Leben > Soziale und digitale MedienFamily Link: Wissen, was die Kinder im Netz machen Eva Mell Nutzungsdauern festlegen oder per GPS sehen, wo die Kinder sind: Die Google-App Family Link verspricht Eltern die Kontrolle über die Internet-Aktivitäten ihrer Kinder. Doch diese Sicherheit könnte trügerisch sein – und sie hat handfeste Grenzen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Mit der App Google Family Link können Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder verfolgen. Foto: E+ Die zwölfjährige Sarah hat heute schon 28 Minuten lang im Internet gesurft. 21 Minuten hat sie in ihrem E-Mail-Posteingang verbracht und 48 Minuten lang hat sie die Foto-App benutzt. Das reicht doch jetzt wohl an Online-Zeit für einen Tag! Aber bald fällt das Smartphone ohnehin automatisch in den Schlafmodus. Erst ab 7.30 Uhr kann Sarah ihr Smartphone wieder nutzen. Und wo ist eigentlich Sarahs Bruder Benjamin? Hätte er nicht längst vom Fussball-Training zu Hause sein müssen? Seine Mutter muss nur einen Blick auf ihr Handy werfen und schon sieht sie den Standort seines Geräts. Sarah und Benjamin sind zwei typische, aber frei erfundene Geschwister, mit denen Google die App «Family Link» 2018 in München Journalisten vorstellte. Eltern können mit Hilfe der App nachverfolgen, wie viel Zeit ihre Kinder online verbringen, welche Apps sie nutzen und wo sich das Gerät des Kindes befindet. Auch Nutzungszeiten festlegen und das Natel per Fernsteuerung sperren ist möglich. Seither hat Google die App mehrfach umgebaut – dieser Artikel beschreibt den Stand vom August 2026. Mehr als eine Spionage-App? Dementsprechend ist die Überwachungs-App umstritten. Für die einen ist sie «die perfekte App für Helikopter-Eltern», für die anderen ist sie eine wichtige Hilfe, um Kindern Medienkompetenz beizubringen. Stephan Micklitz, Engineering Director und zuständig für die Bereiche Sicherheit, Datenschutz und Identität bei Google in München, formulierte es 2018 diplomatisch: «Family Link bildet verschiedene Erziehungsstile ab.» Hannah Samland, damals Pressesprecherin von Google, sagte: «Die App fördert den Dialog über die Nutzung von Medien in Familien.» Ob eine App das leisten kann oder ob am Ende doch das Gespräch mehr bringt als die Kontrolle, bleibt die eigentliche Frage. Was Family Link Eltern verspricht Das Kind bekommt mit der App Family Link auf seinem Smartphone oder Tablet seinen eigenen Google Account – und zwar ganz legal. Für ein gewöhnliches Google-Konto gilt in der Schweiz ein Mindestalter von 13 Jahren; die Schweiz steht nicht auf Googles Länderliste mit abweichenden Altersgrenzen [1]. Will das Kind Apps herunterladen, bekommen die Eltern eine Benachrichtigung auf ihr Handy. Erst wenn die Eltern den Download erlauben, startet er auch. In-App-Käufe, die immer wieder zu erheblichen Kosten führen, sind ebenfalls nur mit Zustimmung der Eltern möglich – allerdings nur, wenn sie über das Abrechnungssystem von Google Play laufen [1]. Eltern können sehen, wie viele Minuten ihr Kind mit welchen Apps verbracht hat – und sie können Tageslimits festlegen. Ist das Limit überschritten, muss das Kind eine Zwangspause einlegen. Das Tageslimit gilt für jedes Android-Gerät und jedes Chromebook des Kindes gemeinsam [1]. Über bestimmte Einstellungen können Eltern Inhalte filtern, die ihr Kind auf dem Handy sehen kann. Für YouTube lassen sich heute drei Altersstufen wählen: «Entdecken», «Mehr entdecken» oder «Die meisten Inhalte auf YouTube». Alternativ richten Eltern YouTube Kids ein und legen dort fest, ob ihr Kind die Suchfunktion nutzen darf [2]. Eltern können den Standort des Kindergeräts per GPS sehen – sie können aber auch bewusst auf diese Funktion verzichten. Angezeigt wird immer nur das Gerät, nicht das Kind, und nur wenn die Standortfreigabe aktiviert ist [1]. Was Family Link nicht kann Auf dem iPhone läuft sie nicht. Google hält ausdrücklich fest: Auf iPhones, iPads und Computern ausser Chromebooks funktioniert die Elternaufsicht von Family Link nicht. Das Kindergerät muss ein Android-Gerät (ab Version 6.0), ein Chromebook (ab ChromeOS 71) oder ein kompatibles Fitbit-Gerät sein. Nur die Eltern-App selbst gibt es auch fürs iPhone und iPad (ab iOS 16) [1]. Wer die Kinder mit Apple-Geräten begleiten will, arbeitet stattdessen mit der Kindersicherung und Bildschirmzeit auf iPhone und iPad. Heimlich können Eltern ihre Kinder nicht überwachen. Die Elternaufsicht wird auf dem Gerät des Kindes eingerichtet, und wenn sie beendet wird, werden Eltern und Kind darüber benachrichtigt [3]. Die Filter sind nicht wasserdicht. Es kann durchaus vorkommen, dass Kinder Inhalte sehen, die nicht für sie gedacht sind – ausserhalb der Google-Dienste greifen die Einstellungen ohnehin nicht. Eltern können zwar sehen, wie viele Minuten ihr Kind zum Beispiel Videos auf YouTube angeschaut hat, sie können aber nicht erkennen, welche Videos das Kind gesehen hat oder welche Internetseiten es besucht hat. Kinder sehen weiterhin Werbeanzeigen – aber keine personalisierte. Google untersagt personalisierte Werbung für Minderjährige, also nicht nur für Kinder unter 13. Was angezeigt wird, richtet sich stattdessen nach dem Inhalt der Seite, der aktuellen Suchanfrage oder dem ungefähren Ort [4]. Keine unbegrenzte Kontrolle – aber sie endet später, als viele denken: siehe nächster Abschnitt. Was mit 13 passiert – und was nicht Hier hat sich seit der Einführung am meisten verändert, und es lohnt sich, genau hinzuschauen. Erreicht das Kind das in seinem Land geltende Mindestalter – in der Schweiz 13 Jahre –, schickt Google eine E-Mail an die Eltern und an das Kind. Die Aufsicht endet damit aber nicht automatisch. Ignoriert das Kind die E-Mail, bleiben alle Einstellungen unverändert bestehen. Und: Kinder unter 18 Jahren brauchen die Zustimmung eines Elternteils, um die Elternaufsicht zu beenden [3]. Umgekehrt können Eltern die Aufsicht jederzeit selbst beenden. Für Eltern heisst das: Der 13. Geburtstag ist kein technischer Schlusspunkt, sondern höchstens ein Anlass, neu zu verhandeln. Wo genau die faire Linie zwischen Privatsphäre und Aufsicht verläuft, entscheidet keine Einstellung in einer App, sondern die Familie. Auch sonst ist die Überwachung nicht grenzenlos. Zum einen verfügt die App über Einschränkungen, die den Kindern eine gewisse Privatsphäre verschaffen sollen. Zum anderen gibt es keine sichere Kontrolle über die Inhalte, die Kinder konsumieren. Dass Kinder trotzdem Gewaltdarstellungen oder Pornos zu sehen bekommen, kann Google nicht ausschliessen. Google hat Family Link auch nicht allein aus pädagogischen Gründen entwickelt. Das Unternehmen war angesichts der damals neuen Datenschutzverordnung der EU fast gezwungen, ein solches Tool auf den Markt zu bringen, wie 2018 im offiziellen Blog der Firma zu lesen war: «Nach den neuen Vorschriften müssen Unternehmen in bestimmten Fällen die Einwilligung der Eltern einholen, bevor sie Daten von Kindern verarbeiten. Um diese Zustimmung zu erlangen und Eltern und Kindern Tools für ihre Online-Nutzung zur Verfügung zu stellen, führen wir Family Link in der gesamten EU ein.» Der SRF bilanzierte deshalb: «Wie bei vielen technischen Anwendungen zahlt man auch hier mit seinen Daten.» Jedes fünfte Kind hat schon in der ersten Klasse ein Handy Andererseits ist es eine Realität, dass Kinder heute früh im Netz unterwegs sind und auch früh ein eigenes Natel haben. Häufig zu bald, um über Nutzungsdauern und Inhalte schon alleine zu entscheiden. Laut der MIKE-Studie 2021 der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) besitzen 20 Prozent der 6- und 7-jährigen Kinder in der Schweiz ein eigenes Handy. Bei den 10- und 11-Jährigen ist es mehr als die Hälfte, bei den 12- und 13-Jährigen sind es drei Viertel [5]. Unter den Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren besitzen nahezu alle ein eigenes Handy, wie die JAMES-Studie 2024 der ZHAW zeigt [6]. Wann ein Kind so weit ist, lässt sich nicht am Kalender ablesen – dazu haben wir zusammengetragen, wann ein Kind bereit ist für ein eigenes Smartphone. Wie viel Zeit dabei zusammenkommt, hat die JAMES-Studie 2024 ebenfalls erhoben: An einem durchschnittlichen Wochentag verbringen Schweizer Jugendliche nach eigenen Angaben 3 Stunden und 7 Minuten im Internet, an einem Tag am Wochenende 4 Stunden und 30 Minuten. Beides sind Mittelwerte (Median) – die einzelnen Nutzungszeiten gehen weit auseinander [6]. Grenzen setzen, ohne selbst Grenzen zu überschreiten Eveline Hipeli, damals Medienpädagogin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, sah 2018 in der App Vor- und Nachteile. Theoretisch könnte solch eine Applikation die Kommunikationskultur zwischen Eltern und Kindern über Medien positiv verändern, sagte sie. Aber: «Viele Eltern, die solche Apps nutzen, beschränken die Nutzung auf die zeitliche Begrenzung von Medieninhalten und auf die örtliche Kontrolle der Kinder, indem sie sehen wollen, wo das Kind gerade ist. Das muss nichts Negatives sein, aber es sollte nicht ausschliesslich dabei bleiben.» Die Medienpädagogin empfahl Eltern bei der Nutzung von Apps wie Family Link, sich selbst immer wieder zu hinterfragen. Es gelte Kindern Grenzen zu setzen, ohne selbst Grenzen zu überschreiten: «Vor allem bei jungen Kindern macht es Sinn, bei den Inhalten und Nutzungszeiten genauer hinzuschauen», sagte sie. «Was die Privatsphäre des Kindes angeht, werden Grenzen erst dann überschritten, wenn Eltern Dinge heimlich kontrollieren. Zum Beispiel, wenn die Mutter das Kind mit Hilfe der App auf dem Schulweg verfolgt und sieht, dass es noch im Volg einkaufen war.» Wer bei der Einrichtung oder bei Grundsatzfragen Unterstützung sucht: Die nationale Plattform «Jugend und Medien» des Bundesamts für Sozialversicherungen sammelt Empfehlungen und Anlaufstellen für Schweizer Familien. Alternativen zu Googles Family Link Family Link ist nicht die einzige App, mit der Eltern den Medienkonsum und den Standort ihrer Kinder begleiten können. In den App Stores finden sich zahlreiche Alternativen, zum Beispiel: Bildschirmzeit (Apple): Auf iPhone, iPad und Mac in das Betriebssystem eingebaut. Eltern können hier ähnlich wie bei Family Link Nutzungsdauern begrenzen und sehen, welche Funktionen ihre Kinder wie lange genutzt haben. Familo (früher Familonet): Die Nutzerinnen und Nutzer sehen gegenseitig ihre Standorte. Das bedeutet: Nicht nur Mami weiss, wo das Kind ist, sondern das Kind sieht auch, wo die Eltern sind. FamilyTime: Auch mit dieser App lassen sich Nutzungsdauern eingrenzen. Zusätzlich werden Eltern benachrichtigt, wenn Kinder bestimmte Orte ohne Rücksprache verlassen. Die App wirbt ausserdem damit, nicht jugendfreie Inhalte fernzuhalten. Sie ist kostenpflichtig. Prüfe vor der Installation, welche Daten eine solche App sammelt und wohin sie fliessen – gerade bei Anbietern ausserhalb der Schweiz und der EU. Quellen Google für Familien-Hilfe: Erste Schritte mit Family Link. Abgerufen am 08.08.2026. Google für Familien-Hilfe: YouTube- und YouTube Kids-Optionen für dein Kind. Abgerufen am 08.08.2026. Google für Familien-Hilfe: Was passiert mit Google-Konten, wenn Kinder das Mindestalter für Google-Konten erreichen, das in Ihrem Land gilt? Abgerufen am 08.08.2026. Google: Family Link-Hinweise für Eltern (Datenschutzhinweise). Abgerufen am 08.08.2026. Suter, L. et al. (2023): Ergebnisbericht zur MIKE-Studie 2021. ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Abgerufen am 08.08.2026. ZHAW Medienpsychologie (2024): Ergebnisbericht zur JAMES-Studie 2024. ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Abgerufen am 08.08.2026.