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Private Altersvorsorge: Weshalb sie für Frauen besonders interessant ist

In der Schweiz arbeiten viele Frauen in Teilzeit. Im Alter kann sich das rächen, denn sie haben nur geringe Rentenansprüche. Vermögens- und Vorsorgeberaterin Silvia Villars hat praktische Tipps für alle, die im Alter finanziell abgesichert sein wollen.

private Altersvorsorge ist für Frauen die Teilzeit arbeiten besonders wichtig.

Weil viele Frauen Teilzeit arbeiten, ist die private Vorsorge fürs Alter besonders wichtig für sie. Foto: Sorbetto, DigitalVision Vector, Getty Images Plus

Drei Tipps von Vorsorgeberaterin Silvia Villars

1 Planen Sie im Familienbudget einen fixen, regelmässigen Betrag als Investition für Ihre Altersvorsorge und legen Sie monatlich per Dauerauftrag einen Betrag für die 3. Säule an. Falls Sie gerade nicht erwerbstätig sind oder nicht in der 3. Säule ansparen, dann sparen Sie einen Teil in einem Aktienfondssparplan an.

2 Arbeiten Sie auch in der Familienphase weiter, anfangs im Teilzeit-Pensum und mehrheitlich mindestens 70 Prozent. Investieren Sie in Ihre Weiterbildung, erleben Sie Freude an Beruf und Karriere und bleiben Sie dran.

3 Es lohnt sich, Ihre Altersvorsorge aktiv zu gestalten. Holen Sie sich fachliche Unterstützung und lassen Sie sich beraten, am besten bei einer unabhängigen Vorsorgeberatung.

Frau Villars, seit 2016 unterstützen Sie als unabhängige Vermögens- und Vorsorgeberaterin auch in der Frauenzentrale Zürich Frauen, eine stabile Altersvorsorge aufzubauen. In welchen typischen Situationen sind die Kundinnen, die sich von Ihnen zum Thema Vorsorge beraten lassen wollen?

Silvia Villars: Weil uns das Thema Altersvorsorge lebenslänglich begleitet, ist bei uns eine breite Altersgruppe zwischen ca. 30 und 62 Jahren bei der Beratung vertreten. Die Familiensituationen sind unterschiedlich: die einen sind ledig, getrennt, geschieden oder verwitwet, die anderen verheiratet, im Konkubinat oder in registrierter Partnerschaft lebend. Genauso unterschiedlich ist auch die berufliche Situation – sie reicht von angestellt über selbständig erwerbend bis hin zu nicht erwerbstätig oder arbeitslos. Ein Grossteil der Frauen hat Kinder. Manchmal kommen auch die Partner oder Partnerinnen mit zur Beratung. Oft sind Veränderungen in der eigenen Lebenssituation, wie zum Beispiel Familiengründung, Scheidung, Selbständigkeit oder Pensionierung der Anlass für die Beratung.

In welchen Punkten unterscheidet sich die Situation der Frauen von der Situation der Männer bezüglich der Altersvorsorge?

Die Altersvorsorge ist mit unserer persönlichen Einkommensgeschichte verbunden. Je kleiner das Arbeitspensum, desto grösser die Vorsorgelücke. Selbst wenn Frauen bei gleicher Ausbildung wie die Männer keine Kinder haben, verdienen Frauen in der Regel weniger. Ein Grund dafür ist, dass sie bei Lohnforderungen und bei ihrer Karriereplanung oftmals weniger fokussiert und nachdrücklich sind. Zusätzlich fällt der Stolperstein Lohnungleichheit ins Gewicht.

Eine Untersuchung des Bundesamtes für Sozialversicherung zeigt, dass die Altersrenten von Frauen in der Schweiz im Vergleich zu jenen von Männern rund 37 Prozent tiefer sind.

Noch stärker werden die Unterschiede, wenn eine Familie gegründet wird.

Ja, denn noch immer sind es die Frauen, die sich weitaus mehr um die Kinder kümmern. So zahlen sie entsprechend weniger in die Altersvorsorge ein. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Sozialversicherung zeigt, dass die Altersrenten von Frauen in der Schweiz im Vergleich zu jenen von Männern rund 37 Prozent tiefer sind.

Kommen die Frauen mit konkreten Zielen zu Ihnen?

«Was erwartet mich im Alter?», wollen die Frauen wissen. «Reicht meine Vorsorge?» Ich arbeite heraus, wo Versorgungslücken sind und wie sich diese mit dem 3-Säulen-System – AHV/Staatliche Vorsorge,  Berufliche Vorsorge und Private Vorsorge – optimal schliessen lässt.

Wie verläuft die Beratung?

Es ist wichtig, konkrete Zahlen und Fakten vorliegen zu haben. Deshalb schicken mir die Frauen, die sich beraten lassen wollen, vorab Unterlagen zu. Dazu gehören der individuelle AHV-Kontoauszug, der aktuelle Leistungsausweis der Pensionskasse samt Reglement, falls vorhanden auch den Auszug der 3. Säule Konti, sowie  Kopien aller Lebensversicherungen-Policen, die letzte Steuererklärung mit Unterlagen zu Lohn, Alimenten und Liegenschaften-Erträgen. Alle Unterlagen werden selbstverständlich vertraulich behandelt. Wenn ich die IST-Situation bei Alter, Invalidität und Todesfall analysiert habe, folgt zwei Mal ein je einstündiges Gespräch. Im ersten Gespräch werden die Ausgangslage, die Möglichkeiten und die Wünsche geklärt. Bei einem zweiten Termin gibt es konkrete Empfehlungen für die Verbesserung der Altersvorsorge und Tipps zur Umsetzung sowie ein schriftlich ausgearbeitetes, persönliches Vorsorgedossier.

Welche Strategien greifen besonders gut?

Das hängt vom Einzelfall ab. Wichtig ist, überhaupt eine Strategie zu haben und diese konsequent umzusetzen. Eine sinnvolle Strategie für erwerbstätige Personen besteht darin, regelmässig in die 3. Säule, die Private Vorsorge, einzubezahlen – am besten per monatlichen Dauerauftrag direkt vom Lohnkonto. Eine weitere Strategie kann sein, das Einkaufspotenzial in der Pensionskasse zu prüfen. Denn oft haben Frauen durch Erwerbsunterbrüche Einkaufspotenzial. Der freiwillige Einkauf erhöht die zukünftigen Altersrenten. Auch Wohneigentum kann eine gute Altersvorsorge sein. Und wer langfristig, mindestens acht bis zehn Jahre lang, investieren kann, liegt mit Aktien und Aktienfondsparplänen gut. Je länger der Zeitraum, desto mehr erwirtschaftet man auf seinem Konto.

Den idealen Zeitpunkt, um mit der Vorsorge zu beginnen, markieren der Beginn des Berufslebens und die ersten Lohneinnahmen.

Was ist bei Familiengründung zu beachten?

Wer eine Familie gründet oder Versorgungspflichten hat, sollte prüfen, wie die Todesfall- und Hinterbliebenenleistungen sind. Gibt es Lücken, kann man diese mit einer Risikoversicherung gegen Todesfall und Invalidität abdecken.

Wie steht es um alleinerziehende Mütter?

Unverheiratete Mütter mit Kindern partizipieren im Trennungsfalle nicht vom Splitting der Pensionskasse und AHV ihrer Partner. Dafür braucht es Konzepte zur Kompensation der Altersvorsorge und einen Konkubinatsvertrag.

Ist es für die Vorsorge irgendwann zu spät?

Ab 55 Jahren, wenn bis dahin keine Vorsorge aufgebaut wurde, ist es echt knapp. Und wenn sich jemand kurz vor der Pensionierung meldet, gibt es nur noch wenige Wege zur Verbesserung der finanziellen Situation. Vielleicht ist es denkbar, in ein südliches Land zu ziehen, in dem die Lebenshaltungskosten geringer sind? Eventuell ist es möglich, länger als 64 – das ist das derzeitige Rentenalter der Frau – zu arbeiten und damit länger in die 3. Säule einzuzahlen und erst später mit dem Vermögensverzehr bzw. der Rentenauszahlung zu beginnen. Oder vielleicht ergibt sich die Option, Kapital zu erben?

Wann ist der ideale Zeitpunkt, mit der Vorsorge zu beginnen?

Je früher, desto besser. Den idealen Zeitpunkt markieren der Beginn des Berufslebens und die ersten Lohneinnahmen – auch dann, wenn sie am Anfang noch gering sind. Wichtig ist, die Vorsorge direkt im Budget einzuplanen. Also: Direkt am Monatsende einen Betrag für die Vorsorge als Investition einsetzen! So wird regelmässig in die 3. Säule oder in einen monatlicher Fondssparplan eingezahlt. Auf diese Weise wird Altersvorsorge zur Gewohnheit. Das gilt natürlich auch für Männer.

Meine Erfahrung ist, dass sich die Mehrheit der Frauen zu sehr auf ihre Männer verlässt. Das ist risikoreich, denn fast jede zweite Ehe wird geschieden.

Glauben Sie, dass sich Frauen zu wenig um ihre finanzielle Sicherheit kümmern?

Meine Erfahrung ist, dass sich die Mehrheit der Frauen zu sehr auf ihre Männer verlässt. Das ist risikoreich, denn fast jede zweite Ehe wird geschieden. Und viele der Frauen, die eine gute Ausbildung haben, arbeiten – sobald sie Kinder haben – lange Teilzeit und verdienen dadurch weniger.

Woran liegt das?

Frauen finden es oftmals spannender sich mit Gesundheit, Pädagogik, Kultur und Gesellschaft zu beschäftigen. Das sind zweifelslos sehr wichtige Themen, doch zur selbstverantworteten Frau gehört meiner Meinung nach ebenso, sich mit Finanzen, Geld und Wirtschaft zu beschäftigen. Frauen unterschätzen oftmals den Faktor Vorsorge- und Anlagekompetenz, sind zu wenig zielgerichtet in der beruflichen Karriereplanung bzw. fordern von ihren Partnern zu wenig ein, dass diese auch einen wesentlichen Beitrag bei der Rollenverteilung Haushalt und Familie leisten. 

Kann man Frauen guten Gewissens zur Teilzeitarbeit raten?

Nein. Wenn eine Frau 10 oder 15 Jahre nur 30 oder 40 Prozent arbeitet, ist das zu wenig, um eine gute Vorsorge aufzubauen. Was für Paare gut passt, ist eine 80:80-Regelung – das heisst: Beide Elternteile bzw. beide Partner arbeiten nicht Vollzeit, sondern 80 Prozent.

Was muss sich in der Schweiz ändern, damit Frauen im Alter mit Männern finanziell gleichgestellt sind?

Frauen sollten ihre finanzielle und wirtschaftliche Selbstbestimmung selber mehr in die Hand nehmen. Junge Menschen müssten sich grundsätzlich schon in der Schule Vorsorge- und Finanzwissen aneignen können. Bei sehr ungleichem Verdienst und mehrheitlicher unentgeltlicher Familienarbeit der Frau sollten Frauen den Mut aufbringen, ihre Partner zu verpflichten, für Sie als Kompensation in die 2. oder 3. Säule einzuzahlen. Es sollten neue, innovative Konzepte der ausserfamiliären Kinderbetreuung entwickelt werden. Ausserdem wünsche ich mir eine Zeitlang Frauenquoten in der Wirtschaft, damit Frauen konsequenter beruflich aufsteigen und vermehrt Führungspositionen übernehmen. Und grundsätzlich wichtig – sowohl für die weibliche, als auch männliche Bevölkerung – sollten das Vorsorgesystem entpolitisiert und Reformen zügig umgesetzt werden. 

Frauen Mut und Zuversicht geben

Silvia Villars arbeitet seit über 20 Jahren als selbstständige und unabhängige Vermögens- und Vorsorgeberaterin. Einen Teil ihrer Arbeitszeit verbringt sie in der Frauenzentrale Zürich, um dort Frauen zu unterstützen, Ziele und Wege zur stabilen Altersvorsorge festzulegen.

An ihrer Arbeit gefällt ihr, klare, verständliche Konzepte und Methoden zu vermitteln, damit Frauen Mut und Zuversicht entwickeln, selber zu wählen, wie sie ihre Vorsorge ausgestalten. Sie freut sich stets, wenn Frauen feststellen, dass Vorsorge und Finanzen ein sehr vielfältiges, spannendes Thema sind.

Weitere Informationen: Villars & Villars AG, Zürcher Frauenzentrale.