Alkoholsucht: Hilfe für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Die Alkoholsucht der Eltern hat auch Einfluss auf die Kinder.

Alkoholsucht ist immer noch ein Tabuthema.

Sicher ist es aber ungewöhnlich, dass Kinder selbst Hilfe suchen.

Kinder kommen nicht von selber zu uns. Bei Jugendlichen sieht es etwas anders aus. In den meisten Fällen merken der Schulsozialarbeiter oder Lehrer, dass es einem Kind nicht gut geht und es seine üblichen Leistungen nicht mehr bringt. Über das Elterngespräch wird versucht, herauszubekommen, was in der Familie los sein könnte. Bis es zu einer Anmeldung bei uns kommt, ist es häufig ein sehr langer Weg. Wir kennen aber auch einige Jugendliche, die sich enorm gegen die Situation zu Hause wehren und sich zum Beispiel einem Lehrer anvertrauen. Das ist aber selten.  Schon eher kommen Mütter auf uns zu, die sich bereits vom alkoholabhängigen Partner getrennt haben, die realisieren, dass ihr Kind Hilfe bräuchte.

Wie können Kinder besser erreicht werden?

Alkoholabhängigkeit ist nach wie vor ein Tabuthema, obwohl 5 Prozent der Schweizer Bevölkerung davon betroffen sind und 10 bis 15 Prozent einen problematischen Umgang mit Alkohol pflegen. Auch, dass Kinder unter einem alkoholkranken Elternteil leiden, geht oft vergessen. Indem wir einerseits das Angebot für Kinder zur Verfügung stellen und andererseits immer wieder versuchen das mediale Interesse auf dieses Thema zu lenken und wir uns mit den relevanten Institutionen vernetzen, können wir hoffentlich die Hemmschwelle, Hilfe zu beanspruchen, senken.

Deshalb gibt es bei Ihnen, der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme, eine Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Was wird in der Gruppe für Kinder gemacht?

Der Vorteil der Gruppe ist, dass ein Austausch untereinander stattfinden kann. Die Kinder erfahren, dass sie nicht allein mit dem Problem sind. Wir schliessen in der Gruppe Informationslücken: Was ist Alkoholsucht? Wie wirkt sie? Die Kinder bringen ihre Erfahrungen ein. Sie setzen sich ausserdem mit einem Thema auseinander, das wir oder sie vorgeben. Anhand von Geschichten setzen sie sich mit Themen wie Scham, Schuld, Angst oder Nein sagen auseinander. So erhalten sie Ideen für ihren Alltag. Es gibt ausserdem Theaterspiele, Rollenspiele oder wir malen. In der Gruppe wird viel gelacht und es gibt Zvieri. Es geht auch darum, es schön miteinander zu haben.

Welchen Erfolg haben Sie mit diesem Angebot?

Ich begleite die Kinder über eine gewisse Zeit und beobachte natürlich deren Entwicklungsschritte. Das ist ein Teil meines Jobs. In Gesprächen mit der Mutter oder dem Vater erhalte ich zusätzliche Rückmeldungen bezüglich der Situation zu Hause und wie sich das Kind darin verhält. Aber auch die Kinder selber teilen sich mit. Auf den Feedbackfragebogen lesen wir zum Beispiel auf die Frage: Was ist das wichtigste, was ich gelernt habe? «Ich kann nichts dafür, dass meine Eltern Alkoholprobleme haben.» «Ich bin nicht schuld, dass mein Papi trinkt.» «Ich habe Sicherheit, dass ich nicht allein bin.» «Ich habe weniger Stress.» Es kann auch sein, dass parallel zum Kurs, den die Kinder machen, der Vater oder die Mutter aufhören zu trinken, was dem positiven Prozess des Kindes natürlich am förderlichsten ist

Das ist aber sicher selten.

Nein. Wir gehen davon aus, dass Sucht eine Erkrankung ist, die man zum Stillstand bringen kann. Kinder sind ein Lebensinhalt: Mit ihnen will man es sich in der Regel nicht verspielen. Wir erheben zum Beispiel Zahlen zum Alkoholkonsum unserer erwachsenen Klientinnen und Klienten bei Eintritt. Von denjenigen, egal ob Eltern oder kinderlos, die nach vier oder mehr Konsultationen die ZFA wieder verlassen, haben 43 Prozent eine Alkoholabstinenz erreicht und weitere 32 Prozent reduzierten ihre Konsummenge während dieser Zeit um durchschnittlich 70 Prozent.

Interview: Angela Zimmerling im Oktober 2011

Renate Gasser ist Kinderpsychologin bei der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme.

Renate Gasser

Renate Gasser ist Psychotherapeutin sowie Kinder- und Jugendpsychologin bei der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme (ZFA). Sie leitet die Gruppe für Kinder aus alkoholbelasteten Familien und führt auch Einzeltherapien durch. In Bern hat sie Kinder- und Jugendpsychologie studiert. Danach war sie als Sozialpädagogin, Erziehungsberaterin und Psychologin in verschiedenen Institutionen tätig. Seit September 2010 ist sie bei der ZFA.



Foto: ZFA

 

 

 

Angebote der ZFA für Familien

Gruppe für Kinder

In der Gruppe treffen sich Kinder aus suchtbelasteten Familien. Sie ist für Kinder von 8 bis 14 Jahren. Der Kurs sieht zehn Treffen vor.

Einzeltherapie

Für Kinder aus suchtbelasteten Familien bietet die ZFA Einzelgespräche, Begleitung und Therapie an. Das ist für Kinder ab 5 Jahren geeignet.

AlcoCheck für Jugendliche

Der AlcoCheck ist für Jugendliche und junge Erwachsene mit auffälligem oder risikoreichem Alkoholkonsum. Es werden Einzelgespräche und Gruppenkurse angeboten.

www.alcocheck.ch

Eltern und Sucht

Dieses Gruppenangebot richtet sich an Eltern, die selbst von der Alkoholsucht betroffen sind oder einen Partner haben, der einen schwierigen Umgang mit Alkohol hat. Der Kurs findet an 4 Abenden statt.

Weitere Informationen zu den Angeboten finden Sie unter www.zfa.ch

Online-Angebote für Kinder aus alkoholbelasteten Familien

 

 

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