Leben > FamilienalltagDatenschutz: Wie Kinder lernen, selber über ihre privaten Daten zu bestimmen – Alternativen, Rechte, GesprächeWer online unterwegs ist, hinterlässt Spuren. Kinder und Jugendliche müssen deswegen aber nicht auf ihre Lieblingsapps verzichten. Viel wichtiger ist die Sensibilisierung rund ums Thema Datenschutz, und die geschieht zum grossen Teil im Elternhaus. Die Experten von zischtig.ch klären auf, was Eltern wissen sollten: welche Alternativen es zu den grossen Diensten gibt, wie ihr im Alltag darüber ins Gespräch kommt und welche Rechte euch das Schweizer Datenschutzgesetz gibt. Und keine Angst, du musst dafür nicht zur Technikexpertin werden. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Wer online unterwegs ist, wird beobachtet – auch wenn im Zimmer niemand zuschaut. Bild: GettyImages Plus, nadia_bormotova Kinder brauchen Privatsphäre. Sie müssen in geschütztem Rahmen unfertige Gedanken oder widersprüchliche Gefühle anderen Menschen anvertrauen können. Idealerweise geschieht das frei von Angst vor Abwertung oder Ausgrenzung. Im Internet ist diese Privatsphäre oft nicht gegeben. Wenn Kindern aufgezeigt wird, wer denn alles «zuschaut», mitliest und sie analysiert, während sie am Gamen oder auf TikTok sind, führt das in der Regel zu einem unangenehmen Gefühl. Sie fühlen sich beobachtet. Das ist die normale und logische Reaktion. Der Umgang in der Familie ist entscheidend Wenn die Kinder älter werden, wird die Auseinandersetzung mit dem Thema anspruchsvoller. Teenager verlieren teilweise das unangenehme Gefühl und eine Art Gleichgültigkeit kann einsetzen. «Ich habe ja nichts zu verbergen» hören wir häufig auf Einsätzen. Oft denken Jugendliche, sie seien grossen Firmen gegenüber ohnehin machtlos ausgeliefert. Sind sie aber nicht. Und du als Elternteil kannst helfen: Mit konkreten Tipps gibst du deinem Kind viel auf den Weg mit und beugst der Gleichgültigkeit und Überforderung vor. Kinder, bei denen Datenschutz zu Hause ein Thema ist, teilen in der Regel gerne ihre Tricks und Tipps mit anderen. Sie sind stolz und fühlen sich dem grossen Unbekannten weniger ausgeliefert. Oft sind das Kinder und Jugendliche, bei denen ein oder beide Elternteile in der IT arbeiten. Das muss aber nicht sein. Datenschutz ist kein Thema nur für Technikbegeisterte. Auch mit Tricks für Laien kann schon viel erreicht werden. Und am wichtigsten ist ohnehin die Auseinandersetzung in der Familie. So kannst du dein Kind unterstützen 1 Eigene Grenzen erkennen und kommunizieren: Datenschutz bedeutet Auseinandersetzung mit der Preisgabe von Informationen. Führe mit deinem Kind immer wieder die Diskussion «öffentlich oder privat?». Das beginnt schon mit der Frage: «Was ist überhaupt öffentlich?» In Klassenchats werden Bilder oft weitergeleitet. Auf Instagram oder TikTok können Inhalte einfach heruntergeladen werden oder sind für jeden und jede zugänglich. Kinder und Jugendliche brauchen Orientierung, um die Grenzen zwischen «öffentlich» und «privat» zu erkennen. Anspruchsvoll wird es bei älteren Kindern: Um dazuzugehören oder nichts zu verpassen, verdrängen Jugendliche oft die Auseinandersetzung mit ihrem Online-Image. Unterstützen kannst du, indem du immer wieder vermittelst, dass es okay ist, die eigenen Grenzen einzuhalten. Nicht jede App muss heruntergeladen und nicht jeder Besuch bei McDonald’s gepostet werden. Wichtig ist es, als Eltern dabei eine gute Balance zu finden. Kinder und Jugendliche brauchen eine gewisse Öffentlichkeit, um auszuprobieren und wichtiges Feedback zu erhalten. Die Teilnahme an Trends und das Wissen darüber ist für Jugendliche ein legitimes Bedürfnis. Es geht also nicht darum, das Teilen von Informationen prinzipiell zu verbieten, sondern einen bewussten Umgang damit zu vermitteln. Wenn die Kinder etwas älter sind, kann der Blick durchaus auf den grösseren Kontext gerichtet werden. «Auch die grossen Firmen müssen nicht alles über dich wissen. Auch bei denen musst und darfst du dir immer überlegen, ob du denen die Informationen anvertraust oder nicht.» Solche Aussagen helfen Kindern und Jugendlichen bei der Einordnung. 2 Als Vorbild sichtbarer werden: Du als Elternteil bist eine der wichtigsten Personen im Leben deines Kindes. Deine Haltung und deine Meinung zu Themen prägen. Sogar wenn es im ersten Moment nicht immer ersichtlich ist. Wenn du etwa alternative Chatdienste nutzt oder bewusst entscheidest, was du in deiner WhatsApp-Story postest, dann hat das Einfluss auf dein Kind. Idealerweise machst du die Entscheidungsfindung dem Kind gegenüber sichtbar. Du kannst beispielsweise den Chatdienst Threema nutzen und mit deinem Kind darüber sprechen, dass du bewusst einen Schweizer Dienst gewählt hast, weil der sich an die Schweizer Gesetze halten muss. Oder dass du dich für eine Adresse bei GMX oder Proton Mail entschieden hast, um nicht alle Daten bei derselben Grossfirma zu platzieren. Dabei musst du nicht deinen ganzen Umgang umstellen. Für Kinder ist es schon wertvoll zu sehen, dass es überhaupt Alternativen gibt. Zum Vorbildsein gehört noch etwas, das leicht vergessen geht: Die ersten Daten eines Kindes stellen fast immer die Eltern ins Netz. Das Geburtsfoto in der Familiengruppe, das Einschulungsbild auf Instagram, das lustige Video im Klassenchat. Wer mit dem Kind über Grenzen spricht, sollte die eigenen kennen. Wie ihr das im Alltag handhabt, könnt ihr an der Frage entlang klären, wie Kinderfotos sicher geteilt werden. 3 Einbettung in einen grösseren Kontext: Datenschutz ist ein grosses Thema und braucht oft erst Kontextualisierung. Konkret geht es um Macht, die wir Firmen über uns geben. Die Schwierigkeit daran: Häufig ist das nicht unmittelbar spürbar. Aber Daten, die wir im Internet preisgeben, sind für sehr lange Zeit aufrufbar. Die Voraussetzungen müssen in zehn Jahren nicht mehr die gleichen sein. Je nach Alter und Interesse der Kinder und Jugendlichen kannst du durchaus auch mit Zukunfts- oder Alternativszenarien arbeiten. Was wäre beispielsweise passiert, wenn ein totalitäres Regime Zugriff auf die Server eines grossen sozialen Netzwerks gehabt hätte? Warum ist Datenschutz in Ländern besonders heikel, in denen Regierungen gegen Oppositionelle vorgehen? Und warum verhalten sich grosse Technikkonzerne beim Datenschutz von Land zu Land unterschiedlich? Klar, das sind keine Themen, die leicht zu bearbeiten sind. In den News tauchen aber immer wieder Gesprächsanstösse auf, und es lohnt sich, mit den Kindern auch solche Diskussionen zu führen. Dafür musst du keine Datenschutzexpertin sein. Diese Apps und Tricks sollten Eltern kennen Wenn du dich als Elternteil noch nicht wirklich mit dem Thema Datenschutz befasst hast, ist das nicht schlimm. Hier findest du ein paar konkrete Apps und Tricks, die du deinem Kind weitergeben kannst. → Suchmaschine: Für viele Kinder sind das Internet und Google dasselbe. Dass Google nur eine Suchmaschine unter vielen ist, wissen die wenigsten. Es gibt datenschutzfreundlichere Dienste wie beispielsweise Qwant oder DuckDuckGo und noch einige mehr. Idealerweise richtest du auf all euren Geräten eine davon als Standardsuchmaschine ein. → Browser oder das Internetprogramm: Viele Browser wie Safari, Firefox oder Chrome setzen immer mehr auf Datenschutz. Als erwachsene Person lohnt es sich trotzdem, die Geschäftsmodelle im Blick zu haben. Safari gehört zu Apple, Chrome zu Google. Beide Konzerne verdienen ganz oder teilweise mit Werbung Geld. Dass diese Firmen Datenschutz nicht als oberste Priorität haben, ist nachvollziehbar. Näher am Thema sind Brave oder zumindest Firefox oder Opera. Das muss nicht heissen, dass auf Safari und Co. verzichtet werden muss. Vielmehr geht es auch hier um Aufklärung: Es gibt Unternehmen und Zusammenschlüsse, die sich bewusst für Datenschutz einsetzen. Und verschiedene Browser können für verschiedene Dinge genutzt werden. Insbesondere der Brave-Browser ist auch für Kinder und Jugendliche spannend. Er hat einen eingebauten Schutzschild: Ein Klick auf das Löwensymbol rechts in der Adressleiste öffnet das Menü «Schilde», und dort lässt sich live beobachten, wie Tracker (also Firmen, die Daten sammeln) blockiert werden.[3] Das macht Eindruck. → Kommunikation: In der Schweiz nutzen fast alle WhatsApp. Diese App gehört zum Meta-Konzern, der bis 2021 Facebook hiess. Damit kontrolliert eine Grossfirma, die ihr Geld mit Daten verdient, fast die ganze Chatkommunikation. Es lohnt sich, mit Kindern zu diskutieren, ob das okay ist. Zum Glück gibt es auch hier Alternativen, beispielsweise Signal oder Threema. Das heisst nicht, dass WhatsApp schlecht ist oder komplett gelöscht und verboten werden muss. Trotzdem lohnt es sich, darüber zu reden und für manches bewusst andere Chat-Apps einzusetzen. Besonders heikel wird es im Klassenchat, wo Regeln und Datenschutz die ganze Klasse betreffen. → Alternative Dienste: Bei der Kartennavigation gehören die Dienste von Google und Apple zu den besten, die es gibt. Aber auch da gibt es Alternativen: Apps, die auf den freien Daten von OpenStreetMap basieren. Am konsequentesten ist hier Organic Maps, eine quelloffene App der ursprünglichen Maps.me-Entwickler. Sie gibt im Play Store an, überhaupt keine Daten zu erheben.[4] MAPS.ME und OsmAnd Maps funktionieren ebenfalls mit OpenStreetMap-Daten, erklären dort aber, personenbezogene Daten zu erfassen.[4] → Logins: Bei vielen Apps ist es bequem, sich per Facebook- oder Google-Login anzumelden. Dass dann aber die grossen Firmen auf ziemlich viele Daten Zugriff haben, ist vielen nicht bewusst. Es lohnt sich also, für jede App ein eigenes Login anzulegen, auch wenn das manchmal etwas mühsam ist. Ein Passwortmanager nimmt euch die Merkarbeit ab; wie ihr Passwörter und Zwei-Faktor-Anmeldung als Familie organisiert, lässt sich in einem Abend einrichten. Was gilt, wenn die Daten schon draussen sind Datenschutz ist nicht nur Vorbeugen. Seit dem 1. September 2023 gilt in der Schweiz das revidierte Datenschutzgesetz.[1] Es gibt jeder Person zwei Werkzeuge in die Hand, die im Alltag wenig bekannt sind. Auch deinem Kind. Das eine ist das Auskunftsrecht. Jede Person darf von einem Unternehmen verlangen zu erfahren, ob und welche Daten über sie bearbeitet werden, woher diese stammen und an wen sie weitergegeben wurden.[1] Das Gesuch muss nicht begründet werden. Die Auskunft ist in der Regel kostenlos und kommt normalerweise innert 30 Tagen; nur wenn der Aufwand unverhältnismässig gross ist, darf eine Gebühr von bis zu 300 Franken anfallen.[2] Im Voraus darauf verzichten kann niemand.[1] Das andere ist das Recht auf Berichtigung und Löschung. Falsche Angaben müssen korrigiert werden, und über den Persönlichkeitsschutz lässt sich auch verlangen, dass Daten gelöscht oder gar nicht erst weitergegeben werden.[1] Für Jugendliche ist genau das oft die dringendere Frage: nicht «wie verhindere ich das?», sondern «wie bekomme ich das wieder weg?». Wenn ein Bild ohne Einwilligung im Netz steht, hilft die Anleitung Schritt für Schritt weiter, wie du es in der Schweiz löschen lässt. Solange Kinder klein sind, machen Eltern das für sie geltend. Je älter ein Kind wird, desto mehr kann es selber schreiben, nachfragen und nachhaken. Das ist die praktischste Form von Selbstbestimmung: zu wissen, dass man fragen darf. Für mehr Selbstbestimmung statt Verzicht Datenschutz heisst nicht, auf Geräte oder die Lieblingsapps verzichten zu müssen. Ziel ist die selbstbestimmte und bewusste Preisgabe von Informationen. Unter diesen Voraussetzungen können wir Instagram und Co. nutzen und gleichzeitig für Datenschutz sensibilisiert sein. Und wir sind auch nicht machtlos. Als Anfang 2021 neue WhatsApp-Nutzungsbedingungen für Aufregung sorgten, verschob der Anbieter den Stichtag vom 8. Februar auf den 15. Mai und dankte ausdrücklich allen, die sich gemeldet hatten.[5] Zusammen können wir etwas bewegen. Wir lassen uns nicht alles gefallen. Medienkompetenz mit dem Verein zischtig.ch Der Verein zischtig.ch setzt sich dafür ein, Kinder und Jugendliche auf ansprechende, verständliche, berührende und wirksame Weise vor Onlinesucht, Cybermobbing, Cybergrooming und anderen Gefahren zu schützen. Im Vordergrund stehen ein begeisternder Vermittlungsstil und die Befähigung zu einer gewinnbringenden, kreativen und sicheren Mediennutzung. Auf Familienleben.ch schreiben die Fachpersonen des Vereins regelmässig über Themen rund um Medienkompetenz. Mehr zu zischtig.ch und weitere Artikel. Quellen Bundesgesetz über den Datenschutz (Datenschutzgesetz, DSG), SR 235.1, konsolidierte Fassung: Fedlex – DSG (Inkrafttreten 1. September 2023, Art. 25 Auskunftsrecht, Art. 32 Rechtsansprüche), abgerufen am 21.08.2026. Eidgenössischer Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragter (EDÖB): Auskunftsrecht, abgerufen am 21.08.2026. Brave Help Center: Wie konfiguriere ich globale und standortspezifische Shields-Einstellungen?, abgerufen am 21.08.2026. Google Play, Abschnitt «Datensicherheit» der Entwicklerangaben: Organic Maps, abgerufen am 21.08.2026 (Vergleichswerte für MAPS.ME und OsmAnd ebenfalls dort). WhatsApp Blog: Mehr Zeit für unsere letzten Aktualisierungen, 15. Januar 2021, Archivfassung, abgerufen am 21.08.2026.