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Leben > Soziale und digitale Medien

Wie viel Medienkonsum tut Kindern gut?

Ab und an Fernsehen schadet nicht. Aber einige No-Gos gibt es doch. Ab welchem Alter, zu welchen Gelegenheiten und wie lange Kinder digitale Medien konsumieren sollten, weiss Medienpädagogin Dr. Eveline Hipeli.

Schaden Smartphones kleinen Kindern? Medienpädagogin Dr. Evelyn Hipeli beantwortt die wichtigsten Fragen rund um Medienkosum.
Kinder, die auf Smartphones starren. Bild: E+

Interview von Sigrid Schulze

Bildschirmzeit nach Alter – realistische Schweizer Richtwerte

Viele Eltern wünschen sich eine klare Zahl. Gleichzeitig ist «Bildschirmzeit» nicht gleich «Bildschirmzeit»: Ein Video-Chat mit den Grosseltern, ein Lernspiel, ein YouTube-Clip oder endloses Scrollen wirken nicht gleich. Trotzdem helfen Richtwerte als Orientierung – und du passt sie an euer Kind, euren Alltag und eure Familienwerte an.

Für die Schweiz gibt es verschiedene Elternempfehlungen. Ihnen gemeinsam ist die Aussage: Je älter Kinder werden, desto wichtiger sind neben Zeit auch Inhalte, Schlafschutz und Begleitung.

Orientierung: Bildschirmzeit nach Alter 

0–2 Jahre: möglichst wenig/keine alleinige Bildschirmzeit; wenn überhaupt kurz, gemeinsam und ruhig (z.B. Video-Chat mit Familie).

3–5 Jahre: kurze, klar begrenzte Einheiten (z.B. 10–30 Minuten), am besten gemeinsam; nicht als Standardlösung gegen Langeweile.

6–12 Jahre: klare Tages- oder Wochenregeln (z.B. 30–60 Minuten an Schultagen, mehr am Wochenende) plus feste «medienfreie» Zeiten (Hausaufgaben, Mahlzeiten, vor dem Schlafen).

12+ Jahre: eher mit Wochenkontingent und Selbststeuerung arbeiten; Fokus auf Schlaf, Schule, Bewegung, Stimmung und auf Risiken wie Social Media-Druck.

Wichtig: Diese Werte sind Orientierung – entscheidend ist, ob Schlaf, Bewegung, Beziehungen, Schule/Lehre und Stimmung stabil bleiben.

Baby (0–2)

In den ersten zwei Lebensjahren profitieren Kinder vor allem von direktem Kontakt: sprechen, singen, anschauen, anfassen, bewegen. Wenn Bildschirme zur Beruhigung oder «zum Wegparken» eingesetzt werden, kann das wichtige Lern- und Beziehungsmomente verdrängen. Wenn du ausnahmsweise Medien nutzt (z.B. im Wartezimmer), hilft es, sehr kurz zu halten und dabei in Beziehung zu bleiben: benennen, was zu sehen ist, und danach wieder in eine analoge Aktivität wechseln.

Kita/Vorschule (3–5)

Vorschulkinder können Regeln schon gut lernen – wenn du sie freundlich, klar und wiederholbar machst. Kurze Einheiten funktionieren meist besser als «offen lassen». Achte darauf, dass Bildschirmzeit nicht das Standardmittel gegen Müdigkeit, Hunger oder Überforderung wird. Gerade abends reagieren viele Kinder sensibel: Wird dein Kind nach Medien gereizter, weinerlicher oder schläft schlechter ein, ist das ein Hinweis, Zeitpunkt, Dauer oder Inhalte anzupassen.

Primarstufe (6–12)

Spätestens im Primarschulalter wird Mediennutzung sozial: Klassen-Chats, Games, Serien, erste eigene Gerätewünsche. Hier hilft ein Mix aus klaren Grenzen und wachsender Mitbestimmung. Praktisch ist eine einfache Familienregel: «Erst Pflichten, dann Medien» (z.B. Hausaufgaben, Instrument üben, Bewegung draussen) – und fixe Zeiten, wann Medien enden (z.B. vor dem Nachtessen oder vor der Schlafenszeit). 

Oberstufe/Teen (12+)

Bei Jugendlichen geht es weniger um «Minuten zählen» und mehr um Selbstregulation, Risiken und Schlafschutz. Gleichzeitig können Social Media, Chats und Games stark «ziehen». Unterstützend wirkt, wenn du mit deinem Teen konkrete Ziele vereinbarst: genug Schlaf, Schule/Lehre, Bewegung, echte Treffen, und klare Regeln für Nachtzeiten (z.B. Handy lädt ausserhalb des Zimmers).

So setzt du Richtwerte im Alltag um 

Timer, Übergangsrituale, klare Start-/Endzeiten

Konflikte entstehen oft beim Aufhören – nicht beim Start. Du kannst dein Kind entlasten, indem du das Ende planbar machst:

1) Vorher sagen, was geht: «Du darfst eine Folge schauen.»

2) Sichtbares Ende: Timer, Sanduhr, oder «wenn die Folge fertig ist».

3) Übergang ankündigen: «Noch 5 Minuten, dann Zähneputzen.»

4) Anschluss anbieten: «Danach lesen wir zusammen / du hilfst mir das Essen auf den Tisch zu stellen.»

Je kleiner das Kind, desto mehr hilft Co-Regulation: ruhig bleiben, den Übergang begleiten, nicht in Verhandlungen kippen. Wenn du einmal nachgibst, passiert das – aber versuche, am nächsten Tag wieder zur Regel zurückzukehren, statt die Regel ganz aufzugeben.

Wochenkontingent statt Tageslimit (ab ca. 10–12)

Viele Familien fahren ab dem späteren Primarschulalter gut mit einem Wochenbudget (z.B. «X Stunden pro Woche») plus wenigen Fixpunkten: keine Medien vor der Schule, medienfreie Mahlzeiten, klare Nachtregel. So kann dein Kind lernen, selbst zu planen: heute weniger, dafür am Samstag mehr. Das passt auch zu Dr. Hipelis Hinweis im Interview, Medienkonsum in den Alltag «hineinzuplanen» statt ständig zu unterbrechen.

Wenn’s Ausnahmen gibt 

Ausnahmen sind normal. Entscheidend ist, dass sie als Ausnahme erkennbar bleiben. Hilfreiche Sätze sind: «Heute ist ein Spezialtag, weil du krank bist» oder «Auf der Reise darfst du mehr – zu Hause gilt wieder unser normaler Rahmen». So verknüpft dein Kind Bildschirmzeit nicht automatisch mit jeder kleinen Langeweile. 

Qualitätscheck: Inhalte, die «guten» Bildschirmzeit näherkommen

Aktiv/kreativ vs. passiv/scroll

Nicht alles ist gleich belastend: Aktiv-kreative Nutzung (z.B. etwas gestalten, bauen, programmieren, bewegen, selber etwas aufnehmen) ist oft leichter zu integrieren als passives Konsumieren ohne Ende. Vorsicht bei Formaten, die auf «Autoplay», kurze Clips und endloses Scrollen setzen: Sie sind so designt, dass das Aufhören schwerfällt – besonders für Kinder.

Co-Viewing & Gespräch

Wenn du bei jüngeren Kindern mitschaut oder mitspielst, wird Medienzeit eher zu gemeinsamer Zeit. Du kannst Fragen stellen wie: «Was passiert gerade?», «Wie fühlt sich die Figur?», «Was würdest du tun?» Das hilft beim Verstehen und Verarbeiten – und du merkst schneller, ob Inhalte überfordern.

Warnsignale bei Inhalten 

Du musst nicht alles verbieten – aber nimm Signale ernst. Häufige Warnzeichen sind: mehr Ängste, Albträume, aggressiveres Spiel, starke Reizbarkeit nach Medien, Rückzug, Streit beim Abschalten, Einschlafprobleme oder heimliche Nutzung. Dann lohnt es sich, an drei Stellschrauben zu drehen: Inhalt (kindgerechter), Zeitpunkt (früher am Tag) und Dosis (kürzer/selten).

Frau Dr. Hipeli, Smartphones, Tablets und Fernsehen faszinieren schon die Allerkleinsten. Wie lange sollten Eltern Kinder vom Konsum digitaler Medien fernhalten?

Kinder wollen erforschen, was sie umgibt, und dazu gehören auch die Medien. In den meisten Haushalten gibt es einen Fernseher, ein Tablet, Handys und Computer. Und wenn die Eltern diese Geräte gebrauchen, dann ist es nicht realistisch zu sagen: «Ich halte mein Kind davon fern, bis es fünf Jahre alt ist.» Kinder haben Interesse an dem, was Eltern und Geschwisterkinder nutzen.

Manche Expert:innen empfehlen, Kinder unter drei Jahren grundsätzlich noch keine Bildschirmerfahrung machen zu lassen.

Beim ersten Kind lässt sich die Richtlinie wunderbar umsetzen, wenn man einigermassen streng mit sich selber ist. Beim zweiten Kind wird es schon ein bisschen schwieriger. Aber beim dritten Kind – das weiss ich aus eigener Erfahrung – ist es ziemlich unrealistisch.

 Manche Eltern fühlen sich gestört vom Kind und stellen es mit Medienkonsum ruhig.

Können denn digitale Spiele und Filme einem Kind schaden?

Ja! Zum einen, wenn die Inhalte nicht altersangemessen sind und Angst oder Reizüberflutung auslösen. Im schlimmsten Fall können die Kinder sie gar nicht verarbeiten. Zum anderen, wenn diese Dinge zu viel Zeit einnehmen. Ein Kind, das einen bunten Alltag hat, nimmt sicher keinen Schaden, wenn es hin und wieder auf dem Tablet Legosteine aufeinander baut oder mit dem lustigen Panda aus der App «kocht». Doch manche Eltern lassen ihre Kinder nur noch wenig an ihrem Alltag teilhaben. Sie sind froh, wenn sich die Kinder digital beschäftigen.

Zur Person

Familienleben Logo

Dr. Eveline Hipeli ist Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Zürich mit dem Schwerpunkt Medienkompetenz für Kinder. Ihre Erkenntnisse gibt sie gerne praxisnah und realistisch an Eltern und Lehrpersonen weiter. Als Mutter von drei Kindern im Alter von 2, 5 und 8 Jahren kennt sie die Herausforderung im Umgang mit digitalen Medien.

Du meinst, nicht die Kinder verlangen nach den Medien, sondern Eltern pushen sie?

Das kommt schon vor. Viele Eltern fürchten, das Kind könnte sich mit dem Messer schneiden, wenn es in der Küche mithilft und eine Gurke bearbeitet. Oder sie fühlen sich gestört vom Kind und stellen es mit Medienkonsum ruhig. Dann vermitteln sie dem Kind: «Eigentlich bist du hier nicht erwünscht. Wir geben dir etwas in die Hand, damit du nicht am Gespräch teilnimmst.» Ich würde nicht wollen, dass meine Kinder ständig das Gefühl bekommen, dass sie stören.

Wie wirkt sich das auf ein Kind aus?

Ein Kind, das immer wieder auf diese Weise abgestellt wird, nimmt in vielerlei Hinsicht Schaden. Sein Selbstwertgefühl leidet erheblich. Allenfalls bewegt es sich mit der Zeit zu wenig. Ausserdem kann der Nachtschlaf – mit allen gesundheitlichen Konsequenzen – zu kurz kommen. Wichtig ist also, eine gesunde Balance zwischen den Spielen und Tätigkeiten ohne Medien und dem Medienkonsum zu schaffen.

Viel wichtiger als zeitliche Regeln aufzustellen wäre es allerdings, dass Eltern mit ihren Kindern über Medien im Gespräch bleiben und mit ihnen über die Inhalte sprechen.

Kinder gewöhnen sich schnell an digitale Medien. Wie kriegst du dein Kind wieder vom Bildschirm weg?

Kleine Kinder sollten von Anfang an merken, dass es bei digitalen Spielen oder Filmen Nutzungsregeln gibt. Denn natürlich rebellieren sie, wenn Eltern erst später versuchen ihre Medienzeit einzuschränken. Das ist ja, als würde man ständig Nutella-Brote schmieren und dann heisst es plötzlich: «Jetzt gibt es nur noch Gurkenbrot.»

Was kannst du tun, damit Kinder nicht zu lange fernsehen oder gamen?

Medienkonsum muss in den Alltag hineinpassen. Angenommen, ein Primarschulkind möchte eine 25-minütige Folge einer spannenden Serie schauen. Jetzt ist aber das Abendessen gerade fertig. In diesem Fall macht es keinen Sinn, das Kind sieben Minuten oder – noch schlimmer – 20 Minuten schauen zu lassen und zum Schluss aus der Geschichte herauszureissen: «Leg das Ding jetzt weg!» Da ist elterliches Vorausschauen ganz wichtig.

Eltern können mit ihrem Kind darüber sprechen, wo das Zeitfenster liegt, in das der Film oder das Spiel passt. Wenn das Kind älter wird, sagt es vielleicht: «Ich habe zwei Tage keinen Film geschaut und nicht auf dem Computer gespielt, aber am Wochenende möchte ich etwas mehr gamen.» Wird der Medienkonsum auf diese Weise geregelt, dürfte er nicht ausufern.

Medienkompetenz für Kinder mit Ulla Eule

Mit Ulla, der Eule können Kinder über ihre Medienerfahrungen nachdenken und sprechen.

Mit den Geschichten um Anna, Peter und die Eule Ulla hat die Medienpädagogin Dr. Eveline Hipeli eine kindgerechte Basis geschaffen, auf der Eltern schon früh mit ihren Kindern über Medien sprechen können.

Welche Regeln kannst du vorgeben?

Es gibt verschiedene Empfehlungen zum Medienkonsum, zum Beispiel zehn Minuten pro Altersjahr. Nach dieser Leitlinie hätte ein vierjähriges Kind maximal 40 Minuten Bildschirmkonsum pro Tag zur Verfügung. 40 Minuten klingen vielleicht zunächst viel, aber letztendlich sind sie sehr schnell vorbei. Und selbstverständlich müssen es nicht jeden Tag 40 Minuten sein. Wenn Eltern feststellen, dass ihr Kind sehr viel mehr schaut, als diese Leitlinie vorgibt, macht es Sinn, darüber nachzudenken, wo die Ursachen liegen. Neben zeitlichen Regeln können Eltern auch situative Regeln einführen – zum Beispiel «Wenn es regnet, darfst du etwas länger schauen» oder «Auf dem Tablet spielen ist erst dann erlaubt, wenn die Hausaufgaben fertig sind». Viel wichtiger wäre es allerdings, dass Eltern mit ihren Kindern über Medien im Gespräch bleiben und mit ihnen über die Inhalte sprechen.

Dürfen gute Apps auch mal Langeweile ausfüllen, zum Beispiel auf Reisen?

Es schadet Kindern nicht, wenn sie – zum Beispiel auf Reisen – auch mal auf dem Smartphone oder Tablet spielen. Unsere Kinder dürfen im Flugzeug eine gewisse Zeit Filme schauen, die wir vorher heruntergeladen haben, weil das Bord-Entertainment nicht immer Filme anbietet, die wir gut finden. Doch Kinder sollten sich nicht an die Smartphone-Unterhaltung gewöhnen. Konkret sollten sie nicht den Eindruck bekommen: «Jedes Mal, wenn ich ins Auto steige, bekomme ich Papas Gerät in die Hand.» Sie können auch ein Hörspiel anhören, die vorbeiziehenden Wolken betrachten oder sich unterhalten. Autofahren muss auch ohne Handy möglich bleiben.

Was sind die absoluten No-Gos in Sachen «Kinder und Medien»?

Ein No-Go in der Medienerziehung ist für mich zum Beispiel das eigene echte Tablet für ein zweijähriges Kind. Kein Kindergartenkind braucht ein eigenes iPad, mit dem es unkontrolliert umgeht und seine Zeit verdaddelt. Gruselig finde ich auch Töpfchen mit iPad-Halterung, die dem Kind digitale Spiele ermöglichen, während es versucht, sein Geschäft zu machen. Es gibt auch elektrische Zahnbürsten, die an eine App gekoppelt sind, damit Kinder während des Zähneputzens unterhalten werden. Eltern sollten sich fragen, ob sie die Aufgaben, die der Alltag an Kinder stellt, täglich auf diese Weise belohnen wollen. Kinder werden auf diese Weise daran gewöhnt, dass selbst alltägliche Dinge immer belohnt werden. Die Frage ist, ob wir möchten, dass sie das so abspeichern?

Lesen Sie auch unseren 2.Teil des Interview mit Dr. Eveline Hipeli: So bekommen Kinder Medienkompetenz

6 praktische Tipps zum sinnvollen Medienkonsum von Kindern

1 Auch kleine Kinder nehmen an gelegentlicher Mediennutzung keinen Schaden. Wichtig ist, eine gute Balance zwischen Zeiten ohne und mit Medien zu schaffen.

2 Orientiere dich an alltagstauglichen Richtwerten – und überprüfe regelmässig, ob Schlaf, Bewegung, Stimmung und Familienzeit stabil bleiben. Ein Wochenkontingent kann ab späterer Primarschule entspannen.

3 Medieninhalte sollten für Kinder altersgerecht sein, damit sie weder überfordert noch verängstigt werden. Schau neue oder kritische Inhalte zuerst gemeinsam an und sprich danach darüber.

4 Plane Medienzeiten vorausschauend in ein passendes Zeitfenster (z.B. eine ganze Folge statt «nur kurz») und nutze Übergangsrituale wie Timer und klare Endpunkte.

5 Medienkonsum lässt sich situativ steuern. Beispielsweise kann das Videospiel erlaubt sein, wenn die Hausaufgaben erledigt sind, das Wetter schlecht ist oder lange Flugreisen anstehen – als klar benannte Ausnahme.

6 Ein Kind sollte sich nicht daran gewöhnen, bei jeder Langeweile oder bei jedem Frust automatisch fernsehen oder daddeln zu dürfen. Biete Alternativen an (Hörspiel, Bewegung, gemeinsam helfen, freies Spiel).

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