Leben > Soziale und digitale MedienJugendliche verbringen mehr Zeit am Handy – und mit der Familie: die Zahlen der JAMES-Studie 2020 Larissa Jurczek Schweizer Jugendliche verbringen immer mehr Zeit mit dem Handy und geben mehr auf Likes und Follower als auf den Schutz ihrer persönlichen Daten. Das zeigte die JAMES-Studie 2020, die alle zwei Jahre das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen untersucht. Für alle, die jetzt aufschreien: Es gibt auch Good News. Der Nachwuchs verbringt gleichzeitig mehr Zeit mit der Familie. Alle Zahlen in diesem Artikel geben den Stand von 2020 wieder. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Zeit, die Jugendliche am Handy verbringen, nimmt zu. Die Zeit, die sie mit Freunden verbringen, nimmt hingegen ab. Bild: SolStock, Getty Images Das Handy nimmt immer mehr Zeit und Raum ein: Schweizer Jugendliche verbrachten 2020 unter der Woche und besonders am Wochenende viel mehr Zeit am Handy als noch zwei Jahre zuvor. Das zeigt die JAMES-Studie 2020, die alle zwei Jahre von Forschenden der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt wird. In Auftrag gegeben und finanziert wird sie von Swisscom. Gemäss eigener Einschätzung nutzten die Teenager ihr Smartphone unter der Woche im Mittel 3 Stunden und 10 Minuten täglich, 40 Minuten länger als 2018. Am Wochenende waren es 5 Stunden. Zwei Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei gut drei Stunden.[1] Mehr Zeit mit der Familie wegen Lockdown? Für die längere Bildschirmzeit nannten die Fachleute zwei Erklärungen. Zum einen fiel ein Teil der Befragung in den Corona-Lockdown. «Die Jugendlichen mussten während des Lockdowns öfter zuhause bleiben und nutzten das Mobiltelefon dafür umso intensiver», so Daniel Süss, ZHAW-Forscher und Co-Leiter der Studie. Zum anderen ersetzt das Handy langsam aber sicher den Computer. Teenager gehen seltener am Computer ins Internet und surfen dafür öfter mit dem Handy. Der Ergebnisbericht ordnet den Sprung allerdings vorsichtiger ein, als die blanke Zahl vermuten lässt. Parallel zur Handyzeit ging die angegebene Internetzeit zurück. Zählt man beides zusammen, gleichen sich Zu- und Abnahme unter der Woche aus. Nur am Wochenende bleibt eine deutliche Zunahme von rund einer Stunde bestehen. Ein Teil der Verschiebung könnte zudem daran liegen, dass die Zeiten im Fragebogen in einer anderen Reihenfolge erfasst wurden als in den Vorjahren.[1] Wie Familien den täglichen Streit ums Handy entschärfen, zeigt unser Ratgeber zur Bildschirmzeit ohne Streit. Natürlich starren unsere Teenies nicht nur ins Handy. Bei der nicht-medialen Freizeit gab es eine Überraschung: Jugendliche verbrachten häufiger Zeit mit der Familie. 29 Prozent unternahmen mehrmals pro Woche oder täglich etwas mit Familienmitgliedern. Zehn Jahre zuvor waren es 16 Prozent.[1] JAMES-Studie Die JAMES-Studie untersucht das Mediennutzungsverhalten von Schweizer Jugendlichen. Sie wird seit 2010 alle zwei Jahre von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) durchgeführt; in Auftrag gegeben und finanziert wird sie von Swisscom. JAMES steht für «Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz». Befragt werden jeweils über 1000 Jugendliche von 12 bis 19 Jahren aus der deutschen, der französischen und der italienischen Schweiz.[2] Stand dieses Artikels: Alle Zahlen stammen aus der Ausgabe 2020. Diese Erhebung lief wegen der Pandemie erstmals online. Das Autorenteam bezeichnet die Repräsentativität der Stichprobe deshalb selbst als eingeschränkt, Vergleiche mit früheren Wellen sind entsprechend vorsichtig zu lesen.[1] Inzwischen sind neuere Ausgaben erschienen. Die aktuellste ist die JAMES-Studie 2024.[2] Für alle, die es genau wissen wollen: Den Ergebnisbericht 2020 gibt es hier zum Download. Jugendliche treffen immer seltener Freunde Ein Trend lässt sich auch beim Umgang mit dem Freundeskreis erkennen. Während die Familie hoch im Kurs steht, nimmt die Zeit mit Freundinnen und Freunden ab. 2010 unternahmen noch 81 Prozent regelmässig etwas mit Freunden, zehn Jahre später waren es 62 Prozent.[1] Das habe vermutlich ebenfalls mit der Pandemie zu tun, glauben die Fachleute. Aber nicht nur: Der Rückgang zeichnete sich schon in den Jahren davor ab. 1 von 4 Jugendliche verbringen mehr Zeit mit ihrer Familie als in den vergangenen Jahren. Die Zeit mit Freunden nimmt allerdings ab. Infografik: JAMES-Studie 2020/ZHAW/Swisscom Nebst Unternehmungen mit Familie und Freunden haben Jugendliche weitere nicht-mediale Hobbys. Kreative Tätigkeiten wie Musik machen, Malen und Basteln nahmen tendenziell zu. Auch das hat möglicherweise mit den coronabedingten Einschränkungen zu tun. Und wie in den Vorjahren treiben viele Jugendliche Sport, gehen spazieren oder ruhen sich aus. Teenies lesen weniger Zeitungen In den zehn Jahren bis 2020 haben klassische publizistische Medienangebote immer mehr an Bedeutung verloren, auch bei den Jugendlichen. Sie lesen immer weniger Zeitungen und Zeitschriften, sowohl online als auch in gedruckter Form. Wollen sie sich informieren, so nutzen die Jugendlichen Suchmaschinen, Social Media und Videoportale. Dieselben Plattformen nutzen sie gleichzeitig auch zur Unterhaltung. Radio und TV werden ebenfalls weniger regelmässig genutzt.[1] Mädchen machen Fotos, Jungs spielen Online-Games Zurück zur Handynutzung: Was machen die Jugendlichen in den drei beziehungsweise fünf Stunden, in denen sie am Handy sind? Am häufigsten dient das Smartphone für Messenger-Dienste, Social Media und zum Surfen im Internet. Mädchen nutzen ihr Handy mehr zur Kommunikation via Social Media, hören häufiger Musik und machen mehr Fotos. «Bildinhalte sind ein wichtiger Teil der Selbstdarstellung», sagt Gregor Waller, Co-Leiter der Studie an der ZHAW. Diese Bilder werden auf Social Media geteilt und von anderen Gleichaltrigen mit Kommentaren und Likes bewertet. «Dies ist ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung der Geschlechtsidentität». Den Jungs hingegen sind Games und Online-Videos wichtiger.[1] Mädchen wie auch Jungs schauen zudem vermehrt Filme, Serien und TV auf dem Handy. Corona könnte hier zu einer verstärkten Nutzung beigetragen haben: «Der Lockdown war für die Jugendlichen belastend», so Daniel Süss. «Sie nutzten vermutlich verstärkt die Angebote von Streaming-Diensten, um sich abzulenken oder aus der für sie belastenden Realität zu flüchten». Likes sind wichtiger als Privatsphäre Soziale Netzwerke spielen eine wichtige Rolle im Leben der Teenager: 90 Prozent der Befragten hatten 2020 ein Profil bei Instagram und Snapchat, drei Viertel einen Account bei TikTok. Zwei Jahre zuvor waren es bei TikTok erst 40 Prozent. Facebook dagegen hat bei Jugendlichen an Bedeutung verloren: Rund die Hälfte hatte dort zwar noch ein Profil, regelmässig genutzt wurde die Plattform aber nur von einem kleinen Teil.[1] Was auffällt: Jugendliche schützten ihre Privatsphäre in den sozialen Medien weniger als früher. 2014 hatten noch 81 Prozent Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre aktiviert, 2020 waren es 66 Prozent.[1] Der Grund sind die Likes: «Bei Plattformen wie Instagram und Snapchat ist das Sammeln von Likes wichtig», sagt Gregor Waller, Co-Leiter der Studie. Welche Einstellungen dein Kind bei Instagram tatsächlich braucht, zeigt unsere Anleitung zu Privatsphäre und Direktnachrichten. Wenn die Jugendlichen ihre Privatsphäre einschränken, sind sie weniger sichtbar und erhalten weniger Reichweite. Dies schränkt die Möglichkeiten ein, an Likes zu kommen. Soziale Netzwerke haben auch ihre Schattenseiten: Ein Viertel der befragten Jugendlichen hatte bereits Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht. Auch bei den 12- und 13-Jährigen war schon eine oder einer von zehn betroffen. Mädchen erleben Cybermobbing etwas häufiger als Jungen.[1] Woran du erste Anzeichen erkennst und was dann hilft, liest du in unserem Ratgeber zum Vorgehen bei Cybermobbing. Noch häufiger betroffen waren Teenager von sexuellen Belästigungen im Internet: 44 Prozent der Befragten wurden bereits einmal von einer fremden Person mit unerwünschten sexuellen Absichten kontaktiert. Auch diese Zahl stieg deutlich an, 2014 waren es 19 Prozent. Mädchen sind mit 55 Prozent klar häufiger betroffen als Jungen mit 28 Prozent.[1] Wie Erpressung mit intimen Bildern abläuft und was Eltern dann tun können, erklärt unser Text zu Sexting und Sextortion. Wo Jugendliche und Eltern Hilfe finden Aus diesen Zahlen zieht das Autorenteam den Schluss, dass Kinder und Jugendliche besser geschützt und im Umgang mit sexuellen Belästigungen geschult werden müssen.[1] Zwei Anlaufstellen helfen weiter: Beratung 147: Die Nummer 147 von Pro Juventute ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich. Der Anruf erscheint nicht auf der Telefonrechnung. Beratung gibt es auch per WhatsApp und E-Mail.[3] Jugend und Medien: Die nationale Plattform des Bundes erklärt, wie Cybermobbing abläuft, welche Meldewege die Plattformen bieten und wann eine Strafanzeige sinnvoll ist.[4] Quellen Bernath, J., Suter, L., Waller, G., Külling, C., Willemse, I., & Süss, D. (2020): JAMES – Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz. Ergebnisbericht (PDF). ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Zürich. Abgerufen am 23.08.2026. ZHAW Departement Angewandte Psychologie: JAMES-Studie: Übersicht und Ergebnisberichte. Abgerufen am 23.08.2026. Pro Juventute: 147 – Beratung für Kinder und Jugendliche. Abgerufen am 23.08.2026. Jugend und Medien, nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenzen: Cybermobbing. Abgerufen am 23.08.2026.