Leben > Soziale und digitale MedienWenn online etwas Schwieriges passiert: So hilfst du deinem Kind – Schritt für Schritt bis zur richtigen Anlaufstelle Luisa Müller Wenn dein Kind online beleidigt, bedroht, erpresst oder sexuell belästigt wird, fühlt sich das oft an wie ein Notfall – und das ist es manchmal auch. In dieser Situation hilft kein perfektes «Elternhandbuch», sondern ein ruhiger, klarer Plan: zuerst Sicherheit und Beziehung, dann Beweise sichern, dann stoppen und Hilfe holen. Dieser Leitfaden führt dich Schritt für Schritt durch die nächsten Stunden und Tage, mit den Anlaufstellen, die es in der Schweiz dafür gibt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Cybermobbing, Grooming und Erpressung mit intimen Bildern können schwerwiegende Folgen haben © Rawpixel / Getty Images Wenn es jetzt eilt: die vier Nummern Akute Gefahr, konkrete Drohung, Treffdruck: Polizeinotruf 117. Die Schweizerische Kriminalprävention rät, bei einem Notfall unverzüglich die Polizei zu verständigen.[6] Für dein Kind: 147 von Pro Juventute, rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich. Der Anruf erscheint nicht auf der Telefonrechnung.[1] Für dich: 058 261 61 61, die Elternberatung von Pro Juventute, ebenfalls rund um die Uhr. Sie berät auch in akuten Krisen, allerdings nicht in Rechts- und Medizinfragen.[2] Nach einer Straftat: 142, die Opferhilfe. Kostenlos und anonym, auch für Angehörige – aber keine Notrufnummer.[3] Das Wichtigste zuerst: Sicherheit und Beziehung Kinder und Jugendliche sagen oft aus Angst nichts: weil sie sich schämen, weil sie Ärger befürchten oder weil sie denken, sie hätten «selber schuld». Aus psychologischer Sicht ist das nachvollziehbar: In Stresssituationen reagiert unser Nervensystem mit Rückzug, Erstarren oder Vermeidung. Umso wichtiger ist, dass du zuerst Nähe und Sicherheit herstellst, bevor ihr über Details sprecht. Nicht schimpfen, nicht wegnehmen, nicht «Warum hast du…?» Auch wenn du innerlich kochst: Vorwürfe, Panik oder das sofortige Wegnehmen des Handys können dazu führen, dass dein Kind beim nächsten Mal nichts mehr erzählt – und dass Beweise verloren gehen. Besonders bei Grooming (sexuelle Anbahnung) oder Erpressung ist das Risiko hoch, dass Täter:innen Druck machen («Wenn du es jemandem sagst…»). Ein ruhiger Rahmen signalisiert: «Du bist nicht allein. Wir lösen das gemeinsam.» 5 Sätze, die sofort helfen Diese Sätze kannst du wörtlich verwenden – sie senken Stress, nehmen Schuld und öffnen die Tür zur Zusammenarbeit: «Danke, dass du mir das sagst. Das war mutig.» «Du bist nicht schuld, auch wenn du geklickt, geantwortet oder etwas geschickt hast.» «Wir machen jetzt Schritt für Schritt. Du musst das nicht allein tragen.» «Wir sichern zuerst alles, damit wir handeln können.» «Du entscheidest mit, wer informiert wird. Wenn es gefährlich ist, hole ich zusätzlich Hilfe.» Dokumentieren und sichern Ob Cybermobbing, Hate Speech, Drohungen, Grooming oder Sextortion (Erpressung mit intimen Bildern): Für Meldungen an Plattformen, Schule oder Behörden ist eine saubere Dokumentation entscheidend. Gleichzeitig kann das erneute Anschauen belastend sein. Wenn möglich, übernimm du das Sichern und vereinbart danach eine Pause. Aus Sicht der Krisenintervention hilft es, belastende Reize zu begrenzen und Kontrolle zurückzugeben. Wie du dabei konkret vorgehst, zeigt auch unser Notfallplan zum Melden, Blockieren und Beweisesichern. Screenshots, Links, Profile, Zeitpunkte Sichere so, dass eine dritte Stelle die Situation nachvollziehen kann. Ideal sind: Screenshots der Nachrichten (mit Datum/Uhrzeit, wenn sichtbar), Screenshot des Profils/Accounts, der Chat-Übersicht, der URL/Link, Benutzername, Plattform, sowie eine kurze Notiz, wann es begonnen hat und was bisher passiert ist. Wenn dein Kind bedroht wird oder es Hinweise auf reale Identität gibt (Name, Schule, Ort, Treffvorschläge), notiere das ebenfalls. Wichtige Ausnahme, bitte vor dem ersten Screenshot lesen: Sind auf den Aufnahmen sexualisierte Darstellungen von Minderjährigen zu sehen, mach keine Screenshots und lade nichts herunter. Wer das tut, kann sich strafbar machen, auch wenn es der Beweissicherung dient.[4] Wende dich stattdessen an die Polizei. Sie dokumentiert die Aufnahmen.[5] Was du nicht löschen solltest Lösche keine Chats, Bilder, Sprachnachrichten oder Profile, bevor alles gesichert ist. Das gilt besonders bei Grooming, Erpressung oder Drohungen. Auch wenn es entlastend wirkt, «alles wegzumachen»: Ohne Belege wird das Stoppen oft schwieriger. Sichern kommt auch deshalb vor dem Blockieren, weil manche Dienste Chatverläufe danach löschen oder ausblenden.[5] Erst wenn die wichtigsten Beweise gesichert sind, könnt ihr gemeinsam entscheiden, was blockiert, gemeldet oder entfernt wird. Melden und stoppen Das Ziel ist: Kontakt unterbrechen, Reichweite reduzieren und klare Grenzen setzen – ohne dass dein Kind sozial komplett abgeschnitten wird. Die nationale Plattform Jugend und Medien setzt beim Schutz auf Aufklärung und auf Kompetenzen, die Eltern und Schule gemeinsam vermitteln.[5] In-App melden/blockieren Nutzt die Funktionen der Plattform: melden, blockieren, Kommentare einschränken, Privatsphäre erhöhen. Bei Cybermobbing kann es helfen, Beleidigungen nicht zu «kontern» (das erhöht oft die Dynamik), sondern den Kontakt konsequent zu beenden. Bei Grooming oder Erpressung gilt: nicht verhandeln, keine weiteren Bilder schicken, keine Zahlungen leisten. Was hinter dem Muster steckt, erklärt unser Beitrag zu Sexting, Nacktbildern und Sextortion. Anzeige, Opferhilfe und Meldestelle Cybermobbing ist im Schweizer Strafgesetzbuch kein eigener Straftatbestand. Einzelne Handlungen sind trotzdem strafbar, etwa Drohung, Nötigung, Erpressung oder üble Nachrede. Ob ihr Anzeige erstattet oder Strafantrag stellt, ist eine Abwägung: Besprich sie vorher mit einer Beratungsstelle, denn ein Strafverfahren kann die Lage unter Umständen auch verschärfen.[5] Die Opferhilfe berät kostenlos, vertraulich und anonym. Sie informiert über eure Rechte, unterstützt bei der Verarbeitung des Geschehenen und vermittelt weitere Hilfe. Das Angebot richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern ausdrücklich auch an Angehörige.[3] Geht es um sexualisierte Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen, ist clickandstop.ch die richtige Adresse. Die Melde- und Beratungsstelle von Kinderschutz Schweiz nimmt Meldungen anonym per Online-Formular entgegen und leitet sie an die Strafverfolgungsbehörden weiter. Eltern erhalten dort auch telefonisch Beratung, kostenlos und anonym, unter 058 433 33 50.[4] Schule/Verein einbeziehen Wenn das Geschehen einen Klassen- oder Gruppenbezug hat (Klassenchat, Vereinsgruppe, Peergroup), ist es selten «nur online». Dann lohnt sich ein zeitnahes, sachliches Gespräch mit Klassenlehrperson oder zuständiger Stelle: Was ist dokumentiert? Welche Schutzmassnahmen für dein Kind sind sofort möglich? Wie wird die Gruppe angesprochen, ohne dein Kind blosszustellen? Viele Fälle eskalieren, wenn Erwachsene zu spät reagieren oder nur bestrafen. Sinnvoller sind klare Grenzen, konsequentes Unterbinden von weiteren Übergriffen und ein Fokus auf Schutz und Wiederherstellung von Sicherheit. Für den Alltag danach helfen verbindliche Regeln im Klassenchat. Notfall-Checkliste Kopiere dir diese Kurz-Checkliste in deine Notizen (oder drucke sie aus). Sie ist bewusst kurz, damit du sie im Stress nutzen kannst: Ruhig bleiben & da sein: «Danke, dass du es sagst. Du bist nicht schuld.» Akute Gefahr prüfen: Treffdruck, Drohungen, Selbstgefährdung, Identitätsdaten veröffentlicht? Dann sofort den Polizeinotruf 117 wählen.[6] Beweise sichern: Screenshots, Profil, Links/URL, Datum/Uhrzeit, kurze Ereignisnotiz. Ausnahme: keine Screenshots von sexualisierten Aufnahmen Minderjähriger, das kann strafbar sein.[4] Nichts löschen, bis gesichert: Chats/Bilder/Accounts erst danach blockieren/melden. Stoppen und melden: blockieren, Privatsphäre hoch, Kommentare einschränken, in der App melden; sexualisierte Aufnahmen von Minderjährigen über clickandstop.ch. Unterstützung organisieren: 147 für dein Kind[1]; Elternberatung 058 261 61 61 für dich[2]; Opferhilfe 142 nach einer Straftat[3]; Schule oder Verein informieren bei Gruppenbezug. Plan für die nächsten 48 Stunden: Wer ist Ansprechperson? Welche Zeiten sind online-frei? Was tut gut (Schlaf, Essen, Bewegung, Kontakt zu Freund:innen)? Häufige Fehler aus Angst Diese Reaktionen sind menschlich – und trotzdem oft kontraproduktiv. Wenn du dich hier wiedererkennst: Es ist nicht «zu spät». Du kannst jederzeit umsteuern. Handy wegnehmen oder totale Online-Verbote: kann Schweigen fördern und Beweise vernichten. Schuldzuweisungen («Warum hast du…?»): verstärken Scham und Rückzug. Allein handeln, ohne dein Kind: nimmt Kontrolle und kann das Vertrauen beschädigen. Direktes Konfrontieren der mutmasslichen Täter:in: kann Eskalation auslösen oder Beweise gefährden. Zu lange abwarten: lässt Dynamiken (Mobbing/Erpressung) oft schneller wachsen als erhofft. Nachsorge: Wie Vertrauen wieder wächst Nach dem «Stoppen» ist nicht automatisch alles gut. Viele Kinder sind in den Wochen danach reizbarer, ziehen sich zurück, schlafen schlechter oder haben Angst vor der nächsten Nachricht. Das sind häufige Stressreaktionen. Entscheidend ist, dass dein Kind wieder erlebt: «Ich habe Handlungsspielraum, und Erwachsene helfen verlässlich.» Genau dafür gibt es in der ganzen Schweiz Beratungsstellen der Opferhilfe: Sie informieren über Rechte, begleiten bei der Verarbeitung und vermitteln weitere Hilfe.[3] Wann du fachliche Hilfe holen solltest: wenn dein Kind über Wochen nicht zur Ruhe kommt, den Schulbesuch verweigert, sich immer weiter zurückzieht oder Andeutungen über Selbstverletzung oder Suizid macht. Warte damit nicht ab. 147 ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich, und dein Kind kann dort auch selbst anrufen.[1] Welche Schritte im Alltag danach tragen, haben wir in unserem Ratgeber dazu gesammelt, was Eltern bei Mobbing und Cybermobbing konkret tun können. Exit-Plan statt Dauerüberwachung Dauerüberwachung (Passwörter verlangen, heimlich Chats lesen) kann kurzfristig beruhigen – langfristig untergräbt sie Vertrauen und verhindert, dass dein Kind eigene Schutzstrategien übt. Besser ist ein klarer, zeitlich begrenzter Exit-Plan, den ihr gemeinsam festlegt: zum Beispiel für 2 bis 4 Wochen engere Begleitung (gemeinsam Privatsphäre prüfen, Freundesliste aufräumen, Zeiten ohne Social Media), danach schrittweise zurück zur Normalität. Skills trainieren Das Ziel ist nicht «nie wieder Risiko», sondern: schneller erkennen, früher Hilfe holen, besser schützen. Übt ganz konkret: Privatsphäre-Einstellungen, Blockieren/Melden, Screenshot machen, sichere Passwörter/2-Faktor-Login, und ein «Hilfe-Satz», den dein Kind jederzeit verwenden kann («Ich brauche Unterstützung, bitte komm kurz»). Vereinbart auch, welche erwachsene Person ausser dir ansprechbar ist (Gotti/Götti, Lehrperson, Trainer:in). Das senkt die Schwelle, wenn es dir einmal nicht sofort gesagt werden kann. Quellen 147.ch (Pro Juventute): Dein Kontakt zu uns. Abgerufen am 24.08.2026. Pro Juventute: Elternberatung rund um die Uhr. Abgerufen am 24.08.2026. Opferhilfe Schweiz (Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren): Startseite und Beratungsangebot. Abgerufen am 24.08.2026. clickandstop.ch (Kinderschutz Schweiz / Guido Fluri Stiftung): Melde- und Beratungsstelle gegen digitale, sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Abgerufen am 24.08.2026. Jugend und Medien (nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen): Cybermobbing. Abgerufen am 24.08.2026. Schweizerische Kriminalprävention: Kontakt zur Polizei. Abgerufen am 24.08.2026.