Zum Inhalt
Kind > Teenager

Nahrungsergänzungsmittel für Jugendliche: Sinnvoll oder unnötige Geldmacherei?

Sobald Teenies selbst entscheiden können, was auf ihren Teller kommt, greifen sie oft lieber zu Pommes und Co. statt zu gesundem Gemüse. Da ist es nachvollziehbar, dass manche Eltern ihren Kindern Vitamine und Spurenelemente als Nahrungsergänzungsmittel verabreichen wollen. Doch sind diese tatsächlich nützlich – oder können sie gar schaden?

Autor: Sigrid Schulze im Januar 2017

Nahrungsmittelergänzung für Jugendliche
Der Wunsch, schnell Muskeln aufzubauen, kann Jugendliche zu einem unkritischen Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln verleiten. Bild: lulian Valentin/iStock, Thinkstock.

Der Markt mit Nahrungsergänzungsmitteln boomt. Produkte wie Vitamin-Tabletten, isotonische Sportgetränke, Protein-Shakes oder probiotische Milchdrinks sind vor allem unter Jugendlichen beliebt. 

Doch brauchen Jugendliche wirklich künstliche Vitamine und Mineralstoffe? «In den meisten Fällen: nein», sagt Sabine Oberrauch, Projektmitarbeiterin und Fachberaterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE). «Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung gewährleistet eine ausreichende Versorgung an Nährstoffen.» Als Nahrungsergänzungsmittel gelten laut dem Eidgenössischen Departement des Inneren (EDI) Erzeugnisse, die «Vitamine, Mineralstoffe oder sonstige Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung in konzentrierter Form enthalten und zur Ergänzung der Ernährung mit diesen Stoffen dienen». Diese Mittel sind als Kapseln, Flüssigkeit oder Pulver auf dem Markt erhältlich.

Nahrungsergänzungsmittel für Jugendliche nicht notwendig

Vor allem sportliche Jungen sind Punkto Notwendigkeit dieser Mittelchen oft anderer Meinung als die Expertin. Sie hoffen, mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln schneller Muskeln aufbauen zu können. «Zwar steigt bei intensiver sportlicher Aktivität der Energiebedarf. Doch dieser kann mit einer ausgewogenen Ernährung abgedeckt werden», sagt Sabine Oberrauch. Spezielle Sportlerprodukte wie zum Beispiel Eiweisspulver, Energieriegel, Vitamin- und Mineralstofftabletten seien nicht nötig. Im Gegenteil, sie könnten sogar eine unerwünschte Belastung für den Stoffwechsel darstellen. «Freizeitsportler brauchen auch keine spezielle Kost, wie zum Beispiel Produkte mit einer Extraportion Eiweiss.» Wichtig sei stattdessen, dass sich Jugendliche ausgewogen und abwechslungsreich entsprechend der Schweizer Lebensmittelpyramide ernähren.

Lebensmittelpyramide
Die Lebensmittelpyramide der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Bild: pd/SGE.

Auch die Swiss Sports Nutrition Society (SSNS) hat eine spezielle Lebensmittelpyramide für Sportlerinnen und Sportler entwickelt. Die SSNS ist ein 2014 gegründeter Verein, in dem sich wissenschaftlich tätige Fachleute austauschen und Informationen zum Thema Sporternährung bereitstellen.

Lebensmittelpyramide
Lebensmittelpyramide für Sportlerinnen und Sportler. Bild: pd/SGE.

Wenn Jugendliche zu wenig Obst und Gemüse essen

Was aber, wenn Jugendliche wenig oder fast gar kein Obst oder Gemüse essen? «Alle Lebensmittelgruppen, nicht ausschliesslich Obst und Gemüse, liefern wichtige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe», beruhigt Oberrauch. Wenn du unsicher bist, ob dein Kind wirklich genug Nährstoffe bekommt, ist eine Ernährungsberatung oft der sinnvollste Schritt. Auch eine Ärzt:in kann – wenn es Hinweise gibt – mit einer gezielten Abklärung klären, ob ein Mangel vorliegt.

Sport-Supplements im Gym-Alltag: Was Teens wirklich nachfragen

Viele Eltern erleben es im Alltag: Kaum startet das Training im Fitnesscenter oder im Verein, tauchen in Chats und auf Social Media Empfehlungen auf – von Proteinshakes bis zu «Booster»-Pulvern. Für Jugendliche wirkt das schnell wie ein Muss, um «dazuzugehören» oder schneller Fortschritte zu sehen. Wichtig ist: Die meisten dieser Produkte bringen bei Minderjährigen keinen nachgewiesenen Zusatznutzen gegenüber einer passenden Alltagskost, können aber Risiken erhöhen – besonders dann, wenn sie ohne Fachberatung kombiniert werden.

Proteinshakes – wann sie überflüssig sind

Protein wird für Wachstum, Entwicklung und Muskelaufbau gebraucht. In der Praxis decken Jugendliche ihren Bedarf aber meist problemlos über normale Lebensmittel: Milchprodukte, Eier, Fleisch/Fisch, Hülsenfrüchte, Tofu, Nüsse oder Getreide liefern Eiweiss zuverlässig. Ein Shake ist deshalb in der Regel überflüssig – vor allem dann, wenn dein Teenie bereits regelmässig eiweisshaltige Mahlzeiten isst.

Was du konkret tun kannst, wenn dein Kind «mehr Protein» will: Frag nach dem Ziel (Muskelaufbau? schneller regenerieren? abnehmen?) und lenke den Fokus auf Basics, die tatsächlich wirken: regelmässig essen, genügend Energie insgesamt, genügend Schlaf und ein Trainingsplan mit Pausen. Laut Schweizerischer Gesellschaft für Ernährung (SGE) steht bei Jugendlichen eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung im Vordergrund – Supplements ersetzen keine Grundversorgung.

Creatin, Pre-Workout & «Fatburner»: klare No-Gos für Minderjährige

Produkte wie Creatin, Pre-Workout-Booster oder «Fatburner» werden häufig aggressiv beworben. Für Minderjährige sind sie besonders problematisch: Erstens sind viele Mischpräparate hochdosiert (z.B. mit stimulierenden Substanzen wie Koffein in grossen Mengen oder Kombinationen mit Pflanzenextrakten), zweitens ist die Datenlage für Jugendliche oft unzureichend, und drittens steigt das Risiko für Nebenwirkungen (Herzrasen, Schlafprobleme, Angst/Unruhe, Magen-Darm-Beschwerden) – gerade, wenn zusätzlich Energy-Drinks konsumiert werden.

Als Eltern kannst du eine klare Grenze setzen: Keine «Booster», «Fatburner» und keine leistungssteigernden Mischprodukte ohne ärztliche Abklärung. Wenn dein Teenie unbedingt «etwas nehmen» will, ist das ein guter Moment, um über Körperbild, Leistungsdruck und Social-Media-Mythen zu sprechen – ohne Vorwürfe, aber mit klaren Regeln.

Risiko Verunreinigung & Doping – auch bei Hobbysport relevant

Ein Risiko, das Jugendliche oft unterschätzen: Nicht jedes Supplement enthält nur das, was auf der Packung steht. Laut Swiss Sports Nutrition Society (SSNS) besteht bei Supplements das Problem von Verunreinigungen oder falscher Deklaration. Das kann nicht nur gesundheitlich relevant sein, sondern auch sportlich: Selbst im Nachwuchs- und Amateurbereich können Dopingregeln gelten, und positive Tests können Karrieren oder Teamzugehörigkeit belasten.

Für den Sportalltag heisst das: Wenn dein Kind in einem Verein, Leistungszentrum oder Wettkampfsystem unterwegs ist, lohnt sich früh ein Gespräch mit Trainer:in und Teamärzt:in – und eine klare Haltung, dass «irgendwelche Pulver aus dem Internet» keine Option sind. Sport Integrity Switzerland informiert zudem über Anti-Doping-Regeln und Risiken rund um Supplemente.

Wann Supplemente medizinisch Sinn machen 

Es gibt Situationen, in denen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein können – aber dann gezielt, zeitlich begrenzt und medizinisch begleitet. Entscheidend ist, dass nicht «zur Sicherheit» supplementiert wird, sondern aufgrund eines konkreten Verdachts und einer passenden Abklärung. So vermeidest du unnötige Kosten und reduzierst das Risiko einer Überdosierung.

Eisen/Vitamin D/B12 – typische Mängel und sichere Abklärung

In der Jugend können bestimmte Mangelsituationen häufiger vorkommen – je nach Ernährung, Wachstumsschub, Menstruation, Trainingsumfang, wenig Sonnenlicht oder chronischen Erkrankungen. Typische Beispiele:

  • Eisen: Kann bei starker Menstruation, sehr einseitiger Ernährung oder hoher Trainingsbelastung relevant werden. Symptome können Müdigkeit, Leistungsabfall oder Konzentrationsprobleme sein – die Ursachen sind aber vielfältig. Darum gehört vor einer Einnahme eine ärztliche Abklärung (Labor), statt Eisen «auf Verdacht» zu geben.
  • Vitamin D: In der Schweiz ist die körpereigene Bildung im Winter eingeschränkt, weil die UV-B-Strahlung niedrig ist. Ob und in welcher Dosierung ergänzt werden sollte, klärst du am besten im Gespräch mit einer Ärzt:in – besonders bei Risikofaktoren oder Symptomen.
  • Vitamin B12: Bei strikt veganer Ernährung muss Vitamin B12 zuverlässig ergänzt werden, weil es über rein pflanzliche Kost nicht ausreichend aufgenommen wird. Das gilt auch für Jugendliche – hier ist eine fachliche Begleitung wichtig, um Dosierung und Präparat passend zu wählen.

Wenn dein Teenie sich vegetarisch oder vegan ernährt, lohnt sich zusätzlich eine Ernährungsberatung, um kritische Nährstoffe im Blick zu behalten, ohne in eine «Pillenroutine» zu rutschen. Die SGE betont auch bei Jugendlichen die Bedeutung einer bedarfsgerechten, alltagsnahen Lebensmittelauswahl.

Schweiz-Checkliste: So prüfen Eltern Produkte

Wenn dein Kind trotzdem ein Produkt kaufen will (oder bereits eines hat), hilft eine kurze, klare Prüfroutine. Sie ersetzt keine Fachberatung, kann aber Fehlkäufe und Risiken deutlich senken.

Unser Rat: Einkauf nur im Einzelhandel, keine Online-Importe

  • Kein Import aus dubiosen Online-Shops: Verzichte konsequent auf Billig-Imports, «exklusive US-Formeln» oder Social-Media-Shops. Das Risiko für falsche Deklaration und Verunreinigung ist hier besonders hoch.
  • Etikette lesen: Achte auf Dosierung pro Portion, Koffein-/Stimulanziengehalt, Warnhinweise, Altersangaben und ob es ein Mischpräparat mit vielen Wirkstoffen ist (je «komplexer», desto schwieriger wird eine sichere Einschätzung).
  • Misstrauen bei Gesundheitsversprechen: Aussagen wie «detox», «fatburn», «hormone boost» oder «mega test» sind rote Flaggen. Bei Jugendlichen ist «schnell und extrem» fast nie seriös.
  • Weniger ist mehr: Wenn überhaupt, dann eher ein klar definiertes Einzelpräparat nach fachlicher Empfehlung – statt Kombinationen.

Eine Marktanalyse des Konsumentenschutz zu Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder weist darauf hin, dass Produkte teils mit problematischen Versprechen vermarktet werden und Eltern besonders auf Deklaration, Dosierung und Zielgruppe achten sollten. Auch wenn Jugendliche nicht immer gleich «Kinder» sind, gelten diese Warnsignale in der Praxis oft genauso.

Der SSNS Supplementguide und Sport Integrity Switzerland

Für sportlich engagierte Jugendliche sind zwei Anlaufstellen in der Schweiz besonders hilfreich: Der SSNS Supplementguide ordnet Supplements nach Evidenz und Risiko ein. Sport Integrity Switzerland bietet Informationen zu Anti-Doping, Substanzen und Risiken rund um Supplemente. Wenn du unsicher bist, kannst du diese Informationen als Grundlage nehmen – und dann mit einer Ärzt:in oder einer qualifizierten Ernährungsberater:in besprechen, was für dein Kind wirklich sinnvoll ist.

Veganer brauchen unter Umständen Nahrungsergänzungsmittel

«Nahrungsergänzungsmittel für Jugendliche sind dann sinnvoll, wenn sie bei einem ausgewiesenen Mangel gezielt eingesetzt werden», erklärt Oberrauch. Wenig Sonnenlicht und eine vegane Lebensweise können zum Beispiel Ursachen für eine Mangelversorgung sein.

Vegane Ernährung:

Eine einschränkende Ernährungsweise wie bei Veganern gibt Nahrungsergänzungsmitteln eine Daseinsberechtigung. «Jugendliche, die streng vegan leben, nehmen mit ihrer Ernährung kein Vitamin B12 auf. Das muss zwangsläufig ergänzt werden», so Sabine Oberrauch.

Wenig Sonnenlicht:

Für Jugendliche, die im Winter nur wenig an die frische Luft kommen, kann eine Vitamin D-Ergänzung zum Beispiel mit angereicherten Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln sinnvoll sein. Vitamin D ist ein Hormon, das zu 80 bis 90 Prozent durch den Einfluss der UV-B-Strahlung im Sonnenlicht auf der Haut gebildet und nur geringfügig über die Nahrung aufgenommen wird. «Ob eine Ergänzung notwendig ist, muss im Arztgespräch geklärt werden», sagt Oberrauch. Denn komme es über längere Zeit zu einer anhaltenden Überdosierung, könnten gesundheitliche Risiken wie zum Beispiel Elektrolytstörungen durch einen erhöhten Calcium-Spiegel im Blut oder Nierensteine entstehen.

Nahrungsergänzungsmittel für Jugendliche können schaden

Das breite Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln kann Jugendliche zu einem unkritischen Konsum veranlassen. Die Swiss Sports Nutrition Society zitiert zu diesem Thema Ron Maughan, Direktor des Sports Nutrition Diploma des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Er sagt dazu: «Wenn ein Supplement wirkt, ist es vermutlich verboten. Wenn es nicht verboten ist, wirkt es vermutlich nicht.» Der Verein macht weiter darauf aufmerksam, dass

  • der versprochene Nutzen oft nicht wahr ist
  • die Mittel oft eine Verschwendung von finanziellen und zeitlichen Ressourcen ist
  • und dass die Supplemente aufgrund falschen Einsatzes leistungsmindernd sind.

«Die gesundheitlichen Konsequenzen sind noch nicht vollumfassend geklärt», sagt Sabine Oberrauch. Sie schliesst nicht aus, dass sich eine dauerhafte Überdosierung – je nach Nährstoff – negativ auf die Gesundheit auswirkt. «So kann ein dauerhaftes Zuviel an Proteinen die Nieren belasten», erklärt sie. Wenn du den Eindruck hast, dein Teenie nimmt regelmässig mehrere Produkte gleichzeitig oder steigert Dosierungen eigenständig, ist das ein guter Grund für ein ruhiges, klares Gespräch und eine medizinische Beratung.

0 Kommentare

?

Meistgelesene Artikel

Anmelden oder Registrieren

Melde dich kostenlos an und diskutiere mit anderen Eltern und speichere deine Artikel.
Anmelden Registrieren

Speichere deine Artikel

Logge dich ein oder erstelle einen Account und du kannst deine Artikel für später speichern.
Anmelden Registrieren