Leben > Soziale und digitale MedienKleinkinder, Hände weg vom Smartphone! Nicht wegen der Strahlung Anouk Holthuizen Strahlung aus dem Handynetz beunruhigt viele Eltern. Die grossen Übersichtsarbeiten der Weltgesundheitsorganisation finden für die meisten befürchteten Gesundheitsschäden allerdings keine Belege. Was Kindern nachweislich zusetzt, ist etwas anderes: zu viel Bildschirmzeit. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Wirken auf Kinder wie ein Magnet: Smartphones und andere elektronische Geräte. Ein massvoller Umgang ist deshalb sinnvoll. (Bild: Quintanilla/iStock, Thinkstock) Als 2017 über die Einführung von 5G gestritten wurde, warnten das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) und die Mobilfunkanbieter, der strenge Schweizer Strahlenschutz verhindere die neue Technologie. Gekommen ist es anders. Die Frequenzen wurden 2019 vergeben, das Netz läuft seit Jahren, und die Grenzwerte sind unverändert geblieben. Das Parlament hat eine Lockerung inzwischen zweimal abgelehnt.[3] Wie die Schweiz Kinder schützt Die Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV) kennt zwei Arten von Grenzwerten. Die Immissionsgrenzwerte schützen vor der wissenschaftlich gesicherten Wirkung, der Erwärmung von Körpergewebe. Sie liegen bei Mobilfunkfrequenzen zwischen 41 und 61 Volt pro Meter und müssen überall eingehalten werden, wo sich Menschen aufhalten.[3] Dazu kommen die Anlagegrenzwerte als Vorsorgemassnahme. Sie sind rund zehnmal tiefer und betragen 4 bis 6 Volt pro Meter. Gelten müssen sie an «Orten mit empfindlicher Nutzung» – und dazu zählt die Verordnung ausdrücklich Schulen, Kindergärten, Spitäler, Wohnungen und Kinderspielplätze.[3] Genau dort, wo Kinder viel Zeit verbringen, ist die Schweiz also strenger als die meisten europäischen Länder. Messbarer Effekt ist nicht gleich Gesundheitsschaden Dass Mobilfunkstrahlung im Gehirn etwas auslöst, ist tatsächlich belegt. Die internationale Strahlenschutzkommission ICNIRP hält fest, dass sich Frequenzanteile im wachen EEG und die sogenannten Schlafspindeln im Schlaf-EEG durch hochfrequente Felder verändern, und zwar schon unterhalb der Grenzwerte. Im selben Satz schreibt die Kommission aber, es gebe keinen Hinweis darauf, dass diese Veränderungen mit gesundheitlichen Schäden zusammenhängen.[4] Diese Unterscheidung trägt den ganzen Streit. Ein Effekt, den ein Messgerät sieht, ist noch keine Krankheit. Der Körper reagiert auf vieles messbar, ohne Schaden zu nehmen. Seit 2019 hat die WHO zehn systematische Übersichtsarbeiten in Auftrag gegeben, die den gesamten Forschungsstand nach einem standardisierten Verfahren bewerten. Für Hirntumoren, Leukämie, Lymphome, Schilddrüsen- und Mundhöhlenkrebs kommen sie zum Schluss, dass keine Auswirkungen vorliegen; die Zuverlässigkeit der Evidenz stufen sie dabei als moderat ein.[1] Auch für Kopfschmerzen, Schlafstörungen und die Beschwerden, die elektrosensible Personen schildern, finden die Reviews keinen Effekt, ebenfalls mit moderater Zuverlässigkeit.[1] Offen bleibt trotzdem einiges. In Tierstudien zeigten sich Gliome und Herzschwannome, was BAG und BAFU als nicht ausreichend fundiert bewerten, um daraus eine direkte Wirkung auf den Menschen abzuleiten.[1] Die ICNIRP weist zudem darauf hin, dass mögliche Langzeitwirkungen in ihren Grenzwertempfehlungen gar nicht berücksichtigt sind, weil die Datenlage dafür nicht ausreicht.[2] Deshalb hält der Bund am Vorsorgeprinzip fest.[1] Häufig zitiert wird auch die Einstufung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC). Sie ordnete hochfrequente elektromagnetische Felder 2011 in die Gruppe 2B ein, also «möglicherweise krebserregend für den Menschen».[5] Diese Kategorie bedeutet: Es gibt begrenzte Hinweise beim Menschen und weniger als ausreichende im Tierversuch. Sie ist eine Aufforderung weiterzuforschen, kein Nachweis einer Gefahr. Was Fachleute zu Kindern sagen Belastbare Langzeitdaten speziell zu Kindern fehlen weiterhin. Darauf wies schon 2017 Edith Steiner von der Schweizer Sektion der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz hin: «Zur Langzeitwirkung von Handystrahlung auf Kinder und Jugendliche existieren kaum Studien. Doch die wenigen, die vorliegen, geben keine Entwarnung.» Ihre Forderung damals: «Es ist dringlich, Kinder und Jugendliche anzuleiten, wie sie strahlenarm Handys nutzen.» Seither hat sich die Beweislage für mehrere Krankheitsbilder in Richtung Entwarnung bewegt, wie die WHO-Reviews zeigen.[1] Der praktische Rat bleibt davon unberührt, denn er kostet nichts und wirkt sofort. Nicht die Strahlung, sondern die Nutzung Wenn von Einschlafstörungen, Konzentrationsschwäche oder Übergewicht die Rede ist, geht es fast immer um Bildschirmzeit und nicht um Strahlung. Die oft zitierte BLIKK-Studie ist dafür ein gutes Beispiel. Kinder- und Jugendärztinnen befragten 2017 in Deutschland die Eltern von 5573 Kindern im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen.[6] Die Auswertung fand statistische Zusammenhänge zwischen häufiger Mediennutzung und Auffälligkeiten bei Sprachentwicklung, Konzentration und Hyperaktivität, bei älteren Kindern auch beim Body-Mass-Index.[6] Drei Einschränkungen gehören dazu, und der Abschlussbericht nennt sie selbst: Es handelt sich um eine Querschnittsstudie. Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung lässt sich daraus ausdrücklich nicht ableiten.[6] Der Bericht hält offen, in welche Richtung ein Zusammenhang läuft: Ob die Mediennutzung die Sprachentwicklungsstörung begünstigt oder eine bestehende Störung das Nutzungsverhalten prägt, lässt die Analyse unbeantwortet.[6] Die Entwicklungsauffälligkeiten beruhen auf Beschreibungen der Eltern und stellen keine ärztliche Diagnose dar.[6] Und der wichtigste Punkt für dieses Thema: Der 147-seitige Abschlussbericht erwähnt Strahlung an keiner einzigen Stelle. Die Studie handelt von Bildschirmzeit. Wer ihre Ergebnisse der Mobilfunkstrahlung zuschreibt, verwechselt zwei verschiedene Dinge. Wie viel Schlaf Kindern in welchem Alter tatsächlich zusteht, haben wir in einem eigenen Beitrag zusammengetragen: Wie viel Schlaf braucht ein Kind? Smartphone-Nutzung für Kinder beschränken Fachleute sind sich einig: Die Mediennutzung von Kindern sollte beschränkt sein. In die Hände von Babys und Kleinkindern gehören keine Smartphones und Tablets, auch wenn die Versuchung gross ist, sie den Kleinen für eine Weile zu überlassen. Das Argument dafür ist aber nicht die Strahlung, sondern die Entwicklung: Kleine Kinder brauchen Nähe, Bewegung und echte Interaktion. Das Smartphone generell zu verbieten, macht in einer digitalisierten Welt keinen Sinn. Eltern sollten ihre Kinder dabei aber eng begleiten. Warum sich das lohnt, haben wir hier ausführlicher beschrieben: Warum Eltern den Medienkonsum ihrer Kinder einschränken sollten. Und wenn die Diskussion über Bildschirmzeit zu Hause regelmässig eskaliert, hilft vielleicht unser Beitrag Bildschirmzeit ohne Streit. Ratgeber zur Handynutzung von Kindern Viele Informationen und Tipps für den altersgerechten Umgang mit Medien bietet Jugend und Medien, die nationale Plattform zur Förderung von Medienkompetenz des Bundesamts für Sozialversicherungen. Die Seite führt für jede Altersstufe eigene Empfehlungen, von Babys und Kindern bis 3 Jahre bis zu den Jugendlichen. Die Elternflyer und Broschüren gibt es kostenlos und in zahlreichen Sprachen: Broschüren und Flyer von Jugend und Medien. Steht bei euch die Frage nach dem ersten eigenen Gerät an, findest du hier eine Entscheidungshilfe: «Aber alle anderen Kinder haben schon ein Smartphone!» Strahlenbelastung im Alltag klein halten Das eigene Gerät belastet stärker als jede Antenne in der Nachbarschaft, weil es direkt am Kopf oder am Körper liegt. Genau dort lässt sich am einfachsten etwas ändern. Das BAG empfiehlt:[2] Ein Mobiltelefon mit kleinen SAR-Werten für Kopf und Körper wählen. Der Grenzwert liegt bei 2 Watt pro Kilogramm. Beim Telefonieren eine drahtlose Freisprecheinrichtung, ein Bluetooth-Headset oder Kopfhörer mit Kabel benutzen. Auf guten Empfang achten. Ein Gerät mit stabiler Verbindung sendet schwächer, und je mehr Balken angezeigt werden, desto besser ist die Verbindung. Abstand halten. Die Strahlung nimmt mit der Entfernung zum Gerät rasch ab. In Gebäuden und im Zug für Daten wenn möglich das WLAN nutzen. Ein verbreiteter Irrtum betrifft den erwähnten Grenzwert von 2 Watt pro Kilogramm: Er stammt nicht von der WHO, sondern geht auf Empfehlungen der ICNIRP zurück und ist über eine EU-Ratsempfehlung verbindlich geworden.[2][4] Jedes in der Schweiz verkaufte Mobiltelefon muss ihn einhalten. Und ein Rat, der vielen Eltern neu ist: Von Schutz- und Abschirmprodukten fürs Handy rät das BAG ausdrücklich ab, ebenso von Produkten, die Strahlung angeblich «harmonisieren» oder «neutralisieren». Solche Zubehörteile können die Belastung sogar erhöhen, weil sie die Verbindung zur Basisstation verschlechtern und das Gerät dann stärker sendet.[2] Für kurzfristige negative Gesundheitsfolgen durch Handystrahlung gibt es nach heutigem Stand keine Anhaltspunkte, bei der Langzeitnutzung bleiben Unsicherheiten.[2] Wer die Belastung mit den obigen Handgriffen klein hält, tut das Sinnvolle, ohne Geld für wirkungslose Produkte auszugeben. Quellen Bundesamt für Gesundheit BAG: Elektromagnetische Felder (abgerufen am 21.08.2026) Bundesamt für Gesundheit BAG: Faktenblatt «Mobiltelefon & Smartphone», Stand 1. Juni 2026 (abgerufen am 21.08.2026) Bundesamt für Umwelt BAFU: Mobilfunk und 5G: Umgang mit adaptiven Antennen ist geklärt (abgerufen am 21.08.2026) ICNIRP: Guidelines for Limiting Exposure to Electromagnetic Fields (100 kHz to 300 GHz), Health Physics 118(5), 2020 (abgerufen am 21.08.2026) International Agency for Research on Cancer IARC: IARC classifies Radiofrequency Electromagnetic Fields as possibly carcinogenic to humans, Pressemitteilung Nr. 208 vom 31.05.2011 (abgerufen am 21.08.2026) Riedel, R. / Büsching, U. et al.: BLIKK-Medien: Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien. Abschlussbericht, Bundesministerium für Gesundheit (abgerufen am 21.08.2026) Von Anouk Holthuizen, im September 2017. Fachlich überprüft und aktualisiert im August 2026.