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Jugend & Medien: Warum du mehr Gesellschaftsspiele spielen solltest

Viele Jugendliche in der Schweiz leiden regelmässig unter Kopf- und Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten. Das zeigt eine Untersuchung von Expert:innen der ZHAW. Sie haben den Einfluss der Mediennutzung auf die Gesundheit unter die Lupe genommen – und sind neben digitalen Spielen immer wieder auf das Thema Gesellschaftsspiele gestossen.

Mädchen starrt unter der Bettdecke ins Smartphone.
Rund ein Fünftel der Schweizer Jugendlichen schläft nicht gut: Ein Grund könnte die Mediennutzung sein. Bild: GettyImages Plus, Andrey Popov

Die meisten Jugendlichen in der Schweiz fühlen sich gesund. Dennoch berichten viele von Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten. Auch die Schlafqualität ist für manche ein Thema: Ein Fünftel der Jugendlichen berichtet von regelmässigen Ein- oder Durchschlafproblemen. Viele Eltern fragen sich dann: Wie hängt das mit Smartphone, Gaming und Social Media zusammen – und was hilft im Familienalltag wirklich?Die Zahlen stammen aus dem neusten JAMESfocus-Bericht der ZHAW und Swisscom. 

Zu viel Bildschirm, zu wenig Bewegung

Die Erkenntnis? «Wer Bildschirmmedien intensiv nutzt, bewegt sich oft weniger und langes Sitzen in ungünstigen Positionen oder repetitive Bewegungsabläufe können zu Rücken- und Nackenschmerzen oder Augenbeschwerden führen», sagt ZHAW-Medienpsychologe Gregor Waller. Viel Zeit vor dem Bildschirm bedeutet im Alltag häufig: weniger Bewegung, weniger Haltungswechsel, weniger Pausen. Das kann sich körperlich bemerkbar machen – gerade dann, wenn Schule, Hausaufgaben und Freizeit ohnehin viel Sitzen bedeuten.

Ein weiterer Punkt ist Schlaf: Nicht nur die Zeit am Bildschirm spielt eine Rolle, sondern auch der Inhalt (aufwühlende Clips, Chatdruck, Games mit hohem Aktivierungsgrad) und das «Nicht-abschalten-können». Wenn du merkst, dass dein Kind abends «hochdreht», lohnt es sich, nicht nur auf Minuten zu schauen, sondern auf das Gesamtpaket aus Timing, Inhalt und Routine.

Eltern müssen genau hinschauen und Kinder allenfalls auf ihre Medienerfahrungen ansprechen.

Nicht überraschend ist der Zusammenhang zwischen negativen Medienerfahrungen und dem psychischen Wohlbefinden. Jugendliche, die belastende Erfahrungen mit Cybermobbing oder -grooming gemacht haben, berichten häufiger von psychischen Beschwerden und von Schlafproblemen. In der Studie fanden sich zudem Hinweise, dass die intensive Nutzung sozialer Netzwerke mit psychischen Beschwerden und Schlafproblemen in Zusammenhang stehen könnte. Wichtig ist dabei: Nicht jedes Kind reagiert gleich. Manche Jugendlichen kompensieren Stress mit Scrollen, andere verlieren sich in Games, wieder andere suchen über Chats Nähe. Wenn du Veränderungen bemerkst (Rückzug, Gereiztheit, weniger Appetit, Leistungseinbruch), ist ein ruhiges, interessiertes Nachfragen oft wirksamer als ein sofortiges Verbot.

Wer Gesellschaftsspiele spielt, fühlt sich besser

Das ist aber noch nicht alles, was du als Elternteil tun kannst. Die Forschenden fanden auch heraus, dass es Jugendlichen, die häufig etwas mit der Familie unternehmen, im Vergleich besser geht. So zeigte sich: Je mehr Gesellschaftsspiele gespielt werden, desto seltener treten körperliche Beschwerden auf. Und auch die Schlafqualität ist besser. «Jugendliche, die häufiger Zeit mit der Familie verbringen, scheinen weniger häufig Ein- oder Durchschlafprobleme zu haben», heisst es im Bericht.

Zeit mit der Familie zu verbringen, wirkt sich positiv auf das Wohlbefinden aus. 

Medienpsychologe Waller führt aus: «Wer gemeinsam mit der Familie Zeit verbringt und beispielsweise Gesellschaftsspiele spielt, profitiert von der sozialen Unterstützung und pflegt oder verbessert die Beziehung zu den Eltern», sagt Waller. Das kann im Alltag gleich mehrfach helfen: als verbindender Moment, als «Runterfahren» am Abend, als verlässliches Ritual und als Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen – ohne dass es sich wie ein «Problemgespräch» anfühlt.

Wenn ihr schon länger keine Spieleabende mehr hattet, starte klein: 20–30 Minuten, ein Spiel, das schnell erklärt ist, und ein klares Ende. Viele Jugendliche machen eher mit, wenn sie merken: Das ist nicht peinlich, nicht pädagogisch aufgeladen, und ihre Bedürfnisse (Mitbestimmung, Fairness, Humor) haben Platz.

Wenn es jeden Abend knallt: Deeskalation bei Bildschirmzeit

Viele Familien kennen die Szene: «Jetzt ist Schluss!» – und es eskaliert. Das hat oft weniger mit Sturheit zu tun als mit Übergängen. Games und Social Media sind so gestaltet, dass es schwerfällt, aufzuhören (Endlos-Feeds, Belohnungsschleifen, Team-Matches, soziale Verpflichtungen). Deeskalation bedeutet deshalb nicht «nachgeben», sondern: klare Führung plus gute Übergänge. 

Übergänge ankündigen 

Eine «Noch 5 Minuten»-Ansage wirkt nur, wenn sie verlässlich ist. Das heisst: Du kündigst an, hilfst beim Landen – und ziehst dann freundlich durch.

So klappt es praktischer:

Zwei Ankündigungen statt eine: «Noch 10 Minuten» und «noch 2 Minuten».
An Spielsituationen anknüpfen: «Mach noch die Runde fertig, dann ist Schluss.»
Timer als «neutralen Dritten» nutzen – aber vorher gemeinsam einstellen.
Nach dem Ausschalten kurz Übergang geben: Wasser holen, strecken, kurz erzählen, wie das Match lief.

Wenn–Dann-Abmachungen 

Wenn–Dann-Regeln entlasten Diskussionen, weil sie vorher geklärt sind. Entscheidend: Sie müssen konkret und überprüfbar sein – nicht moralisch («Wenn du brav bist…»), sondern alltagsnah.

Beispiele:

«Wenn Hausaufgaben erledigt und das Zimmer kurz aufgeräumt ist, dann gibt es 45 Minuten Gaming.»
«Wenn es nach 21.00 Uhr ist, dann bleibt das Smartphone draussen im Wohnzimmer.»
«Wenn du merkst, du wirst online beleidigt oder erpresst, dann sagst du mir oder einer anderen vertrauten Person heute noch Bescheid.»

Je älter dein Kind ist, desto mehr sollte es an den Regeln mitbauen. Das erhöht die Chance, dass Abmachungen als fair erlebt werden – und nicht als Willkür.

Konsequenzen ohne Strafdrama 

Konsequenzen wirken am besten, wenn sie logisch sind, vorher besprochen wurden und ohne grosses «Theater» umgesetzt werden. Vorhersehbare Strukturen, deeskalierende Kommunikation und konsistentes Handeln sind wichtige Bausteine, um Konflikte zu reduzieren.

Was «logisch» heisst:

Wenn das Ausschalten wiederholt nicht klappt, wird die Nutzung am nächsten Tag kürzer (nicht die ganze Woche gestrichen).
Wenn das Handy nachts im Zimmer bleibt und Schlaf leidet, wird es nachts ausserhalb geladen.
Wenn Abmachungen nicht eingehalten werden, wird am Wochenende neu verhandelt – nicht im Streitmoment.

Wichtig: Im Akutkonflikt zuerst runterregeln (Pause, Abstand, ruhiger Ton), dann später klären. Regeln «im Affekt» verschärfen führt selten zu mehr Kooperation.

Alternativen, die wirklich ziehen

«Mach halt etwas anderes» funktioniert selten, wenn unklar ist, was genau. Hilfreicher ist ein kurzer Plan: Was macht deinem Kind wirklich Spass, was ist schnell verfügbar, und was passt zum Energielevel am Abend?

Ideen, die oft besser ankommen, wenn ihr sie vorher gemeinsam festlegt:

Kurze Bewegung ohne Leistungsdruck: 10 Minuten Spaziergang, Ball auf dem Platz, zusammen den Hund rausbringen.
Gemeinsame Mini-Rituale: Tee machen, Tageshighlight teilen, Musik hören.
Gesellschaftsspiele «light»: kooperative Spiele, Kartenspiele, 20-Minuten-Formate.
Kreatives mit wenig Einstiegshürde: Lego, Zeichnen, Kochen, Playlist bauen.

Geschwister fair behandeln – ohne Gleichmacherei

Ein häufiger Streitpunkt ist nicht nur «Wie viel?», sondern «Warum darf sie mehr?». Fairness bedeutet nicht, dass alle exakt gleich lange Bildschirmzeit haben. Fair ist, wenn die Regeln zu Alter, Entwicklung, Schlafbedarf und Verantwortung passen – und wenn du die Kriterien transparent machst.

Gleiche Werte, unterschiedliche Freiheiten

Du kannst gut erklären: In eurer Familie gelten die gleichen Werte (Schlaf, Schule, Respekt, Sicherheit), aber die Freiheiten wachsen mit Alter und Zuverlässigkeit. Das ist für Kinder oft leichter zu akzeptieren als «weil ich das sage».

Konkrete Kriterien, die Kinder nachvollziehen können:

Schlaf: Wer morgens früher raus muss, braucht früher Ruhe.
Inhalt: Was für ein 15-jähriges Kind ok ist, kann für ein 9-jähriges überfordernd sein.
Verantwortung: Wer Abmachungen einhält, bekommt eher Spielraum.
Schule/Alltag: In stressigen Phasen (Prüfungen) werden Regeln vorübergehend angepasst.

«Warum darf sie mehr?» 

Wenn du in solchen Momenten ruhig, kurz und wiederholbar bleibst, nimmst du dem Streit die Luft. Hier sind Formulierungen, die du an eure Situation anpassen kannst:

Satzbaukasten: 6 Deeskalationssätze für Eltern

1 «Ich sehe, dass dich das gerade ärgert. Wir sprechen darüber, wenn du wieder ruhiger bist.»

2 «Bei uns geht es nicht um Gleichheit, sondern um Fairness: Schlaf und Schule zuerst.»

3 «Ich erinnere dich an unsere Abmachung: Wenn X, dann Y.»

4 «Du darfst wütend sein. Ich bleibe bei der Regel.»

5 «Wir verhandeln nicht im Streit. Wir setzen morgen 10 Minuten an und schauen, was wir anpassen können.»

6 «Ich helfe dir beim Übergang: Sag mir, was du noch beenden musst, dann machen wir einen klaren Schluss.»

Belohnung vs. Teil des Alltags

Bildschirmzeit wirkt schnell wie eine «Währung»: gut = mehr, schlecht = gar nichts. Das kann kurzfristig funktionieren, langfristig macht es Medien aber oft noch begehrter – und verschiebt den Fokus weg von Selbststeuerung.

Hilfreicher ist häufig:

Bildschirmzeit als planbarer Teil des Alltags (mit klaren Zeiten und Pausen), nicht als Dauer-Belohnung.
Verantwortung statt Moral: «Hast du deine Aufgaben erledigt und bist ausgeschlafen?» statt «Warst du brav?»
Gemeinsame Medienmomente einplanen (z.B. zusammen ein Video schauen), damit Medien nicht nur «Kampfzone» sind.

Wenn du merkst, dass Bildschirmzeit in eurer Familie sehr stark mit Streit, Druck oder Angst verknüpft ist, kann ein «Reset» helfen: Eine Woche klare, einfache Regeln, danach gemeinsam auswerten, was besser lief und was nicht.

Nutze also die Zeit, um mit deinen Kindern etwas zu unternehmen. Ihr werdet nicht nur Spass haben, sondern tut so gleichzeitig auch etwas für die Gesundheit deiner Kinder – und stärkt nebenbei eure Beziehung.

Vielleicht inspirieren dich ja unsere Tipps und Ideen für Gesellschaftsspiele. Übrigens: Unsere Expertin Sharmila Egger schreibt regelmässig zu aktuellen Themen und Fragen rund ums Smartphone, Apps und digitale Herausforderungen. Alle Beiträge gibt es hier. 

Tipps für einen gesunden Umgang mit Medien

1 In Bewegung bleiben: Wenn dein Kind viel vor einem Bildschirm sitzt, plant bewusst Bewegung ein: Schulweg zu Fuss, Sport, kurze Aktivpausen oder ein Spaziergang nach dem Abendessen.

2 Augen und Kopf entlasten: Langes Starren auf den Bildschirm begünstigt Augenbeschwerden und Kopfschmerzen. Hilfreich sind regelmässige Pausen, Blickwechsel in die Ferne und gute Lichtverhältnisse.

3 Bildschirmpause vor dem Schlafen: Achte am Abend auf einen ruhigen Ausklang. Aufwühlende Inhalte in Games, Filmen oder auf Social Media erschweren das Einschlafen. Eine klare Bildschirmpause vor dem Zubettgehen (z.B. 60 Minuten) kann helfen. Mobile Geräte sollten nachts ausgeschaltet oder im Flugmodus sein und ausserhalb des Schlafzimmers geladen werden, wenn Schlaf darunter leidet.

4 Über problematische Medienerfahrungen sprechen: Jugendliche machen im Internet hin und wieder negative oder problematische Erfahrungen wie Cybermobbing. Diese Erfahrungen können psychisch belasten. In solchen Situationen ist ein Gespräch wichtig. Jugendliche sollten dann Hilfe suchen bei vertrauten Personen oder professionellen Anlaufstellen.

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