Zum Inhalt
Leben > Gesellschaft & Werte

Solltest du mit deinem Kind über den Krieg sprechen? Ja, aber... und wann Hilfe nötig ist

Krieg in den Nachrichten macht Angst. Aber auch wenn wir uns um unsere Kinder sorgen: Angst haben vor allem wir Erwachsenen. Kinder- und Jugendpsychologe Philipp Ramming erklärt, warum es wichtig ist, mit Kindern über Krieg und seine Folgen zu sprechen. Aber erst, wenn du deine eigenen Gefühle und Informationen eingeordnet hast. Und nur, wenn dein Kind das auch wirklich will und braucht. Wie du die Lage erklärst, auf Ängste reagierst und woran du merkst, dass dein Kind fachliche Hilfe braucht.

Mädchen sitzt auf Schaukel in einer düsteren, heruntergekommenen Gegend.
Schaukeln, auch wenn die Welt verrückt spielt: Kinder sind bis zu einem gewissen Alter vor allem an ihrem Alltag interessiert. © Unsplash, Artem Maltsev

Zerbombte Wohnhäuser, Panzerkolonnen, Menschen auf der Flucht: Bilder und Nachrichten aus Kriegsgebieten erschrecken, sie machen Angst und beschäftigen. Auch Kinder bekommen mit, was passiert. Oder zumindest, dass etwas passiert. Was sagen wir ihnen? Wir haben Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe und Experte für Konfliktbewältigung im Kindesalter, um Rat gefragt.

Zur Einordnung: Dieses Interview entstand am 1. März 2022, in den ersten Tagen des russischen Angriffs auf die Ukraine. Die Fragen nennen deshalb diesen Krieg. Rammings Antworten gelten unabhängig davon: für jeden Krieg und jede Krise, die dein Kind über Nachrichten, Pausenplatz oder Handy erreicht. Die Anlaufstellen und die Hinweise zu Warnzeichen weiter unten haben wir im August 2026 geprüft und aktualisiert.

Philipp Ramming

Philipp Ramming ist Kinder- und Jugendpsychologe und Experte für Konfliktbewältigung und Lebenskrisen im Kindes- und Jugendalter. Von 2012 bis 2021 präsidierte er die Schweizerische Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP), die ihn 2024 zum Ehrenmitglied ernannte.

Herr Ramming, wie erklären wir Kindern, was in der Ukraine gerade vor sich geht? 

Bevor wir unserem Kind die Situation erklären, müssen wir uns über unsere eigenen Gefühle und Fragen klar werden. Sonst befriedigen wir damit nur unsere persönlichen Bedürfnisse: Indem wir unseren Kindern die Geschehnisse erklären und beschwichtigen, versuchen wir, uns selbst zu beruhigen und zu versichern. 

Wir sollten Kinder kein Konfliktthema aufdrängen, wenn es in ihrem Alltag nicht relevant ist.

Sollten wir also besser nicht über den Krieg sprechen?

Doch – auf jeden Fall. Aber nur, wenn das Kind dies braucht und will und dann nur in dem Ausmass, indem es dies braucht. Dies ist je nach Alter sehr unterschiedlich. Eltern müssen erst herausfinden, ob und wie die Geschehnisse das Kind beschäftigen und welche Antworten es von ihnen braucht. 

Heisst das, man soll Kinder nicht proaktiv über den Krieg in der Ukraine und die aktuelle Gefahr aufklären?

Eltern sollten ihrem Kind kein Thema «aufdrängen», von dem es sich nicht betroffen fühlt. Vor allem kleine Kinder interessieren sich hauptsächlich für ihren Alltag – sie wollen spielen, essen, schlafen, etwas erleben. Der Krieg in der Ukraine und die Lage in Europa ist für sie nicht von Interesse. Es ist trotzdem wichtig, dass wir aufmerksam sind und merken, ob und wann das Kind etwas mitbekommen hat zum Thema. Ist dies der Fall müssen wir seine Fragen und Bedürfnisse wahrnehmen. Sobald ein Kind im steten Austausch mit anderen Kindern ist, also spätestens im Schulalter, wird es vermutlich auch mit dem Weltgeschehen konfrontiert. Eltern müssen dann Orientierung bieten, Informationen einordnen und erklären.

Buchtipp Krieg

Mama, was genau ist ein Krieg?
Bilderbücher helfen dabei, solche Fragen kindgerecht zu erklären. Zum Beispiel «Wie ist es, wenn es Krieg gibt? Alles über Konflikte» von Louise Spilsbury, illustriert von Hanane Kai, aus der Reihe «Grosse Fragen kindgerecht erklärt» im Gabriel Verlag.

Wie machen wir das am besten?

Offen, ehrlich und kindgerecht. Sagen Sie Ihrem Kind die Wahrheit - auch wenn sie unangenehm, schrecklich und schwierig zu erklären ist. Vor allem aber: Zeigen sie auf, dass es Lösungen und eine Zukunft gibt. Schwierige Zeiten bieten auch Chancen. Jetzt können Sie Ihrem Kind zeigen, dass Sie in jeder Lebenslage eine vertrauensvolle Ansprechperson sind. Das Kind soll spüren, dass es mit seinen Sorgen und Gefühlen nicht alleine ist, dass Sie da sind und dass alles gut wird.

SRF Kids News: Das Weltgeschehen kindgerecht erklärt

Wenn ein Kind es genauer wissen will, können spezielle Kindernachrichten helfen. Mehrere Medien haben ein kindgerechtes Angebot, unter anderem das SRF. Die Sendung hiess früher «SRF Kinder-News» und läuft heute unter dem Namen «SRF Kids News».

Der folgende Beitrag stammt vom 19. Februar 2022. Er erklärt Kindern, was damals im Osten Europas geschah.

Tipp vom Experten: Auch wenn eine Sendung für Kinder gemacht ist, schau sie dir zuerst allein an. So merkst du, ob sie dein Kind überfordert. Danach begleitest du es: «Schauen Sie sich den Beitrag danach gemeinsam an und diskutieren Sie das Gesehene», rät Philipp Ramming.

Wie viel Bildschirmzeit Kindern in welchem Alter guttut, zeigen die Richtwerte nach Alter.

Das klingt gut – nur wie erklärt man kindgerecht, was Krieg bedeutet?

Brechen Sie die grossen Weltthemen herunter: Bei einem Krieg geht es um Streit, um Konflikte, um Gewalt und Tod. Mit diesen Begriffen können auch schon kleinere Kinder etwas anfangen. Nutzen Sie die Chance, in diesem Moment auch über Moral und Ethik zu sprechen und dem Kind die Bedeutung davon näher zu bringen. Bei Kindern im Jugendalter ist dann nicht mehr das Erklären wichtig, sondern das gemeinsame Einordnen: Woher stammt die Information, die es hat, ist sie vertrauenswürdig und was bedeutet sie?

Brechen Sie herunter, was Krieg bedeutet: Sprechen Sie über Streit, Gewalt und auch den Tod, nutzen Sie die Chance, zu erklären was Moral und Ethik bedeutet.

Stichwort Medienkompetenz...

Genau. Wie auch wir Erwachsenen sind Jugendliche einer grossen Informationsflut ausgesetzt – nicht alles, was wir lesen ist auch wahr und nützlich. Jugendliche müssen lernen, diese Informationen zu bewerten und einzuordnen. Und auch, sich einmal Pausen davon zu gönnen... All dies ist natürlich auch für uns Erwachsene wichtig.

Fake News: Am meisten Einfluss hat immer noch das Umfeld

Medien können Orientierung geben und helfen, Zusammenhänge zu verstehen. Aber genauso können sie ein falsches Bild vermitteln, Unwahrheiten verbreiten und im Extremfall Hass oder Hetze provozieren. Genau darum lohnt es sich, dass du dich mit dem Medienkonsum deines Kindes auseinandersetzt und den Dialog suchst. Tipps zum Thema Fake News von Medienwissenschaftlerin Céline Külling.

Wir sprechen nun bereits von den Erwachsenen - haben Sie als Psychologe noch einen Tipp für die Eltern? Wie sollen diese selbst mit der aktuellen Situation umgehen?

Schützen Sie sich vor der Informationsflut: Konsumieren Sie Medien bewusst und nur zu bestimmten und begrenzten Zeiten. Wenn Sie merken, dass Sie die Geschehnisse überfordern und Sie die Gefühle überwältigen, wenden Sie sich an eine Vertrauensperson – Ihren Partner oder Partnerin, einen Freund oder eine Freundin. Sprechen Sie über Ihre Gefühle und Ängste. Wenn dies nicht die gewünschte Sicherheit und Ruhe bringt: Holen Sie sich unbedingt Hilfe. Ab und zu braucht es Unterstützung und Orientierung von aussen, auch wenn das nur kurzfristig ist. Das ist wichtig. Denn Sie können Ihrem Kind nur helfen, wenn Sie zuerst sich selbst helfen.

Woran du merkst, dass dein Kind fachliche Hilfe braucht

Nach belastenden Nachrichten reagieren Kinder oft mit Bauch- oder Kopfschmerzen, Albträumen oder Schlafstörungen. Auch Trauer und Wut können hochkommen. Das sind normale Antworten auf ein aufreibendes Ereignis, und meist dauern sie nur kurz.[2]

Genauer hinschauen solltest du, wenn:

  • dein Kind über längere Zeit antriebslos wirkt oder sich vermehrt zurückzieht. Das gilt als Alarmzeichen.[1]
  • Beschwerden wie Albträume, Bauch- oder Kopfschmerzen über einen längeren Zeitraum anhalten. Dann braucht dein Kind möglicherweise fachliche Unterstützung.[2]
  • Bilder oder Videos von Kriegshandlungen Panikattacken oder Zukunftsangst auslösen oder bedrückende Gefühle und Gedanken wochenlang anhalten. Dann solltest du dir professionelle Hilfe holen, für dein Kind oder für dich selbst.[1]

Sprich das Thema behutsam an und biete Hilfe an, statt zu warten. Eltern und Erziehungsberechtigte können sich vertraulich an die Pro Juventute Elternberatung wenden, Kinder und Jugendliche erhalten beim 147 kostenlose Unterstützung. Beide Nummern stehen unten. Welche Warnzeichen bei älteren Kindern dazukommen, liest du in unserem Beitrag zur psychischen Gesundheit von Teenagern.

Wenn es zu viel wird: Hilfe für Eltern und Kinder

Tipps, wie Kinder und Eltern in schwierigen Zeiten Entspannung finden, gibt Familiencoach Maya Risch hier. Wenn das nicht reicht und du merkst, dass dich die Lage stark belastet oder dass du deinem Kind nicht mehr die Unterstützung geben kannst, die es braucht: Hol dir Hilfe.

Rund um die Uhr erreichbar

Die Dargebotene Hand – Telefon 143, rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr. Die Beratung ist kostenlos, je nach Telefonanbieter fallen Verbindungsgebühren an.[4] Zum Kontakt

Pro Juventute 147 – Telefon 147 für Kinder und Jugendliche selbst, rund um die Uhr, kostenlos und vertraulich. Auch per Chat, WhatsApp und E-Mail. Zum Kontakt

Pro Juventute Elternberatung – Telefon 058 261 61 61 für Eltern und Bezugspersonen, rund um die Uhr und kostenlos.[3] Zur Beratung

Elternnotruf – Telefon 0848 354 555, rund um die Uhr, kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. Zur Website

Nur zu festen Zeiten erreichbar

Pro Mente Sana – Telefon 0848 800 858, kostenlose psychosoziale und juristische Beratung, Montag bis Freitag zu festen Sprechzeiten. Zu den Sprechzeiten

Angst- und Panikhilfe Schweiz – Telefon 0848 801 109 zu den publizierten Hotline-Zeiten, höchstens 8 Rappen pro Minute. Wer anruft, muss zu Beginn Name, Geburtsdatum und Telefonnummer angeben.[5] Zur Hotline

Psychologinnen und Psychologen in deiner Nähe finden: Psyfinder der FSP

Weiterführende Informationen rund ums Thema

Tod, Gewalt, Krieg: Wie viel Wahrheit vertragen unsere Kinder? Zum Artikel

Wie Kinder lernen, mit schwierigen Situationen fertigzuwerden: Zum Artikel über Resilienz

Etwas tun hilft gegen das Gefühl der Ohnmacht. Wie ihr als Familie Flüchtlingskinder unterstützen könnt: Zum Artikel

Quellen

  1. Pro Juventute: Angst wegen Kriegen und Konflikten – was tun, wenn die Psyche leidet? (abgerufen am 24.08.2026)
  2. UNICEF Schweiz und Liechtenstein: 9 Tipps, wie Sie mit Kindern über Krieg und Konflikte sprechen können (abgerufen am 24.08.2026)
  3. Pro Juventute: Elternberatung rund um die Uhr (abgerufen am 24.08.2026)
  4. Die Dargebotene Hand: Kontakt für Hilfesuchende (abgerufen am 24.08.2026)
  5. Angst- und Panikhilfe Schweiz: Hotline (abgerufen am 24.08.2026)

0 Kommentare

?

Meistgelesene Artikel

Anmelden oder Registrieren

Melde dich kostenlos an und diskutiere mit anderen Eltern und speichere deine Artikel.
Anmelden Registrieren

Speichere deine Artikel

Logge dich ein oder erstelle einen Account und du kannst deine Artikel für später speichern.
Anmelden Registrieren