Kind > TeenagerDiättrends, Körperbild & Essen in der Pubertät: Wie du deinen Teenager gesund begleitest Luisa Müller Auf einmal isst dein Teenager «clean», trainiert täglich, folgt Fitness-Influencer:innen – oder lässt ganze Mahlzeiten aus. In der Pubertät werden Essen, Gewicht und Aussehen oft emotional und konfliktreich. Dieser Ratgeber zeigt dir, wie du in der Schweiz dein Kind zwischen Diättrends, Social Media und echten Gesundheitsrisiken sicher begleiten kannst – mit konkreten Formulierungen, Warnsignalen und Hilfsangeboten. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Viele junge Frauen unterwerfen sich immer neuen Fitness- und Diättrends © LanaStock / Getty Images Warum Essen in der Pubertät emotional wird In der Pubertät verändert sich der Körper rasant: Grösse, Gewicht, Fettverteilung und Hormone sind im Umbau. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) betont, dass Jugendliche in dieser Phase mehr Energie und Nährstoffe brauchen – gleichzeitig steigt aber die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper deutlich. Das heisst: Genau dann, wenn der Körper mehr braucht, werden Diäten und Kalorienzählen besonders verlockend. Körperveränderungen, Vergleich, Kommentare Mädchen legen oft zuerst an Hüfte, Po und Oberschenkeln zu, Jungs bekommen mehr Muskelmasse – aber nicht alle im gleichen Tempo. Wer spät dran ist oder früher «auseinandergeht» als andere, fühlt sich schnell «falsch». Dazu kommen Kommentare aus dem Umfeld («Hast du zugenommen?», «Du bist aber dünn geworden!») und der ständige Vergleich mit idealisierten Körpern online. Laut Fachleuten aus der Pädiatrie Schweiz ist diese Verunsicherung normal – sie kann aber in Risikoverhalten kippen, wenn: Gewicht und Aussehen im Alltag ständig Thema sind, Essen stark kontrolliert oder weggelassen wird, sich dein Teenager sozial zurückzieht, weil er oder sie sich «zu dick» oder «zu hässlich» findet. Wichtig ist: Du musst dein Kind nicht von allen Unsicherheiten bewahren. Aber du kannst helfen, dass daraus keine gefährliche Fixierung entsteht. Social Media: SkinnyTok, Fitspiration & «Clean Eating» Auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat stossen Jugendliche schnell auf Inhalte zu Diäten, «What I eat in a day», extreme Workouts oder «Before/After»-Bilder. Unter dem Begriff «SkinnyTok» verbreiten sich Videos, die sehr schlanke Körper idealisieren, Tipps zum Kaloriensparen geben oder Essen als «Versagen» darstellen. Internationale Kinder- und Jugendmediziner:innen warnen, dass solche Inhalte Essstörungen normalisieren und sogar romantisieren können. Auch scheinbar «gesunde» Trends wie «Fitspiration» oder «Clean Eating» können problematisch werden, wenn dein Teenager das Gefühl hat: «Nur wenn ich perfekt esse und trainiere, bin ich etwas wert.» Warnzeichen: wenn «gesund» zur Fixierung wird Laut Fachleuten der SGE und pädiatrischen Essstörungsambulanzen ist nicht jeder Salat ein Alarmzeichen. Du solltest aber hellhörig werden, wenn dein Teenager: immer mehr Lebensmittel als «ungezund», «giftig» oder «Sünde» bezeichnet, grosse Lebensmittelgruppen (z.B. Kohlenhydrate, Fette) komplett streicht, ohne medizinischen Grund, starke Schuldgefühle nach normalem Essen zeigt («Ich hasse mich, dass ich das gegessen habe»), soziale Situationen meidet, weil das Essen dort «nicht clean» ist (Geburtstage, Restaurant, Schulanlässe), Stimmung und Selbstwert fast nur noch davon abhängig macht, «diszipliniert» gegessen zu haben. Gerade bei Jugendlichen, die sehr leistungsorientiert oder perfektionistisch sind, kann ein «gesunder Lifestyle» unbemerkt in eine Essstörung übergehen. Dein Auftrag ist nicht, Social Media zu verbieten, sondern dein Kind zu befähigen, Inhalte kritisch einzuordnen – und einen inneren Abstand zu Idealkörpern aufzubauen. So sprichst du über Essen – ohne «gut/schlecht»-Label Viele von uns sind mit Sätzen aufgewachsen wie «Süsses ist ungesund» oder «Wenn du so weitermachst, wirst du dick». Heute weiss man aus der Ernährungs- und Entwicklungspsychologie: Wertende Sprache über Essen und Körper erhöht das Risiko, dass Jugendliche Schuldgefühle entwickeln und heimlich essen – oder in Diäten und Essstörungen abrutschen. Fachleute empfehlen, Essen nicht moralisch zu bewerten («gut», «schlecht», «Sünde»), sondern funktional: «Dieses Essen gibt deinem Körper Energie, Muskeln, Konzentration.» Sätze, die helfen - und welche, die schaden Du musst deine Sprache nicht perfekt machen – kleine Änderungen wirken bereits. Orientierung geben dir diese Beispiele: Hilfreich sind zum Beispiel: «Dein Körper leistet gerade viel, weil er wächst – er braucht Energie.» «Wie fühlst du dich nach diesem Essen – satt, müde, energiegeladen?» «Alle Körper sind verschieden. Wichtig ist, dass du dich stark und wohl fühlst.» «Wir schauen gemeinsam, wie du dich im Alltag gut fühlst – Schlaf, Bewegung, Essen gehören zusammen.» «Es ist okay, auch mal nur aus Lust zu essen. Essen ist nicht nur Treibstoff, sondern auch Genuss.» Weniger hilfreich oder schädlich sind Sätze wie: «Das brauchst du wirklich nicht mehr, du hast schon genug.» «Du solltest wirklich abnehmen, so geht das nicht weiter.» «Schau mal XY, die kann auch schlank bleiben – warum du nicht?» «Wenn du so isst, wirst du später nie einen Partner finden.» «Ich mache jetzt auch Diät, dann ziehen wir das zusammen durch.» Insbesondere gemeinsame Diäten von Eltern und Teenagern erhöhen laut internationalen Fachgesellschaften das Risiko für Essstörungen. Besser ist: Du lebst ausgewogene Gewohnheiten vor, ohne Gewicht zum zentralen Thema zu machen. Familienregeln: Struktur geben, aber Autonomie respektieren Jugendliche brauchen einerseits Struktur und Orientierung, andererseits Raum, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein guter Mittelweg sind klare, aber flexible Familienregeln. Zum Beispiel: «Wir versuchen, mindestens einmal am Tag gemeinsam zu essen.» «Am Tisch reden wir respektvoll – Körperkommentare (über alle!) sind tabu.» «Es gibt grundsätzlich verschiedene Komponenten (z.B. Kohlenhydrate, Gemüse/Früchte, Protein), aber du entscheidest, wie viel du wovon nimmst.» «Niemand muss den Teller leer essen. Du darfst Stopp sagen, wenn du satt bist.» Respektiere, wenn dein Teenager bestimmte Vorlieben oder Werte entwickelt (z.B. vegetarisch, vegan, Halal) – aber achte darauf, dass es nicht zur Tarnung einer Diät wird. Wenn du unsicher bist, kannst du eine Ernährungsberatung mit Erfahrung in Jugendmedizin hinzuziehen, wie sie in der Schweiz von der SGE empfohlen wird. Essstörungen erkennen: Anorexie, Bulimie, Binge Eating, Bigorexie Essstörungen sind ernsthafte psychische Erkrankungen mit körperlichen Folgen. Laut pädiatrischen Fachstellen in der Schweiz nehmen sie in der Jugend deutlich zu. Je früher sie erkannt und behandelt werden, desto besser sind die Chancen auf Heilung. Die wichtigsten Formen sind: Anorexia nervosa (Magersucht): Starke Angst vor Gewichtszunahme, sehr eingeschränkte Nahrungsaufnahme, oft starkes Untergewicht. Körperwahrnehmung ist gestört: Betroffene fühlen sich «zu dick», auch wenn sie objektiv zu dünn sind. Bulimia nervosa (Bulimie): Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust, gefolgt von kompensierendem Verhalten (Erbrechen, Abführmittel, exzessiver Sport, Fasten). Gewicht kann normal erscheinen – deshalb wird Bulimie oft spät erkannt. Binge-Eating-Störung: Wiederkehrende Essanfälle ohne kompensierende Massnahmen. Betroffene schämen sich stark, essen oft heimlich und leiden trotzdem unter ihrem Gewicht, ohne «einfach weniger essen» zu können. Bigorexie (Muskel- oder Körperbildstörung, oft bei Jungs): Fixierung auf Muskelaufbau, Gefühl, «zu klein» oder «zu schmächtig» zu sein, exzessives Training, strenge Diäten, manchmal illegale Supplemente oder Anabolika. Red Flags: Rückzug, Training/Esszwang, rasche Gewichtsänderung Die SGE und pädiatrische Fachgesellschaften betonen, dass einzelne Verhaltensweisen allein noch keine Essstörung bedeuten. Mehrere Warnzeichen zusammen über Wochen sind jedoch ein Alarm: Mögliche körperliche und verhaltensbezogene Warnsignale: – Plötzliche, deutliche Gewichtsabnahme oder -zunahme ohne ärztliche Abklärung – Ständiges Frieren, Müdigkeit, Konzentrationsprobleme – Ausbleiben der Periode bei Mädchen oder verzögerte Pubertätszeichen – Häufige Bauchschmerzen, Übelkeit, Verdauungsprobleme ohne klare Ursache – Verschwinden nach dem Essen im Bad, Geräusche von Erbrechen, häufige «Magen-Darm-Probleme» Mögliche psychische und soziale Warnsignale: – Ständige Beschäftigung mit Kalorien, «Macros», Diäten, Körpercheck in Spiegeln – Rückzug von Freund:innen, Hobbys, Familienaktivitäten – Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, depressive Anzeichen – Strenge Regeln rund ums Essen oder Training («Ich muss», «Ich darf nicht») – unabhängig von Hunger oder Müdigkeit – Übermässiger Sport trotz Verletzung, Krankheit oder Erschöpfung Wenn du mehrere dieser Anzeichen über einige Wochen beobachtest, ist es kein «Pubertätsspleen» mehr, sondern sollte ernst genommen werden. Ab wann ist es ein Notfall? Laut pädiatrischen Leitlinien ist eine rasche ärztliche Abklärung nötig, wenn: – Gewicht stark unter oder über der altersentsprechenden Kurve liegt und weiter fällt/steigt, – dein Teenager regelmässig erbricht oder Abführmittel/Entwässerungsmittel missbraucht, – es zu Ohnmachtsanfällen, Herzrasen, Herzstolpern oder Schwindel bei Aufstehen kommt, – dein Kind sehr geschwächt wirkt, kaum noch zur Schule geht oder Sport plötzlich nicht mehr schafft, – suizidale Gedanken oder Selbstverletzungen im Zusammenhang mit Körper/Essverhalten geäussert werden. In diesen Situationen solltest du nicht abwarten, sondern sofort handeln: zuerst Hausärzt:in oder Kinderärzt:in kontaktieren, bei akuter Gefahr die Notfallnummer 144 oder den psychiatrischen Notfalldienst deiner Region anrufen. Du übertreibst nicht – Essstörungen können lebensbedrohlich werden. Hilfe in der Schweiz: erste Anlaufstellen Du musst eine mögliche Essstörung nicht alleine «lösen». In der Schweiz gibt es verschiedene Stellen, die dich und dein Kind unterstützen: Hausarzt/Kinderarzt, Schulsozialarbeit, spezialisierte Stellen Hausärzt:in oder Kinderärzt:in: Das ist meist die erste Anlaufstelle. Sie kann den körperlichen Zustand einschätzen, Gewicht und Wachstumskurven beurteilen und bei Bedarf an spezialisierte Essstörungsambulanzen oder Kinder- und Jugendpsychiatrie überweisen. Fachgesellschaften wie die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie empfehlen, dass bei Verdacht auf Essstörung frühzeitig interdisziplinär (medizinisch, psychologisch, ernährungsberatend) gearbeitet wird. Schulsozialarbeit / Schulpsychologischer Dienst: Gerade wenn Schule, Mobbing oder Leistungsdruck eine Rolle spielen, können Schulsozialarbeiter:innen oder schulpsychologische Dienste eine wichtige Ergänzung sein. Sie unterstützen bei Gesprächen mit Lehrpersonen, Entlastung im Schulalltag und vernetzen dich mit weiteren Angeboten in der Region. Spezialisierte Essstörungsstellen und Beratungsangebote: In vielen Kantonen gibt es spezialisierte Ambulanzen an Kinder- und Jugendpsychiatrien, psychosomatischen Kliniken oder Universitätskliniken. Dort arbeiten Ärzt:innen, Psycholog:innen, Ernährungsberater:innen und häufig auch Familientherapeut:innen zusammen. Dein Haus- oder Kinderarzt kann dir helfen, ein passendes Angebot zu finden. Online-Merkblätter von Institutionen wie der SGE oder Informationsportale für Eltern können zusätzlich Orientierung geben, ersetzen aber keine persönliche Beratung, wenn der Verdacht auf eine Essstörung besteht. Zurück in die Balance: kleine Schritte im Alltag Ob dein Teenager «nur» verunsichert ist, gerade einen Diättrend ausprobiert oder bereits in einer Essstörung steckt – als Familie kannst du viel dazu beitragen, dass sich Essen und Körperbild wieder normalisieren. Wichtig: Du musst nicht alles sofort ändern. Kleine, konsequente Schritte sind wirksamer als grosse «Programme». Gemeinsame Mahlzeiten, Schlaf, Bewegung als Wohlbefinden Fachleute der SGE und der Kinder- und Jugendmedizin betonen, dass eine gesunde Entwicklung nicht nur vom Essen abhängt, sondern von einem Bündel an Alltagselementen: 1. Gemeinsame Mahlzeiten als Anker Versuche, eine Mahlzeit pro Tag gemeinsam einzunehmen – ohne Handy und ohne Kommentieren von Körpern oder Mengen. Nutze die Zeit, um ins Gespräch zu kommen: «Wie war dein Tag?», nicht «Wie viel hast du gegessen?». Die Forschung zeigt, dass regelmässige Familienmahlzeiten mit geringerem Risiko für Essstörungen und besserem seelischem Wohlbefinden verbunden sind. 2. Schlaf als Schutzfaktor Zu wenig Schlaf steht bei Jugendlichen in Zusammenhang mit mehr Heisshunger, Stimmungsschwankungen und höherem Social-Media-Konsum spätabends. Unterstütze dein Kind, zu regelmässigen Zeiten schlafen zu gehen, und vereinbart gemeinsam Handyzeiten, etwa: keine Geräte im Bett. Ausgeschlafene Jugendliche haben mehr Ressourcen, um mit Druck und Selbstzweifeln umzugehen. 3. Bewegung als Freude, nicht als Strafe Ermutige dein Kind zu Bewegung, die Spass macht – nicht zu Kalorienverbrennung. Das kann Tanzen, Skateboard, Volleyball, Wandern oder auch gemeinsames Spazierengehen sein. Signalisiere klar: «Du musst keinen Sport machen, um Essen zu verdienen.» Bewegung unterstützt die psychische Gesundheit und hilft, den Körper über seine Fähigkeiten statt über sein Aussehen zu definieren. 4. Vorbildfunktion ernst nehmen – ohne Perfektionsanspruch Kinder und Jugendliche beobachten genau, wie Erwachsene über sich selbst sprechen. Versuche, abwertende Kommentare über deinen eigenen Körper («Ich sehe furchtbar aus», «Ich darf das nicht essen, sonst werde ich dick») zu reduzieren. Du darfst auch offen sagen: «Ich lerne gerade selbst, netter zu mir und meinem Körper zu sein.» Authentizität wirkt stärker als perfektes Verhalten. 5. Offen bleiben – auch wenn dein Teenager dich wegstösst Es ist normal, dass Jugendliche auf Nachfragen mit Augenrollen oder Rückzug reagieren. Bleib trotzdem erreichbar und klar: «Ich merke, dass Essen und Körper für dich gerade schwierig sind. Ich will dich nicht kontrollieren, aber ich mache mir Sorgen und möchte für dich da sein. Wir holen uns Hilfe, wenn es alleine zu schwer ist.» Genau diese Mischung aus Respekt und Klarheit ist laut psychologischen Fachleuten zentral: Du nimmst Sorgen ernst, ohne zu dramatisieren, und du übernimmst Verantwortung, ohne dein Kind zu beschämen.