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Ritzen: Wenn Jugendliche sich selbst verletzen

Oft fügen Teenager sich selbst Wunden zu, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Häufig verletzen sie sich dabei mit Rasierklingen oder Messern. Aber warum tun sie das? Und wie können die Eltern ihnen helfen?

Wenn du es entdeckst: Was jetzt sofort wichtig ist

Ruhig bleiben, nicht schimpfen – Sicherheit prüfen

Wenn du zum ersten Mal Schnittwunden, Brandstellen oder blutige Hilfsmittel findest, ist der Schock verständlich. Für dein Kind ist Selbstverletzung aber meistens kein «Aufmerksamkeits-Trick», sondern ein Versuch, starke Gefühle kurzfristig zu regulieren. Entscheidend ist jetzt: ruhig bleiben, nicht drohen, nicht bestrafen und nicht in ein Verhör gehen. Eine klare, warme Botschaft hilft: «Ich sehe, dass es dir sehr schlecht geht. Ich bin da, und wir holen uns Hilfe.»

Prüfe als Nächstes die akute Sicherheit: Ist dein Kind im Moment allein? Wirkt es intoxikiert (Alkohol/Drogen), stark aufgewühlt, «wie weggetreten», oder spricht es davon, nicht mehr leben zu wollen? Dann hat Sicherheit Vorrang vor jeder Diskussion. Bleib in der Nähe, sorge für eine ruhige Umgebung und hole Unterstützung.

Medizinisch versorgen und Risiko einschätzen

Auch wenn die Verletzungen «oberflächlich» aussehen: Wunden können sich entzünden, es können Sehnen oder Nerven betroffen sein, und manche Verletzungen werden unterschätzt. Versorge Wunden wie bei jedem Unfall sorgfältig (reinigen, abdecken) und lass sie medizinisch beurteilen, wenn sie tief sind, stark bluten, klaffen, Anzeichen einer Infektion zeigen (Rötung, Wärme, Eiter, Fieber) oder dein Kind über Taubheitsgefühle/Bewegungseinschränkungen klagt.

Parallel lohnt sich eine einfache, direkte Risikoeinschätzung. Du darfst fragen, ohne «Ideen» zu machen: «Hast du Gedanken, dir das Leben zu nehmen?» und «Hast du einen Plan?» Fachleitlinien betonen, dass offenes Nachfragen Suizidgedanken nicht auslöst, sondern helfen kann, Risiko zu erkennen und Schutz zu organisieren. Wenn Suizidgedanken, ein konkreter Plan, Zugriff auf Mittel oder eine starke Impulsivität im Raum stehen, braucht es rasch professionelle Hilfe.

Jugendliche ritzen und verletzen sich selbst, weil sie Probleme haben.
Selbstverletzendes Verhalten ist oft ein Ausdruck seelischer Belastung. Foto: iStock, Jochen Schönfeld, Thinkstock

Betroffene Jugendliche ziehen sich meist zurück und kleiden sich so, dass ihre Wunden nicht auffallen. Eltern bekommen es daher oft erst viel zu spät mit, wenn ihr Kind sich Schnittwunden oder andere Verletzungen zufügt.

Und selbst wenn du einmal den Verdacht hast, dass dein Sohn oder deine Tochter sich «ritzen» könnte, weisst du in der Regel nicht genau, ob und wie du reagieren sollst. Deshalb ist es wichtig, dass du mögliche Warnzeichen beachtest und dich frühzeitig nach professioneller Hilfe erkundigst.

Immer mehr Betroffene

Selbstverletzendes Verhalten (fachlich oft «nicht-suizidale Selbstverletzung») kommt in der Jugend relativ häufig vor. Typisch sind wiederholte Handlungen wie Schneiden, Kratzen oder Brennen, die kurzfristig Spannung reduzieren können. Besonders häufig betroffen sind Mädchen und junge Frauen. Meist benutzen sie dafür scharfe oder spitze Gegenstände, darunter Glasscherben, Rasierklingen und auch Sicherheitsnadeln. Aber nicht nur Schnittwunden gehören zu den Verletzungen, die sich Teenager zufügen. Die Bandbreite der selbst beigebrachten Blessuren ist gross. Ausser durch das «Ritzen» fügen sich Jugendliche auch Verbrennungen mit Zigaretten oder Ähnlichem zu und schrecken manchmal sogar nicht davor zurück, sich selbst Brüche zuzufügen oder sich mit Verätzungen zu versehen.

Die Gefahr besteht nicht nur in den akuten Verletzungen, sondern ebenfalls in dem, was darauf folgt: Selbstverletzung kann sich verfestigen, weil sie kurzfristig «funktioniert» (Spannungsabfall, Erleichterung, wieder Kontrolle spüren). Je länger Jugendliche ihre Probleme verstecken können, desto grösser ist das Risiko, dass sie sich daran gewöhnen und es schwerer wird aufzuhören. Ausserdem gilt: Selbstverletzung ist nicht automatisch ein Suizidversuch, aber sie kann mit einem erhöhten Risiko für spätere Suizidversuche einhergehen – besonders dann, wenn zusätzlich Depressionen, starke Hoffnungslosigkeit, Substanzkonsum oder Suizidgedanken vorhanden sind.

Körperlicher Schmerz als Ausdruck seelischen Leidens

Warum Jugendliche sich verletzen, ist individuell verschieden. Fachlich gut belegt ist aber: Selbstverletzung dient häufig der Emotionsregulation. Viele Betroffene beschreiben einen inneren Druck, starke Anspannung, Leere, Selbsthass oder «Gefühlsüberflutung». Durch die Verletzung wird etwas Inneres nach aussen verlagert – oder das Gefühl wird kurzfristig «abschaltbar». Manche berichten auch, dass sie dadurch überhaupt erst wieder etwas spüren.

Die Betroffenen haben teils eine Vorgeschichte, in der sie belastende oder traumatische Ereignisse erleben mussten. Diese Vorfälle aus der Kindheit oder Jugend können ganz unterschiedlich sein. So gibt es «ritzende» Teenager, die in der Kindheit sexuell missbraucht wurden, eine nahestehende Person verloren, oder Vernachlässigung und Gewalt in der Familie erfahren haben. Gleichzeitig ist wichtig: Nicht jedes Kind mit Selbstverletzung hat ein Trauma erlebt – und nicht jedes Trauma führt zu Selbstverletzung.

Ausserdem kommt es häufig vor, dass der Drang dazu, sich selbst zu verletzen, nicht das einzige Symptom einer seelischen Belastung bleibt. Selbstverletzung tritt überdurchschnittlich oft zusammen mit Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, ADHS, Traumafolgestörungen oder Problemen im Umgang mit Stress und Beziehungen auf. Unter Umständen sind die Schnitte also nur eines der Krankheitszeichen – und genau deshalb lohnt sich eine professionelle Abklärung.

Die Gründe dafür, dass Jugendliche anfangen, sich selbst zu verletzen, können vielschichtig sein und müssen nicht in direktem Zusammenhang mit einem früheren Erlebnis stehen. Oft ist es ein scheinbar «kleiner» Auslöser, der die Situation kippen lässt: ein Streit, Liebeskummer, Ausschluss aus einer Gruppe, Leistungsdruck, Mobbing oder das Gefühl, Erwartungen nicht zu genügen. Auch soziale Medien können eine Rolle spielen – nicht als «Ursache», aber als Verstärker, wenn Selbstverletzung dort normalisiert wird oder wenn Trigger-Bilder und Vergleiche die Anspannung erhöhen.

Wie Eltern helfen können, ohne zu kontrollieren

Skills statt Verbote 

Viele Eltern reagieren zuerst mit Verboten («Gib mir alles Scharfe!») oder Kontrollen («Zeig mir deine Arme!»). Das ist menschlich – hilft aber oft nur kurzfristig und kann Scham und Heimlichkeit verstärken. Wirksamer ist, wenn du mit deinem Kind gemeinsam Alternativen aufbaust: Was hilft, wenn der Druck hochgeht?

Bewährte «Skills» zur kurzfristigen Spannungsreduktion sind zum Beispiel: kaltes Wasser über Hände/Unterarme, ein Kühlpack (in ein Tuch gewickelt), scharfes Kaugummi, intensiver körperlicher Reiz ohne Verletzung (z.B. feste Knetmasse, Gummiband am Handgelenk vorsichtig schnipsen, nur wenn es nicht zur Verletzung führt), schnelle Bewegung (Treppen, kurzer Sprint), Atemübungen, Musik, Zeichnen auf der Haut statt Schneiden, oder eine Person anrufen/anschreiben. Wichtig ist nicht der perfekte Skill, sondern: dein Kind soll mehrere Optionen haben und sie früh einsetzen, bevor die Anspannung «überläuft».

Sprich auch über Auslöser (Trigger): Welche Situationen, Gedanken, Orte oder Chats erhöhen den Druck? Was senkt ihn? Das Ziel ist nicht, jedes Risiko zu vermeiden, sondern das Nervensystem wieder besser regulieren zu lernen. Hier orientiert sich die Behandlung häufig an verhaltenstherapeutischen Verfahren wie Dialektisch-Behavioraler Therapie für Adoleszente (DBT-A), die Skills-Training und Krisenpläne kombiniert.

Vereinbarungen & Privatsphäre

Du darfst klare, liebevolle Grenzen setzen – ohne totale Überwachung. Hilfreich sind konkrete Abmachungen, die ihr schriftlich festhaltet, z.B.: «Wenn der Drang stark wird, sagst du es (oder schreibst eine Nachricht), bevor du dich verletzt», oder «Wir lassen Wunden medizinisch anschauen». Auch möglich: zeitweise gemeinsam aufbewahren von Rasierklingen/Medikamenten, ohne dass dein Kind sich entmündigt fühlt. Gute Vereinbarungen sind befristet, werden regelmässig überprüft und beinhalten immer auch Unterstützung (nicht nur Verbote).

Respektiere Privatsphäre, aber nimm Warnzeichen ernst. Warnzeichen können sein: häufiges Verstecken von Kleidung, ungewohnte «Unfall»-Erklärungen, Rückzug, Gereiztheit, Schlafprobleme, plötzliches Meiden von Sport/Schwimmen, Blutspuren, viele Pflaster, oder das Sammeln von Klingen. Wenn dein Bauchgefühl sagt, dass es kippt: sprich es an – ruhig, konkret, ohne Vorwürfe.

Eltern müssen handeln

Jugendliche versuchen im Normfall zu verstecken, dass sie sich bewusst selbst verletzen. Gerade deshalb musst du als Elternteil besonders aufmerksam sein. Wenn du bemerkst, dass dein Kind sich komplett zurückzieht oder sich in anderer Weise auffällig verhält, ist es Zeit zu handeln. Zuerst bietet es sich an, selbst mit dem Kind zu sprechen: in einem ruhigen Moment, ohne Zeitdruck, mit offenen Fragen («Was wird dir gerade zu viel?»). Wenn das nicht funktioniert oder du unsicher bist, solltest du auf professionelle Hilfe zurückgreifen.

Hilfe in der Schweiz 

147 / 143 / Notruf 144

Wenn es akut ist oder du unsicher bist, hole dir Unterstützung – lieber einmal zu früh als zu spät. In der Schweiz sind diese Kontakte besonders wichtig: 147 (Pro Juventute Beratung für Kinder und Jugendliche) für Jugendliche, die sofort mit jemandem sprechen oder schreiben möchten; 143 (Die Dargebotene Hand) für Erwachsene und Angehörige in Krisen; 144 bei akuten medizinischen Notfällen (starke Blutung, Bewusstseinsveränderung, schwere Verletzung) oder wenn du akute Suizidgefahr vermutest und sofortige Hilfe brauchst.

KJPP/Notfallstation – wann nötig

Eine zeitnahe Abklärung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJPP) ist sinnvoll, wenn Selbstverletzung wiederholt vorkommt, wenn es Suizidgedanken gibt, wenn dein Kind kaum noch zur Schule gehen kann, stark depressiv wirkt, Substanzen konsumiert oder wenn du dich als Familie überfordert fühlst. In vielen Regionen ist auch die Notfallstation oder der kinderärztliche Notfall ein erster Schritt, um medizinische Versorgung und eine Kriseneinschätzung zu bekommen. Du musst nicht «beweisen», dass es schlimm genug ist – das ist Aufgabe der Fachpersonen.

Weitere Informationen zu verletzendem Verhalten bei Jugendlichen finden sie hier: «Neurologen & Psychiater im Netz».

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