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Baby-Fotos im Internet: Eltern sind zu wenig misstrauisch

Immer mehr Familien nutzen das Internet, um Freunde und Öffentlichkeit an ihrem Familienleben teilhaben zu lassen. Sie erstellen eine Baby-Homepage mit Fotos von den ersten Lebensmonaten des Kindes. Andere stellen die neuesten Erfolge ihres Sprösslings auf Facebook online.

Warum das Thema heute so heikel ist

  • KI und Deepfakes: Fotos können heute mit KI täuschend echt verändert oder in neue Kontexte gesetzt werden – auch ohne dass du es merkst.
  • Gesichtserkennung: Bilder können (je nach Plattform und Einstellungen) automatisch analysiert und wiedererkannt werden. So lassen sich Fotos leichter einer Person zuordnen – auch über Jahre hinweg.
  • Datenhandel und Big Data: Aus Bildern, Zeitpunkten, Kommentaren und Profilinformationen können detaillierte Profile entstehen, die für Werbung oder andere Zwecke genutzt werden.
  • Automatisches Sammeln: Öffentlich sichtbare Inhalte können automatisiert kopiert, gespeichert und weiterverbreitet werden. Selbst wenn du später löschst, kann eine Kopie bereits existieren.
Baby-Fotos im Internet: Gefahr nicht unterschätzen.
Über 80 Prozent der Babys und Kleinkinder unter zwei Jahren haben heute schon Fotos von sich im Internet. Foto: BananaStock, Thinkstock

Tylers digitale Geburt beginnt über ein halbes Jahr bevor er selbst das Licht der Welt erblickt. Seine ersten virtuellen Lebenszeichen sind die Ultraschallfotos aus der achten und zwölften Schwangerschaftswoche. Voller Stolz berichtet seine Mutter auf Tylers Homepage der Online-Community, dass sie und ihr Mann «ein kleines Söhnchen bekommen werden».

Das Söhnchen ist ein aufgewecktes Baby, das am liebsten auf dem Bauch schläft. Baden und Wickeln machen ihm Spass. Angezogen werden kann er nicht leiden. Am liebsten will Tyler alles, was er in die Finger bekommt, vom Balkon herunter werfen oder er will in den Geschirrspüler klettern.

Er ist jetzt fast zwei Jahre alt, hat bisher viel erlebt und schon grosse Fortschritte gemacht. Dementsprechend gross ist auch schon sein digitaler Fussabdruck. Jeder Entwicklungsschritt wird mit einem Foto oder Text dokumentiert, den seine Mutter ins Internet hoch lädt.

Einordnung der Zahlen: Was ist daran heute noch relevant?

Der digitale Fussabdruck vieler Kinder beginnt extrem früh. Für die Situation heute sind diese Werte aber nur noch begrenzt aussagekräftig, weil sich die Nutzung seitdem stark verändert hat (Smartphones mit immer besserer Kamera, Stories, Messenger-Gruppen, automatische Backups in Clouds, KI-Auswertung von Bildern).

Entscheidend ist weniger die exakte Prozentzahl als die Risikologik dahinter: Sobald Bilder online oder in grossen Plattform-Ökosystemen geteilt werden, können sie kopiert, weitergeleitet, gespeichert, ausgewertet oder in neuen Kontext gesetzt werden. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) betont in seinen aktuellen Informationen zum Datenschutz im Alltag (EDÖB, 2024), dass veröffentlichte Inhalte die Kontrolle entgleiten können und dass besonders schützenswerte Personendaten (dazu können je nach Kontext auch Kinderfotos zählen) zurückhaltend behandelt werden sollten.

Eltern bekommen Anerkennung durch Baby-Bilder im Internet

Die Geburt eines Babys und seine Entwicklung sind, ohne Frage, Ereignisse, die dich als Elternteil voller Stolz erfüllen und die du gern anderen Menschen mitteilen möchtest. «Heute geht es auf den Web 2.0 Plattformen ganz einfach und schnell, eine professionell wirkende Botschaft mit Text, Bild und Ton zu publizieren. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen Leistungen, auf die sie stolz sind, einer Öffentlichkeit kundtun möchten. Man erwartet dadurch Anerkennung und Prestige», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Tanja Akar, Tylers Mutter, möchte mit der Homepage Familie, Freunde und Bekannte erreichen. «Da die Familie meines Ehemannes 500 Kilometer weit von uns entfernt lebt und wir sie nicht allzu oft sehen können, finde ich es schön, dass sie über die Homepage die aktuellsten Bilder und Fortschritte unseres Sohnes bewundern können», sagt sie. «Aber auch meine Familie, die ganz in der Nähe wohnt, ist sehr erfreut, alle paar Tage die neusten Bilder unseres Sonnenscheines sehen zu können.»

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Die Botschaften über das Baby liefern nicht nur Anerkennung, sie steigern das eigene Selbstwertgefühl. Eltern seien zwar von ihrem Baby meist völlig fasziniert, erklärt Daniel Süss, aber sie könnten auch leicht verunsichert werden, ob alles normal verlaufe. «Die Feedbacks im Internet und der Vergleich mit den Baby-Darstellungen anderer Eltern im Netz ermöglicht, Unsicherheiten zu beschwichtigen und einen selbstwertsteigernden sozialen Vergleich anzustellen.» Die Inszenierung der eigenen glücklichen Familie im Netz wirke wie ein Spiegel, der einem selbst das Idealbild präsentiert, das man verkörpern möchte. Was allenfalls im erlebten Alltag nicht so ganz dazu passt, wird meist nicht im Netz gezeigt.

Tylers Online-Leben ist tatsächlich eine heile Welt voller glücklicher Babyfotos und Fotos von noch glücklicheren Eltern. Dafür bekommen die Eltern im Gästebuch ihrer Webseite Anerkennung: «Eura Tyler isch au an meega schnüggel!» oder «ganz e härzigi site hend ier! » und «De Tyler isch würkli ganz e süesse chline Maa.» heisst es dort. Einige Einträge sind von Fremden, die Tylers Mutter nicht aus dem realen Leben kennt.

Fotos von Babys nur passwortgeschützt ins Internet stellen.
Je mehr Fotos und persönliche Daten wie Name oder Adresse von Babys im Internet sind, desto gefährlicher wird es.

Damit Fremde nichts von der Entwicklung deines Sohnes mitbekommen, sondern nur diejenigen, die es wirklich etwas angeht, hat Maria* auf Facebook vor der Geburt, allen Personen, die nicht zu ihren wirklichen Freunden gehören, die Freundschaft gekündigt. Nun sind alle Fotos und Informationen nur für Freunde sichtbar. Maria hat auf ihrem Facebook-Profil ein Fotoalbum von ihrem Sohn Tim* angelegt. Da ist der Kleine zu sehen, wie er das Köpfchen halten kann, wie er seinen ersten Brei testet oder wie er mit dem Urgrossvater spielt.

«Das Album auf Facebook ist ein Friedensangebot und Kompromiss», sagt Maria. Ein Friedensangebot an alle Freunde, die gern an Tims Leben teilhaben wollen, für die Maria aber nicht genug Zeit hat, um persönlich auf deren Nachfragen zu antworten. Ein Kompromiss für Maria und ihren Mann, die ihren Sohn nun online und «öffentlich im kleinen Kreis» präsentieren, anstatt ein klassisches Fotoalbum anzulegen.

Ob sie besorgt sei, dass Fotos über ihren Sohn online sind? Nein, sagt Maria, sie sei nicht besorgt. Sicher könnten die Fotos und Nachrichten von Aussenstehenden gehackt werden. «Doch ich denke, dass diese kaum kommerziell nutzbar sind. Ich denke, da wären meine online Bankdaten sehr viel interessanter und meine verwendete E-Mailadresse auf Facebook ist eine anonyme Spamadresse.»

Sicher mit Familie teilen – ohne Social Media

Wenn du Bilder teilen willst, musst du nicht automatisch Social Media nutzen. Für viele Familien ist es entlastend, bewusst einen «kleinen, geschlossenen Kreis» zu wählen – und die Technik so einzustellen, dass sie dieses Ziel auch wirklich unterstützt.

Praktische Alternativen (je nach Bedürfnis):

  • Private Fotoalben mit Zugriffskontrolle: Nutze Lösungen, bei denen du Zugriffsrechte gezielt vergibst (Einladungen, Passwörter, zeitlich begrenzte Links). Achte darauf, dass du das Teilen jederzeit beenden kannst.
  • Verschlüsselte Messenger für Familiengruppen: Wenn du Bilder im Messenger verschickst, entscheide dich wenn möglich für Ende-zu-Ende-verschlüsselte Dienste und halte die Gruppe klein. Vereinbare in der Familie eine klare Regel: keine Weiterleitung, keine Screenshots, kein Posten «zur Freude der Kolleg:innen».
  • Passwortgeschützte Links statt Posts: Wenn Grosseltern regelmässig Fotos wünschen, kann ein passwortgeschützter Bereich (oder ein Link mit Ablaufdatum) die bessere Lösung sein als ein öffentliches Profil.

Wichtig und oft vergessen: Fotos enthalten nicht nur das sichtbare Bild. Je nach Gerät und Einstellung können Metadaten (z.B. Aufnahmedatum, Gerätetyp) und Geodaten/Geotags gespeichert sein. Wenn du vermeiden willst, dass Aufenthaltsorte nachvollziehbar werden, prüfe vor dem Teilen die Standortfreigabe der Kamera und entferne Standortdaten beim Export, falls möglich. Der EDÖB (2024) empfiehlt im Sinn der Datensparsamkeit, nur das zu teilen, was wirklich nötig ist, und Einstellungen sowie Empfänger:innenkreis regelmässig zu überprüfen.

Was mit Fotos im Netz passiert

Was mit Fotos im Internet passieren kann, erklärt Medienpsychologe Daniel Süss: «Grundsätzlich kann jedes Bild und jede Information, die man ins Netz gestellt hat, irgendwann in einem völlig anderen Kontext wieder auftauchen und von Dritten verwendet werden, ohne dass man davon erfährt.» Es gebe Bilder-Datenbanken, die zum Beispiel Fotos von Babys, die nicht durch Copyright geschützt wurden, anbieten. Wenn die Fotos noch mit Namen oder anderen persönlichen Daten versehen seien, könnten andere Kinder später die Kinder und deren Babyfotos im Internet verspotten. Im Fachjargon heisst das Cyberbullying.

Je mehr persönliche Angaben preisgegeben werden, desto eher können sie zu einem Gesamtbild verknüpft werden. Pädophile nutzen das aus. Sie können Kindern leicht vortäuschen, dass sie es persönlich kennen. Daniel Süss gibt ein Beispiel: Ein Erwachsener könnte vortäuschen, dass er «zusammen in den Kindergarten oder zur Schule gegangen ist oder in der Nachbarschaft gewohnt hat, obwohl dieses Wissen nur aus zusammen gesuchten Informationen konstruiert wurde.» Im schlimmsten Fall kommt es zur sexuellen Belästigung. «Sind die Kinder auf den Fotos geografisch lokalisierbar, sind sie auch physisch in Gefahr», warnt Eliane Schmid, Informationsverantwortliche des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten.

Soziale Netzwerke wie Facebook sichern sich nach Aussage von Schmid zudem Rechte am geistigen Eigentum aller Daten, welche die Nutzer in ihre Profile speisen. So verliere man die Herrschaft über die persönlichen Daten sehr schnell. «Die Naivität im Umgang mit persönlichen Daten ist zum Teil erschreckend gross, obwohl verschiedene Vorfälle von Mobbing und Stalking in den letzten Jahren unsere Warnungen bestätigen und beweisen, dass im Internet-Alltag eine gesunde Portion Misstrauen Pflicht ist», sagt Schmid. Gerade Eltern hätten auch diesbezüglich eine besondere Verantwortung ihren Kindern gegenüber. Sie empfiehlt, nur im abgeschlossenen, passwortgeschützten Rahmen persönliche Dinge wie Fotos für Freunde online zu stellen.

«Du solltest dich immer fragen, was mit den Daten angestellt werden könnte, wenn eine Person sie verwendet, die dir schlecht gesinnt ist oder die kommerzielle oder kriminelle Interessen verfolgen würde», ergänzt Medienpsychologe Daniel Süss.

Recht & Verantwortung in der Schweiz: Was du als Elternteil wissen solltest

Auch wenn es sich «nur» um ein süsses Foto handelt: Kinder haben ein eigenes Recht auf Privatsphäre. In der Schweiz ist besonders wichtig, dass Bilder von Personen grundsätzlich durch den Persönlichkeitsschutz erfasst sein können. Es ist nicht nur wichtig, dass Betroffene grundsätzlich mitentscheiden sollen, was mit ihren Personendaten passiert, sondern auch, dass Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von Fotos sinnvoll ist – erst recht bei Kindern, die nicht selbst überblicken können, welche Folgen eine Veröffentlichung später hat.

Für dich als Elternteil heisst das im Alltag:

  • Einwilligung in der Familie bewusst klären: Sprecht ab, ob Grosseltern, Gotti/Götti oder Freund:innen Fotos weiterleiten oder posten dürfen. Eine klare «Bitte nicht weiterleiten»-Regel reduziert Stress und Konflikte.
  • Widerruf respektieren: Wenn dein Kind älter wird und keine Fotos mehr online will, ist das ein wichtiges Signal. Auch innerhalb der Familie lohnt es sich, das ernst zu nehmen und Inhalte zu entfernen, soweit du Kontrolle darüber hast.
  • Datensparsamkeit als Grundprinzip: Teile weniger, wähle neutrale Motive (z.B. ohne Name auf dem Nuggi, ohne Schul-Logo, ohne Hausnummer), und vermeide Angaben, die Alltag und Aufenthaltsorte sichtbar machen.

Tylers Mutter kann die Frage nach peinlichen Bildern beantworten: «Ich denke oder hoffe nicht, dass Tyler sich später dafür schämen wird. Ich setzte ja nur schöne und keine peinlichen Bilder von ihm ins Internet. Ich habe auch nicht vor, die Homepage bis ins Teenageralter fortzusetzen. Das wäre ihm vor seinen Freunden sicherlich peinlich, aber Baby- und Kinderfotos findet doch jeder süss.» Auch auf die mögliche Frage ihres Sohnes, warum sie seine Privatsphäre online sichtbar gemacht habe, hätte sie bereits eine Antwort parat: «Ich würde ihm sagen, dass ich diese Homepage eine schöne Idee fand, um die weiter entfernte Familie mit den neusten Bildern und Fortschritten auf dem Laufenden zu halten.» Ausserdem sehe sie selber die Homepage immer wieder gerne an und habe zudem alle Bilder Monat für Monat im Überblick. Später möchte sie die Homepage mit ihrem Sohn gemeinsam ansehen.

Was Tyler von seinen öffentlichen Babyfotos selbst hält, kann er noch nicht sagen. Vielleicht wird er stolz auf die süssen Fotos sein, vielleicht aber verärgert, weil auch Fremde Zugriff auf seine Homepage hatten.

*Namen von der Redaktion geändert.

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