Leben > Soziale und digitale MedienBitte, anschalten! So bekommen Kinder Medienkompetenz Sigrid Schulze Wer immer nur den Ausschaltknopf drückt, kann Kindern keine Medienkompetenz vermitteln. Warum Kinder früh mit Medien vertraut gemacht werden sollten und wie du dein Kind im Umgang mit Medien gut begleitest, erklärt Medienpädagogin Dr. Eveline Hipeli – ergänzt mit aktuellen, wissenschaftlich abgestützten Tipps für den Familienalltag in der Schweiz. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken «Damit aus Wisch- Medienkompetenz werden kann, braucht es Zeit und Begleitung.» Bild: E+ Frau Dr. Hipeli, Ihnen liegt am Herzen, dass Kinder früh mit Medien vertraut werden und Medienkompetenz erwerben. Heisst das, Kinder sollen mehr mit Smartphones spielen statt draussen im Sand wühlen? Nein, auf keinen Fall! Kinder im Vorschul- und Kindergartenalter sollen unbedingt Primärerfahrungen machen, also Erfahrungen im direkten Kontakt mit realen Dingen: Sie sollen im Sand wühlen, Steine übereinanderstapeln, Äste sammeln, den Stift in die Hand nehmen, mit der Schere schneiden. Denn nur das Greifen führt zum Begreifen. Wir Erwachsenen sind dazu da, unsere Kinder dabei zu begleiten und sie vor grösseren Gefahren zu schützen. Auf dem Tablet erleben Kinder gewiss spassige Momente, aber in ganz jungen Jahren haben sie eher eine «Wischkompetenz». Damit daraus Medienkompetenz werden kann, braucht es Zeit und auch Begleitung. Eltern denken oft, sie würden selbst über zu wenig Kenntnisse verfügen, um Medienkompetenz vermitteln zu können. Manche Eltern verzichten aber selbst weitgehend auf Medien. Natürlich schadet es keinem Kind, wenn es die ersten Jahre ohne Filme und digitale Spiele aufwächst. Aber es wird auf diese Medien treffen, sobald es die Familienidylle verlässt. Dann ist es doch besser, wenn es bereits ein wenig vorbereitet ist. Stell dir vor, ein Kind hätte noch nie ferngesehen. Jetzt bekommt es eine Einladung zum Kindergeburtstag, in dessen Rahmen die Kinder zusammen ins Kino gehen. Dort wird das Kind angesichts der gewaltigen neuen Eindrücke völlig überfordert sein, weil es noch gar keine Vorerfahrungen mit audiovisuellen Medien hat. Zur Person Dr. Eveline Hipeli ist Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Zürich mit dem Schwerpunkt Medienkompetenz für Kinder. Ihre Erkenntnisse gibt sie gerne praxisnah und realistisch an Eltern und Lehrpersonen weiter. Als Mutter von drei Kindern im Alter von 2, 5 und 8 Jahren kennt sie die Herausforderung im Umgang mit digitalen Medien. Eltern können nicht immer kontrollieren, wann und wo ihre Kinder in der digitalen Welt unterwegs sind. Wichtig ist, dass sie nach und nach selbst lernen, mit Medien umzugehen. Wie können Eltern konkret schon kleinen Kindern Medienkompetenz vermitteln? Viele Eltern glauben, sie hätten selbst zu wenig Kenntnisse, um Medienkompetenz vermitteln zu können. Aber viel wichtiger, als viele Apps zu kennen, ist es, mit deinem Kind über Medienerlebnisse zu sprechen. In vielen Familien passiert das zu wenig: «Jetzt stellst du das Ding aber ab», «Nur noch 15 Minuten», «Jetzt scheint die Sonne, jetzt wird nicht ferngesehen» – das sind oft die einzigen Sätze rund um Medien. Sinnvoll über Medien zu sprechen heisst zum Beispiel, Gefühle zu benennen, die bei der Nutzung entstehen können. Du kannst nachfragen: «Hattest du Angst, als der Bär das Kaninchen verfolgt hat?» «Welche Stelle fandest du lustig?» Kinder erzählen sehr gerne von ihren Medienerlebnissen. Wichtig ist auch, dass du erklärst, warum du nicht willst, dass dein Kind bestimmte Inhalte sieht: nicht als «Kontrolle», sondern als Orientierung und Schutz. Quellenbox Schweiz: Orientierung für Eltern Für Eltern in der Schweiz sind diese drei Angebote besonders hilfreich, weil sie Forschung verständlich übersetzen und konkrete Empfehlungen für den Alltag geben: «Jugend und Medien» (Bundesamt für Sozialversicherungen BSV), Pro Juventute (Beratung und Elterninformationen) sowie die ZHAW mit der JAMES-Studie (Erkenntnisse zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz). Medienerziehung als Familienkultur – das 3-Stufen-Modell Medienerziehung klappt in der Praxis am besten, wenn sie nicht aus einzelnen Verboten besteht, sondern als Familienkultur gelebt wird: Ihr habt gemeinsame Werte, klare Absprachen – und du bleibst als Bezugsperson ansprechbar. Hilfreich ist ein 3-Stufen-Modell, das sich am Alter und an der Selbststeuerung deines Kindes orientiert. Begleitet: gemeinsam schauen, spielen, fragen In dieser Phase steht Nähe im Vordergrund: Du nutzt Medien zusammen mit deinem Kind. Du hilfst beim Einordnen («Das ist gespielt», «Das ist Werbung»), du benennst Gefühle, und du stoppst, wenn es zu viel wird. Das ist besonders wichtig, weil jüngere Kinder Reize schlechter filtern und Inhalte schneller als «echt» erleben. Begleiten heisst auch: kurze Einheiten, einfache Inhalte, danach eine Pause mit etwas Körperlichem (essen, rausgehen, bewegen). Mitentscheidend: Regeln aushandeln, Verantwortung teilen Wenn dein Kind älter wird, willst du nicht jede Minute «überwachen», sondern Verantwortung teilen. Das funktioniert besser, wenn du Regeln nicht nur setzt, sondern begründest und aushandelst: Was ist erlaubt? Was ist tabu? Was machen wir, wenn es Streit gibt? Kinder akzeptieren Grenzen eher, wenn sie die Logik dahinter verstehen (Schlaf, Schule, Stimmung, Sicherheit) – und wenn Regeln verlässlich sind. Selbstverantwortlich: Freiheiten + klare Stoppsignale Später geht es darum, dass dein Kind sich selbst regulieren lernt: Pausen machen, Inhalte auswählen, Risiken erkennen, Hilfe holen. Du gibst mehr Freiheiten – und definierst gleichzeitig klare Stoppsignale, die nicht verhandelbar sind (z.B. kein Handy in der Nacht, keine geheimen Accounts, keine Treffen mit Online-Kontakten ohne Erwachsene, sofort Bescheid sagen bei sexualisierten Nachrichten oder Drohungen). Wichtig: Stoppsignale sind keine Strafe, sondern ein Sicherheitsnetz. 3-Stufen-Modell auf einen Blick Begleitet: gemeinsam nutzen, erklären, Gefühle besprechen, kurze Einheiten, du bist immer dabei. Mitentscheidend: Regeln gemeinsam festlegen, Verantwortung teilen (z.B. Timer, Abmachungen), regelmässig nachjustieren. Selbstverantwortlich: Freiheiten ausbauen, aber Stoppsignale definieren (Nacht, Privates, Sicherheit, Kosten), Hilfe holen ist Pflicht. Familienmeeting in 30 Minuten: So entstehen Regeln, die halten Viele Konflikte entstehen nicht, weil Eltern «zu streng» oder «zu locker» sind, sondern weil Regeln im Alltag spontan und im Stress gemacht werden. Ein kurzes Familienmeeting bringt Ruhe hinein: Ihr entscheidet nicht mitten im Streit, sondern vorher. Plane dafür 30 Minuten ein – am besten zu einem Zeitpunkt, an dem ihr nicht schon genervt seid. Werte klären Starte mit 2–3 Werten, die ihr als Familie schützen wollt. Beispiele: «Schlaf ist wichtig», «Wir essen ohne Ablenkung», «Wir gehen respektvoll miteinander um», «Privates bleibt privat», «Wir holen Hilfe, wenn etwas komisch ist». Wenn Werte klar sind, werden Regeln weniger willkürlich. 5 fixe Basispunkte Schlaf: fixe Offline-Zeiten am Abend; Geräte laden ausserhalb des Kinderzimmers, wenn das bei euch nötig ist. Essen: gemeinsame Mahlzeiten möglichst bildschirmfrei – für Beziehung, Gespräch und Sättigungsgefühl. Hausaufgaben: erst Pflicht, dann Medien – oder klare Zeitfenster. Hilfreich: «Arbeitsmodus» ohne Push-Mitteilungen. Geld: klare Regeln für In-App-Käufe, Abos, Lootboxen; Käufe nur mit Erlaubnis. Keine «1-Klick»-Käufe ohne Schutz. Privates: Fotos/Videos: Wer darf was teilen? Keine Peinlich-Fotos. Passwörter bleiben grundsätzlich privat – ausser es gibt vorher definierte Sicherheitsregeln (z.B. bei jüngeren Kindern oder bei konkreten Risiken). Review-Termin festlegen Setze gleich einen Termin, an dem ihr die Regeln überprüft: Was klappt? Was führt nur zu Streit? Was braucht dein Kind neu? Ein Review alle 3 Monate ist für viele Familien realistisch – bei grossen Entwicklungsschritten (neues Gerät, neue Klasse) auch früher. So werden Regeln «lebendig» statt endgültig. Mini-Checkliste: So starten wir als Familie 1) Wir sprechen über Medien nicht nur im Konflikt. 2) Wir kennen die Lieblingsspiele/-videos unseres Kindes (mindestens grob). 3) Wir haben feste Offline-Inseln (z.B. Essen, Schlafenszeit). 4) Wir haben eine einfache Regel für Bildschirmzeiten an Schultagen und freien Tagen. 5) Wir haben Kosten-Regeln (In-App-Käufe nur mit Erlaubnis). 6) Wir haben Privatsphäre-Regeln (Fotos, Chat, Standort). 7) Wir haben Stoppsignale (Nacht, Angst, Gewalt, sexualisierte Inhalte, Mobbing). 8) Wir üben, Werbung zu erkennen und Wünsche zu besprechen. 9) Wir haben einen Plan, was wir bei Problemen tun (Hilfe holen ist erlaubt und erwünscht). 10) Wir überprüfen die Regeln regelmässig und passen sie an. Praktische Gesprächsfragen statt Kontrollfragen Wenn Kinder das Gefühl haben, sie würden nur geprüft, erzählen sie weniger. Wenn sie merken, dass du wirklich verstehen willst, erzählen sie mehr. Gute Gesprächsfragen sind konkret, alltagstauglich und öffnen die Tür – ohne dass du alles gut finden musst. «Zeig mir mal…»: Interesse zeigen «Zeig mir mal, wie das Spiel funktioniert.» «Zeig mir mal, warum dieses Video so lustig ist.» Du musst nicht «Fan» sein. Es reicht, wenn du echtes Interesse zeigst. Das hilft dir auch, Inhalte besser einzuschätzen, statt nur über Bildschirmzeit zu diskutieren. «Was würdest du tun, wenn…»: Risiko-Training Diese Frage ist Gold wert, weil sie dein Kind vorbereitet, ohne Angst zu machen: «Was würdest du tun, wenn jemand im Chat gemein wird?» «Was würdest du tun, wenn dich jemand nach einem Foto fragt?» «Was würdest du tun, wenn du etwas siehst, das dich erschreckt?» Ziel ist nicht die perfekte Antwort, sondern dass dein Kind weiss: Hilfe holen ist normal. «Was brauchst du von mir?»: Unterstützung vereinbaren Frag: «Was brauchst du von mir, damit das mit den Regeln klappt?» Vielleicht wünscht sich dein Kind einen Timer, klare Übergänge («noch eine Runde, dann Zähneputzen») oder dass du nicht mitten im Spiel neue Regeln machst. So wird Medienerziehung Teamarbeit. Kindern fällt es schwer, zwischen Inhalt und Werbung zu unterscheiden. Wie erklärst du deinem Kind, dass Filme nicht real sind? Du erklärst deinem Kind ohnehin die Welt – das ist auch im Medienbereich wichtig. Wie ist es möglich, dass Pippi Langstrumpf ein Pferd hochhebt? Wie ist es möglich, dass viele Kinder in einer kleinen Kiste verschwinden? Und ist der Dieb ein echter Dieb – oder doch nur ein Schauspieler? Je früher du mit deinem Kind darüber sprichst, umso früher kann es digitale Inhalte einordnen und einschätzen. Medien sind durchtränkt mit Werbung. Wie können Kinder lernen, Werbung zu erkennen und zu durchschauen? Kindern fällt es schwer, zwischen Inhalt und Werbung zu unterscheiden. Sie können aber nach und nach lernen, ein bisschen kritischer zu werden. Du kannst kleinen Kindern erklären: «Werbung macht ein Gefühl in deinem Bauch, etwas gerne haben zu wollen.» Es ist spannend, mal durchs Dorf zu laufen und Plakate anzuschauen. Was soll mit dem Plakat verkauft werden? Brauche ich das? Was passiert mit Wünschen, wenn man mal darüber geschlafen hat? Auch die Schule vermittelt Medienkompetenz. Schon Primarschulkinder können eigene Werbung machen, zum Beispiel Plakate gestalten, um den besten Kuchen der Schule zu bewerben. So lernen sie, wie Werbung funktioniert. Was ist Medienkompetenz? «Medienkompetenz bedeutet, bewusst und vor allem verantwortungsbewusst mit Medien umzugehen», erklärt die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Darunter versteht man sowohl das Wissen, wie man mithilfe von Medien das Bedürfnis nach Informationen und Unterhaltung erfüllt, als auch den eigenen Medienkonsum kritisch zu hinterfragen. Die Kinder beobachten sehr genau, wie Eltern mit den Medien umgehen. Sie lernen an ihrem Vorbild. Was können kleine Kinder von digitalen Medien lernen? Kinder können einiges von Apps lernen. Das müssen nicht immer Englischvokabeln sein. Manches von dem, was sie lernen, ist für Eltern nicht auf den ersten Blick sichtbar – Problemlösefähigkeiten und strategisches Denken zum Beispiel. Grundsätzlich denke ich aber auch, dass Apps auch mal sinnfrei und nur unterhaltsam sein dürfen. Nicht jedes Spiel muss pädagogisch wertvoll sein. Eltern, die sich dafür interessieren, was Kinder begeistert, lernen neue Welten kennen. Ab wann dürfen Kinder alleine eine App spielen? Kinder müssen gewisse Fähigkeiten besitzen, um eine App sinnvoll nutzen zu können. Im Alter von eineinhalb Jahren hauen sie einfach auf dem Gerät herum und bemerken staunend: «Oh, das passiert was!» Etwas ältere Kinder haben dann genügend Vorerfahrung, um Spiele für die Kleinsten zu verstehen. Sie können zum Beispiel Logikaufgaben lösen und Reifen dem Auto, Käse dem Brot zuordnen. Lesetipp! App dafür! 10 empfehlenswerte Apps für Kinder Wie finden Eltern gute Apps? Das Angebot an Apps für Kinder ist ausgesprochen gross. Ausschliessen solltest du Apps, die Kindern einen Ausflug in die Social-Media-Welt ermöglichen oder die Werbung beinhalten. Eine gute App für die Kleinen ist ausserdem so aufgebaut, dass das Spiel nach einer Weile ein Ende findet. Weil Apps mit Qualität Geld kosten, tust du gut daran, einige Franken in die Hand zu nehmen. Wenn dein Kind älter ist, kann es sich mit dem Taschengeld beteiligen. Welchen Tipp möchten Sie am Ende Eltern noch mit auf den Weg geben? Kinder beobachten sehr genau, wie du mit Medien umgehst. Sie lernen an deinem Vorbild und übernehmen Verhaltensweisen. Wenn du beim Essen ständig aufs Handy schaust, lernt dein Kind, dass ein solches Verhalten offensichtlich in Ordnung ist. Wenn du das Smartphone als Wecker nutzt, wird dein Kind wahrscheinlich auch das Handy mit ans Bett nehmen wollen. Wer dagegen selbst bewusst mit Medien umgeht und mit Kindern darüber spricht, vermittelt Medienkompetenz und einen sinnvolleren Umgang mit Tablet und Co. Lesen Sie auch unseren 1.Teil des Interview mit Dr. Eveline Hipeli: Wie viel Medienkonsum tut Kindern gut? Warum Medienkompetenz so wichtig ist Schon in jungen Jahren hilft Wissen über digitale Spiele und Filme, mit Medien umgehen zu können, ohne überfordert zu werden. Dazu gehört zu begreifen, dass Filme nicht die reale Welt widerspiegeln und Filmfiguren am Computer erschaffen oder durch Schauspieler:innen dargestellt wurden. Ein Daumenkino hilft beispielsweise zu verstehen, wie Bewegung in Trickfilme kommt. Obwohl Kinder oft die Aussenwelt vergessen, während sie Medien konsumieren, können sie – ausgestattet mit Medienkompetenz – Inhalte leichter verarbeiten. Darüber hinaus brauchen auch schon kleine Kinder Kenntnisse über Werbung und ihre Ziele, damit sie nicht zum Spielball der Konsumindustrie werden. Du kannst mit deinem Kind üben, Werbung zu erkennen und damit umzugehen. Zur Medienkompetenz gehört auch zu lernen, wann es sinnvoll ist, abzuschalten.