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Suizid bei Jugendlichen: Allgegenwärtig und doch tabuisiert

Wenn sich Depression, Trauer, Stress oder Überforderung breit machen, sehen manche Jugendliche keinen Ausweg mehr. Suizid gehört auch in der Schweiz zu den häufigen Todesursachen im Jugendalter. Gerade weil das Thema Angst macht, wird es oft vermieden – dabei schützt es, offen und klar darüber zu sprechen und früh Hilfe zu holen.

Ein Unterarm mit einem Pflaster auf dem der Schriftzug Help steht.
Die Suizidrate bei Schweizer Jugendlichen ist hoch. Alle vier Tage tötet sich ein junger Mensch. © iStock, Thinkstock

Jugendliche stehen heute unter vielen gleichzeitigen Belastungen: Leistungsdruck in Schule oder Lehrbetrieb, Konflikte in Beziehungen und Familie, Zukunftsängste, Schlafmangel, soziale Vergleiche über Social Media oder das Gefühl, nirgends richtig dazuzugehören. Wichtig ist: Meist ist nicht «eine» einzelne Ursache verantwortlich. Suizidales Erleben entsteht häufig aus einem Zusammenspiel von psychischer Erkrankung (besonders Depressionen, Angststörungen, Substanzkonsum), akuten Krisen, sozialer Isolation und der Verfügbarkeit von Methoden. Der Schweizer BAG Aktionsplan Suizidprävention betont deshalb, wie zentral Früherkennung, niederschwellige Hilfe und das Reduzieren von Tabus sind.

Fakt ist: Im Schnitt bringt sich in unserem Land laut Bundesamt für Statistik alle vier Tage ein Teenager um. Rund 10'000 junge Menschen unternehmen im Jahr einen Suizidversuch, etwa 100 nehmen sich dabei tatsächlich das Leben. Dabei sei äusserst selten generationsbedingter Weltschmerz der Grund für die Taten, erklärt PD Dr. Urs Hepp, Chefarzt des Externen Psychiatrischen Diensts der PDAG (Psychiatrische Dienste Aargau). «Häufig sind die Ursachen typische Krisen, wie Beziehungsprobleme oder Konflikte in der Schule, im Studium, im Beruf. Viele Suizide werden von Jugendlichen impulsiv begangen, in sogenannten Kurzschlusshandlungen.»

Bahnsuizid ist bei Jugendlichen am weitesten verbreitet

Die Nuancen innerhalb dieser hohen Suizidrate sind auffällig: Knapp 80 Prozent der Jugendlichen, die sich in der Schweiz das Leben nehmen, sind laut Bundesamt für Statistik männlich. Die am weitesten verbreitete Selbstmordart bei jungen Männern ist mit Abstand der Bahnsuizid. Schnell, wirksam, hart – ganz klar eine Versinnbildlichung des männlichen Rollenbildes, erklärte der Soziologe Walter Hollstein vor wenigen Monaten in einem Interview mit dem Tages Anzeiger. Laut ihm sei es die stark in der Rolle des Mannes verankerte Angst davor, Schwäche zu zeigen, welche bei männlichen Teenagern hauptsächlich zum Selbstmord führe. Die weite Verbreitung des Bahnsuizids führt Dr. Urs Hepp auf unser dichtes Bahnnetz zurück. «Die Verfügbarkeit der Methode ist sehr hoch», erklärt er im Gespräch mit Familienleben. Viele abgelegene Stellen des Eisenbahnnetzes luden mit ihren eher mangelnden Sicherheitsvorkehrungen förmlich zu einer solchen Tat ein.

Junge Frauen weisen andere Verhaltensmuster auf. Ein Grossteil der «misslungenen» Selbstmordversuche wird von Teenagermädchen verübt. Selten töten sich Frauen mit Schusswaffen, viel weniger als Männer werfen sie sich vor den Zug. Sie greifen häufiger zu Medikamenten. Die Fachliteratur spricht von «einsamen» Suiziden bei Männern und von lebensbezogenen Ereignissen mit kommunikativer Bedeutung bei Frauen. Weibliche Verzweiflungsappelle, männliche Drastik.

Suizid bei Jugendlichen wird nicht thematisiert

Ein weiblicher Teenager sitzt traurig und nachdenklich an einer Wand
Die Problematik ist da, aber keiner möchte darüber sprechen: Suizid bei Jugendlichen. © Jochen Schönfeld / Fotolia.com

Geschlechterunabhängig ist jedoch nach wie vor die Tabuisierung des Themas. Während Themen wie Sexualkunde und Medienkompetenz vermehrt in den Schulplan eingebunden werden, wird das Thema Jugendsuizid von der Lehrerschaft totgeschwiegen. Ein äusserst gefährliches Manko, wie auch die Chefärztin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes Zürich Dagmar Pauli im Gespräch mit dem Tages Anzeiger beteuert. Lehrer und Eltern sprechen zwar mit ihren Kindern nicht über das Thema, den Jugendlichen selbst seien aber im Informationszugang kaum Grenzen gesetzt. In Internetforen haben die Jugendlichen die Möglichkeit, sich mit anderen über ihre Suizidgedanken auszutauschen. Es seien oft undifferenzierte Gespräche, welche die Problematik glorifizieren. Gleichzeitig schrumpfen die Hemmungen, sich etwas Schlimmes anzutun. «Foren kultivieren kranke Gedanken», titelte der Tages Anzeiger nicht grundlos das Interview mit Chefärztin Pauli.

Doch weshalb wird der Suizid von Jugendlichen in Schulen und in Familien dermassen selten zum Gesprächsgegenstand? Der Psychiater Dr. Hepp erklärt es sich mit der Angst und der Ohnmacht des familiären Umfelds. «Wenn sich ein Jugendlicher das Leben nimmt, lässt er das Umfeld rat- und hilflos zurück.» Für die Familie, besonders für die Eltern, sei der Selbstmord des eigenen Kindes etwas vom Allerschrecklichsten. Es brauche eine Menge Mut und Selbstkontrolle, um sachlich darüber sprechen zu können. Die Enttabuisierung des Themas Jugendsuizid sei jedoch ein unerlässlicher Schritt, um die Selbstmordquote zu senken, beteuert Unger. «Wenn in der Öffentlichkeit immer wieder über das Thema gesprochen wird, wird das dazu beitragen, dass Betroffene sich eher trauen, darüber zu reden.»

Suizidgedanken ansprechen: so geht’s

Viele Eltern haben Angst, mit direkten Fragen «etwas auszulösen». Fachlich gilt aber: Offenes, ruhiges Ansprechen ist ein Schutzfaktor – es kann entlasten und öffnet den Weg zu Hilfe. Entscheidend ist deine Haltung: klar, zugewandt, ohne Drama, aber ohne Verharmlosung. 

Direkte Fragen, klare Haltung, keine Drohungen

  • Sprich es direkt an: «Ich mache mir Sorgen. Denkst du daran, dir das Leben zu nehmen?»
  • Bleib bei dir und deinen Beobachtungen: «Mir fällt auf, dass du kaum schläfst und dich zurückziehst.»
  • Hör zu, ohne sofort zu lösen: «Danke, dass du mir das sagst. Ich bin da.»
  • Keine Drohungen, kein Druck: Aussagen wie «Wenn du das machst, bringst du uns um» erhöhen Schuld und Scham.
  • Nicht relativieren: «Das wird schon wieder» oder «Andere haben es schlimmer» kann das Gefühl von Alleinsein verstärken.
  • Frage nach dem Risiko (wenn du es aushältst): Gibt es einen Plan? Gibt es bereits Vorbereitungen? Gibt es Zugriff auf Medikamente, Waffen, Bahngleise? Je konkreter, desto dringender ist professionelle Hilfe.

Was nach dem Gespräch folgt 

  • Bleib nicht allein damit: Hol dir Unterstützung, auch wenn dein Kind dich um Geheimhaltung bittet. Bei akuter Gefahr gilt Schutz vor Privatsphäre.
  • Sofort Hilfe organisieren: Kinderärzt:in/Hausärzt:in, kinder- und jugendpsychiatrische Dienste, Notfallstation, schulische Sozialarbeit oder Krisenintervention. Wenn du unsicher bist: 147 (für Jugendliche) oder 143 (für dich als Bezugsperson).
  • Sicherheit zu Hause erhöhen: Medikamente (auch frei verkäufliche), Alkohol und Waffen sichern, gefährliche Gegenstände wegräumen, keine «Alleinlass»-Situationen, bis Fachpersonen die Lage einschätzen konnten.
  • Konkrete nächste Schritte: «Heute rufen wir zusammen bei 147 an» oder «Ich begleite dich jetzt auf die Notfallstation.» Das nimmt Druck, weil nicht alles «im Kopf» bleiben muss.
  • Nachfassen: In den Tagen danach aktiv dranbleiben. Suizidalität kann wellenförmig verlaufen, auch wenn es zwischendurch «besser» wirkt.

Suizid bei Jugendlichen: Beratungsstellen können helfen

Jugendliche, die ernsthaft einen Suizid in Erwägung ziehen – laut Studien spielt jeder Zweite im Laufe des Lebens mit Selbstmordgedanken – brauchen meist keine voreiligen Lösungsvorschläge zu ihren Problemen, sondern vielmehr ein offenes Ohr. Oft weigern sich Jugendliche, mit Familie und Freunden zu sprechen, um diese nicht zu belasten. In solchen Situationen seien leicht zugängliche Organisationen und Anlaufstellen enorm wichtig, erklärt Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der PDAG Dr. Jürg Unger. Eine davon ist Pro Juventute, die Beratungsstelle für Jugendprobleme, die vor kurzem eine nationale TV-Kampagne zur Prävention von Jugendsuizid gestartet hat. Mindestens einmal pro Tag wählt ein Teenager die Pro Juventute Beratungs- und Hilfstelefonnummer 147, weil er oder sie sich umbringen will. Diese alarmierende Häufigkeit führte zur gross angelegten Sensibilisierungskampagne.

Jugendpsychiater Jürg Unger schätzt die gezielte Sensibilisierung von Lehrpersonen, Haus- und Kinderärzten besonders hoch ein. Es sei erschreckend, wie viele Hausärzte nicht dafür geschult seien, Suizidalität zu erkennen. «Auf diesen Ebenen ist die Früherkennung zentral für effiziente Suizidprävention», bekräftigt er. Sollte ein Jugendlicher Anspielungen auf Lebensmüdigkeit und den Tod machen, sei es wichtig, dass Ansprechpersonen sofort darauf reagieren und professionelle Hilfe herbeiziehen. «Die Probleme, die bei Jugendlichen zu Suizidgedanken führen, sind in den allermeisten Fällen phasenbedingt und behandelbar. Wichtig ist, sie frühzeitig zu erkennen.»

Prävention im Alltag

Du kannst nicht jede Krise verhindern. Aber du kannst die Wahrscheinlichkeit senken, dass dein Kind in einer akuten Belastung allein bleibt oder keine Hilfe erreicht. Prävention bedeutet dabei nicht «perfekte Elternschaft», sondern verlässliche Beziehung, frühes Wahrnehmen von Warnsignalen und das Ernstnehmen psychischer Gesundheit – genauso wie bei körperlichen Krankheiten. Prävention kann auf mehreren Ebenen stattfinden: im Alltag, in Schulen/Lehrbetrieben, in der Gesundheitsversorgung und durch leicht zugängliche Hilfsangebote.

Schutzfaktoren 

  • Beziehung vor Lösung: Regelmässige kurze Check-ins («Wie geht’s dir wirklich?») sind oft wirksamer als seltene «Grundsatzgespräche».
  • Schlaf ernst nehmen: Anhaltender Schlafmangel erhöht psychische Verletzlichkeit. Unterstütze realistische Schlafzeiten, weniger Bildschirm spät abends und feste Morgenrhythmen, soweit möglich.
  • Zugehörigkeit stärken: Vereine, Musik, Sport, Jugendgruppen oder ein sicherer Freundeskreis sind Schutzfaktoren. Wenn dein Kind isoliert ist, frag konkret: «Mit wem fühlst du dich im Moment am sichersten?»
  • Emotionen benennen lernen: Hilf, Gefühle in Worte zu fassen («überfordert», «leer», «beschämt», «hilflos») statt nur «schlecht». Das erleichtert, Hilfe zu suchen.
  • Substanzkonsum im Blick behalten: Alkohol und andere Substanzen senken Hemmungen und erhöhen Impulsivität. Sprich das ohne Moral an, aber klar.

Zusammenarbeit mit Schule/Lehrbetrieb

  • Früh Kontakt aufnehmen: Bei Rückzug, Leistungsabfall, häufigem Fehlen, Konflikten oder Mobbing: Sprich früh mit Klassenlehrer:in, Schulsozialarbeit oder Berufsbildner:in.
  • Klare Abmachungen: Wer ist in der Schule/ im Lehrbetrieb Ansprechperson? Was passiert, wenn dein Kind dort eine Krise hat? Kurze, schriftliche Abmachungen können Sicherheit geben.
  • Belastungen reduzieren: In akuten Phasen sind Anpassungen (z.B. temporär weniger Prüfungsdruck, Pausenregelung, Stufenplan für Rückkehr) oft sinnvoll und medizinisch gut begründbar.

Wenn Suizid im Raum steht

Wenn du den Eindruck hast, dass dein Kind oder ein:e Jugendliche:r in deinem Umfeld sich etwas antun könnte, gilt: lieber einmal zu früh Hilfe holen als einmal zu spät. Suizidgedanken sind ein medizinischer und psychischer Notfall – und Hilfe ist in der Schweiz jederzeit erreichbar.

Bei akuter Gefahr: 144 / 117 – sofort 

144 (Sanität/Rettungsdienst), wenn unmittelbare Gefahr besteht oder bereits eine Selbstverletzung/Überdosierung passiert ist.

117 (Polizei), wenn du sofortige Unterstützung brauchst, z.B. wenn jemand wegläuft, sich einschliesst oder du den Ort nicht sicher betreten kannst.

Rund um die Uhr: 147 (Jugendliche) / 143 (Angehörige)

147 Pro Juventute: Beratung für Kinder und Jugendliche, 24/7 (Telefon, Chat, WhatsApp).

143 Die Dargebotene Hand: Unterstützung für Angehörige und Bezugspersonen, 24/7.

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