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Ist die Schweiz familienfreundlich? Was unsere Leserinnen und Leser sagen – und was sich seit der Unicef-Studie geändert hat

Die Schweiz sei das familienunfreundlichste Land im europäischen Vergleich: Das hielt Unicef 2019 in einer viel beachteten Studie fest. Wir haben damals nachgefragt, wie Eltern das sehen: in Zürich und auf unseren öffentlichen Facebook- und Instagram-Seiten. Diese Antworten stehen hier unverändert, dazu ordnen wir ein, was die Studie wirklich gemessen hat und was sich seither geändert hat.

Wir haben nachgefragt, ob unsere Leser die Schweiz familienfreundlich finden.
Ist die Schweiz familienfreundlich oder stimmt die Einschätzung von Unicef, derzufolge es viel Nachholbedarf gibt? Foto: Walter Schoendorf, Unsplash

Laut der Unicef-Studie vom Juni 2019 bot kein anderes der verglichenen europäischen Länder schlechtere Bedingungen für Familien als die Schweiz [1]. Die Zahlen dahinter stammen aus dem Jahr 2016. Zu einem ähnlichen Schluss kam eine frühere Erhebung unter Schweizer Eltern.

Was die Unicef-Studie wirklich sagt

Unicef verglich 41 Länder der OECD und der EU, in die Rangliste kamen aber nur 31 davon [1]. Für die übrigen zehn fehlten vergleichbare Daten. Die Schweiz belegte den letzten Platz dieser 31, hinter Zypern und Griechenland [1].

Bewertet wurden vier Punkte: der bezahlte Urlaub für Mütter, der bezahlte Urlaub, der allein den Vätern zusteht, und die Betreuungsquoten in zwei Altersgruppen [1]. Zwei davon zogen die Schweiz nach unten. Beim Vaterschaftsurlaub stand eine Null, weil es damals keinen gab [1]. Beim Mutterschaftsurlaub rechnete Unicef acht Wochen an, also Dauer und Lohnersatz zusammengenommen und gemessen an einem Durchschnittslohn [1].

Bei der Betreuung sah es anders aus. 30 Prozent der unter Dreijährigen besuchten eine Kita, das ergab Rang 17 von 41 [1]. Bei den Kindern ab drei Jahren waren es 66 Prozent und Rang 27 [1].

Die Umfrage unten haben wir im Juni 2019 gesammelt, kurz nachdem die Studie erschienen war, sie gibt also den Stand von damals wieder. Schon eine frühere Umfrage unter unseren Userinnen und Usern fiel kritisch aus.

Unsere Umfrage auf Instagram

Und auch bei unserer Umfrage gab es mehr kritische Wortmeldungen gegenüber der Schweiz als lobende. So schreibt eine Instagram-Userin: «Traurig!! Mutter sein und arbeiten in der Schweiz ist die schwierigste Sache!!»

Ein anderer Instagram-User lebt seit 25 Jahren in der Schweiz und hat seit vier Jahren eine Tochter. Seine Bilanz zum Thema: «Familienleben und Berufliches in Einlang zu bringen ist – ohne dass einer der Eltern in den sauren Apfel beissen muss – schier unmöglich.» In der Schweiz sei es ein Luxus, Kinder zu haben.

Dem kann ein weiterer Instagram-User nur zustimmen: «Vor allem für finanziell schlechter gestellte Familien ist es täglich ein Überlebenskampf.» Drei Monate Mutterschutz seien viel zu wenig, es sollten bessere Möglichkeiten geschaffen werden.

Unsere Umfrage auf Facebook

Bei unserer Umfrage auf Facebook fielen die Antworten etwas ausgewogener aus, doch auch hier überwiegen diejenigen, die die Schweiz für nicht besonders familienfreundlich halten. So schreibt eine Userin, sie habe sechs Kinder und empfinde die Schweiz nicht als familienunfreundlich. Sie erhält Zustimmung einer anderen Userin, die zwar der Meinung ist, dass man noch etwas verbessern könnte, aber sicher sei die Schweiz nicht das familienunfreundlichste Land.

Andere widersprechen. So diese Userin: «Nur drei Monate Mutterschaftsurlaub, kein Vaterschaftsurlaub, Kindergarten erst ab fünf Jahren, und und und.» Als berufstätige Mutter finde man kaum einen Kita-Platz – und wenn, dann sei er viel zu teuer. Auch ein weiterer User kritisiert die Schweiz: Mutterschaftsurlaub und Vaterschaftsurlaub, KiTa-Auflagen, die dem Kantönligeist unterliegen, Lohnungleichheiten und der gesellschaftliche Umgang mit Familien lassen seiner Meinung nach zu Wünschen übrig.

Unsere Umfrage in Zürich

Wir haben nicht nur auf Social Media nachgefragt, sondern sind auch direkt auf die Menschen in Zürichs Strassen zugegangen.

1 Stefanie, 34 Jahre alt, ein Kind (6 Wochen):

«Die gesetzlichen Regelungen zum Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub sind nicht zufriedenstellend. Das Problem liegt am Schweizer System und auch an den gesellschaftlichen Einstellungen. Dass ein Vater Hausmann ist oder man wirklich zusammenarbeitet ist hier gar nicht möglich. Ausserdem wird bei einem Vorstellungsgespräch der Mann nicht gefragt, ob Kinder und Job für ihn vereinbar sind, sondern nur die Frau. Das liegt am Sexismus hier in der Schweiz.»

2 Kristina, 34 Jahre alt, ein Kind (9 Monate):

«Es kommt darauf an, worauf man schaut. Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub werden in anderen Ländern sicherlich besser subventioniert. Aber ansonsten sind die Schweizer sehr familienfreundlich. Kitas und Elternberatung sind hervorragend. Ausserdem sind die Hebammen und die Betreuung in den Spitälern viel besser als zum Beispiel in Deutschland.»

3 Theresa, 28 Jahre alt, zwei Kinder unter zwei Jahren

«Ich mache mehr positive als negative Erfahrungen im Alltag. Es gibt zum Beispiel viele kinderfreundliche Restaurants. Aber der Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub sind wirklich nicht zufriedenstellend geregelt.»

4 Olav, 45 Jahre alt, ein Kind (10 Monate):

«Die Schweiz sollte sich in puncto Vaterschaftsurlaub etwas von Deutschland abschauen.»

5 Tanja, 44 Jahre alt, zwei Kinder (zweieinhalb und fünfeinhalb Jahre):

«Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub sind in anderen Ländern im Gesetz unter deutlich besseren Konditionen geregelt. Aber man kann ja nicht alles haben. Ansonsten weiss man zum Beispiel bei Restaurants irgendwann, wo man besser nicht mehr hingeht. Die alten Trams sind sehr hoch, da ist es schwierig einzusteigen. Zwar hilft einem immer jemand, aber es ist einfach mühsam, zu fragen.»

Was sich seit der Umfrage geändert hat

Mehrere Stimmen oben kritisieren den fehlenden Vaterschaftsurlaub. Diesen Punkt gibt es so nicht mehr.

Seit dem 1. Januar 2021 hat der andere Elternteil Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Urlaub. Das sind zehn Urlaubstage bei einem Vollzeitpensum, zu beziehen in den ersten sechs Monaten nach der Geburt [2]. Entschädigt werden 80 Prozent des vorherigen Lohns, höchstens aber 220 Franken pro Tag [2]. Anspruch hat der Vater oder die Ehefrau der Mutter [2]. Wie du die zwei Wochen einteilst, zeigen wir dir hier.

Am Mutterschaftsurlaub hat sich dagegen nichts geändert: Er dauert weiterhin 14 Wochen oder 98 Tage. Auch hier sind es 80 Prozent des Lohns und höchstens 220 Franken pro Tag [3]. Welche Rechte dir in dieser Zeit zustehen, liest du hier.

Bei der Kinderbetreuung blieb der Rückstand: Unicef hat 2021 nachgelegt und die Länder allein nach Betreuungsangebot und Elternurlaub sortiert. Dort lag die Schweiz auf Rang 38 von 41 [4]. Eine neue Gesamtrangliste zur Familienfreundlichkeit hat Unicef seit 2019 nicht mehr veröffentlicht.

Für wie familienfreundlich hältst du die Schweiz? Hinterlasse uns einen Kommentar.

Kinderfreundliche Schweiz

Mancherorts ist die Schweiz zumindest besonders kinderfreundlich. Unicef Schweiz und Liechtenstein zeichnet Gemeinden aus, die die UNO-Kinderrechtskonvention vor Ort umsetzen [5]. Rüti im Kanton Zürich erhielt das Label im März 2026 als 76. Gemeinde [5]. Wie die Zertifizierung abläuft, liest du hier.

Quellen

  1. Unicef Office of Research – Innocenti: Are the world's richest countries family-friendly? Policy in the OECD and EU, Juni 2019 (abgerufen am 18.08.2026)
  2. Informationsstelle AHV/IV: Merkblatt 6.04 – Entschädigung des andern Elternteils (EAE), Stand 1. Januar 2024 (abgerufen am 18.08.2026)
  3. Informationsstelle AHV/IV: Merkblatt 6.02 – Mutterschaftsentschädigung (MSE), Stand 1. Januar 2025 (abgerufen am 18.08.2026)
  4. Unicef Office of Research – Innocenti: Where do rich countries stand on childcare?, Juni 2021 (abgerufen am 18.08.2026)
  5. Unicef Schweiz und Liechtenstein: Rüti (ZH) wird «Kinderfreundliche Gemeinde», 7. März 2026 (abgerufen am 18.08.2026)

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