Leben > FamilienalltagKnackpunkt Kinderbetreuung: Wenn Oma andere Vorstellungen von Erziehung hat – und wie das Gespräch gelingtBerufstätige Eltern brauchen Betreuung für ihre Kinder – und oft sind es die Grosseltern, die sich kümmern. Doch die Vorstellungen darüber, wie die Betreuung gestaltet werden soll, können unterschiedlich sein. Dies kann zu Konflikten führen. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken InhaltsverzeichnisHemmschwellenTypischer Konfliktherd: SüssigkeitenMiteinander sprechenUnterschiedlichen RegelnNachfragen Wohltuende OffenheitHilfe holenMehr anzeigen Wenn Eltern und Grosseltern unterschiedliche Erziehungsansichten haben – zum Beispiel beim Medienkonsum –, helfen klärende Gespräche. Bild: Fizkes, Getty Images Viele Grosseltern hüten in der Schweiz mit grossem Engagement die Enkel. Für das Jahr 2016 beziffert das Bundesamt für Statistik diese unbezahlte Enkelbetreuung auf 160 Millionen Stunden. Damit zählen Grosseltern laut BFS genauso zu den Pfeilern der Kinderbetreuung wie Kindertagesstätten und schulergänzende Angebote.[1] Doch was tun, wenn die Auffassungen von Kindererziehung unterschiedlich sind? Hemmschwellen auf beiden Seiten Die unterschiedlichen Vorstellungen anzusprechen, falle beiden Seiten, Eltern wie Grosseltern, oft schwer. Das berichtete Irma Bachmann-Widmer 2021 im Gespräch mit familienleben.ch. Sie war damals Familienberaterin und Koordinatorin der Elternbildung bei der Fachstelle kompass in Solothurn und arbeitete in den Elternkursen «Starke Eltern – Starke Kinder» mit Eltern und Grosseltern. «Soll ich sagen, was mir nicht passt? Und wenn ja, wie?» Das sind Fragen, die sie in ihrem Arbeitsalltag immer wieder hörte. «Eltern haben die Sorge, die Grosseltern könnten sich kritisiert fühlen und verärgert reagieren, wenn sie Konfliktpunkte benennen. Auf der anderen Seite haben die Grosseltern Bedenken, sich in die Erziehung der Kinder einzumischen.» Typischer Konfliktherd: Süssigkeiten Der Umgang mit Süssigkeiten gehört zu den typischen unterschiedlichen Erziehungshaltungen. In vielen Fällen ärgern sich Eltern, wenn Grosseltern den Enkeln mehr Schoggi und Gummibärchen zustecken, als sie es tun würden. Irma Bachmann-Widmer: «Eltern wünschen sich oft auch, dass Grosseltern mit den Enkeln an den Betreuungstagen mehr an die frische Luft gehen und sie weniger den Medien überlassen.» Beim Thema Bildschirmzeit hilft es, mit Richtwerten nach Alter zu argumentieren statt mit dem eigenen Bauchgefühl. Grosseltern sehen die Erziehung der Enkel dagegen oft aus einer anderen Perspektive als die Eltern. «Sie haben bereits Erfahrungen als Eltern gemacht und bewerten heute im Rückblick manches anders.» «Weisst du, rückblickend sehe ich, der Schokoriegel war nicht so entscheidend für die gesamte Entwicklung», heisst es da zum Beispiel. Die Lösung: Miteinander sprechen! Vorschriften kommen nicht gut an. «Aber Eltern sollten ihre Wünsche und Vorstellungen auf jeden Fall äussern», so Irma Bachmann-Widmer. Ein gemeinsames Gespräch sei sinnvoll, sobald Grosseltern beginnen, ihre Enkel regelmässig, zum Beispiel ein bis zwei Mal pro Woche, zu betreuen. «Verständnis fördern – so lautet der Schlüssel, um zueinander zu finden.» Eltern sollten ihre Bedürfnisse erklären und zum Beispiel sagen, dass sie sich in der Verantwortung fühlen und ihr Bestes für ihre Kinder geben möchten. Sie könnten auch auf neuere Erkenntnisse hinweisen, etwa zur Bindung, Sicherheit und Ernährung, um zu erklären, warum ihnen gewisse Regeln wichtig sind. Kinder kommen mit unterschiedlichen Regeln zurecht Dennoch muss es nicht immer dazu kommen, dass sich die Grosseltern der Meinung der Eltern anschliessen. «Nein, das stimmt für mich gar nicht!» – auch so dürfen Grosseltern reagieren. Dann gilt es, einen Kompromiss zu finden. Zwingend notwendig ist er nicht, die Akzeptanz der unterschiedlichen Meinungen auf der Erwachsenenebene aber schon. «Unterschiedliche Regeln im Alltag können auch ein Lernfeld für Kinder sein», erklärte Irma Bachmann-Widmer. So erfahren sie zum Beispiel: «Bei Oma ist es nicht so wichtig, dass ich sofort die Schuhe ausziehe, wenn ich in die Wohnung komme. Zu Hause aber muss ich die Schuhe ausziehen, damit die Eltern weniger putzen müssen.» Auch in der Kita und in der Schule werden Kinder mit Regeln konfrontiert, die nicht mit den Regeln zuhause übereinstimmen. Natürlich darf das Kind die Regeln bei Oma und Opa besser finden. «Bei Oma ist es viel schöner», tönt es dann. Jetzt nur nicht in die Luft gehen! Wichtig ist es, gelassen zu bleiben, sich nicht verunsichern zu lassen, sich nicht zu rechtfertigen und einfach nur zuhören: «Ah, du geniesst es, dass du bei Oma mehr Süssigkeiten essen darfst. Das kann ich gut verstehen. Hier zuhause ist es anders.» Einfach nachfragen! Es gibt keine Regel, die klärt, wie viel Betreuung Eltern Grosseltern zumuten können. Was den einen zu viel ist, ist den anderen zu wenig. Wichtig ist, miteinander über die eigenen Bedürfnisse zu reden, um Missverständnisse auszuräumen. Manchmal aber trauen sich Grosseltern nicht zu sagen, dass ihnen die Betreuung zu viel geworden ist. «Ich habe Grosseltern kennengelernt, die sich mehr eigenen Freiraum wünschten, aber Angst hatten, die Kinder könnten ihnen aus einer Enttäuschung heraus die Enkel dann gar nicht mehr geben.» Um solchen schweren Konflikten vorzubeugen, können Eltern ihre Eltern fragen: «Was habt ihr für Träume? Wie wollt ihr euer Alter gestalten?» Sie können auch sagen: «Wir sind dankbar, dass ihr so viel Betreuung übernehmt. Aber wir haben auch Sorge, der grosse Einsatz könnte euch nicht recht sein.» Wird die Betreuung zur Dauerbelastung, geht es nicht mehr um Erziehungsstile. Anzeichen dafür sind ständige Müdigkeit, Gereiztheit oder ein Rückzug der Grosseltern aus dem eigenen Freundeskreis. Dann ist nicht der Schokoriegel das Thema, sondern der Umfang der Betreuung. Und der lässt sich neu aushandeln: weniger Tage, kürzere Zeitfenster, feste Ferienwochen ohne Enkel. Ein Beispiel für wohltuende Offenheit Irma Bachmann-Widmer erinnerte sich gut an eine Grossmutter, die beschloss, ihrem Sohn eine Mail zu schreiben, da ein Gespräch ihr zu schwierig erschien. Darin erklärte sie ihren Wunsch nach mehr Freiraum. «Eine Woche später berichtete sie strahlend, wie wunderbar ihr Sohn reagiert habe. Er hatte seiner Mutter zurückgeschrieben, er könne sie sehr gut verstehen und habe sich auch schon oft darüber Gedanken gemacht.» Danach hätten sich Grossmutter und Eltern an einen Tisch gesetzt, um die Kinderbetreuung zufriedenstellender aufzuteilen. Hilfe lässt sich holen Doch nicht immer schaffen es Eltern und Grosseltern, in ein gutes Gespräch zu kommen. In diesen Fällen wirken oft alte Wunden aus der Vergangenheit nach. Und Kommunikationsmuster, die den anderen abwerten, lassen sich nicht überwinden. Familienberatungen oder Erziehungsberatungen helfen weiter. Diese Stellen bieten oftmals Moderationen zwischen den Generationen an. Ziel ist es, allen Bedürfnissen Raum zu geben. Irma Bachmann-Widmer fasste es so zusammen: «Letztendlich geht es immer um gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung.» Wer rasch mit jemandem sprechen will, muss nicht auf einen Beratungstermin warten. Die Elternberatung von Pro Juventute ist unter 058 261 61 61 rund um die Uhr erreichbar und berät ausdrücklich auch bei Konflikten innerhalb der Familie.[2] Der Elternnotruf nimmt unter 0848 35 45 55 ebenfalls jederzeit Anrufe entgegen, kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. Er ist nicht nur für Eltern da, sondern auch für weitere Bezugspersonen, und ausdrücklich auch bei Überforderung und Gewalt.[3] Wer lieber vor Ort sprechen möchte, findet in fast jedem Kanton eine Erziehungs- oder Familienberatungsstelle. Eine Grenze ist dabei klar: Sobald ein Kind bei der Betreuung nicht mehr sicher ist, geht es nicht mehr um unterschiedliche Erziehungsstile. Das gilt etwa, wenn ein Kind geschlagen, gedemütigt oder allein gelassen wird. Dann braucht es ein sofortiges Gespräch, und wenn sich nichts ändert, eine Fachstelle von aussen. Bis dahin gilt: Die Verantwortung für die Erziehung bleibt bei den Eltern, auch an Betreuungstagen. Weiterführende Informationen: Der Elternkurs «Starke Eltern – Starke Kinder» von Kinderschutz Schweiz richtet sich an Mütter, Väter und ausdrücklich auch an Grosseltern in ihrer Aufgabe als Erziehende.[4] Einzelne Anbieter führen daneben eigene Grosseltern-Kurse. Die Fachstelle kompass in Solothurn etwa hat «Starke Grosseltern – Starke Kinder» im Kursprogramm. Welche Erziehungskurse es sonst noch gibt und wann sie sich lohnen, steht in unserem Überblick. Quellen Bundesamt für Statistik: Familienergänzende Kinderbetreuung (BFS Aktuell, Mai 2020; Daten der Erhebung zu Familien und Generationen 2016). Abgerufen am 24.08.2026. Pro Juventute: Elternberatung 24/7. Abgerufen am 24.08.2026. Elternnotruf: 24h-Telefonberatung. Abgerufen am 24.08.2026. Kinderschutz Schweiz: Starke Eltern – Starke Kinder. Abgerufen am 24.08.2026.