Leben > Soziale und digitale MedienCybermobbing: Erste Erfahrungen kommen mit dem ersten eigenen Handy Laura Ackermann Das erste eigene Smartphone bringt oft auch die ersten Erfahrungen mit Cybermobbing. Die Risiken, welche das Internet für Kinder birgt, werden von vielen Eltern unterschätzt. Anti-Mobbing Coach Laura Ackermann erzählt, wie sie das mit dem ersten eigenen Handy handhaben würde. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die Mehrheit der Jugendlichen hat heute Zugang zum Internet – und damit auch zu Cybermobbing. Bild: ClarkandCompany, E+ Ich bekomme viele Anfragen von Eltern, die wissen wollen, wann es Zeit ist für ein eigenes Handy. Viele möchten gerne eine zweite Meinung und hoffen insgeheim, ich würde ihre Aussagen unter zwölfjährigen Kindern von einem eigenen Telefon abraten. Leider muss ich diese Hoffnung regelmässig zerstören. Denn ich beobachte immer wieder, wie Eltern ihren Teenagern dann später doch das lang ersehnte Handy kaufen und die Nutzung dem Teenager selbst überlassen. So sagen sie quasi: «Viel Spass beim Überleben im Internet!» Von «nice to have» zu «ohne geht’s nicht» Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, da waren Handys eine Seltenheit und die Möglichkeiten nicht mit den heutigen zu vergleichen. Ich war damals im Jahr 2000 eine der ersten, die mit zwölf Jahren ein Handy hatte. Du erinnerst dich an die Motorola-Geräte mit Antennen? Bei denen man die SMS noch löschen musste, um Speicherplatz zu schaffen und neue Nachrichten zu bekommen. Der Internet-Knopf war das Tor zur Hölle. Viel zu oft hat man panisch fünfzig Mal auf «Beenden» gedrückt aus Angst vor einer horrenden Handyrechnung. Damals konnten wir uns noch nicht vorstellen, wie schnell sich dieser Handy-Hype wandelt. Und heute? Heute geht ohne Smartphones nichts mehr. Smartphones sind aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken. Unsere Kleinsten kennen sich bereits bestens aus und starten wie selbstverständlich Youtube, schauen Videos oder machen Spiele auf den Telefonen der Eltern. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Kinder immer früher ihre eigenen Smartphones besitzen oder besitzen wollen. Spätestens wenn die ersten Freunde in der Klasse ein Handy haben, wird das Thema bei den Kindern zum Dauerbrenner und die Eltern werden gefühlt im Minutentakt mit der Frage nach einem eigenen Smartphone gelöchert. Schritt um Schritt den Umgang lernen Und dann? Was soll man antworten? Stellen wir uns zwei Szenarien vor. Nummer eins: Ein Teenager, 13 Jahre alt, in der Oberstufe, bekommt zum Geburtstag endlich ein Smartphone. Seit Jahren beobachtet dieses Kind auf den Handys der Freunde alle möglichen Social Media Trends und Apps, mit denen man so tolle und witzige Dinge machen kann. Dann ist dieses langersehnte Geschenk da und was wird wohl passieren? Am ersten Tag wird dein Kind sämtliche Apps wie Instagram, Twitter, Snapchat und Tik Tok runtergeladen haben. Und dann geht’s rund. Die letzten Jahre müssen im Schnelldurchlauf nachgeholt werden, um auf dem Erlebnisstand der Freunde mitzuhalten. Völlig unkontrolliert und unvorbereitet stürzen sich die Teenager in das Abenteuer Internet. Vorwarnungen der Eltern werden so gut es geht ignoriert und degradiert. Szenario zwei sieht so aus: Ein Kind, neun Jahre alt, in der Mittelstufe, die ersten Mitschüler haben jetzt Smartphones bekommen. Das Interesse ist geweckt und man möchte natürlich auch mitreden können. Aber brauchen neunjährige Kinder ein Handy? Nein, brauchen sie nicht. Ausser sie sind oft allein unterwegs und sollten erreichbar sein. Aber ansonsten ist ein Handy in diesem Alter nicht nötig. Aber es ist der perfekte Zeitpunkt, um Kinder langsam und Schritt für Schritt auf die Gefahren im Internet vorzubereiten. Man startet langsam und mit gewissen Abmachungen. In diesem Alter kannst du gut Handyzeiten einrichten und die Nutzung als Eltern unter Kontrolle halten. Viele starten mit WhatsApp. So können die Kids auch mal Oma und Opa kontaktieren oder ihre Playdates allein abmachen. Diese Art der Kommunikation ist heute nicht wegzudenken und gehört dazu. Heute ist dies durchaus auch ein Weg selbstständiger zu werden und auch zu zeigen: Ich kann mich an Abmachungen halten und bin alt genug die Verantwortung für ein Smartphone zu tragen. Smartphone-Startpaket: 8 Regeln für den Klassenchat & Social Media Damit dein Kind nicht «ins kalte Wasser» springt, lohnt sich ein kleines Startpaket – am besten als Familienvereinbarung: kurz, klar und regelmässig überprüft. Wichtig: Regeln sind kein Misstrauensbeweis, sondern ein Sicherheitsnetz. Fachstellen wie Jugend und Medien (Schweiz) betonen, dass klare Abmachungen, altersgerechte Begleitung und das Einüben von Privatsphäre-Einstellungen zentral sind, damit Kinder Risiken besser einschätzen können. Regel 1–3: Privatsphäre & Kontakte (nur bekannte Personen, «Wer darf mich hinzufügen?») Regel 1: Nur Menschen hinzufügen, die du auch offline kennst. Das gilt für Kontakte, Follower und Gruppen-Einladungen. Wenn dein Kind unsicher ist, gilt: erst fragen, dann annehmen. Regel 2: Privatsphäre-Einstellungen gemeinsam setzen – und monatlich kurz prüfen. Zum Start hilft ein gemeinsamer «Einstellungs-Check»: Profil privat, Standort aus, Story/Status nur für Kontakte, Kommentare/DMs einschränken. Vereinbart auch: Passwörter gehören dem Kind – aber du darfst beim Einrichten daneben sitzen. Regel 3: «Wer darf mich hinzufügen?» wird bewusst entschieden. In Klassenchats und in Apps ist genau diese Frage der Türsteher. Legt fest: Nur Admins fügen hinzu, und zwar nur Personen aus der Klasse (oder aus dem definierten Team/Verein). Keine «Freunde von Freunden». Regel 4–6: Klassenchat-Kultur (keine Screenshots teilen, Admin-Rollen, Konflikte offline klären) Regel 4: Keine Screenshots, keine Weiterleitungen – ohne Einverständnis. Ein Screenshot kann aus einem dummen Spruch ein dauerhaftes Problem machen. Vereinbart: Erst fragen, dann teilen – auch bei vermeintlich «lustigen» Sachen. Regel 5: Admin-Regeln sind Schutzregeln. Klassenchat ohne klare Admin-Linie eskaliert schneller. Praktisch bewährt: 2–3 Admins, die abwechselnd zuständig sind; keine Massen-Umfragen mitten in der Nacht; bei Streit kann der Chat temporär «stumm» gestellt oder geschlossen werden. Und: Wer jemanden entfernt, begründet das kurz und respektvoll – oder klärt es offline mit einer Lehrperson, falls nötig. Regel 6: Konflikte möglichst offline klären – der Chat ist nicht der Gerichtssaal. Wenn sich etwas hochschaukelt: Pause. Dann persönlich sprechen (oder mit einer erwachsenen Vertrauensperson). Schriftliche Diskussionen im Chat erhöhen Missverständnisse, weil Mimik und Ton fehlen. Regel 7–8: Melden/Blockieren & «Pause»-Regeln (Nachtmodus, Benachrichtigungen) Regel 7: Blockieren und Melden ist erlaubt – und manchmal nötig. Macht deinem Kind klar: Es ist kein «Petzen», wenn es beleidigende Inhalte meldet oder jemanden blockiert. Das ist digitale Selbstverteidigung. Regel 8: Smartphone hat Ruhezeiten (für Schlaf, Schule, Kopf). Vereinbart konkrete Zeiten, zum Beispiel: nachts im «Nicht stören»-Modus, Benachrichtigungen aus (oder nur Anrufe von definierten Kontakten). Die BZgA empfiehlt für Kinder und Jugendliche klare Medienregeln und medienfreie Zeiten – besonders am Abend, weil dauernde Erreichbarkeit Stress verstärken kann. Die Gefahr World Wide Web Die Gefahr Internet wird von Eltern immer noch stark unterschätzt. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Kinder und Teenager sich nicht bewusst sind, was im «World Wide Web» alles geschehen kann. Ich bin nun 31 Jahre alt und habe teilweise Mühe mit den ganzen Trend-Apps klar zu kommen. Mehr Artikel zum Thema Voll Porno: Wie spreche ich mit Kindern über pornografische Inhalte im Netz? So unterstützen Sie Ihr Kind im Umgang mit Social Media Da ich auch Cybemobbing-Coachings gebe und selbst Mama eines vorpubertierenden Sohnes bin, komme ich an diesen Apps aber nicht vorbei. Mein Zehnjähriger, der diese Apps selbst nicht auf dem Handy hat, erklärt mir völlig unbeeindruckt, wie diese ganzen Programme funktionieren. Das erschreckt mich oft! Er hat es bei Freunden gesehen und weiss was man damit anfängt. Das hat mich gelernt auf dem Laufenden zu bleiben. Ich habe mir auf sämtlichen Plattformen selbst Accounts erstellt, um diese zu verstehen. Ich schaue mir die Einstellungen an, informiere mich über die Gefahren und Sicherheitslücken, schaue auf andere Profile und beobachte, wie diese funktionieren. So kann ich mein Wissen, wenn es dann soweit ist, meinem Sohn weitergeben und ihn so hoffentlich schützen vor Cybermobbing, Cybergrooming und den ganzen üblen Dingen, auf die man im Internet leider so schnell stossen kann. Und wenn doch was passieren sollte, dann ist er so gut wie ich konnte aufgeklärt, wie er handeln soll, wie er sich schützen kann und wo er Hilfe findet. Wenn es brenzlig wird: 5 Sofortschritte Wenn dein Kind plötzlich still wird, das Handy versteckt, nicht mehr in die Schule will oder Angst vor dem Klassenchat hat, kann das ein Warnsignal sein. Wichtig: Ruhe bewahren, nicht schimpfen, nicht das Handy «als Strafe» wegnehmen – sonst meldet sich dein Kind beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr. Jugend und Medien (Schweiz) empfiehlt, bei Cybermobbing früh zu handeln, Beweise zu sichern und Unterstützung beizuziehen. Beweise sichern – ohne Drama 1) Sichern: Screenshots von Chatverläufen, Profilen, Nutzer:innennamen, Datum/Uhrzeit. Wenn möglich den ganzen Verlauf exportieren (je nach App). Nichts «zurückmobben». 2) Dokumentieren: Kurz notieren, was passiert ist (wer, was, wann, wo). Das hilft später bei Schule, Plattform oder Beratung. Melden & blockieren 3) Blockieren: Täter:innen blockieren, Privatsphäre hochsetzen, Gruppen verlassen (oder Admins um Hilfe bitten). Wenn es der Klassenchat ist: mit einer Lehrperson/Schulleitung klären, wie der Chat moderiert wird. 4) Melden: Inhalte in der App melden (Hass, Drohungen, sexualisierte Inhalte). Bei schweren Drohungen oder erpresserischen Inhalten gilt: nicht verhandeln, sondern Hilfe holen. Vertrauensperson & 147 5) Unterstützung holen: Eine erwachsene Vertrauensperson einschalten (du, Gotti/Götti, Schulsozialarbeit, Lehrperson). In der Schweiz ist Pro Juventute Beratung + Hilfe 147 eine niederschwellige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche (telefonisch, per Chat oder WhatsApp) – auch wenn sie «nur» unsicher sind, ob das schon Cybermobbing ist. Als Anti-Mobbing-Coach möchte ich mich dafür einsetzen, dass immer weniger Kinder von Cybermobbing und ähnlichem betroffen sind. Darum meine Frage an dich: Welche Sorgen machst du dir zum Thema Kinder und Internet? Schreib mir! Ich freue mich, deine Gedanken zu erfahren. BE NICE – SEI NETT Gewidmet an dieses Mädchen, welches keinen Ausweg mehr sah. Das ist meine Herzensangelegenheit und deshalb ist es mir eine Ehre für dich alle schreiben zu dürfen. Die Zeiten in denen Mobbing zu Tode geschwiegen wird, sind vorbei. Es braucht klare und offene Worte. Ich spreche für die, die sich am wenigsten wehren können. Unsere Kinder! Ich kämpfe: Für mehr Toleranz und weniger Diskriminierung! Für mehr Verständnis und weniger Ignoranz! Für mehr Zusammenhalt und weniger Einsamkeit! Für mehr Wahrheit und weniger „schön reden“! Für mehr eingreifen und weniger wegschauen! Weitere Artikel von Laura Ackermann gibt es hier.