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Man muss nicht immer einer Meinung sein: Wie Paare richtig streiten

Wenn zwei sich streiten… dann ist das meist nicht weiter schlimm. In Beziehungen treffen unterschiedliche Charaktere mit ihren ganz eigenen Vorstellungen aufeinander. Paarberaterin Susanne Schultes erklärt, wie Sie richtig streiten – und so trotz gegensätzlichen Vorstellungen zusammenhalten und zusammenbleiben.

Paar streitet sich am Frühstückstisch: Richtig streiten - Konflikt in Paarbeziehung

Unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen: In Beziehungen kommt es immer wieder zu Spannungen – wie man in solchen Situationen kommuniziert ist enorm wichtig. Bild: GettyImages Plus, skynesher

In einer Beziehung treffen zwei Menschen aufeinander. In vielen Fällen sind diese Menschen ziemlich unterschiedlich. Ich zum Beispiel bin sehr genau, verantwortungs- sowie pflichtbewusst. Wenn ich mich selbst einordnen müsste, dann falle ich wohl in die Sparte «Kontrollfreak». Planung ist mir wichtig, Überraschungen sind nicht so mein Ding. Zudem neige ich ab und zu dazu, den Bogen mit meinem Wohlwollen und meiner Fürsorge zu überspannen. In dieser Sparte «Kontrollfreak» bin ich sicherlich nicht alleine. Es geht mir hier nicht darum, gewisse Typen und Verhaltensweisen zu bewerten. Indem ich aus meinem Leben erzähle, kann ich besser aufzeigen, wie sich das eigene Verhalten auf unsere Beziehungen auswirkt.

Vorstellungen aufzwingen – oder Diskussionen zulassen?

Mir persönlich fiel es nämlich oft schwer, die Kontrolle abzugeben an meinen Mann. Ihm einfach mal die Verantwortung zu übergeben um mich einmal zu entspannen. Mein Mann konnte es noch so gut meinen und es noch so gut anpacken – da war immer mein wachsames Auge, die Nachfrage meinerseits, ob er auch an alles gedacht hatte und nicht selten zwang ich ihn, mir «zu rapportieren», wenn ich selbst nicht gerade den Überblick über «seine Pendenzenliste» hatte.

Klingt anstrengend, nicht? Ja, das war es für uns beide. Was aber steckt da für ein Mechanismus dahinter? Offenbar hatte ich das grosse Bedürfnis nach Sicherheit. Ich wollte unbedingt «alles richtig» machen und fühlte mich nur dann gut, wenn all die vermeintlich «wichtigen Dinge» zur Abdeckung dieser Sicherheit gewährleistet waren. Ich wollte sicher sein, dass es meinen Kindern gut geht, und dass ich eine gute Mutter bin.  

Mein Mann konnte es entweder genauso machen, wie ich es wollte – oder einen lautstarken Konflikt riskieren.

Für meinen Mann bedeutete dies, dass er es entweder versuchen konnte, es genauso zu machen, wie ich es mir vorstellte. Wenn er sich für diese erste Variante entschied, war für ihn vermutlich immer ein gewisses Unbehagen dabei, denn irgendetwas fand ich immer, was dennoch nicht ganz passte. Die andere Variante, die gefährlichere Variante, wenn man das so sagen darf, war, es genau andersrum zu handhaben, als ich es wollte. Damit riskierte er aber einen lautstarken Konflikt mit mir.

Glücklicherweise entschied sich mein Mann des Öfteren für die zweite Variante. Und so blieb der Beziehungsprozess zwischen uns als Paar erhalten. Und ja, ich habe dadurch sehr viel über mich selbst gelernt. Und über Beziehungen. Und über meinen Mann, der meist genau die «Dosis» der Rebellion gegen meine Vorstellungen erwischte, die sich schlussendlich positiv auf unsere Beziehung auswirkte.

Verantwortung übernehmen – für sich und die Beziehung

Damit eine Beziehung funktioniert, müssen beide Parteien immer ihre Selbstachtung bewahren können. Und dafür braucht es die bestmögliche Resonanz des Partners. Dies ist kaum möglich – wenn Konflikte in destruktive Streitereien mit Beschimpfungen und Beschuldigungen ausarten und somit die persönliche Integrität des Gegenübers angegriffen wird und jeder zur Verteidigung übergeht um sich zu rechtfertigen. Was dabei nämlich vollkommen verloren geht, ist die gegenseitige Wertschätzung und die Empathie füreinander. Und die Akzeptanz, was heisst, den anderen so anzunehmen, wie er eben ist.

Diese destruktiven Konfliktlösungsmethoden führen nicht selten zum Rückzug beider Seiten und zum Kontaktverlust, was für alle Beteiligten insbesondere für die Kinder enorm schwierig ist. Es ist also wichtig, die Verantwortung einerseits für mich selbst und andererseits für unsere Paarbeziehung zu übernehmen und uns an unsere Konflikte heranzuwagen.

Richtig streiten: Worauf Sie achten sollten

1 Sprechen Sie nicht über den anderen, sondern sprechen Sie von sich. Versuchen Sie es mit Du-Botschaften, werden Sie auf Widerstand stossen, weil das Gegenüber sich zu verteidigen versucht. Somit «kappen» Sie die Verbindung für gegenseitiges Verständnis.

2 Seien Sie ehrlich. So machen Sie sich fassbar für das Gegenüber. Das Gute daran: Sie ermutigen den Partner, es Ihnen gleich zu tun. Reden Sie in der Ich-Form.

3 Vermeiden Sie Urteile und Schlagwörter so wie: «Du bist immer so faul.» Immer ist ein Schlagwort, faul ist ein Urteil.

4 Formulieren Sie wertfrei. Das gelingt zum Beispiel so: «Ich sehe, dass du mit den Kindern nicht draussen warst.»

5 Reden Sie über konkrete, echte Folgen: «Die Kinder sind jetzt aufgedreht und rasen durch unsere Wohnung.»

6 Erwähnen Sie das Gefühl, welches aus der Folge entsteht: «Das macht mich jetzt ganz nervös. Ich bin traurig darüber, dass du nicht mit ihnen draussen warst.»

7 Wenn der Partner sich wehrt, dann hören Sie zu. «Ah, ich höre, dass du noch etwas arbeiten wolltest und dann plötzlich die Zeit knapp wurde fürs Rausgehen.» Vergessen Sie aber nicht, dass Sie Ihre Botschaft (zum Beispiel «Ich bin traurig darüber, dass du nicht draussen warst.») auch deponieren.

8 Erwarten Sie nicht, dass sich genau jetzt Ihr Leben komplett verändert und der Partner Ihnen ab jetzt alles «recht» macht. Lassen Sie aber die Wirksamkeit dieser konstruktiven Konfrontation nicht ausser Acht.

9 Sorgen Sie vor: Benutzen Sie «Vorbeugende Ich-Botschaften», um Konflikten vorzubeugen: «Wenn ich heute weg bin, kann ich das Nachmittagsprogramm nicht übernehmen. Wenn ich abends heimkomme, bin ich froh, auch entspannen zu können und nicht die aufgedrehten Kinder bis spät abends betreuen zu müssen. Hast du eine Idee?»

10 Vermeiden Sie es, Lösungen zu präsentieren. Motivierender für den Anderen ist, wenn er Ihre Bedürfnisse hört und selbst einen Lösungsvorschlag machen kann. Statt «Du musst mit den Kindern raus.» lieber «Ich bin heute nicht da am Nachmittag und brauche deine Unterstützung.»

11 Geben Sie nicht auf, für sich und Ihre Bedürfnisse einzustehen und das Gespräch mit dem Partner zu suchen. Bleiben Sie am Ball.

Freuen Sie sich über Unterschiedlichkeiten

Vielleicht kriselt es in diesen Tagen besonders. In vielen Familien sind beide Elternteile vermehrt zu Hause. Vielleicht stellen Sie jetzt Eigenheiten am eigenen Verhalten oder dem Verhalten des Partners fest, die Ihnen vorher nie aufgefallen sind. Nutzen Sie diese Tage und Wochen als Chance, Festgefahrenes zu reflektieren.

Ein weiterer wichtiger Tipp zum Abschluss: Nutzen Sie Freiräume und freuen Sie sich, dass die Kinder von zwei unterschiedlichen Elternteilen profitieren.

Wenn es Ihnen schwerfällt loszulassen und die Verantwortung abzugeben, seien Sie empathisch mit sich selbst und akzeptieren Sie, dass Sie damit Mühe haben. Und sagen Sie dem Partner nicht nur, wenn Sie etwas stört, sondern auch, wenn Sie sich über etwas freuen. Denn, so hat es Victor Hugo wunderbar in Worte gefasst: Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.

Workshop «Gelingende (Paar-) Kommunikation»

Am Mittwoch, 6. Mai, findet ein Online-Workshop statt zum Thema: «Gelingende (Paar-) Kommunikation». Der Kurs dauert von 19.30 bis 22.00 Uhr. Alle Details gibt es hier. Anmeldung sind bis zum 4. Mai per Mail an susanne@susanneschultes.ch möglich. 

Laura Müdespacher Goldenbody

Susanne Schultes

Susanne Schultes arbeitet seit 12 Jahren in der Elternbildung, ist ausgebildete Kommunikationstrainerin und eidgenössisch diplomierte Psychosoziale Beraterin. Sie betreibt eine eigene Praxis für Familien- und Paarberatung in Männedorf. Die Mutter von zwei Kindern (15 und 10 Jahre) teilt Ihr Wissen ausserdem auch auf Instagram und auf Ihrem Blog. 

Weitere Informationen: www.susanneschultes.ch