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Leben > Soziale und digitale Medien

Wie «Ballerspiele» die kindliche Entwicklung beeinflussen

Computerspiele mit brutalen Inhalten sorgen oft für Diskussionen zwischen Eltern und Kindern. Wie viel digitales Morden ist vertretbar? Wir wollten von Daniel Betschart, Experte für Gaming und Medienkompetenz bei Pro Juventute, wissen, welchen Einfluss solche Spiele auf Kinder haben und wann du den «Off-Button» drücken solltest.

Ballerspiele wie Call of Duty sind bei vielen Jugendlichen beliebt
Stundenlang gewalthaltige Games zu «zocken» kann Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Gewalt haben. Bild: Funstock, iStock, Getty Images Plus

Ob Call of Duty, Fortnite oder doch Assassin’s Creed: Viele Jugendliche haben Ballerspiele auf ihrem Computer installiert und verbringen Stunden damit, ihre Gegner mit verschiedensten Waffen zur Strecke zu bringen.

Welche Wirkung hat das auf die Entwicklung deines Kindes – und wird digitale Gewalt irgendwann zum realen Problem? Im Gespräch mit Daniel Betschart, Programmverantwortlicher für Medienkompetenz bei Pro Juventute Schweiz, zeigt sich: Der Reiz liegt oft weniger im «Töten» als in Wettbewerb, Teamplay und Können. Gleichzeitig gilt: Je nach Alter, Persönlichkeit, Stresslevel und Alltagssituation kann gewalthaltiger Content belastend sein – und Eltern sind gut beraten, genau hinzuschauen.

Herr Betschart, wieso stehen so viele Jugendliche auf sogenannte Killergames. Was ist der Reiz dieser Spielen?

Die Spiele sind sehr kompetitiv aufgebaut. Ziel ist es immer, schneller zu sein als der Gegner. Wer schneller ist, als der Gegner gewinnt und wird belohnt. Der Reiz solcher Spiele ist in erster Linie nicht die Gewalt oder das Töten an sich. Man spielt, um zu gewinnen. Wie im Völkerball beispielsweise. Natürlich kann die Gewalt auch eine Faszination auslösen – auch weil wir in der Schweiz in einer Gesellschaft leben, in der öffentliche Gewalt kaum vorhanden ist.

In diesen Spielen geht es hauptsächlich darum, Menschen umzubringen: Welchen Risiken setzen sich Kinder und Jugendliche aus, die sonst in dieser gewaltfreien Gesellschaft leben?

Die Risiken sind dieselben wie beim Anschauen eines gewalttätigen Films. Die Darstellung von Gewalt, die je nach Game sehr unterschiedlich ist, kann zuerst verstörend sein. Mit der Zeit stumpft man ab. Das heisst, dass die Spieler und Spielerinnen nicht mehr so sensibel auf das Thema reagieren.

Werden Kinder, die Ballerspiele spielen, eher gewalttätig?

Nein. Mehrere Studien und Untersuchungen zeigen, dass der Gewaltkonsum in dieser Form nicht zur Gewaltausübung führt. Die Gründe sind meist andere. Ein geringes Selbstwertgefühl, eine Überforderung in Konfliktsituationen und das erfahren von Gewalt an sich selber können solche Gründe sein, die Kinder und Jugendliche dazu bringen, Gewalt auszuüben.

Shooter heute: nicht nur Gewalt, sondern Community & Voice-Chat

Viele Shooter sind heute «soziale Plattformen»: Du spielst im Team, sprichst per Voice-Chat, wirst zu Gruppen eingeladen und bist in einem ständigen Austausch. Für Kinder kann das verbindend sein – es kann aber auch kippen, wenn Chats toxisch werden oder wenn Gruppendruck entsteht («Spiel noch eine Runde», «Kauf dir den Skin, sonst bist du raus»).

Toxische Chats, Beleidigungen, Gruppendruck

Belastend wird es häufig weniger wegen der Gewaltbilder, sondern wegen sozialer Dynamiken: Beschimpfungen, Sexismus, Rassismus, Drohungen, «Shaming» nach Fehlern oder Druck, immer verfügbar zu sein. Das kann Stress, Schlafprobleme, Rückzug oder Gereiztheit verstärken – besonders bei jüngeren Kindern oder wenn ohnehin viel Druck (Schule, Konflikte, Unsicherheit) vorhanden ist. Nimm es ernst, wenn dein Kind sagt: «Ich habe Angst, ins Voice zu gehen» oder «Die waren gemein.»

Worauf du achten kannst: Verändert sich die Stimmung nach dem Spielen deutlich? Gibt es plötzlich geheime Accounts, neue «Online-Freund:innen», die du nicht einordnen kannst, oder starke Wutausbrüche? Dann lohnt sich ein ruhiges Gespräch über das «Wie» des Spielens (mit wem, in welchem Modus, mit welchem Chat) – nicht nur über das «Ob».

Reporting/Blockieren: Minimum-Setup

Mach mit deinem Kind ein kurzes «Sicherheits-Setup», bevor es regelmässig online spielt: 1) Privatsphäre-Einstellungen prüfen (Wer darf einladen? Wer darf Nachrichten schicken?). 2) Voice-Chat je nach Alter standardmässig aus oder nur für bekannte Freund:innen. 3) Blockieren und Melden üben: Wo ist der Button, was passiert danach, und dass Melden nicht «petzen» ist, sondern Selbstschutz. 4) Abmachung für Notfälle: Wenn es eskaliert, darf dein Kind jederzeit ohne Diskussion das Spiel verlassen und zu dir kommen.

Altersfreigaben und Alterskontrolle seit 2025

Viele Eltern kennen PEGI (Altersangaben auf Games) – aber die Regeln rundherum haben sich in der Schweiz weiterentwickelt. Wichtig ist: Altersfreigaben sind nicht nur «Empfehlungen», sie sind ein zentraler Orientierungspunkt für den Jugendschutz. Gleichzeitig ersetzen Zahlen auf der Packung nicht die Begleitung im Alltag: Ein 12-jähriges Kind kann sich von bestimmten Inhalten stark verunsichern lassen, während ein anderes Kind damit besser zurechtkommt – und umgekehrt.

Was JSFVG/JSFVV (teilweise) verändert hat 

Seit 2025 sind in der Schweiz neue Grundlagen zum Jugendschutz in Film und Videospielen in Kraft (JSFVG und JSFVV). Damit wurden Alterskennzeichnungen und Jugendschutzmassnahmen verbindlicher geregelt und es gibt klarere Vorgaben für Anbieter und Plattformen, wie der Schutz von Minderjährigen umgesetzt werden soll. Das Ziel: ein besserer, einheitlicherer Jugendmedienschutz – nicht nur im Laden, sondern auch im digitalen Vertrieb. 

Für dich als Elternteil heisst das: Verlass dich nicht darauf, dass «das Internet schon sperrt». Nutze Alterskennzeichnungen als Filter, schau auf die Inhalte (z.B. realistische Gewalt, Blut, Online-Interaktion, In-Game-Käufe) und entscheide dann, was in eurem Alltag passt.

Wie Eltern PEGI & Inhaltsdeskriptoren nutzen 

PEGI besteht aus zwei Teilen, die dir gemeinsam viel mehr sagen als nur die Zahl: 1) die Altersstufe (z.B. 12, 16, 18) und 2) Inhaltsdeskriptoren (z.B. Gewalt, Angst, Sprache, Online, Glücksspiel-Anmutung). Achte besonders auf Hinweise zu Online-Funktionen und «In-Game-Käufen»: Sie sind ein Signal, dass dein Kind mit Fremden kommunizieren kann und/oder dass Geld im Spiel eine Rolle spielt.

Praktisch im Familienalltag: Schau PEGI und Deskriptoren gemeinsam mit deinem Kind an und lass es dir erklären, was im Spiel tatsächlich passiert (Perspektive, Realismus, Blutdarstellung, Chat, Gruppendruck). Das reduziert Heimlichkeit und hilft, Regeln fair zu begründen.

Vorteile auch bei Gewaltspielen

Das Hauptprinzip eines jeden Ballerspiels ist «Überleben durch töten». Nur wer schneller schiesst, besser trifft und sich gut schützen kann, wird das Spiel für sich entscheiden können. Und genau dort liegt auch ein Teil des Lerneffekts: Reaktionsgeschwindigkeit, visuelle Aufmerksamkeit, strategisches Denken und Teamkoordination können trainiert werden – vor allem, wenn das Spielen zeitlich begrenzt ist und im Alltag nicht alles andere verdrängt.

Gleichzeitig gilt: Diese Kompetenzen entstehen nicht «automatisch» und nicht nur durch Shooter. Auch Sport, Musik, Pfadi, Teamsport oder andere Hobbys fördern Frusttoleranz, Koordination und Durchhaltevermögen – oft mit weniger Risiko für Konflikte, Schlafmangel oder Streit um Bildschirmzeiten.

Monetarisierung in Shootern

Viele moderne Shooter finanzieren sich nicht mehr primär über den Kaufpreis, sondern über laufende Ausgaben im Spiel. Das ist für Eltern oft der grösste Konfliktpunkt: Nicht die Gewalt, sondern das Geld – und der Druck, mitzuhalten.

Battle Pass, Skins, Lootboxen – warum das kaufpsychologisch wirkt

Battle Passes arbeiten mit Zeitdruck («nur diese Saison»), Skins mit sozialer Sichtbarkeit («alle sehen, was du hast»). Lootboxen und ähnliche Zufallsmechaniken setzen zusätzlich auf das Prinzip der variablen Belohnung: Du weisst nie genau, wann der «gute Drop» kommt – und gerade diese Unvorhersehbarkeit kann besonders stark motivieren, es noch einmal zu versuchen. Für Kinder und Jugendliche ist das herausfordernd, weil Impulskontrolle und langfristiges Abwägen sich erst über die Entwicklung stabilisieren.

Familienregeln: Budget, Limits, «nur Kosmetik» vs. pay-to-win

Hilfreich sind klare, vorher vereinbarte Regeln statt ständiger Diskussionen im Moment: Lege ein fixes Monatsbudget fest (oder «0 Franken» als legitime Option), entscheide, ob Käufe nur gemeinsam freigegeben werden, und ob «nur Kosmetik» erlaubt ist. Sprich explizit über den Unterschied zwischen kosmetischen Items (Aussehen) und «pay-to-win» (spürbarer Vorteil im Spiel): Letzteres kann Frust und Druck in der Gruppe deutlich erhöhen.

Technisch sinnvoll: Nutze, wo möglich, Familienfunktionen des Betriebssystems/Konsolen-Accounts (Passwort für Käufe, Ausgabenlimit, Kaufhistorie). So wird aus «Du hast schon wieder Geld ausgegeben!» ein sachliches Gespräch anhand von klaren Regeln.

Wenn Kinder digital morden: Tipps für Eltern

1 Verbote bringen nichts

Verbote sind beim Thema Killerspiele selten der Schlüssel zum Erfolg, weil sie leicht umgangen werden können. «Wenn das Kind zu Hause nicht spielen kann, geht es halt zu einem Freund und spielt dort», erklärt Daniel Betschart. Zielführender ist es, gemeinsam hinzuschauen: Was spielt dein Kind genau, mit wem, wie lange – und in welcher Stimmung?

2 Kommunikation

Rede mit deinem Kind über die Inhalte. Sag, was dich am Inhalt des Spiels stört und nenne deine Bedenken. Frag auch: «Was macht dir daran Spass?» und «Was nervt dich daran?» Erkläre deinem Kind, dass es bei Frustmomenten zu dir kommen kann und Frust nicht «wegzocken» muss. «Kinder müssen wissen, was sie konsumieren und welche Bedenken Eltern dabei haben», weiss Betschart von der Pro Juventute.

3 Konsum einschränken

Es macht Sinn, die Bildschirmzeit im Allgemeinen zu begrenzen. Kinder sollten nicht grenzlosen Zugriff auf Computer und Gewaltspiele haben. Biete Alternativen: Plane Ausflüge, ermögliche Bewegung und gib deinem Kind Freiraum, mit Freund:innen auch draussen zu spielen. Besonders hilfreich sind klare Zeiten (z.B. nicht direkt vor dem Schlafen) und ein «Stoppsignal», das ohne Streit gilt.

4 Kompensation

Möchte dein Kind nicht auf Shooter verzichten, kann ein Deal helfen: Vereinbart ein Hobby, bei dem es sich körperlich auspowern kann. Die Regel kann sein, dass Gaming und Bewegung in einer gesunden Balance stehen. Wichtig: Nicht als Strafe, sondern als fairer Ausgleich, der dem Körper und dem Stresslevel gut tut.

Was tun, wenn …? Drei häufige Alltagssituationen

… dein Kind trotz PEGI spielen will

Bleib erst ruhig und geh Schritt für Schritt vor: 1) Lass dir das Spiel zeigen (Trailer/Inhalt/Modi) und frag, was genau gespielt wird (offline, online, solo, im Team). 2) Beziehe PEGI und die Deskriptoren in die Begründung ein («Die Altersangabe ist nicht gegen dich, sie zeigt, für wen die Inhalte gedacht sind.»). 3) Biete eine Übergangslösung an: z.B. zuschauen statt selbst spielen, nur ohne Voice-Chat, nur im Wohnzimmer, nur am Wochenende, zeitlich limitiert, oder ein altersnäheres Game als Alternative. 4) Vereinbare einen Zeitpunkt zur Neubewertung («Wir schauen in 6 Wochen nochmals, wie es läuft.»). So fühlt sich dein Kind ernst genommen, ohne dass du deine Grenze aufgibst.

… dein Kind im Voice-Chat beleidigt wird

Handle wie bei Mobbing: 1) Erst emotional absichern («Das ist nicht okay, du hast nichts falsch gemacht.»). 2) Sofortmassnahme: Blockieren, Melden, Lobby verlassen, Voice-Chat aus. 3) Beweise sichern, wenn es schwerwiegend ist (Screenshots/Clip, Gamertag). 4) Prüfen, ob «nur Freund:innen» in den Chat dürfen. 5) Wenn Beleidigungen wiederholt vorkommen: Pausen einlegen und gemeinsam überlegen, welche Modi/Teams weniger toxisch sind. Wichtig: Dein Kind soll wissen, dass es jederzeit abbrechen darf, ohne dass du ihm danach Vorwürfe machst.

… dein Kind V-Bucks (oder eine andere In-Game-Währung) will

Mach das Thema transparent und planbar: 1) Klär gemeinsam, wofür das Geld ist (Skin? Battle Pass? Vorteil?). 2) Entscheide als Familie eine Regel: fixes Budget, Käufe nur nach Rücksprache, oder keine Käufe. 3) Wenn du Käufe erlaubst, sprich über «Tricks» im Spiel (Zeitdruck, seltene Angebote, Gruppendruck). 4) Setz technische Hürden (Kaufpasswort, Limit, keine gespeicherte Kreditkarte). So wird aus «Darf ich?» ein Lernfeld für Umgang mit Geld und Werbung.

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