Kind > SchuleMobbing in der Schweiz: Warum Laura Ackermann für Céline weiterkämpft Laura Ackermann Im Dezember 2019 wäre die Schülerin Céline 16 Jahre alt geworden. Mit 13 hat sie sich nach Mobbing das Leben genommen. Anti-Mobbing-Coach Laura Ackermann erinnert in einem persönlichen Brief an ihre Geschichte – und sagt, was Eltern tun können. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Es zerbricht unserer Anti-Mobbing-Expertin immer wieder das Herz: Die Schülerin Céline hat sich das Leben genommen, weil sie gemobbt wurde. Foto: Kelly Sikkema, Unsplash Das Wichtigste in Kürze Im Dezember dieses Jahres wäre die Schülerin Céline 16 Jahre alt geworden. Doch sie hat sich aufgrund von Mobbing im Alter von 13 Jahren das Leben genommen. Anti-Mobbing-Coach Laura Ackermann erinnert in einem persönlichen Brief an Célines Geschichte. Der Brief entstand 2019, als eine PISA-Erhebung Schlagzeilen zu Mobbing an Schweizer Schulen ausgelöst hatte; die Datenlage hat sich seither verändert. Laura Ackermann gibt Eltern Rat. Hinweis der Redaktion Dieser Brief entstand im Dezember 2019. Damals hatte die PISA-Erhebung 2018 für Schlagzeilen zum Thema Mobbing an Schweizer Schulen gesorgt. Die Datenlage hat sich seither verändert: Bei PISA 2022 berichten in der Schweiz 19 Prozent der Schülerinnen und Schüler von mehrfachen Mobbingerfahrungen pro Monat – ein Wert, der sich nicht signifikant vom OECD-Durchschnitt von 20 Prozent unterscheidet und der gegenüber 2018 zurückgegangen ist. Die Schülerinnen- und Schülerbefragung HBSC kommt für 2022 auf 6 Prozent der 15-Jährigen gegenüber einem internationalen Durchschnitt von 9 Prozent. Am Kern ändert das nichts: Für jedes betroffene Kind ist Mobbing eine existenzielle Erfahrung. Wenn es dir oder deinem Kind gerade schlecht geht: Kinder und Jugendliche erreichen die Beratung von Pro Juventute rund um die Uhr unter 147; der Anruf ist kostenlos und erscheint nicht auf der Telefonrechnung. Erwachsene erreichen die Dargebotene Hand unter 143 – je nach Telefonanbieter können dabei Gebühren anfallen. Bei akuter Lebensgefahr gilt der Notruf 144. Die Elternberatung von Pro Juventute ist unter 058 261 61 61 erreichbar. Liebste Céline Am 7.12.2019 führte uns unser Weg wieder an dein Grab. In dieser Woche wärst du 16 Jahre alt geworden. Man kann nur erahnen wie aus dem süssen Lockenschopf, der du warst, eine strahlend schöne junge Frau geworden wäre. Es ist bereits dein dritter Geburtstag, den du nicht mehr mit deinen Liebsten feiern kannst. Und trotzdem waren auch zweieinhalb Jahre nach deinem tragischen Tod wieder über 60 Menschen versammelt. Trotz wolkenverhangenem Himmel, einzelner Regentropfen und Kälte waren alle wieder anwesend. Es haut mich jedes Mal wieder um! Du hattest so viele Freunde, Familie und Menschen um dich herum, die dich von Herzen liebten. Umso mehr war mir wieder bewusst, wie unfassbar verzweifelt du gewesen sein musstest, um deinem Leben ein Ende zu setzen. Wie viel Schmerz hast du nur in dir getragen? Was haben sie dir bloss angetan? Dass du mit nur 13 Jahren eine solche Verzweiflung erleben musstest, macht mich unendlich traurig. Es waren wieder Momente bei deiner Grabweihe dabei, die ich kaum ertragen konnte. Deine Mama weinen zu sehen, zerbricht mich immer wieder in Stücke. Ich konnte sie kaum ansehen mit ihren vielen Tränen. Mein Herz hat geblutet. Gerade als Mama willst du dir nicht mal vorstellen, wie es wäre, dein Liebstes zu verlieren. Ich weiss nicht, wie man nach einem solchen Verlust überhaupt weiter machen kann. Auch wenn es wieder sehr schmerzhafte Momente gab, war es wiederum wunderbar, so an dich zu denken und diese ganze Liebe zu spüren. Es war ein Abend in deinem Namen und wir haben jede Sekunde zusammen genossen. Ich bin stolz, dass ich in solchen Momenten an der Seite deiner Familie und Freunde sein darf. Nun ist es an uns den Weg weiterzugehen, um weitere Kinder vor deinem Schicksal zu beschützen. Wir werden weiterkämpfen und nicht wegsehen. Wir werden die Menschen zwingen hinzusehen, aufzustehen und die Gefahr endlich ernst zu nehmen. Ich für meinen Teil werde weiter in deinem Namen für alle Opfer kämpfen und die Missstände aufdecken! Schweiz: Platz 1 beim Thema Mobbing In Célines Geburtstagswoche haben sich die Zeitungsberichte überschlagen. Die Schweiz steht an der Mobbing-Spitze von Europa. Ein wahrlich schlechtes Zeugnis für uns, aber für mich wenig überraschend. Céline ist auch bei weitem nicht das einzige Kind aus der Schweiz, welches sich das Leben nimmt. Es sind bis zu 100 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren jährlich, die den Freitod wählen. Das sind 200 Elternpaare, die ihr Kind zu Grabe tragen müssen. 200 Mütter und Väter, die zu Hause ein leeres Kinderzimmer vorfinden und hoffen, bald aus diesem Alptraum aufzuwachen. Mobbing ist allgegenwärtig und an jeder Schule in der Schweiz vertreten. Einige wenige Schulen gehen hart gegen Mobbing vor. Ein vorbildliches Verhalten, aber leider viel zu selten. Mobbing ist nur da möglich, wo es geduldet wird. Anstatt dazu zu stehen, dass man ein Problem an der Schule hat, wird immer noch oft behauptet, kein Mobbing zu beobachten. Eine wahnsinnig gefährliche Einstellung! Durch ignorieren lösen wir keine Probleme. Durch Ignoranz fördern wir Mobbing! Mit dieser Einstellung wird die Anzahl von Kindersuiziden in den nächsten Jahren dramatisch steigen! Auch unsere nicht vorhandenen Gesetze gegen Mobbing und Cybermobbing lassen die Täter über die Strafen nur müde lächeln. Célines Täter kamen mit wenigen Sozialstunden davon – wegen versuchter Bedrohung und Nötigung. Absolut lächerlich, wenn man die Chatverläufe liest und sieht, was diese beiden Céline angetan haben! Deswegen, und um auf die Gesetzeslücke aufmerksam zu machen, ziehen die Eltern das Urteil weiter. Am 26. Februar 2020 wird der Fall vor dem Jugendgericht in Dietikon verhandelt. Célines Fall zeigt wieder auf, dass es einfach jeden treffen kann. Nur weil du viele Freunde und eine grossartige Familie hast, heisst es nicht, dass du sicher vor Mobbing bist. Liebe Eltern, hören Sie auf Ihr Gefühl! Wenn Ihr Bauchgefühl sagt, da stimmt was nicht, dann stimmt da was nicht! Warten Sie nicht, bis die Situation eskaliert! Holen Sie sich Hilfe! Sie alle dürfen sich jederzeit bei mir melden! Ich nehmen mir gerne Zeit und höre Ihnen zu. Ich nehme Ihre Sorgen sehr ernst und versuche für jeden die beste Lösung zu finden. Es gibt immer einen Ausweg, egal wie dunkel der Weg auch scheint! Zusammen sind wir stark! BE NICE – SEI NETT Gewidmet an dieses Mädchen, welches keinen Ausweg mehr sah. Das ist meine Herzensangelegenheit und deshalb ist es mir eine Ehre für Sie alle schreiben zu dürfen. Die Zeiten in denen Mobbing zu Tode geschwiegen wird, sind vorbei. Es braucht klare und offene Worte. Ich spreche für die, die sich am wenigsten wehren können. Unsere Kinder! Ich kämpfe: Für mehr Toleranz und weniger Diskriminierung! Für mehr Verständnis und weniger Ignoranz! Für mehr Zusammenhalt und weniger Einsamkeit! Für mehr Wahrheit und weniger „schön reden“! Für mehr eingreifen und weniger wegschauen! Weitere Artikel von Laura Ackermann gibt es hier. Quellen Konsortium PISA.ch (2023): PISA 2022 – Die Schweiz im Fokus, S. 91, 97 und 102. pisa-schweiz.ch (abgerufen am 11.08.2026) Balsiger, N. & Delgrande Jordan, M. (2025): Gesundheit und Gesundheitsverhalten von 11-, 13- und 15-jährigen Jugendlichen im Jahr 2022 … Die Schweiz im internationalen Vergleich. Forschungsbericht Nr. 176, Sucht Schweiz, S. 41–42. hbsc.ch (abgerufen am 11.08.2026) Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), Medienmitteilung vom 05.12.2023. edk.ch (abgerufen am 11.08.2026)