Leben > Soziale und digitale MedienWarum Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder einschränken sollten – und wie viel Bildschirmzeit noch okay ist Angela Zimmerling Wilfried Brüning meint es ernst. Der Filmemacher und Medienpädagoge aus Deutschland rüttelt Eltern gnadenlos wach. Denn er hat eine Mission: Er will Kinder vor der «Verblödung» retten, die laut ihm die neuen Medien mit sich bringen können. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Hinweis der Redaktion: Dieser Bericht über einen Elternabend des Verbands Elternbildung Schweiz erschien im März 2013. Was Wilfried Brüning dort sagte, gibt seine Position wieder und ist fachlich umstritten. Weiter unten kommt der Widerspruch aus der Hirnforschung zu Wort. Am Schluss steht, was Schweizer Fachstellen heute zur Bildschirmzeit empfehlen. Zwei Kinder gamen. Statt einer Playstation sollten Eltern ihren Kindern lieber eine Kanufahrt schenken, findet Wilfried Brüning. Foto: Wavebreak Media, Thinkstock So schnell werden die anwesenden Eltern diesen Abend nicht vergessen. Denn während des Vortrages von Wilfried Brüning über den Medienkonsum von Kindern können sich die Eltern nicht einfach zurücklehnen. Statt einer Theorieabhandlung zu Erkenntnissen aus der Hirnforschung startet der deutsche Medienpädagoge sein Plädoyer für weniger Medienkonsum der Kinder, indem er die Eltern Aufgaben mit Tennisbällen, Zitronen und Luftschlangen bewältigen lässt. Seine Botschaft: Wer nur bereits vorgedachtes passiv konsumiert, lernt weniger als jene, die mit allen Sinnen einer Beschäftigung nachgehen. Medienkonsum unbedingt einschränken Wilfried Brüning will den Schweizer Eltern ans Herz legen, dass die neuen Medien sehr wohl einen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben. «Wir müssen die Bildschirmmedienzeit unserer Kinder begrenzen», appellierte er mehrmals während des Vortrages, den der Verband Elternbildung Schweiz organisierte. Konkret empfiehlt Brüning: Kinder unter drei Jahren sollten nicht fernsehen und keine Computerspiele oder andere virtuelle Spiele nutzen. Für Kinder im Kindergartenalter genügen 30 Minuten Medienkonsum (Fernsehen, DVD, Computerspiele, Konsolen-Spiele, Chat-Foren) pro Tag. Primarschulkinder sollten sich mit 60 Minuten Medienkonsum pro Tag zufrieden geben. Für ältere Kinder sind 90 Minuten am Tag noch vertretbar. Diese Zahlen sind Brünings Vorschlag. Schweizer Fachstellen nennen heute ähnliche Richtwerte. Sie gewichten allerdings die Inhalte und die Begleitung durch die Eltern stärker als die Minuten.[1] Was das für den Alltag heisst, steht am Schluss dieses Artikels. Statt einer Playstation sollten Eltern ihren Kindern lieber eine Kanufahrt schenken. Statt Kinder nach der Schule fernsehen zu lassen, sollten sie sie in den Wald schicken. «Hören Sie auf, Ihre Kinder in Watte einzupacken», sagt der Medienpädagoge und Filmregisseur, der viele Jahre in der offenen Jugendarbeit tätig war. Auch wenn Eltern Angst vor unwirschen Reaktionen ihrer Kinder haben: «Ihre Kinder werden Sie weiterhin lieben, auch wenn die Spielkonsole nicht unter dem Weihnachtsbaum liegt». Kindern den Fernseher oder das Computerspiel zu verbieten, falle Eltern besonders schwer, weil sie häufig selbst gern einmal vor dem Fernseher entspannen. Hoher Medienkonsum: Brünings Argument aus der Hirnforschung Seine Argumente für die Begrenzung des Medienkonsums untermauert Brüning mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung. Übermässiger Bildschirmkonsum wirke sich negativ auf die Entwicklung der Kinder aus. Ihre Gehirne seien einfacher strukturiert, die Ausbildung von Metakompetenzen wie Teamfähigkeit oder Kreativität werde verhindert, die Reifung der kindlichen Psyche werde beeinträchtigt und das Lernen werde schwieriger. Brüning warnt: «Wir sind gerade dabei, unseren Kindern die Kindheit zu stehlen.» Wichtig für die Einordnung: Brüning ist Filmemacher und Medienpädagoge, nicht Hirnforscher. Er beruft sich auf Studien anderer und vertritt daraus eine deutliche Position. Wie belastbar diese Position ist, zeigt der Abschnitt «Widerspruch aus der Hirnforschung» weiter unten. In einem Videoausschnitt stellt er den zuhörenden Eltern die Kinder Daniel und Robert vor. Daniel ist beim Fussballspielen draussen auf der Wiese zu sehen, Robert spielt virtuell Fussball mit der Konsole vor dem Fernseher. Daniels Gehirn läuft auf Hochtouren, denn der Hörsinn muss mit dem Gleichgewichtssinn in Verbindung treten, die Reaktionsgeschwindigkeit mit dem Bereich, der die Fehlentscheidungen korrigiert. Fast alle seine Sinne sind im Einsatz. Videospiele und Geduld: Brünings Beispiel Daniel und Robert So erzählt es der Film weiter: Beim Training lernt Daniel, Geduld zu haben, bis ein Tor fällt. Er lernt, sich in einer Gruppe zu integrieren und noch viel mehr. Robert dagegen lernt das nicht. In Roberts Gehirn entwickelt sich kein hochaktives Netzwerk. Er muss lediglich geradeaus sehen, geradeaus hören und seine Finger bewegen. Inaktive Gehirnzellen könnten absterben, so die Darstellung im Film. Später sehen wir Daniel, der zuvor draussen Fussball gespielt hat, bei den Hausaufgaben. Er ist sehr geduldig, denn das ist er vom Fussballspielen gewohnt. Er weiss, dass er sich anstrengen und nicht alles sofort klappen muss. Die Kompetenzen, die er während des Fussballspielens erworben hat, nützen ihm auch für das Lernen. Robert dagegen verzweifelt an seinen Hausaufgaben. Er verlernt durch das Videospielen, wie geduldig er sein muss und wie viel Anstrengung es kostet, um die Aufgaben zu lösen. Kein Fernsehen nach der Schule: Brünings Regel Ein hoher Medienkonsum sei negativ für die Entwicklung unserer Kinder, sagt Wilfried Brüning. Foto: Angela Zimmerling Ähnlich wie Videogamer Robert ergeht es Kindern, die Fernsehen schauen. Wilfried Brüning empfiehlt, direkt nach der Schule kein Fernsehen zu schauen, sondern erst in den Abendstunden. Der Medienkonsum nach der Schule bewirke, dass sich die Kinder später nicht auf Hausaufgaben konzentrieren können. Das neue Wissen, das Kinder in der Schule erlernt haben, könne nicht verarbeitet und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden. «Bevor wir unseren Kindern erlauben, den Fernseher einzuschalten, müssen wir uns die Frage stellen: Wie viel Zeit der Nicht-Entwicklung wollen wir unseren Kindern zumuten», sagt Brüning. Er betont, er wolle die neuen Medien nicht verteufeln. Vielmehr will er Eltern dazu bewegen, den schädlichen Medienkonsum einzuschränken. Ein «Ja, aber» lässt Brüning nicht gelten. Auch wenn Eltern zu ihm kämen und ihm erklären würden, dass ihr Sohn trotz Videospielen gut in der Schule sei und auch im realen Leben Fussball spiele, halte er dagegen: «Es gibt so viele Beispiele, bei denen das nicht klappt.» Widerspruch aus der Hirnforschung: Das Gehirn ist anpassungsfähig Weniger radikal sieht es der Neuropsychologe Lutz Jäncke. «Ich halte es für falsch, ein Medium zu verteufeln, nur weil es auch negative Folgen haben kann», sagte er 2012 im «Beobachter».[2] Der Artikel greift die steile These des Hirnforschers Manfred Spitzer auf. Dieser vertritt in seinem Buch «Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen» die These, dass Computer dumm machen, die Geräte «Lernverhinderungsmaschinen» sind, die genauso süchtig machen wie Heroin. Jäncke hält schon den Begriff für verfehlt. «Demenz ist eine unheilbare, noch immer wenig erforschte Krankheit. Ich finde es fahrlässig, den Leuten auf diese Weise Angst einzujagen», sagt der Neuropsychologe von der Universität Zürich.[2] Die These der «digitalen Demenz» ist in der Fachwelt seit ihrem Erscheinen umstritten geblieben. Bis heute ist nicht erwiesen, ob intensive Computernutzung im Kindesalter zu irreversiblen Schäden führt oder ob wenig trainierte Hirnleistungen später ausgeglichen werden.[2] Wer viel im Internet unterwegs ist, aktiviert bei Faktenfragen ein anderes Hirnareal: Diese Menschen denken an Suchstrategien, statt sich zu erinnern. Jäncke ist sich ziemlich sicher, dass unser Denkorgan auf die neuen Herausforderungen reagieren wird. «Ich bin überzeugt, dass das Gehirn sich von so etwas nicht aus dem Konzept bringen lässt.» Und noch mehr: Zahlreiche Studien belegen mittlerweile, dass verpönte Ballergames bestimmte wahrnehmungsgebundene und kognitive Fähigkeiten verbessern. So operieren Chirurgen, die regelmässig gamen, bei Bauchspiegelungen schneller und zuverlässiger als nicht gamende Kollegen.[2] Kinder lassen sich leichter ablenken Doch bei einem Punkt bezüglich digitaler Mediennutzung sind sich die Experten weitgehend einig: Wer ohne Vorwissen im Internet google, könne Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen, sagt etwa Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig, gegenüber dem «Beobachter». Denn das Gehirn lerne Neues, indem es auf altem Wissen aufbaue: Wer nichts weiss, lernt auch nichts dazu.[2] Hinzu kommt: Bei Kindern und Jugendlichen ist der Stirnlappen noch nicht ausgereift. Dort sitzen Aufmerksamkeit, Konzentration und Selbstkontrolle. Sie lassen sich deshalb schneller ablenken.[2] «Die Gefahr, den ständigen Verlockungen zu erliegen und somit Aufmerksamkeitsstörungen zu entwickeln oder süchtig zu werden, ist umso grösser», sagt Lutz Jäncke. Kinder und Jugendliche haben zudem Mühe, den Computer nach einer gewissen Zeit wieder auszuschalten. Bücher, Hörspiele, Musik: Was Brüning empfiehlt Für bedenkenlos hält Medienexperte Brüning hingegen den Medienkonsum von Büchern, Hörspielen oder Musik. Sie regten die Kreativität und Fantasie an. Auch Computer gehören seiner Meinung nach dazu, wenn sie vor allem für die Recherche im Internet oder für schulische Zwecke genutzt werden. Gegen Lernprogramme hat er nichts einzuwenden. Als Filmregisseur kann er als Alternative zu Computer- und Videospielen Digital- und Videokameras empfehlen. Damit könnten Kinder kreativ werden und ihr eigenes Fotobuch oder einen Kurzfilm erstellen. Was Schweizer Fachstellen heute zur Bildschirmzeit empfehlen Seit diesem Elternabend sind mehr als zehn Jahre vergangen. Die nationale Plattform «Jugend und Medien» des Bundesamts für Sozialversicherungen hat ihre Empfehlungen zusammen mit der ZHAW zuletzt 2024 aktualisiert. Sie nennt diese Richtwerte:[1] Babys unter einem Jahr gehören möglichst gar nicht vor einen Bildschirm. Ein- bis Vierjährige nutzen Medien nur in Begleitung von Erwachsenen. Fünf bis zehn Minuten pro Tag reichen, bei den älteren darf es auch mal etwas mehr sein. Kindergartenkinder und jüngere Schulkinder von fünf bis acht Jahren sitzen in der Freizeit höchstens 30 bis 60 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm. Mit neun bis zehn Jahren sollte die tägliche Bildschirmzeit 100 Minuten nicht überschreiten. Mit älteren Kindern lässt sich ein Wochenkontingent vereinbaren. Mit Jugendlichen sind bildschirmfreie Zeiten sinnvoller als abgezählte Bildschirmzeiten. Der wichtigste Unterschied zu Brünings Liste steckt aber nicht in den Minuten. «Reine Zeitangaben sind meist jedoch nicht zielführend, da vor allem auf die Inhalte, eine gute Begleitung sowie eine gesunde Balance zu Aktivitäten ohne Medien geachtet werden sollte», schreibt die Plattform.[1] Pro Juventute nennt ähnliche Werte und weist ausdrücklich darauf hin, dass die Empfehlungen verschiedener Organisationen teils weit auseinandergehen.[3] Wie du daraus Medienregeln für deinen Familienalltag machst und wie ihr ohne Streit aus der Bildschirmzeit herauskommt, liest du in zwei eigenen Artikeln. In einem Punkt geben die Fachstellen Brüning recht: Kinder brauchen für die Hirnentwicklung die direkte Begegnung mit Objekten. Frische Luft, Bewegung und Tageslicht sind für ihre Entwicklung genauso wichtig.[1] Besonders klar ist die Empfehlung bei den Kleinsten. Warum Kleinkinder nicht ans Smartphone gehören, hat mit der Entwicklung zu tun und nicht mit Strahlung. Gleichzeitig fällt die Gesamtbilanz ruhiger aus, als es der Vortragsabend nahelegt. Das Bundesamt für Gesundheit hält fest, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen in der Schweiz ein gesundes Verhältnis zu den digitalen Medien hat. Rund 7 Prozent der 15- bis 19-Jährigen zeigen eine problematische Internetnutzung.[4] Das ist eine Minderheit, und sie braucht Aufmerksamkeit. Ein Grund zur Panik ist es nicht. Der wirksamste Hebel bleibt laut BAG die Medienkompetenz.[4] Deshalb kommen Gespräche oft weiter als Kontrolle. Weitere Informationen zum Medienkonsum Auf der Webseite jugendundmedien.ch gibt es viele Tipps zum Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen. Der Medienpädagoge Wilfried Brüning ist auch Autor des Filmes «Wege aus der Brüllfalle». Seine Filme und Vortragstermine findest du auf seiner eigenen Anbieterseite bruening-film.de. Veranstaltungen von Elternbildung CH findest du unter elternbildung.ch Quellen Jugend und Medien, Nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenz (Bundesamt für Sozialversicherungen) und ZHAW: Medienkompetenz. Empfehlungen zum Umgang mit digitalen Medien (PDF), 8. Auflage, Oktober 2024. Abgerufen am 21.08.2026. Conny Schmid, Balz Ruchti, Rebecca Wyss: Macht uns der Computer dumm?, «Beobachter», 23. Oktober 2012. Abgerufen am 21.08.2026. Pro Juventute: Bildschirmzeit: Empfehlungen für Kinder und Jugendliche. Abgerufen am 21.08.2026. Bundesamt für Gesundheit BAG: Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen, veröffentlicht am 11. Februar 2022. Abgerufen am 21.08.2026.