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Mobbing in der Schule: So kannst du deinem Kind helfen

Wenn ein Kind in der Schule gezielt ausgegrenzt, ständig beleidigt oder körperlich gequält wird, braucht es Hilfe. Denn die psychischen und körperlichen Folgen können gravierend sein – und Mobbing hört meist nicht von allein auf. Viele Eltern sind unsicher, wie sie ihr Kind am besten unterstützen können. Dieser Ratgeber zeigt dir konkrete, praxistaugliche Schritte.

Mobbing in der Schule kann zum Albtraum werden
Befürchtest du, dass dein Kind ein Opfer von Mobbing in der Schule ist? Lies hier, wie du helfen kannst. Foto: BananaStock - Thinkstock

Im Sommer ist Maria auf eine andere Schule gewechselt. Anfangs kam sie fröhlich nach Hause. Doch seit Wochen wirkt sie bedrückt. Oft reagiert sie gereizt auf Eltern und Schwester. Wegen Bauch- und Kopfschmerzen bleibt sie an manchen Morgen zu Hause. Hin und wieder fehlen Schulhefte oder Schulbücher, ihr neuer Füller ist zerbrochen. Du machst dir Sorgen: Ist Maria in ihrer neuen Schule ein Opfer von Mobbing geworden?

Weit verbreitet: Mobbing in Schulen

Mobbing ist ein trauriges, weit verbreitetes Phänomen. Für die Schweiz zeigen wiederkehrende Erhebungen wie die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children, Schweiz) und PISA, dass sich viele Kinder und Jugendliche in der Schule nicht durchgehend sicher fühlen und dass Ausgrenzung, Aggression und digitale Formen von Gewalt den Schulalltag belasten können. Wichtig: Mobbing ist keine «Phase», die man aussitzen sollte – je länger es dauert, desto stärker kann es sich festsetzen.

Neu gegenüber früher sind elektronische Medien, die Mobber:innen zusätzliche Möglichkeiten bieten: Kinder werden auch im Internet und in sozialen Netzwerken beleidigt, bedroht und blossgestellt. Dieses Phänomen nennt sich Cybermobbing. Für Eltern heisst das: Schutz und Unterstützung müssen sowohl in der Schule als auch online mitgedacht werden.

Was Mobbing bedeutet – und woran du es erkennst

Mobbing bedeutet, dass ein Kind wiederholt und über längere Zeit von einem Kind oder mehreren Kindern geplagt wird. Dazu muss nicht immer körperliche Gewalt wie Schlagen, Treten, Kneifen, Beissen oder Festhalten gehören. Häufiger ist das Plagen mit Worten und Beziehungen: auslachen, blossstellen, abwerten, bedrohen, erpressen, Gerüchte streuen, aus Gruppen ausschliessen oder Freundschaften sabotieren. Für betroffene Kinder fühlt sich das an wie eine Kette kleiner und grosser Katastrophen – jeden Tag.

Kinder leiden stark unter Mobbing in der Schule
Sei ein guter Zuhörer, wenn dein Kind in der Schule gemobbt wird! Foto: iStockphoto - Thinkstock

Viele Eltern merken zuerst «unspezifische» Signale. Typisch sind zum Beispiel:

  • plötzliche Bauch- oder Kopfschmerzen vor der Schule, Schlafprobleme, Appetitveränderungen
  • Rückzug, Gereiztheit, Stimmungseinbrüche, auffallende Scham oder Wut
  • verlorene oder kaputte Gegenstände, ungewöhnliche Geldforderungen
  • veränderte Wege zur Schule, Angst vor Pausen, Toiletten oder bestimmten Orten
  • weniger Kontakte, keine Einladungen, «niemand mag mich»-Sätze

Sicher: Kinder und Jugendliche sollen lernen, Konflikte und Probleme zu lösen. Aber Mobbing ist kein normaler Konflikt auf Augenhöhe. Wenn eine Seite unterlegen ist und die Angriffe wiederholt auftreten, braucht es Unterstützung von Erwachsenen. Fachstellen betonen seit Jahren: Mobbing vergeht nicht automatisch, und Wegschauen stabilisiert das Problem.

Mobbing kann aus einer Konfliktsituation entstehen und dann eine Eigendynamik gewinnen. Durch die Herabsetzung des Opfers fühlen sich die Täter:innen stark. Das Opfer steckt oft in einer Falle: Holt es Hilfe, wird es als «Petze» bezeichnet. Weicht es aus, gilt es als «feige». Versucht es, freundlich zu bleiben, wird es als «schleimig» abgewertet. Genau deshalb ist es so wichtig, dass Erwachsene strukturiert eingreifen.

Erste Hilfe zu Hause: So sprichst du mit deinem Kind

Wenn du befürchtest, dass dein Kind ein Mobbing-Opfer ist, sprich es in einem ruhigen Moment mit viel Fingerspitzengefühl an. Oft ist es schwierig, ins Gespräch zu kommen: Betroffene Kinder schwanken zwischen Ärger, Wut, Angst und Scham. Am meisten erfahren Eltern, die gute Zuhörer sind.

Was hilft im Gespräch:

  • Entlasten: «Ich glaube dir. Das ist nicht deine Schuld.»
  • Konkreter werden, ohne zu verhören: «Was passiert in der Pause? Wer ist dabei? Seit wann?»
  • Gefühle benennen: «Das klingt sehr verletzend. Ich verstehe, dass du Angst hast.»
  • Gemeinsam planen: «Wir holen uns Unterstützung. Du musst da nicht alleine durch.»

Wichtig: Suche die Schuld nicht beim Kind und mache ihm keine Vorwürfe. Die Vorstellung, Opfer hätten «selbst etwas provoziert», ist ein verbreitetes Missverständnis. Mobbing hat viel mit Gruppendynamik zu tun – und damit, dass Täter:innen sich ein Ziel suchen, das gerade «passt» (z.B. neu in der Klasse, auffällig still, besonders leistungsstark, anders gekleidet, etc.).

Mobbing in der Schule: Was nicht hilfreich ist

  • Mit den Eltern der Täter reden. Die meisten Eltern schützen ihr Kind und billigen so sein aggressives Verhalten.
  • Mit den Tätern reden. Eltern, die ein Gespräch suchen, signalisieren den Mobbenden, dass sich ihr Kind nicht wehren kann. Sie schwächen damit die Position ihres Kindes.
  • Das Kind zum ersten Lehrergespräch mitnehmen. Abhängig von der Einstellung des Lehrers könnte die Begegnung für das Kind belastend sein und seine Schuldgefühle weiter stärken.

(Quelle: Infoblatt für Eltern «Gemeinsam gegen Mobbing in der Schule» der Berner Gesundheit.)

 

Zusammenarbeit mit der Schule: So gehst du Schritt für Schritt vor

Ein Gespräch mit der Klassenlehrperson ist meist unumgänglich. Bereite es gut vor: Was genau wünschst du dir? Was soll sich bis wann verändern? Welche Schutzmassnahmen braucht dein Kind sofort (z.B. Aufsicht in Pausen, Sitzplatzwechsel, Begleitung auf dem Pausenplatz, klare Regeln für Gruppenarbeiten)?

Im Gespräch hilft eine sachliche, strukturierte Haltung. Schuldzuweisungen bringen selten etwas und können die Zusammenarbeit erschweren. Sinnvoll ist, zusammen eine konkrete Strategie zu vereinbaren: Wer macht was, ab wann, wie wird überprüft, ob es besser wird?

Warte nicht zu lange auf «Besserung». Wenn die vereinbarten Schritte nicht wirken, ist ein weiteres Gespräch nötig. Je nach Schule kann es sinnvoll sein, Vertrauenslehrperson oder Schulleitung beizuziehen. Auch Schulsozialarbeit, Beratungslehrer:innen und der Schulpsychologische Dienst sind geeignete Anlaufstellen. In Schulen werden teils lösungsorientierte Vorgehensweisen genutzt (z.B. gruppenbasierte Interventionen ohne öffentliche Bloßstellung des betroffenen Kindes). Entscheidend ist, dass der Schutz des betroffenen Kindes sofort verbessert wird und die Klasse langfristig ein respektvolles Klima aufbaut.

Wenn andere nur zusehen: Bystander und Zivilcourage

Mobbing wird selten nur von «Täter:in gegen Opfer» getragen. Fast immer spielt die Gruppe eine zentrale Rolle. Genau hier liegt eine grosse Chance: Wenn Kinder lernen, hinzusehen und Hilfe zu holen, verlieren Mobbende oft an Macht.

Welche Rollen Kinder in Mobbingsituationen einnehmen

In Mobbingsituationen übernehmen Kinder unterschiedliche Rollen – manchmal wechseln sie auch:

  • Mitläufer:in: macht mit, um dazuzugehören, auch ohne selbst stark aggressiv zu sein.
  • Verstärker:in: feuert an (z.B. lacht, filmt, teilt Inhalte), wodurch Mobbing «belohnt» wird.
  • Zuschauer:in: schaut weg oder bleibt passiv. Das wirkt nach aussen wie Zustimmung – auch wenn das Kind innerlich unsicher ist.
  • Helfer:in: unterstützt das betroffene Kind, holt Hilfe oder setzt Grenzen.

Wichtig: Auch passives Zuschauen beeinflusst die Dynamik. Wenn mehrere Kinder klar signalisieren, dass sie nicht mitmachen, wird es für Mobbende deutlich schwieriger.

So stärkst du dein Kind, hinzuschauen und Hilfe zu holen

Du kannst deinem Kind Sätze mitgeben, die Sicherheit geben und entlasten. Zum Beispiel:

  • «Ich mache da nicht mit.»
  • «Hör auf. Das ist nicht ok.» (nur wenn es sich sicher fühlt)
  • «Komm, wir gehen.» (Opfer aus der Situation heraus begleiten)
  • «Ich hole einen Erwachsenen – das ist Hilfe holen, nicht petzen.»
  • «Ich kann nicht alles lösen, aber ich kann dafür sorgen, dass es nicht alleine bleibt.»

Praktisch zu Hause: Mach kurze Rollenspiele (2–3 Minuten). Du spielst Täter:in oder Mitläufer:in, dein Kind übt eine klare Mini-Handlung: weggehen, Opfer ansprechen («Komm mit»), eine Aufsichtsperson holen, eine Nachricht an die Lehrperson formulieren. Ziel ist nicht «mutig kämpfen», sondern sicher handeln.

Rechte und Pflichten in der Schweiz: Was die Schule tun muss

Auftrag der Schule: Schutz und Chancengleichheit

In der Schweiz gilt: Kinder haben Schulpflicht – und damit muss Schule ein Ort sein, an dem Lernen möglich ist. Mobbing kann das Recht auf Bildung faktisch untergraben, wenn ein Kind aus Angst nicht mehr am Unterricht teilnehmen kann oder dauerhaft belastet ist. Darum ist Schule verpflichtet, hinzuschauen und Schutzmassnahmen zu ergreifen, sobald Hinweise auf Mobbing vorliegen.

Dass das Thema relevant ist, zeigen u.a. regelmässige Daten zur Gesundheit und zum Wohlbefinden von Schüler:innen (HBSC Schweiz) sowie internationale Schulleistungs- und Schulklima-Erhebungen wie PISA: Wohlbefinden, Sicherheit und Zugehörigkeit sind eng mit Lern- und Entwicklungschancen verbunden.

Typische Eskalationswege in der Schweiz

Wenn du das Gefühl hast, dass die Situation nicht ausreichend ernst genommen wird, hilft ein klarer Eskalationsweg. Häufig ist folgende Reihenfolge sinnvoll:

  1. Klassenlehrperson (kurzfristige Schutzmassnahmen, Beobachtung, Intervention in der Klasse)
  2. Schulleitung (wenn es weitergeht, wenn Massnahmen ausbleiben oder wenn mehrere Klassen betroffen sind)
  3. Schulsozialarbeit / Schulpsychologischer Dienst (Abklärung, Beratung, Intervention, Begleitung)
  4. Schulbehörde/Aufsicht (wenn die Schule trotz klarer Hinweise nicht handelt oder Schutz nicht gewährleistet)

Damit du in Gesprächen handlungsfähig bleibst, hilft eine kurze Dokumentation. Notiere (so sachlich wie möglich):

  • Datum, Ort, Situation (z.B. Pause, Garderobe, Schulweg, Chatgruppe)
  • beteiligte Kinder (wenn bekannt) und mögliche Zeug:innen
  • konkrete Handlungen/Worte (z.B. Drohung, Beleidigung, Ausschluss, körperlicher Übergriff)
  • Folgen (z.B. Verletzung, Angst, Schlaf, Schulvermeidung, fehlende Sachen)
  • Reaktion der Schule (Gespräch, Massnahmen, Termine, Beobachtungen)

Wenn dein Kind akut gefährdet ist (körperliche Gewalt, Drohungen, sexualisierte Übergriffe, schwere Online-Erpressung): Hole sofort Unterstützung über die Schule hinaus. In solchen Fällen kann auch eine ärztliche Abklärung sinnvoll sein, um psychische und körperliche Belastungen früh zu erkennen.

Wenn dein Kind andere mobbt

Dieser Gedanke ist für Eltern besonders schwer. Trotzdem lohnt es sich, hinzusehen: Kinder können in unterschiedlichen Situationen verschiedene Rollen einnehmen – heute Opfer, morgen Mitläufer:in. Entscheidend ist, dass du Verantwortung übernimmst und deinem Kind Orientierung gibst.

Hinsehen statt verharmlosen

Wenn Hinweise auftauchen (z.B. Rückmeldung der Schule, Chatverläufe, andere Eltern berichten, dein Kind lacht über Demütigungen), hilft eine klare Haltung:

  • nicht reflexhaft verteidigen: «Mein Kind macht so etwas nicht» kann Gespräche blockieren.
  • Grenzen setzen: «Bei uns ist klar: Niemand wird erniedrigt oder ausgeschlossen.»
  • Verantwortung fördern: «Was hat das beim anderen Kind ausgelöst? Was machst du jetzt, um es zu stoppen?»

Hilfreich ist, Verhalten von der Person zu trennen: Dein Kind ist nicht «schlecht», aber das Verhalten ist nicht ok und muss aufhören. Je früher du reagierst, desto besser lassen sich Muster verändern.

Mit Schule und Fachstellen zusammenarbeiten

Suche das Gespräch mit der Lehrperson und – wenn nötig – der Schulleitung. Signalisiere, dass du an einer Veränderung mitarbeitest. Je nach Situation können folgende Schritte hilfreich sein:

  • klare Abmachungen (z.B. keine Kontaktaufnahme ausserhalb definierter Settings, keine Gruppen-Chats mit dem Opfer)
  • Wiedergutmachung in sicherem Rahmen (nicht erzwungene «Entschuldigungen» vor der Klasse, sondern begleitet und konkret)
  • Training sozialer Kompetenzen und Emotionsregulation (z.B. bei Schulsozialarbeit oder Schulpsychologischem Dienst)
  • bei wiederholtem oder schwerem Verhalten: zusätzliche Beratung für die Familie

Wenn du merkst, dass sich Muster festsetzen oder die Situation zu Hause eskaliert, kann externe Unterstützung entlasten. In der Schweiz können je nach Region z.B. Elternnotruf, Erziehungsberatung oder Pro Juventute passende Anlaufstellen sein.

 

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