Kind > Teenager«Mama, Papa, ich bin schwul» Jasmine Helbling Ist mein Sohn schwul? Hat sich deine Tochter in ein Mädchen verliebt? Wie du dein Kind beim Coming-out stärkst, was Fachleute heute über sexuelle Orientierung und Identität wissen – und wo ihr in der Schweiz Unterstützung findet. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Wie reagieren Eltern am besten, wenn der Sohn schwul oder die Tochter lesbisch ist? Foto: Image Source - Thinkstock Was beschäftigt Jugendliche – und was bedeutet «homosexuell»? Das Thema Sexualität ist bei Jugendlichen omnipräsent. Aber wie ist es mit Homosexualität? Lilo Gander: Von Fragen der Jugendlichen wissen wir, dass sie sich sehr für das Thema interessieren. Sie wollen wissen, was Homosexualität ist, wie Homosexuelle sich lieben und wie sie Geschlechtsverkehr haben. Reden in der Familie: Was erleichtert - und was blockiert Fällt es Jugendlichen genauso leicht, mit ihren Eltern darüber zu sprechen? Das kommt auf die Beziehung zwischen dir und deinem Kind an. Wenn Vertrauen da ist und ihr auch über schwierige Themen sprechen könnt, ist die Hemmschwelle niedriger. Im Idealfall ist gleichgeschlechtliches Verlieben ein Thema wie jedes andere – ohne Drama, aber mit echtem Interesse. Merken Eltern, dass sich ihr Sohn oder ihre Tochter sich ins gleiche Geschlecht verliebt hat? Das Thema Homosexualität löst noch immer viele Klischees aus. In Gesprächen mit Eltern höre ich oft die Vermutung, dass Jugendliche homosexuell sind, weil sie bereits 18 Jahre alt sind und noch nie einen Freund hatten. Späte Liebesbeziehungen müssen natürlich überhaupt nichts mit Homosexualität zu tun haben. In solchen Situationen geht die Fantasie manchmal mit den Eltern durch. Sollen Eltern ihr Kind auf die Vermutung ansprechen? Bevor du dein Kind auf etwas ansprichst, lohnt es sich, zuerst ehrlich zu klären, wie du selber zum Thema stehst: Was macht dich unsicher – Sorge um das Kind, eigene Wertvorstellungen, Angst vor Reaktionen im Umfeld? Als zweiten Schritt sind offene, nicht lenkende Fragen hilfreich, etwa: «Wie geht es dir?» oder «Bist du glücklich?» – ohne Nachbohren. Wichtig ist: Dein Kind entscheidet Tempo und Zeitpunkt. Viele Jugendliche brauchen zuerst Sicherheit, bevor sie sich zeigen. Was oft besonders gut wirkt: klare, bedingungslose Zugehörigkeit. Sätze wie «Ich bin für dich da» oder «Danke, dass du mir das anvertraust» geben Halt. Und: Du musst nicht sofort alles verstehen oder «die perfekten Worte» finden. Du darfst sagen: «Ich muss das kurz sacken lassen, aber ich liebe dich und wir reden weiter, wenn du möchtest.» Zwischen Offenheit und Unsicherheit: Wie hat sich das verändert? Gehen Eltern heute offener mit der Sexualität ihrer Kinder um? Jein. Es gibt nach wie vor sehr wertkonservative Strömungen. Es scheint mir, dass diese Strömungen im Bezug auf Sexualität sogar wieder vermehrt vorkommen. Manchmal brauchen Eltern auch einfach Unterstützung oder jemanden zum Reden. Und manchmal hilft es, sich bewusst zu machen: Nicht die Orientierung oder Identität an sich belastet Jugendliche – sondern Stress durch Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung oder Mobbing. Ist das «nur eine Phase»? Gibt es auch nur homosexuelle Phasen? In der Pubertät sind Jugendliche auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität. Es gibt durchaus Phasen, in denen man sexuell gleichgeschlechtliche Erfahrungen macht und sich verliebt. Einige bleiben dabei, andere nicht. Es wäre jedoch falsch, wenn du dir einredest, es sei «nur eine Phase». Das stuft die ehrlichen Empfindungen von Jugendlichen herab. Sinnvoller ist: das Erleben ernst nehmen, ohne es festzulegen – und deinem Kind signalisieren, dass es sich nicht beweisen muss. LGBTQ+ heute: Begriffe, die Eltern kennen sollten Viele Jugendliche verwenden heute Begriffe, die über «schwul» und «lesbisch» hinausgehen. Das heisst nicht, dass «alles komplizierter» geworden ist – oft haben junge Menschen einfach mehr Wörter, um sich präziser auszudrücken. Du musst nicht alles sofort parat haben. Es hilft schon, wenn du neugierig und respektvoll fragst: «Was bedeutet das für dich?» lesbisch, bi, pan, ace – kurz erklärt Lesbisch bedeutet, dass sich ein Mädchen oder eine Frau romantisch/sexuell zu Mädchen/Frauen hingezogen fühlt. Schwul bedeutet, dass sich ein Junge oder ein Mann romantisch/sexuell zu Jungen/Männern hingezogen fühlt. Bisexuell (bi) bedeutet Anziehung zu mehr als einem Geschlecht. Das kann sich je nach Person unterschiedlich anfühlen und über die Zeit verändern. Pansexuell (pan) wird oft so verstanden, dass Geschlecht bei der Anziehung keine oder eine geringere Rolle spielt. Asexuell (ace) bedeutet, wenig bis keine sexuelle Anziehung zu erleben. Asexuell zu sein heisst nicht automatisch, keine Nähe, Liebe oder Partnerschaft zu wollen. Wichtig: Orientierung (wen man liebt) ist nicht das Gleiche wie Geschlechtsidentität (wer man ist). Beides kann unabhängig voneinander sein. trans / nonbinär: was bedeutet das im Alltag? Trans bedeutet, dass die Geschlechtsidentität nicht (oder nicht vollständig) dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. Nonbinär bedeutet, dass sich jemand nicht ausschliesslich als «männlich» oder «weiblich» einordnet (oder sich zwischen/ausserhalb dieser Kategorien erlebt). Für Familien wird es oft dann konkret, wenn es um Alltagsthemen geht: Name und Pronomen: Wenn dein Kind einen anderen Namen oder Pronomen wünscht, ist das für viele Jugendliche ein zentraler Schutzfaktor. Du darfst Fehler machen – wichtig ist, dass du dich korrigierst und dranbleibst. Schule und Umfeld: Frage dein Kind, was es in der Schule braucht: Soll die Klassenlehrperson informiert werden? Welche Toilette/Umkleide ist sicher? Wer darf was wissen? Privatsphäre: Outing ist nichts, was Eltern «erzählen» dürfen. Kläre immer: «Wen darf ich informieren – und wen nicht?» Wording-Guide: Dos & Don’ts, die im Alltag wirklich helfen Eltern sagen oft aus Nervosität Dinge, die gut gemeint sind, aber verletzen können. Diese Formulierungen helfen vielen Familien als Orientierung: Do: «Danke, dass du mir vertraust.» Do: «Ich liebe dich. Das ändert nichts an unserer Beziehung.» Do: «Was brauchst du jetzt von mir?» Do: «Möchtest du, dass wir zusammen überlegen, wie du es in der Schule/bei Freunden erzählen willst?» Don’t: «Bist du sicher? Das ist bestimmt nur eine Phase.» Don’t: «Du wirkst gar nicht schwul/lesbisch.» (Das stützt Klischees und nimmt dem Kind Deutungshoheit.) Don’t: «Sag’s lieber niemandem.» (Kann sich wie Scham anfühlen; besser ist: «Wir schauen gemeinsam, wann und bei wem es sich sicher anfühlt.») Don’t: «Was habe ich falsch gemacht?» (Orientierung/Identität ist kein Erziehungsfehler.) Schutzfaktoren: psychische Gesundheit, Schule & Mobbing Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zeigen seit Jahren: Das Risiko für psychische Belastungen steigt vor allem dann, wenn Jugendliche Ausgrenzung, Beschämung oder Gewalt erleben – nicht durch die Orientierung oder Identität selbst. Als Elternteil kannst du sehr konkret schützen: durch Rückhalt, ernst nehmen, Sicherheit im Alltag und Hilfe holen, wenn es schwierig wird. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) betont in aktuellen Materialien zur sexuellen Vielfalt, wie wichtig Akzeptanz, wertschätzende Kommunikation und verlässliche Ansprechpersonen für die gesunde Entwicklung sind. In der Schule sind klare Regeln gegen Mobbing entscheidend. Du kannst nachfragen, ob es eine Ansprechperson (z.B. Schulsozialarbeit) gibt, wie Vorfälle dokumentiert werden und welche Schutzmassnahmen möglich sind. Wichtig ist dabei immer, dein Kind einzubeziehen: Sicherheit geht vor, aber Kontrolle soll nicht verloren gehen. Warnzeichen und wohin man sich wenden kann Manche Jugendlichen geraten in eine Belastungsspirale – etwa, wenn sie sich verstecken müssen, abgewertet werden oder Angst vor Ablehnung haben. Nimm Warnzeichen ernst, besonders wenn sie über mehrere Wochen anhalten oder plötzlich stark werden: deutlicher Rückzug, Vermeiden von Schule/Peers anhaltende Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit, Schlafprobleme Angst, Panik, starke Scham massiver Selbstwertverlust, Selbstabwertung Hinweise auf Selbstverletzung oder Suizidgedanken Dann ist es sinnvoll, früh Unterstützung zu holen: bei der Kinder- und Jugendärzt:in, der Hausärzt:in, einer psychologischen Fachperson oder der Schulsozialarbeit. In akuten Krisen gilt: lieber einmal zu viel als einmal zu wenig handeln. Schweizer Beratungs- und Jugendangebote Nicht jede Familie möchte zuerst im privaten Umfeld darüber sprechen. Niederschwellige, vertrauliche Angebote können entlasten – für Jugendliche und für Eltern. In der Schweiz findest du Beratung in vielen Regionen, oft kostenlos oder kostengünstig. Fachstellen sexuelle Gesundheit, Pro Juventute, lokale Angebote Für eine wohnortnahe Beratung können dir Fachstellen für sexuelle Gesundheit helfen – auch bei Fragen zu sexueller Orientierung und trans Identitäten. Ein besonders praktischer Einstieg ist das Verzeichnis auf sexuelle-gesundheit.ch (Fachstellen in deiner Nähe). Jugendliche können sich zudem anonym beraten lassen, z.B. bei Pro Juventute (telefonisch oder online). Viele Kantone und Städte bieten ausserdem Jugendberatungen, Schulsozialarbeit oder spezialisierte Anlaufstellen für LGBTQ+ Jugendliche und ihre Familien. Typische Sorgen von Eltern – und was wirklich hilft Welche Gedanken gehen Eltern, die sich bei Ihnen Rat holen, durch den Kopf? Viele Eltern haben mich telefonisch gefragt, wie sie ihren Sohn oder ihre Tochter beim Coming Out unterstützen können. Mit Eltern, die ein Coming Out verhindern wollten, habe ich bisher noch nicht gesprochen. Das liegt sicher daran, dass sich Eltern mit einer solchen Einstellung wahrscheinlich nicht an Lust und Frust wenden würden. Es sind also nicht alle Eltern schockiert. Die meisten sind vielleicht überrascht, aber nicht schockiert. Vor kurzem hat mich eine Mutter angerufen. Ihr Sohn sei zu ihr gekommen und habe ihr erzählt, dass er nicht mehr schlafen könne. Ihn beschäftigte die Frage, ob er schwul sei. Das erste, was die Mutter zu ihrem Sohn gesagt hat, war: «Du bist und bleibst mein Junge!» Einige Eltern fürchten sich vielleicht auch vor den Blicken der Nachbarn oder Freunde. Ich wünsche mir für alle jungen Menschen, dass sie Eltern haben, die hinter ihnen stehen. Bei einem heterosexuell liebenden Menschen stellt sich die Frage nicht, wie man sich vor Nachbarn und Freunden verhält und so sollte es auch bei homosexuell liebenden Jugendlichen sein. Und wenn sich die Nachbarn Kommentare trotzdem nicht verkneifen können, darfst du als Mutter oder Vater durchaus mal sagen «Das geht dich nichts an!» Zur Person Lilo Gander arbeitet bei der Fachstelle «Lust und Frust» für Sexualpädagogik, die von den Schulgesundheitsdiensten der Stadt Zürich und der Zürcher Aids-Hilfe geführt wird. Jeden Mittwoch können Jugendliche von zehn bis 21 Jahren eine kostenlose Sprechstunde ohne Voranmeldung besuchen. In dieser werden Fragen rund um die Themen sexuelle Identität, Verhütung, Pornographie, Schwangerschaft, Selbstbefriedigung, Schwangerschaftsabbruch und sexuell übertragbare Infektionen beantwortet. (Foto: zVg)