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Wenn das Kinderzimmer zum Schulzimmer wird: Tipps vom Lerncoach

Wie läuft es in Ihrem Familien-Klassenzimmer? Mindestens bis zum 19. April bleiben die Schulen in der ganzen Schweiz geschlossen. Dies ist eine von verschiedenen Massnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Was bedeutet die Massnahme für Kinder und Eltern? Wir haben einen Lerncoach und Heilpädagogen gefragt, wie das Lernen fernab des Klassenzimmers am besten funktioniert.

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Die Schweizer Schulen bleiben vorübergehend geschlossen: Kinder folgen dem Schulstoff die nächsten Wochen von zu Hause aus. Bild: GettyImages Plus, Imgorthand

Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind so lange der Schule fernbleibt. Sie befürchten einen Knick in der Schulkarriere, Lernstoff, der fehlt, und viele anstrengende Stunden des Homeschoolings, die da auf sie zukommen. Ganz anders sieht es unser Experte, Lerncoach und Heilpädagoge Michael Berger.

Die Schulschliessung ist eine Chance: So viele Kinder stehen unter enormen Druck. Jetzt können sie herunterfahren.

Er rät Eltern, das Positive an der aktuellen Situation zu sehen. „So viele Kinder stehen unter enormen Druck. Jetzt können sie herunterfahren.“ Die Schulschliessung sei eine Chance: Eine Chance für richtiges, lebensnahes Lernen.

Bleiben Sie entspannt: Eltern sind keine Lehrer

Lassen Sie Ihrem Kind Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen. „Bleiben Sie entspannt und üben Sie zu Beginn keinen Druck aus, denn die Situation ist für alle neu“, lautet Bergers Appell an die Eltern. Wie war das nochmals mit Algebra, den französischen Konjugationen und dem Chemiexperiment? Viele Eltern setzen auch sich selber unter Druck. Sie befürchten, dass sie selber unterrichten und selber zum Lehrer werden müssen, damit ihr Kind nicht zu viel vom Schulstoff verpasst. Doch dem ist nicht so, keine Sorge.

„Die Schulen sind für den Lehrplan zuständig. Der Unterricht fällt ja nicht aus, er wird einfach in einer anderen Form angeboten." Hier müssen auch die Schulen erst einmal Erfahrungen sammeln, weshalb nicht auf Anhieb alles funktionieren wird. "Die Lehrpersonen sind jetzt daran das Programm für die nächsten Wochen auszuarbeiten und sie werden klare Aufträge für die Schüler formulieren.“ Der digitale Unterricht macht das sicher mal für die älteren Schüler möglich - einfach und unkompliziert. Auch über längere Zeit. Bei jüngeren Schülern werden Lerndossiers mit gezielten Lernaufträgen zusammengestellt. Eltern müssen also nicht unterrichten, sondern das Lernen begleiten.

Wochenplan und Lernregeln: So sorgen Sie für Struktur

Die Beziehungsebene sei wichtig: „Sie sind in erster Linie Mama oder Papa – bleiben Sie in Ihrer Rolle, alles andere funktioniert nicht!“ sagt Michael Berger. Eltern hätten eine andere Aufgabe: „Sorgen Sie für Struktur.“ So stellen Sie sicher, dass das Kind dranbleibt am Lernstoff. „Wer das nicht tut, straft am Ende nur das Kind“, so Berger.

Sie sind in erster Linie Mama oder Papa – bleiben Sie in Ihrer Rolle!

 Die Schule wird die Inhalte und einen Fahrplan vorgeben, die Umsetzung zu Hause liegt dann bei den Eltern. Der Lerncoach rät Eltern darum, einen groben Wochenplan aufzustellen und darin Zeitfenster zu definieren fürs Lernen, fürs Spielen, für die Mediennutzung. Wie Sie einen solchen Plan aufstellen, erklärt Michael Berger hier Schritt um Schritt.

Machen Sie das Lernen zu etwas Alltäglichem und stellen sie klar, dass jetzt nicht "schulfrei" ist. Während der vereinbarten Zeit wird gelernt, die Zeit darum herum bleibt zur freien Verfügung. Schauen Sie, was möglich ist und überfordern Sie das Kind nicht. Auch für die Kinder ist es eine neue Situation. Ausserdem ist Abwechslung wichtig: „Definieren Sie keine Lernzeiten von acht bis zwölf, das ist zu lange.“ Lieber solle das Kind in „Häppchen“ lernen, was sowieso mehr Lernerfolg bringt: „Je nach Alter ist mehr oder weniger möglich.“ Nach der Lernphase sollte eine Spiel- oder Entspannungsphase folgen, bevor man sich wieder an den Schulstoff machen kann. "Wir haben nun die Chance, den Kindern zu zeigen, wie man effektiv und nachhaltig lernt. Nutzen wir es!", fordert Berger alle Eltern auf.

Und da Sie jetzt Zeit haben: Finden Sie heraus, was für ein Lerntyp Ihr Kind ist und gestalten Sie den Fernunterricht danach. Welche Lerntypen und Lernmethoden es gibt, erklärt Michael Berger hier.

Schaffen Sie keine künstliche Schulatmosphäre

Natürlich geht nicht alles ohne Regeln. Auch beim Lernen sind gewisse Leitplanken wichtig. „Während dem Lernen läuft nebenbei nicht der Fernseher, das Handy ist aus und auf dem Pult liegt auch kein Spielzeug.“ Wer mehrere Kinder hat, muss natürlich Acht geben, dass nicht ein Kind vor den Schulaufgaben sitzt, während das andere daneben auf dem Tablet am Gamen ist oder draussen spielen darf. Denn so wird Lernen zur Strafe und der Konflikt wird folgen.

Viel mehr würde der Heilpädagoge aber nicht machen: „Schaffen Sie keine künstliche Schulatmosphäre, das ist kontraproduktiv.“ Auch wöchentliches Stoff abfragen oder Lerntests durch die Eltern seien nicht förderlich. "Wenn Sie Ihr Kind beim Lernen begleiten, wissen Sie sowieso genau, ob es nur erledigt oder auch verstanden wurde."

Lernen in den Alltag integrieren

Es gibt aber etwas anderes, das Eltern machen können. Sie können das Lernen im Alltag fördern. „Jetzt ist die Zeit für bewegtes, handelndes Lernen“, freut sich Berger. Im Alltag finden sich nämlich die unterschiedlichen Tätigkeiten, die spielerisches und lebensnahes Lernen möglich machen. Weitere Tipps dazu gibt der Heilpädagoge hier.

Jetzt ist die Zeit für bewegtes, handelndes Lernen!

Ob Sie Ihr Kind beim Kochen Zutatenmengen zusammenrechnen lassen, im Wald Blätter suchen zum Basteln, im Quartier eine Buchstabensuche veranstalten – all das vermittelt dem Kind auf eine ganz andere Art wichtiges Wissen und ermöglicht es ihm, theoretischen Schulstoff im Alltag anzuwenden. Auch Lernvideos, Bücher und Gespräche über Bücher seien jetzt eine tolle Beschäftigung für Kinder, findet Berger. „Werden Sie kreativ und lassen Sie Ihr Kind kreativ werden – losgelöst von Stress und Druck!“

Michael Berger gezielt lernen

Michael Berger ist Schulischer Heilpädagoge und in seiner ersten Ausbildung Kindergartenlehrperson. Mittlerweile hat er auf jeder Schulstufe unterrichtet und ist nun auf der Oberstufe tätig. Auf seiner Online-Plattform gezielt-lernen.ch wendet er sich an Eltern und andere Interessierte und gibt auf dem dazugehörigen Blog Tipps rund ums Lernen. Mit seiner Lernberatung unterstützt er Eltern und Lehrer rund ums Lernen und im sonderpädagogischen Bereich.