Kinderwunsch > Schwanger werdenSpermiogramm & Abklärung beim Mann – so läuft’s praktisch ab Luisa Müller Wenn ein Kinderwunsch nicht sofort klappt, betrifft das häufig auch den Mann – das ist medizinisch normal und keine Schuldfrage. Dieser Artikel erklärt dir, wie ein Spermiogramm in der Schweiz abläuft, welche weiteren Abklärungen möglich sind und was das für eure nächsten Schritte als Paar bedeuten kann. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Kurzüberblick: Die drei Säulen der Abklärung Bei der Abklärung des Mannes stehen meist drei Bereiche im Vordergrund: Spermiogramm: die Analyse der Samenprobe. Blut/Hormonstatus: z. B. LH, FSH, Testosteron zur Steuerung der Spermienbildung. Körperliche Untersuchung: Hoden, Nebenhoden, Varikozele, ggf. Ultraschall. Das Spermiogramm: Vorbereitung, Abgabe, Ergebnis Vorbereitung: Karenz und praktische Hinweise Die übliche Empfehlung für sexuelle Enthaltsamkeit vor der Probe liegt bei etwa 2–7 Tagen. Extremlange Karenz (z. B. mehrere Wochen) ist nicht nötig und kann das Ergebnis verfälschen. Teile dem Labor oder der Ärzt:in mit, wenn du kürzlich Fieber hattest, Medikamente einnimmst oder in einer Sauna/Hot-Tub warst – solche Faktoren beeinflussen das Ergebnis. Ablauf: Wie die Probe gewonnen wird Die Probe wird in der Regel durch Masturbation in einem sterilen Becher abgegeben. Viele Labore haben ein Infoblatt dazu; manchmal ist eine Abgabe im Untersuchungszentrum erwünscht, andernfalls kannst du zuhause abgeben und die Probe warm und zügig ins Labor bringen (Transportzeit möglichst kurz, oft innerhalb einer Stunde). Vermeide Verhütungsmittel wie Kondome zur Sammlung, da sie Substanzen enthalten können, die Spermien schaden. Was gemessen wird – kurz und verständlich Das Spermiogramm betrachtet mehrere Eigenschaften der Probe: Volumen der Ejakulatmenge Konzentration (Spermien pro Milliliter) Beweglichkeit (Motilität) Form (Morphologie) weitere Marker wie pH-Wert und Leukozyten bei Verdacht auf Entzündung Labs geben die Ergebnisse mit Referenzbereichen an. Wichtig ist: einzelne Werte schwanken – das Gesamtbild und Wiederholungen sind entscheidend. Warum das Ergebnis oft wiederholt wird Die Spermienproduktion (Spermatogenese) braucht Zeit – etwa drei Monate vom Keimzellstadium bis zur fertigen Samenzelle. Einzelmessungen können wegen kurzfristiger Einflüsse abweichen (Fieber, Stress, Hitze). Deshalb empfehlen Fachstellen meist, auffällige Befunde nach einigen Wochen bis Monaten zu wiederholen, um stabile Ergebnisse zu erhalten1. Wenn das Spermiogramm auffällig ist: typische nächste Schritte Anamnese und körperliche Untersuchung Zuerst fragt die Ärzt:in nach Gesundheitsgeschichte, Medikamenten, früheren Infektionen oder Operationen. Die körperliche Untersuchung konzentriert sich auf Hoden, Nebenhoden, Leisten und die Suche nach einer Varikozele (Krampfader im Skrotum), die die Fruchtbarkeit beeinträchtigen kann. Hormonanalysen Bei auffälligen Parametern werden Blutwerte gemessen, typischerweise LH, FSH und Testosteron. Diese Messungen erfolgen meist morgens, weil Testosteron tageszeitlich schwanken kann. Die Ergebnisse helfen zu klären, ob die Ursache im Hoden selbst (primäre Hodeninsuffizienz) oder in der Steuerung durch das Gehirn (sekundäre Störung) liegt. Infekt- und Entzündungsabklärung Bei Hinweisen auf Entzündungen (z. B. erhöhte Leukozyten im Spermiogramm oder Beschwerden) können weiterführende Tests erfolgen, etwa Abstriche oder spezifische Bluttests auf sexuell übertragbare Infektionen. Nicht immer lässt sich eine Infektion nachweisen; eine gezielte Abklärung richtet sich nach Befund und Anamnese. Bildgebung und funktionelle Tests Ein Skrotalultraschall gibt Auskunft über Strukturveränderungen, Zysten, Tumoren oder Varikozele. Bei Verdacht auf Ejakulationsstörungen (z. B. Retrogradejakulation) sind spezialisierte Tests möglich. Genetische Abklärungen: Wann sind sie sinnvoll? Gentests sind nicht Routine für alle, sondern werden vor allem empfohlen bei: stark eingeschränkten Parametern (z. B. sehr wenige Spermien oder Azoospermie, also kein nachweisbares Sperma) wiederholten schlechten Spermiogrammen geplanter assistierter Reproduktion (IVF/ICSI), um Risiken für Kind und Eltern zu beurteilen Typische Untersuchungen sind: Karyotyp (Chromosomenanalyse) zur Erkennung grösserer Änderungen Y‑Chromosom‑Mikrodeletionen (bei bestimmten Formen von schweren Spermienmangel) gezielte Tests, wenn familiäre Häufungen oder Verdachtsmomente bestehen Genetische Beratung ist wichtig, damit Ergebnisse korrekt eingeordnet werden und keine unnötige Angst entsteht. Vor invasiven Eingriffen oder vor ICSI wird häufig eine solche Abklärung empfohlen. Was Paare aus den Befunden ableiten können Ein Befund ist kein Urteil, sondern ein Baustein für die Behandlungsplanung. Beispiele für typische Folgerungen: leichte Einschränkungen: Lifestyle‑Anpassungen, Timing beim Geschlechtsverkehr und evtl. Intrauterine Insemination (IUI) starke Einschränkungen oder Azoospermie: assistierte Techniken wie ICSI werden häufiger empfohlen unauffällige Befunde trotz unerfülltem Kinderwunsch: Abklärung beider Partner möglich, gemeinsamer Fokus auf weitere Diagnostik und psychische Entlastung Wichtig ist, dass ihr als Paar Optionen abwägt, die zu eurer Situation, euren Werten und finanziellen Möglichkeiten passen. Häufige Fragen & sensible Themen Ist das peinlich? Viele Männer empfinden Unsicherheit oder Scham – das ist normal. Ärzt:innen und Labormitarbeitende sind geschult und routiniert. Wenn du die Abgabe unwohl fühlt, frage nach Alternativen wie der Abgabe im Labor statt zuhause, diskretem Versand oder Begleitung durch Partner:in. Offenheit hilft: Sag, wenn dir etwas unangenehm ist. Beeinflussen Wärme, Sport, Alkohol oder Anabolika das Ergebnis? Wärme (Sauna, häufige heisse Bäder, lange Laptopnutzung im Schoss) kann die Spermienqualität vorübergehend verschlechtern. Fieber oder schwere Infekte wirken sich für Wochen bis Monate aus. Rauchen, starker Alkoholkonsum und bestimmte Drogen oder Anabolika können die Samenqualität reduzieren; bei Verdacht auf anabole Steroide ist eine ärztliche Abklärung wichtig. Regelmässiger Sport in moderatem Umfang ist meist unproblematisch und fördert die Gesundheit. Kann ich bis zum nächsten Spermiogramm etwas tun? Ja. Empfohlen sind risikoarme, evidenzbasierte Massnahmen: Gesunde, ausgewogene Ernährung und normales Körpergewicht Alkohol in Maßen, Rauchstopp Vermeiden von Überhitzung des Skrotums Medikamentenliste mitnehmen und mit der Ärzt:in abklären Stressreduktion und psychische Unterstützung, wenn nötig Checkliste: So bereitest du dich auf dein Spermiogramm vor Enthaltsamkeit 2–7 Tage (oder nach Vorgaben des Labors) Meldung an Labor/Ärzt:in, wenn in letzter Zeit Fieber oder Infekt vorlag Keine Sauna/Whirlpool wenige Tage vor der Probe Medikamente und Supplements notieren und mitnehmen Ausweis, Versicherungskarte und Überweisung (falls erforderlich) bereit halten Fragen vorher notieren: z. B. wann das Ergebnis besprochen wird, wer die Kosten übernimmt Worauf du beim Arztbesuch achten kannst Suche eine Urologie- oder Andrologie-Praxis mit Erfahrung in Kinderwunschabklärungen. Kläre vorab organisatorische Fragen (Probe im Labor oder zu Hause, Kosten, wie das Ergebnis mitgeteilt wird). Wenn eine genetische Abklärung empfohlen wird, bestehe auf einer genetischen Beratung, damit du die Bedeutung der Ergebnisse verstehst. Abrechnung und Kostenhinweis In der Schweiz können Kostenübernahmen variieren; viele Grundversicherungen übernehmen Teile der Abklärung, oft abhängig vom Versicherungsmodell und der Indikation. Informiere dich frühzeitig bei deiner Krankenkasse, welche Leistungen gedeckt sind.Quellen Reproduktionsmedizin und gynäkologische Endokrinologie (RME) Universitätsspital Basel