen.

Gerade rund um Schulhäuser kann schon wenig viel bewirken: klarere Haltezonen, weniger «Elterntaxi»-Druck, freie Sicht an Übergängen und eine gemeinsame Haltung, dass Kinder den letzten Abschnitt möglichst zu Fuss gehen.

 

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