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Konzentration und Motorik bei Schulkindern: Warum Bewegung fürs Lernen in der Schweiz so wichtig ist

Dein Kind rutscht auf dem Stuhl herum, wirkt motorisch unruhig und kann sich beim Lernen kaum fokussieren? Viele Eltern fragen sich, ob das noch normale Bewegungsfreude ist – oder ob dahinter ein Problem steckt. In diesem Artikel erfährst du, wie eng Konzentration und Motorik zusammenhängen, warum Bewegung das Lernen im Schulalter nachweislich unterstützt und wie du dein Kind im Alltag und mit professioneller Hilfe in der Schweiz stärken kannst.

Ein konzentriertes Kind am Pult in der Schule
Konzentration in der Schule kann gelernt werden © izusek / Getty Images

Wie Bewegung die Konzentration im Gehirn stärkt

Motorik und Gehirn – was beim Lernen passiert

Wenn sich Kinder bewegen, passiert im Gehirn deutlich mehr, als man auf den ersten Blick sieht. Jede Bewegung – ob Rennen, Klettern oder Schreiben – aktiviert viele Hirnareale gleichzeitig. Dadurch wird das Gehirn besser durchblutet, mit mehr Sauerstoff versorgt und es werden Botenstoffe (Neurotransmitter) wie Dopamin und Noradrenalin ausgeschüttet. Diese Stoffe helfen, wach, motiviert und konzentriert zu bleiben.

Fachgesellschaften wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und pädiatrische Fachgruppen aus dem DACH-Raum betonen, dass regelmässige Bewegung Lernprozesse unterstützt: Kinder können Informationen besser aufnehmen, verarbeiten und erinnern, wenn sie sich genügend bewegen. Gerade bei Primarschulkindern ist das Gehirn noch in einer intensiven Entwicklungsphase. Bewegung wirkt hier wie «Düngemittel» für die Nervenverbindungen.

Besonders hilfreich ist Lernen, wenn möglichst viele Sinne beteiligt sind:

Kinder lernen leichter, wenn sie:

  • sehen (Bilder, Farben, Gesten),
  • hören (Erklärungen, Reime, Rhythmus),
  • fühlen (Materialien, Bewegungen, Position im Raum),
  • sich bewegen (gehen, hüpfen, schreiben, zeigen).

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist dieses «multisensorische Lernen» besonders wirksam, weil sich die Nervennetze im Gehirn an vielen Stellen zugleich stärken. Lerninhalte sind dann besser verankert, und das Kind muss sich weniger «krampfhaft» konzentrieren, um sich zu erinnern.

Exekutive Funktionen – das «Steuerzentrum» der Aufmerksamkeit

Konzentration ist nicht nur die Fähigkeit, «still zu sitzen». Im Zentrum stehen die sogenannten exekutiven Funktionen. Sie liegen vor allem im vorderen Bereich des Gehirns (präfrontaler Kortex) und steuern unser Denken und Verhalten. Drei Bereiche sind für den Schulalltag besonders wichtig:

Arbeitsgedächtnis: Informationen kurzzeitig im Kopf behalten und bearbeiten – zum Beispiel eine Rechenaufgabe merken, während das Kind sie ausführt.
Impulskontrolle: Impulse steuern – also nicht direkt dazwischenrufen, nicht sofort aufstehen, auch wenn man es möchte.
Kognitive Flexibilität: Die Aufmerksamkeit flexibel anpassen – zum Beispiel zwischen zwei Aufgaben hin- und herwechseln oder eine andere Strategie ausprobieren, wenn etwas nicht klappt.

Bewegungsformen, die Koordination, Reaktion und Gleichgewicht verlangen, trainieren genau diese exekutiven Funktionen. Forschung aus der Sport- und Neurowissenschaft zeigt, dass insbesondere komplexe Bewegungen das «Steuerzentrum» im Gehirn aktivieren. Beispiele:

Balancieren: Auf einer Linie, einem Baumstamm oder einer Slackline zu gehen, braucht Konzentration, Planung und ständige Anpassung – das Kind muss seinen Körper und die Umgebung gleichzeitig im Blick behalten.
Jonglieren: Mehrere Bälle koordinieren fordert das Arbeitsgedächtnis (Reihenfolge, Bewegungsablauf) und die Impulskontrolle (nicht nach jedem Fehlwurf frustriert aufgeben).
Rhythmusspiele: Klatschreime, Trommeln oder Tanzen nach Musik trainieren Timing, Aufmerksamkeit und das flexible Reagieren auf Signale.
Koordinative Sportarten: Ballsportarten, Geräteturnen, Kampfsport, Tanzen oder Eislaufen verbinden Bewegungsplanung, Reaktion auf andere und Körpergefühl. Das unterstützt sowohl Konzentration als auch soziale Kompetenzen.

Studien aus der Kinder- und Jugendsportforschung in der Schweiz zeigen, dass solche Bewegungsangebote in der Schule («bewegtes Lernen» oder Bewegungspausen) die Aufmerksamkeit im Unterricht verbessern und Verhaltensauffälligkeiten reduzieren können. Kinder kommen nach einer kurzen, gut angeleiteten Bewegungspause oft ruhiger und aufnahmebereiter zurück an den Platz.

Wie viel Bewegung ein Schulkind braucht

In der Schweiz empfehlen das Bundesamt für Gesundheit (BAG) und das Bundesamt für Sport (BASPO) für Kinder und Jugendliche ab 5 Jahren:

Mindestens 60 Minuten Bewegung pro Tag mit mittlerer bis hoher Intensität. Ideal sind zusätzlich mehrmals pro Woche Aktivitäten, die Muskeln und Knochen kräftigen (z.B. Klettern, Springen, Rennen).

Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen Alltagsbewegung und gezieltem Training:

Alltagsbewegung umfasst alles, was sich von selbst ergibt: zu Fuss zur Schule gehen, Treppen steigen, draussen spielen, im Haushalt helfen, mit Freund:innen auf dem Spielplatz herumrennen. Diese Bewegung ist eine wichtige Basis für Gesundheit und Wohlbefinden.

Gezieltes Training meint geplante, etwas anspruchsvollere Bewegung, die Puls und Atmung erhöhrt und bestimmte Fähigkeiten übt, z.B. Sportverein, Schwimmtraining, Psychomotoriklektionen, Turnen oder ein Bewegungsparcours. Hier werden Ausdauer, Kraft, Koordination und Körperwahrnehmung besonders gefördert – und damit auch Aufmerksamkeit und Selbstregulation.

Für Kinder, die sich in der Schule schwer konzentrieren können, reicht Alltagsbewegung alleine oft nicht aus. Es braucht dann bewusste, gut dosierte Bewegungsangebote, damit sie ihre Motorik und exekutiven Funktionen gezielt stärken können – zu Hause, im Verein oder in therapeutischen Angeboten.

Normale Bewegungsfreude oder Problem?

Wie lange Kinder sich je nach Alter konzentrieren können

Kein Kind kann sich eine 45-Minuten-Lektion lang durchgehend konzentrieren. Die Spannweite ist gross und hängt von Tagesform, Interesse, Schlaf und vielen weiteren Faktoren ab. Grobe Orientierungswerte:

Kindergarten: 5–10 Minuten konzentriert bei einer Sache bleiben, dann brauchen viele Kinder eine kurze Unterbrechung oder eine neue Aufgabe.
Unterstufe (1.–3. Klasse): etwa 10–20 Minuten je nach Aufgabe; bei sehr interessanten Tätigkeiten auch länger.
Mittelstufe (4.–6. Klasse): rund 20–30 Minuten, oft mit kleinen «Mikropausen» (kurz strecken, auf dem Stuhl bewegen).

Kurze Phasen von Unruhe, Gähnen, auf dem Stuhl rutschen oder «mit dem Gummi spielen» sind normal. Das Gehirn versucht damit, sich zu regulieren und die Aufmerksamkeit wieder zu bündeln. Erst wenn die Unruhe über längere Zeit sehr stark ist und das Lernen oder das soziale Miteinander erheblich beeinträchtigt, stellt sich die Frage nach einer Abklärung.

Wenn «Zappeln» zur Belastung wird

Manche Kinder bewegen sich nahezu ständig: Sie trommeln mit den Fingern, stehen oft auf, stossen an andere, überraschen mit plötzlichen Bewegungen oder Geräuschen. Das kann für Lehrpersonen, Mitschüler:innen und die Familie sehr belastend sein.

Typische Situationen sind zum Beispiel:

Das Kind …

  • stört andere Kinder häufig beim Arbeiten,
  • kommt trotz wiederholter Aufforderungen nicht in die Aufgabe,
  • wirkt beim Sport gleichzeitig überdreht und ungeschickt,
  • vergisst Anweisungen nach wenigen Sekunden,
  • reagiert schnell frustriert oder aggressiv, wenn etwas nicht klappt.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Bewegungsdrang und möglichen zugrunde liegenden Schwierigkeiten:

Bewegungsdrang: Viele Kinder sind lebhaft, reden viel und bewegen sich gerne. Sie können sich aber in unterstützenden Rahmenbedingungen (klare Strukturen, Bewegungspausen, verständnisvolle Erwachsene) durchaus auf Aufgaben fokussieren und sie zu Ende bringen.

ADHS und andere Ursachen: Anhaltende Unruhe, starke Impulsivität und ausgeprägte Konzentrationsprobleme können auf eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hinweisen. Aber auch Angst (z.B. Prüfungsangst), Überforderung (zu schwieriger Lernstoff), Übermüdung oder emotionale Belastungen können zu «Zappeln» führen. Entsprechend wichtig ist eine sorgfältige Abklärung durch Fachpersonen – niemand sollte aus einzelnen Beobachtungen eine Selbstdiagnose ableiten.

Typische Stolpersteine im Schulalltag

Schwierigkeiten mit Konzentration und Motorik zeigen sich oft fächerübergreifend:

Mathematik: Das Kind verliert beim Rechnen leicht den Überblick, verrutscht in der Zeile, kann sich Zwischenschritte nicht merken oder zählt bei Textaufgaben die Informationen nicht richtig zusammen. Wenn Feinmotorik und Raum-Lage-Sinn unsicher sind, ist zum Beispiel das Arbeiten im Zahlenraum oder mit Geometrie anstrengender.

Deutsch: Beim Schreiben ist die Schrift unregelmässig, das Kind macht viele Pausen, klagt über Schmerzen in Hand oder Arm oder lässt Buchstaben aus. Rechtschreibfehler können zunehmen, weil so viel Energie in die Motorik fliesst, dass weniger Kapazität für die richtige Buchstabenfolge bleibt.

Sport: Manche Kinder wirken gleichzeitig unruhig und unsicher. Sie rennen zwar viel, stolpern aber oft, haben Mühe mit Bällen, fangen oder springen unsauber. Andere ziehen sich im Sport eher zurück, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben und sich nicht mehr blamieren möchten.

Gruppenarbeiten: In Gruppen ist Zusammenarbeit gefragt: warten, zuhören, Rücksicht nehmen, sich organisieren. Kinder mit Konzentrations- oder Motorikschwierigkeiten fallen hier oft auf – sie reden dazwischen, vergessen Absprachen oder können ihren Körper schwer regulieren, wenn sie sich gehemmt oder überfordert fühlen.

«Ich erlebe Kinder, die im Unterricht ständig aufstehen oder andere anstossen. Wenn ich dann mit ihnen in einer bewegten Lernform arbeite – zum Beispiel Rechnen mit Springen und Werfen – können sie sich plötzlich viel besser fokussieren.»
– Lehrperson einer Primarschule

Wenn du solche Stolpersteine über längere Zeit beobachtest, lohnt sich ein offenes Gespräch mit der Lehrperson. Gemeinsam könnt ihr klären, ob dein Eindruck mit der Wahrnehmung in der Schule übereinstimmt und welche nächsten Schritte sinnvoll sind.

Wenn Motorik das Lernen ausbremst

Fein- und Grafomotorik – Schreiben, Zeichnen, Basteln

Beim Schreiben, Zeichnen und Basteln sind vor allem Feinmotorik (Beweglichkeit und Koordination der Finger) und Grafomotorik (gezielte Stiftführung) gefragt. Diese Fähigkeiten entwickeln sich über Jahre. Manche Kinder tun sich damit aber deutlich schwerer als andere.

Eine unsichere Stifthaltung oder mühsames Schreiben verbraucht viel Konzentration. Statt sich auf Inhalte zu fokussieren (die Geschichte, das Diktat, die Rechenwege), muss das Kind einen grossen Teil seiner Aufmerksamkeit darauf verwenden, den Stift überhaupt zu kontrollieren. Das ist vergleichbar damit, auf einer ungewohnten Tastatur zu schreiben: Man braucht viel mehr Konzentration, um überhaupt die richtigen Tasten zu treffen.

Typische Anzeichen im Heft können sein:

Verkrampfte Schrift: sehr fester Druck, «zittrige» Linien, ungleichmässige Buchstaben. Das Kind hält den Stift sehr eng und starr oder «klemmt» ihn zwischen Finger und Hand.
Viele Pausen: das Kind schüttelt die Hand, klagt über Schmerzen, wechselt häufig die Griffart, wirkt müde nach wenigen Zeilen.
Unübersichtliches Schriftbild: Buchstaben ragen über oder unter die Linien, Abstände sind sehr unterschiedlich, Wörter «kleben» zusammen oder haben riesige Lücken.

Laut Fachverbänden für Ergotherapie und Psychomotorik sind solche Auffälligkeiten ein häufiger Grund, weshalb Kinder in eine Abklärung kommen. Wichtig: Schlechte Handschrift bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind faul oder unbegabt ist – oft steckt schlicht eine motorische Überforderung dahinter, die gezielt unterstützt werden kann.

Grobmotorik, Gleichgewicht und Körperspannung

Neben der Feinmotorik spielt auch die Grobmotorik eine grosse Rolle für das Lernen. Kinder, die im Sitzen «zusammenfallen», ständig rutschen oder oft stolpern, haben häufig Schwierigkeiten mit Körperspannung und Gleichgewicht.

Mögliche Anzeichen:

Das Kind …

• sackt im Stuhl schnell zusammen, stützt den Kopf dauernd ab oder rutscht nach vorne,
• kann nur kurz in einer Position bleiben, bevor es sich neu ausrichten muss,
• stolpert über kleine Hindernisse, stösst häufig an Möbel oder andere Kinder,
• vermeidet Klettern, Schaukeln oder Balancieren, weil es sich unsicher fühlt,
• wirkt bei schnellen Bewegungen (z.B. Fangspielen) überfordert oder ängstlich.

Diese körperlichen Herausforderungen können die Konzentration direkt beeinträchtigen. Wenn ein Kind viel Energie darauf verwenden muss, überhaupt stabil zu sitzen oder sich im Raum zu orientieren, bleibt weniger Kapazität für schulische Inhalte. Zudem leidet oft der Selbstwert: Ein Kind, das immer wieder stolpert, langsamer ist oder beim Sport als «letztes» gewählt wird, fühlt sich leicht weniger kompetent. Das kann zu Rückzug, Frust oder Verweigerung führen – was von aussen manchmal fälschlicherweise als «keine Lust» gedeutet wird.

Warnsignale – wann eine Abklärung sinnvoll ist

Eine Abklärung ist nicht dazu da, «Fehler» zu suchen, sondern um dein Kind gezielt zu entlasten. Folgende Fragen können dir eine Orientierung geben. Wenn du mehrere davon mit «Ja» beantwortest und die Belastung über einige Monate anhält, ist es sinnvoll, professionelle Unterstützung in Betracht zu ziehen:

Im Alltag zu Hause:
• Braucht dein Kind deutlich länger als gleichaltrige Kinder, um sich anzuziehen, Schuhe zu binden oder einfache Alltagsaufgaben zu bewältigen?
• Vermeidet es Aktivitäten wie Zeichnen, Basteln, Puzzles oder Brettspiele, die feinmotorische Fähigkeiten verlangen?
• Wirkt es schnell frustriert oder wütend, wenn motorische Aufgaben nicht sofort gelingen?

In der Schule:
• Meldet die Lehrperson wiederholt, dass dein Kind sich kaum konzentrieren kann, viele Aufgaben unvollständig abgibt oder den Unterricht stark stört?
• Fallen Schriftbild, Heftführung oder motorische Leistungen (z.B. Sport, Werken) deutlich im Vergleich zur Klasse zurück?
• Wirkt dein Kind nach dem Unterricht besonders erschöpft oder hat häufig Kopf- oder Bauchschmerzen ohne klare körperliche Ursache?

In der Freizeit:
• Zieht sich dein Kind eher zurück, wenn es um Sport oder Bewegung geht, weil es sich unsicher fühlt?
• Oder ist es umgekehrt fast ständig in Bewegung, kann kaum zur Ruhe kommen und wirkt auch in ruhigen Situationen «aufgedreht»?
• Berichten Trainer:innen oder Leitende von Freizeitangeboten (Verein, Musikschule, Pfadi) von ähnlichen Schwierigkeiten?

Wenn du dir unsicher bist, ist der erste Schritt oft ein Gespräch mit der Kinderärzt:in oder der Lehrperson. Beide können einschätzen, ob eine weiterführende Abklärung – etwa in der Psychomotoriktherapie, Ergotherapie oder beim Schulpsychologischen Dienst – sinnvoll ist.

So fördern Eltern Motorik und Konzentration im Alltag

Bewegter Alltag ohne Leistungsdruck

Du musst keinen vollgepackten Sportkalender organisieren, um dein Kind zu unterstützen. Oft sind es die regelmässigen, spielerischen Bewegungsmomente, die am meisten bewirken. Wichtig ist: kein Leistungsdruck, sondern Freude am Entdecken und Ausprobieren.

Möglichkeiten für einen bewegten Alltag:

In der Wohnung: Kissen- und Deckenparcours, über Linien am Boden balancieren (z.B. mit Klebeband markiert), auf einem Bein Zähne putzen, Tierbewegungen nachahmen (krabbeln wie ein Bär, hüpfen wie ein Frosch). Kurze, lustige Bewegungsspiele zwischendurch helfen, überschüssige Energie abzubauen und die Aufmerksamkeit zu bündeln.

Im Garten oder Quartier: Klettern auf Spielgeräten, auf Mauern oder Baumstämmen balancieren, Fangspiele, Seilspringen, Velofahren, Scooter fahren, Strassenkreide-Parcours zeichnen. Der Wald ist ein idealer Bewegungsraum: über Wurzeln steigen, auf Baumstämmen balancieren, Naturmaterialien tragen oder rollen.

Schulweg als Trainingsmöglichkeit: Wenn es irgendwie machbar ist, ist der Schulweg zu Fuss, mit dem Trottinett oder dem Velo eine tägliche «Dosis» Bewegung. Viele Gemeinden bieten Pedibus-Projekte an: Kinder gehen in einer begleiteten Gruppe gemeinsam zur Schule. Das stärkt nicht nur Motorik und Konzentration, sondern auch Selbstständigkeit und soziale Kontakte.

Versuche, Bewegung als natürlichen Teil des Alltags zu sehen: Lieber jeden Tag ein bisschen als einmal in der Woche zu viel. Kinder, die merken, dass sie sich dabei nicht vergleichen oder beweisen müssen, können ihr Körpergefühl und ihren Mut Schritt für Schritt stärken.

Bewegte Hausaufgaben und Lernspiele

Lernen muss nicht immer auf dem Stuhl stattfinden. Besonders für Kinder, die sich schwer konzentrieren, helfen bewegte Lernformen. Einige Ideen:

Bewegtes Lesen: Lege Lesekarten oder Sätze an verschiedene Orte in der Wohnung oder im Garten. Dein Kind läuft, krabbelt oder balanciert dorthin, liest den Text vor und kommt zurück. So verbindet es Lesen mit Bewegung und kurzen Aktivierungspausen.

Rechnen in Bewegung: Springe mit deinem Kind die Resultate von Aufgaben: Zum Beispiel hüpft es für jede Zahl einen Schritt nach vorne oder zur Seite. Oder ihr legt Zahlenkarten auf den Boden, und dein Kind springt auf das richtige Ergebnis. Das fördert Zahlenverständnis, Körperkoordination und Aufmerksamkeit.

Vokabeln lernen: Klebt Vokabelkarten an Möbeln oder Türen. Dein Kind sucht das passende Wort, wenn du eine Übersetzung nennst, und tippt es an. Auch das Werfen eines Balls beim Aufsagen von Vokabeln kann helfen, Rhythmus und Konzentration zu verbinden.

Solche Formen des bewegten Lernens in der Primarschule finden sich auch in vielen Schweizer Unterrichtskonzepten wieder. Wenn du merkst, dass dein Kind mit solchen Methoden besser zurechtkommt, kannst du das im Gespräch mit der Lehrperson einbringen. Oft lassen sich kleine Anpassungen im Unterricht (z.B. stehender Arbeitsplatz, kurze Bewegungsaufträge) gut integrieren.

Medien, Schlaf und Konzentration in Balance bringen

Neben Bewegung beeinflussen auch Mediennutzung und Schlaf die Konzentration erheblich. Fachgesellschaften aus Pädiatrie und Public Health empfehlen für Schulkinder:

• Bildschirmzeit klar zu begrenzen und bewusst zu gestalten (z.B. hochwertige Inhalte, keine parallele Mediennutzung beim Essen oder Hausaufgaben).
• Regelmässige bildschirmfreie Zeiten einzuplanen – insbesondere in der Stunde vor dem Schlafengehen.
• Für genügend Schlaf zu sorgen: Im Primarschulalter etwa 9–11 Stunden pro Nacht, je nach individuellem Bedarf.

Hilfreich sind Abendroutinen, die Bewegung und Entspannung verbinden:

• ein kurzer Spaziergang um den Block oder zum Briefkasten,
• sanftes Dehnen, Kinderyoga oder einfache Balanceübungen,
• gemeinsames Lesen oder ruhige Hörgeschichten ohne Bildschirm.

Wenn dein Kind tagsüber sehr unruhig ist, lohnt es sich, einen Blick auf den gesamten Tagesrhythmus zu werfen: Bekommt es genügend Bewegung? Sind Medienzeiten klar geregelt? Kommt es regelmässig zur gleichen Zeit ins Bett? Kleine Anpassungen im Alltag können die Konzentrationsfähigkeit erstaunlich positiv beeinflussen.

Unterstützung in der Schweiz: Wer hilft weiter?

Psychomotoriktherapie und Ergotherapie

In der Schweiz sind Psychomotoriktherapie und Ergotherapie wichtige Angebote, wenn Motorik und Konzentration das Lernen bremsen.

Psychomotoriktherapie arbeitet an der Schnittstelle von Bewegung, Wahrnehmung und Emotion. Sie richtet sich an Kinder, die beispielsweise:

• auffällige Grob- oder Feinmotorik zeigen (unsicher, ungeschickt, vermeidend),
• grosse Mühe mit Körperspannung und Gleichgewicht haben,
• sich im Raum schlecht orientieren oder beim Schreiben schnell ermüden,
• in der Gruppe durch motorische Unruhe, Impulsivität oder Rückzug auffallen.

In der Therapie werden in spielerischen Bewegungsangeboten Motorik, Körpererleben und Selbstvertrauen gestärkt. Viele Kinder erleben: «Ich kann etwas schaffen» – das wirkt sich positiv auf Konzentration und Lernbereitschaft aus.

Ergotherapie fokussiert stärker auf konkrete Alltagsfertigkeiten. Typische Gründe für eine ergotherapeutische Abklärung sind:

• grosse Schwierigkeiten beim Schreiben (Stifthaltung, Schriftbild, Schmerzen),
• Probleme beim Anziehen, Schuhe binden, Essen mit Besteck,
• auffällige Feinmotorik beim Basteln, Schneiden, Bauen,
• deutliche Überforderung mit komplexen Alltagsabläufen.

Beide Therapieformen arbeiten eng mit Eltern und Schule zusammen und geben gezielte Übungen für den Alltag mit. Ziel ist nicht, aus einem Kind ein «Supersportler» zu machen, sondern seine Teilhabe am Alltag zu erleichtern und damit auch die Lernchancen zu verbessern.

Schulpsychologischer Dienst und schulische Unterstützung

Der Schulpsychologische Dienst ist in vielen Kantonen eine zentrale Anlaufstelle, wenn es um Lern- und Verhaltensschwierigkeiten geht. Du kannst meist über die Lehrperson oder direkt Kontakt aufnehmen. Der Dienst bietet:

• Abklärungen bei Fragen zu Konzentration, Aufmerksamkeit, Lernschwierigkeiten und Verhalten,
• Beratung für Eltern und Lehrpersonen,
• Empfehlungen zu geeigneten Fördermassnahmen oder Therapien.

In der Schule selbst gibt es je nach Kanton und Gemeinde verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, zum Beispiel:

Förderunterricht oder integrative Förderung,
bewegte Sitzplätze (z.B. Sitzkissen, Stehpulte, Therabänder am Stuhl),
• kurze Bewegungspausen im Unterricht,
• Anpassungen bei Prüfungen oder Hausaufgaben (z.B. mehr Zeit, klarere Strukturierung).

Sprich mit der Lehrperson offen über deine Beobachtungen. Frage, wie dein Kind sich aus Sicht der Schule verhält und welche Unterstützung bereits besteht. Gemeinsam könnt ihr entscheiden, ob eine schulpsychologische Abklärung, Psychomotoriktherapie oder Ergotherapie angebracht ist.

Kosten, Zuständigkeiten und regionale Angebote

Die Finanzierung von Unterstützungsmassnahmen ist in der Schweiz kantonal geregelt, weshalb es Unterschiede gibt. Grundsätzlich gilt:

Schulische Psychomotoriktherapie und bestimmte Fördermassnahmen werden in vielen Kantonen über die Volksschule bzw. Gemeinde finanziert.
Ergotherapie kann von der Grundversicherung übernommen werden, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt und eine medizinische Indikation besteht.
• Abklärungen beim Schulpsychologischen Dienst sind in der Regel für Familien kostenlos.

Am besten informierst du dich bei:

• der Klassenlehrperson oder der Schulleitung,
• deiner Kinderärzt:in,
• der Bildungsdirektion bzw. dem Erziehungsdepartement deines Kantons (dort gibt es meist Informationsseiten zu schulischen Unterstützungsangeboten),
• kantonalen Fachstellen für Psychomotoriktherapie und Ergotherapie.

Wenn du dir Unterstützung holst, heisst das nicht, dass du etwas «falsch gemacht» hast. Im Gegenteil: Du hilfst deinem Kind, seine Stärken zu entdecken und mit Schwierigkeiten besser umzugehen. Motorik und Konzentration sind lern- und trainierbar – und du musst diesen Weg nicht alleine gehen.

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