Zum Inhalt
Kind > Teenager

«Eltern sollten sich nicht gegen falsche Freunde stellen»

Darfst du deinem Kind den Kontakt zu Freund:innen verbieten? Besser ist es, die Freundschaften grundsätzlich zu respektieren, rät Peter Sumpf vom Elternnotruf Schweiz. Aber auch das hat Grenzen – und es gibt klare Warnsignale, bei denen du früh handeln solltest.

Von Sigrid Schulze

Falsche Freunde lassen Eltern oft verzweifeln. Was Sie tun können, erklärt der Elternnotruf Schweiz auf familienleben.ch.
Bad Boysm bad boys, whatch gonna do? Bild: Isaac Jenks - Unsplash

Die verzweifelte Mutter einer 16-Jährigen meldet sich beim Elternnotruf Schweiz. «Sie berichtete, dass sich ihre Tochter innert weniger Wochen stark verändert habe», sagt Peter Sumpf, Geschäftsleiter des Elternnotrufs. Noch vor kurzem zeigte sie sich als liebes Kind, war gut integriert in die Familie, aufgeschlossen und verantwortungsbewusst. Doch eine neue Liebe habe das Mädchen aus dem gewohnten Tritt gebracht. Denn sie habe sich in einen jungen Mann verliebt, der mit Drogen zu tun hat. Das Mädchen habe sich auch der Clique des Freundes angeschlossen.

«Die Mutter berichtete, sie würde seitdem ihr Kind kaum noch wiedererkennen», sagt Sumpf. Sie lasse sich von den Eltern nichts mehr sagen, gebe nur wenig Auskunft darüber, wo sie sich aufhalte, und komme und gehe aus dem Haus, wann sie wolle. Ein typischer Fall für den Elternnotruf Schweiz, der regelmässig solche Beratungsanfragen erhält.

Jugendliche wollen sich ausprobieren

«Was ist nur los?», fragen sich Eltern in solchen oder ähnlichen Situationen. «Jugendliche stehen vor der Aufgabe, das Verhältnis zu ihrer Familie und ihren Eltern neu zu definieren», erklärt Sumpf. Denn Teenager wollen und müssen ihr Leben nach und nach selbst in die Hand nehmen. Dabei finden sie aber nicht immer gradlinig ihren Weg. Viele schlagen Irrwege und Umwege ein, manche auch Sackgassen.

Grund zur Sorge besteht, wenn Jugendliche ihren Verpflichtungen in der Schule, in der Lehre oder im Job nicht mehr nachkommen, sich stark zurückziehen oder sich ihr Alltag auffällig verändert. Dann kann es helfen, früh fachkundigen Rat einzuholen – nicht erst, wenn die Situation eskaliert.

Die Gefahr sei für Jugendliche sicher grösser, wenn sie zu Hause keinen Halt finden, erklärt Sumpf, der selbst diplomierter Sozialarbeiter ist. «Wer zu Hause nichts antrifft, sucht woanders.» Oft seien es dann gerade die haltlosen Jugendlichen, die versuchen, sich aufeinander einzuschwören, und oft im negativen Sinne «zusammenhalten». «Halt und Wertschätzung unterstützen den Jugendlichen in dieser schwierigen Zeit in seiner Entwicklung; auch dann, wenn es den Eltern schwer fällt, das wahrzunehmen», sagt Sumpf.

Der Elternnotruf ist ein 1983 gegründeter privater Verein, der politisch und konfessionell neutral ist. Der Verein betreibt ein 24 Stunden- Notruftelefon (0848 35 45 55) und berät Eltern, Verwandte und Bezugspersonen von Kindern in allen Erziehungs-, Eltern- und Familienfragen. Falls nötig, vermittelt der Notruf auch die nötigen Hilfsangebote. Weitere Informationen zum Angebot finden sich auf der Webseite des Vereins. Der Verein finanziert das Angebot über Spenden.

«Wenig Möglichkeiten, auf Teenager einzuwirken»

«Wie soll ich vorgehen?», wollen Eltern wissen, wenn sie verzweifelt beim Elternnotruf anrufen. «Kinder aus Kreisen herauszuholen, die ihnen schaden können, ist ein verständliches Anliegen», weiss Sumpf. Doch der Fachmann schränkt ein: «Die Möglichkeiten, auf Teenager einzuwirken, sind höchst beschränkt.» Jugendliche sind oft ausser Haus und schwer zu kontrollieren.

Wenn du auf Verbote wie Hausarrest, auf Vorwürfe und lange Predigten setzt, gehst du das Risiko ein, auch den letzten Einfluss zu verlieren, den du auf dein Kind hast. «Eltern sollten sich nicht gegen falsche Freunde stellen», sagt Sumpf. Zu gross sei das Risiko eines Romeo- und Julia-Effektes, bei dem sich die Freund:innen dann heimlich treffen. «Wenn Eltern mit Vorwürfen schiessen, schliesst das Kind den Kanal.» Es mache dicht.

Offen bleiben für das Kind

Besser ist es, die Türe offen zu halten. «Das gelingt, indem Eltern nicht das Kind selbst oder die in ihren Augen falschen Freunde beschuldigen, sondern wenn sie bestimmtes Verhalten in Frage stellen», erklärt der Diplomsozialarbeiter. Statt zu sagen «Da siehst du mal wieder, was für einen schlechten Einfluss deine neuen Freunde auf dich haben. Jetzt kommst du – ohne Bescheid zu sagen – so spät nach Hause!», schlägt Peter Sumpf vor: «Du kommst erst um Mitternacht nach Hause. Das macht mir Sorgen. Ich habe Angst davor, dass dir auf dem Nachhauseweg so spät etwas zustösst. Ausserdem befürchte ich, dass du am nächsten Tag nicht ausgeschlafen genug bist, um dich in der Schule konzentrieren zu können.»

Freunde respektieren, Situationen lenken

Dieser Tipp gilt auch für Eltern von jüngeren Kindern, die sich sorgen, ihr Kind könne falsche Freund:innen haben. Freund:innen, die wenig Halt und Orientierung in ihrer eigenen Familie finden, die hyperaktiv, unbeständig oder aggressiv sind. «Grundsätzlich sollten Eltern die Freunde ihrer Kinder respektieren», betont Peter Sumpf. Denn schliesslich gebe es einen Grund für den Bestand dieser Freundschaft.

Dennoch musst du nicht alle Verhaltensweisen und Situationen tolerieren, die sich durch die Freundschaft ergeben. Sumpf führt Beispiele an, wie du intervenieren kannst: «Es ist toll, dass Jan und du Freunde seid. Trotzdem möchte ich nicht, dass Jan jeden Abend bei uns isst.» Ein weiteres Beispiel: «Wenn Flynn da ist, ist es sehr lebendig im Haus. Deshalb erlaube ich nicht, dass ihr hier spielt, wenn kein Erwachsener da ist.» Oder: «Du hast oft Krach mit Emily auf dem Nachhauseweg nach der Schule. Willst du nicht lieber mit Ronja nach Hause gehen?»

Tröstlich für Eltern: Ansteckend sind Verhaltensweisen anderer Kinder nicht. «Verhalten muss man sich angewöhnen», sagt Sumpf. «Ich glaube, Eltern haben ausreichend Zeit mit einem Kind, um in ihrem Einflussfeld auf wünschbares Verhalten hinzuwirken.»

Warnsignale: Wann wird’s wirklich gefährlich?

Manche Veränderungen in der Pubertät sind normal: neue Interessen, wechselnde Stimmung, mehr Abgrenzung. Alarmierend wird es, wenn sich mehrere Bereiche gleichzeitig deutlich verschlechtern oder du dein Kind über längere Zeit «nicht mehr erkennst». Laut Sucht Schweiz (2024) ist es für Eltern hilfreich, weniger nach einzelnen «Beweisen» zu suchen, sondern auf Muster zu achten: Häufen sich Konflikte, Leistungsabfall und riskantes Verhalten, steigt das Risiko für problematischen Konsum oder andere Belastungen.

Schule/Lehre, Schlaf, Geld, Stimmung: 6 rote Flaggen

Checkliste «Rote Flaggen» (zum Abspeichern):

1) Schule/Lehre kippt: plötzlicher Leistungsabfall, häufiges Schwänzen, Abmahnungen, Konflikte im Betrieb.

2) Schlaf & Tagesrhythmus entgleisen: häufiges «Durchmachen», sehr spätes Nachhausekommen ohne Absprachen, dauernde Übermüdung.

3) Geld & Sachen: unerklärliche Geldbeträge, häufiges «Ausleihen», verschwundene Gegenstände, neue teure Dinge ohne nachvollziehbare Quelle.

4) Stimmung & Psyche: anhaltende Reizbarkeit, starke Niedergeschlagenheit, auffällige Angst, Selbstabwertung, Rückzug von früher wichtigen Menschen.

5) Geheimhaltung mit Druck: du wirst systematisch angelogen, es gibt «Blackouts» in Erzählungen, du bekommst Drohungen wie «Wenn du fragst, bin ich weg».

6) Risiko-Verhalten: Fahren unter Einfluss, Gewalt, sexuelle Grenzüberschreitungen, extrem riskante Challenges/Mutproben.

Wichtig: Eine rote Flagge allein beweist noch nichts. Wenn du aber mehrere Punkte über einige Wochen beobachtest, lohnt sich ein ruhiges, klares Gespräch und häufig auch eine professionelle Beratung.

Wenn Drogen/Dealings im Umfeld sind: Sicherheitsplan in 5 Schritten 

Wenn in der Clique Drogen im Spiel sind oder du den Eindruck hast, dass jemand dealt, geht es nicht um «Kontrolle um jeden Preis», sondern um Sicherheit. Du kannst dir dafür einen einfachen Plan machen:

1) Risiken benennen, nicht moralisieren. Sag konkret, was dich beunruhigt (z.B. «Ich habe gehört, dass an dem Treffpunkt gedealt wird. Ich will, dass du sicher bleibst.»).

2) Klare Mindestregeln festlegen. Zum Beispiel: keine Mitfahrten bei Personen, die konsumieren; keine Treffen an Orten, wo gedealt wird; keine Übernachtungen ohne Kontaktmöglichkeit; nie «Pakete» oder «Aufträge» übernehmen.

3) Safe-Call vereinbaren. Ein kurzer Code (z.B. ein Emoji oder ein Satz), der bedeutet: «Hol mich bitte ab, ohne Diskussion». Das senkt die Hürde, sich aus einer gefährlichen Situation zu lösen.

4) Heimweg absichern. Abmachen, wie dein Teenager nach Hause kommt (ÖV, Abholen, Taxi). Wenn Geld ein Thema ist: vereinbare, dass du Fahrkosten übernimmst, damit «mitfahren» keine Notlösung wird.

5) Unterstützung holen, bevor du eskalierst. Wenn du unsicher bist, wie du reagieren sollst, hole dir zuerst Beratung (Elternnotruf, Sucht Schweiz). Das hilft, ruhig zu bleiben und kluge nächste Schritte zu wählen.

Ab wann professionelle Hilfe sinnvoll ist 

Du musst nicht warten, bis «etwas passiert». Beratung ist sinnvoll, wenn du merkst: Du schläfst schlecht, du bist dauernd im Alarmzustand, Gespräche eskalieren sofort oder die roten Flaggen häufen sich. Der Elternnotruf Schweiz unterstützt dich dabei, die Situation einzuordnen und konkrete nächste Schritte zu planen. Für Jugendliche kann Pro Juventute (Beratung 147) eine niedrigschwellige Anlaufstelle sein, besonders wenn sie mit dir (noch) nicht sprechen wollen. Bei Fragen rund um Substanzen, Abhängigkeit und frühe Intervention bietet Sucht Schweiz fachliche Information und Beratung.

Expert:innen-Orientierung: Peter Sumpf vom Elternnotruf Schweiz betont, dass Druck und Verbote den «Kanal» zum Kind schliessen können. Gleichzeitig gilt: Wenn Sicherheit, Gesundheit oder Ausbildung gefährdet sind, ist frühe professionelle Unterstützung kein «Aufgeben», sondern ein Schutzfaktor. Pro Juventute (147) beschreibt in ihren Empfehlungen, dass Jugendliche eher Hilfe annehmen, wenn sie wertschätzend angesprochen werden und konkrete, machbare Schritte vereinbart sind.

So bleibst du im Kontakt – ohne Ermittlungsmodus

Viele Eltern rutschen in eine Art Detektivmodus, wenn sie Angst haben. Verständlich – aber für Teenager fühlt es sich oft wie Misstrauen an. Beziehung statt Verhör ist meist die bessere Grundlage, damit dein Kind dich überhaupt wieder an sich heranlässt.

Gesprächsöffner («Ich merke…, ich mache mir Sorgen…»)

Hilfreich sind Sätze, die Beobachtung, Gefühl und Wunsch trennen. Beispiele, die du anpassen kannst:

«Ich merke, dass du in letzter Zeit oft später kommst und kaum erzählst, wo du bist. Ich mache mir Sorgen. Ich wünsche mir, dass wir eine Lösung finden, die dir Freiheit gibt und trotzdem sicher ist.»

«Ich will dich nicht kontrollieren. Ich will verstehen, was dir diese Clique gibt – und was dir im Moment fehlt.»

«Ich glaube dir, dass dir diese Freundschaft wichtig ist. Und ich nehme ernst, dass du selbst entscheiden willst. Gleichzeitig habe ich Verantwortung für deine Sicherheit.»

Vereinbarung «Erreichbar & sicher heimkommen» 

Du kannst eine Mini-Vereinbarung vorschlagen, die wenig nach Kontrolle klingt, aber Sicherheit schafft. Zum Beispiel:

Unsere Abmachung:
Check-in: Wenn sich der Plan ändert, schickst du kurz eine Nachricht (wo, mit wem, wann ungefähr zurück).
Erreichbarkeit: Wenn ich anrufe, hebst du spätestens beim zweiten Mal ab oder schreibst «alles ok, melde mich um …».
Heimweg: Wenn du dich unsicher fühlst (oder Alkohol/Drogen im Spiel sind), hol ich dich ab – ohne Diskussion in dem Moment.
Konsequenz: Wenn du dich nicht meldest, starten wir nach X Minuten einen Plan (zuerst Nachrichten/Anruf, dann Kontakt zu Freund:innen/Eltern, im Notfall weitere Schritte).
Review: Wir schauen in zwei Wochen gemeinsam, ob es funktioniert.

Wichtig ist, dass du das als gemeinsames Sicherheits-Tool framest – nicht als Strafe.

Was tun, wenn dein Teenager dicht macht: 3 Alternativen

Wenn Gespräche sofort abblocken, kannst du den Kanal oft indirekt wieder öffnen:

1) Kurzbrief statt Diskussion. Zwei bis fünf Sätze: «Ich liebe dich. Ich mache mir Sorgen wegen … Ich bin bereit zuzuhören. Sag mir, wann es dir passt.»

2) Nebeneinander statt gegenüber. Ein Spaziergang, Autofahrt oder gemeinsam kochen. Viele Jugendliche reden leichter, wenn sie nicht «im Fokus» sitzen.

3) Drittperson einbeziehen. Eine vertraute Tante, ein Pate, eine Trainer:in oder Schulsozialarbeit kann Brücken bauen. Du bleibst dabei im Lead, aber nicht allein im Raum.

0 Kommentare

?

Meistgelesene Artikel

Anmelden oder Registrieren

Melde dich kostenlos an und diskutiere mit anderen Eltern und speichere deine Artikel.
Anmelden Registrieren

Speichere deine Artikel

Logge dich ein oder erstelle einen Account und du kannst deine Artikel für später speichern.
Anmelden Registrieren