Leben > Soziale und digitale MedienCastingshows im TV: Kinder brauchen die Begleitung der Eltern – nicht Verbote Sigrid Schulze Ob «Bachelor», «Bauer ledig sucht» oder «Jung, wild & sexy» - Casting- und Datingshows sind bei Kindern und Jugendlichen beliebt. «In diesen Sendeformaten geht es nur um Unterhaltung, zudem drehen sie sich oft um äussere Werte», gab Patric Raemy, damals Medienpädagoge bei Pro Juventute, im Gespräch zu bedenken. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Das Interview stammt aus dem April 2015. Die genannten Sendungen und Quotenzahlen sind der damalige Stand; die Frage, wie Eltern ihre Kinder dabei begleiten, stellt sich unverändert. Eine aktuelle Einordnung der Redaktion steht weiter unten. Kinder und Jugendliche schauen gerne Castingshows. Foto: monkeybusinessimages, iStock, Thinkstock Warum Casting- und Datingshows Kinder anziehen Dating- und Castingshows wie «Bauer ledig sucht» oder «Jung, wild & sexy» haben Hochkonjunktur. «Der Bachelor» erreicht in der Schweiz Traumquoten von bis zu rund 23 Prozent Marktanteil. Auch Kinder und Jugendliche verfolgen diese Sendeformate. Sind diese Shows unbedenklich? Patric Raemy: Casting- und Datingshows sind Unterhaltungssendungen. Ihr Sinn liegt also einzig und allein im Entertainment. Wenn Kinder solche Sendeformate verfolgen, können Probleme entstehen, wenn sie sich mit den vorgeführten Rollen zu sehr identifizieren und beginnen, den Protagonisten nachzueifern. Das kann zum Beispiel bei Sendungen wie dem «Der Bachelor» oder «Germanys next Topmodel» der Fall sein: Hier geht es vor allem um äussere Werte, um Schönheitsideale. Manchmal werden Kandidaten regelrecht vorgeführt, durch Kommentare aus dem Off beleidigt oder wie im «Dschungelcamp» durch bestimmte Aufgaben erniedrigt. Hier ist es wie bei anderen unerwünschten Medieninhalten, wie brutalen Computergames und Filmen, auch: Es kommt immer auf das Kind an, wie stark das, was gezeigt wird, wirkt. Manche Kinder fürchten sich, manche übernehmen den zwischenmenschlichen Umgang, aber manche lässt es auch ganz einfach kalt und sie sehen das Format als das, was es sein soll - Unterhaltung. Wichtig ist deshalb, dass in der Familie gute Werte und positiver zwischenmenschlicher Umgang vorgelebt werden und dass Kinder und Jugendliche über das Gesehene sprechen können. Verbieten oder begleiten? Sollten Eltern ihrem Kind Castingshows verbieten? Bis zu einem gewissen Alter können Kinder von solchen Sendungen fern gehalten werden. Altersangaben sind schwierig, es kommt immer auf das Kind an. Je älter das Kind wird, desto schwieriger werden Verbote. Wenn die Kollegen/innen auf dem Pausenhof über eine bestimmte Castingshow reden, wird sich auch das Kind dafür interessieren. Das ist nachvollziehbar, denn wir Erwachsene wollen auch Anschlusskommunikation, sprich bei einem Gesprächsthema mitreden können. Die Sendungen zu verbieten, kann sogar kontraproduktiv sein – Kinder schauen die Sendungen geheim und bleiben mit dem Gesehenen und ihren Gefühle allein. So sieht Begleitung im Alltag aus Was können Eltern stattdessen tun, damit solche Dating- und Castingshows auf das Kind keinen schädlichen Einfluss nehmen? Kinder und Jugendliche benötigen Begleitung, wenn sie sich Casting- und Datingshows anschauen. Was begeistert das Kind an der Sendung? Eltern sollten sich für die Faszination ihres Kindes an der jeweiligen Sendung interessieren und als Einstieg für die beabsichtigte Erziehung nehmen. Wissen Sie aus Ihrer Berufserfahrung, woraus diese Faszination besteht? Meist wollen Kinder und Jugendliche am Glück der Protagonisten teilnehmen. Wenn ein Kandidat eine Castingshow gewinnt, nehmen sie an diesem Glück teil – sie freuen sich! Eltern sollten ihr Kind fragen, was ihm ausserdem an der Sendung gefällt, die es schaut. Darüber hinaus ist es wichtig, dass sie mit ihrem Kind über die Sendung diskutieren und ihre Position und Meinung zu den vermittelten Werten deutlich machen. Wenn nur noch solche Sendungen laufen Dennoch bleibt ein schales Gefühl, wenn Kinder viele solcher Casting- und Datingshows ansehen. Es ist wie beim Essen: Ein einseitiger Konsum ist nicht förderlich. Wenn solche Sendeformate im Rahmen eines breiten Medienrepertoires und vielseitiger Freizeitaktivitäten konsumiert werden, sind sie weniger problematisch, als wenn nur solche Sendungen geschaut werden. Eltern sollten also darauf achten, dass ihre Kinder auch andere Fernseh- und Freizeit-Angebote nutzen. Wichtig ist auch, dass sie ihre Kinder in ihrem Selbstbild bestärken, die inneren Werte hervorheben und Schönheitsideale kritisch diskutieren. Was Eltern im Alltag konkret tun können Begleiten heisst mehr, als danebenzusitzen. Drei Dinge helfen im Familienalltag: Altersfreigaben als Orientierung nutzen. Labels wie FSK, PEGI und USK sowie die Empfehlungen der Schweizerischen Kommission Jugendschutz im Film geben an, ab welchem Alter sich ein Film oder ein Game eignet. Sie ersetzen die Begleitung nicht – die Fachstelle hält ausdrücklich fest, dass es weiterhin wichtig bleibt, mit Kindern über Inhalte zu sprechen.[1]Regeln gemeinsam aushandeln. Wenn Kinder mitreden können, halten sie Abmachungen eher ein. Bewährt haben sich auch medienfreie Zeiten und Räume, etwa keine Bildschirme am Esstisch oder in der letzten Stunde vor dem Schlafengehen.[2]Gesprächseinstiege vorbereiten. «Wer hat heute gewonnen und warum?», «Wie würdest du dich an ihrer Stelle fühlen?», «Was daran ist wohl inszeniert?» Solche Fragen führen weiter als ein Urteil über die Sendung. Der Rat aus dem Interview lässt sich auf mehr als ein Format übertragen. Wichtiger als die einzelne Sendung ist, wie viel Zeit insgesamt vor dem Bildschirm vergeht und ob dein Kind das Gesehene einordnen kann. Dazu gehört ein altersgerechtes Mass an Medienzeit ebenso wie Medienkompetenz, also die Fähigkeit, Medien bewusst zu nutzen und kritisch zu hinterfragen. Ein Punkt aus dem Gespräch verdient dabei besondere Aufmerksamkeit: die Schönheitsideale, die solche Sendungen transportieren. Gerade wenn sich der Körper in der Pubertät verändert, treffen sie auf ein unsicheres Selbstbild. Wer die gezeigten Körper und Rollen zu Hause offen bespricht, nimmt ihnen einen Teil ihrer Wirkung. Wo Eltern Unterstützung finden Wenn Gespräche zu Hause nicht weiterführen oder du unsicher bist, wie viel du erlauben sollst: Die Elternberatung von Pro Juventute beantwortet Fragen rund um Erziehung und Familienalltag kostenlos und rund um die Uhr – telefonisch, per WhatsApp oder per E-Mail. Für Kinder und Jugendliche selbst ist die Nummer 147 da.[3] Zur Person: Patric Raemy war zum Zeitpunkt dieses Interviews im April 2015 Medienpädagoge bei Pro Juventute. Die Stiftung unterstützt Kinder, Jugendliche und Eltern im Umgang mit digitalen Medien und stellt dazu Informationen und Beratungsangebote bereit: Pro Juventute: Medien und Internet QuellenPro Juventute: Altersfreigaben für Games und Filme: Diese Labels gibt es (abgerufen am 23.08.2026)Pro Juventute: Regeln und Vereinbarungen im Umgang mit digitalen Medien (abgerufen am 23.08.2026)Pro Juventute: Elternberatung (abgerufen am 23.08.2026)