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Konflikte lösen: Wie wir lernen, die Ecken und Kanten der anderen zu akzeptieren

Was wir als Ecken und Kanten bei unserem Partner wahrnehmen, sind meist antrainierte Schutzmechanismen, die ihren Ursprung in der Kindheit und Jugend haben. Familienberaterin Susanne Schultes weiss, wie Sie Ihrem Gegenüber mit Interesse und Wertfreiheit begegnen und so Konflikte besser meistern.

Paar unter einem Regenschirm

Wer die Ecken und Kanten des Gegenübers akzeptiert, legt den Grundstein für eine glückliche Beziehung. Bild: skynesher, E+

Ob in einer Familie, einer Paarbeziehung oder einer Freundschaft: Konflikte entstehen in jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Der Grund dafür liegt schlicht und einfach darin, dass jeder eine andere Vergangenheit hat, sprich unter unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen ist und somit auch individuelle Bedürfnisse hat. Und diese Unterschiede führen nicht selten dazu, dass wir gewisse Verhaltensweisen und Ansichten nicht nachvollziehen können oder Wünsche nicht erkennen.

Das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Zugehörigkeit

Laut dem Humanpsychologen Carl Rogers haben alle Menschen trotz unterschiedlicher Ausgangssituationen vier grundlegende Bedürfnisse:

  • Selbsterhaltung
  • Selbstwirksamkeit
  • Zugehörigkeit
  • Entwicklung

Rogers Theorie besagt, dass wir stetig nach diesen lebens- und entwicklungsfördernden Qualitäten streben – ungeachtet dessen, wie sehr die Umstände oder die Umwelt eines Individuums die Erfüllung dieser Bedürfnisse einschränken oder fördern.

Doch das gleichzeitige Streben nach Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit kann zu einem Spannungsfeld führen. So sagte schon der dänische Familientherapeut Jasper Juul († 2019), dass wir uns stetig im Konflikt befinden zwischen der Wahrung der eigenen Integrität und der Kooperation mit anderen. Und das betrifft vor allem Kinder, die von Geburt an ihre Bedürfnisse und Grenzen in Kooperation mit den Eltern und später mit Lehrpersonen, Arbeitgebern, Partnern und Freunden anpassen.

Wie Eltern ihre Kinder prägen

Diese Anpassung an das Umfeld ist etwas ganz Menschliches. Denn um als Kind zu überleben, muss es naturgemäss und um jeden Preis dazugehören. Auch wenn der Preis dafür bedeutet, ein Stück der eigenen Integrität aufzugeben. Hierbei hat das Kind keine Wahlfreiheit.

Es ist auf seine Eltern angewiesen auf eine Weise, die den wenigsten Eltern wirklich bewusst ist. Denn wenn Kinder in ihrer Integrität verletzt werden (Verletzung ihrer persönlichen Grenzen oder Nichterfüllung bindungsfördernder Bedürfnisse), entwickeln sie Ausweich- oder Fluchtstrategien beziehungsweise schützen sich selbst, indem sie gewisse Empfindungen wie beispielsweise Wut und Trauer von sich abgrenzen.

Wie wir «Selbstkonzepte» bilden

Dieser Schutzmechanismus hat absolut Sinn gemacht für das einzelne Indivuduum und hat deswegen seine unbedingte Berechtigung. Dieser Aspekt ist deswegen so wichtig, weil die erarbeiteten (Ausweich-) Strategien diesem Menschen die nötige Sicherheit verliehen haben – um eben zu überleben. Sie als störend oder einfach nur überflüssig zu betrachten wäre deshalb alles andere als sinnvoll. Jedoch sind sie über ein Leben lang betrachtet sowie für den Einzelnen als auch in der Interaktion mit Anderen oft hinderlich.

Ein Beispiel:

Ein Kind, das gelernt hat, dass körperliche und emotionale Nähe nicht verfügbar sind, grenzt sich von dem Bedürfnis nach Nähe ab, indem es auch im Erwachsenenalter Nähe kaum zulässt oder als «nicht notwendig» empfindet. Diese Strategie nennt Carl Rogers einen Bestandteil des «Selbstkonzepts».

Bildlich kann man sich diese Strategien auch als «(Über-)lebenswerkzeuge» vorstellen, mit denen man sein Leben meistert. Sie sind jahrelang erprobt und können daher später nicht so einfach wieder abgelegt werden. Meist unbewusst erhalten wir diese Strategien bis weit in unser Erwachsenenleben hinein und erahnen höchstens ab und zu, dass diese für unsere Gegenüber oft als «speziell» wahrgenommen werden – als das, was man so schön als «Ecken und Kanten» bezeichnet.

Wenn das «Selbstkonzept» Beziehungen erschwert

Was passiert nun, wenn zwei Individuen aufeinandertreffen, die aufgrund ihrer Vergangenheit unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse haben? Wenn beispielsweise Person A, die kaum Nähe zulässt, in einer Beziehung mit Person B lebt, die Nähe seit jeher als etwas Selbstverständliches und Notwendiges wahrnimmt?

Die beiden Partner haben also nicht nur eine andere Vorstellung von Nähe, sondern auch andere Bedürfnisse. Wenn Person B nun andauernd Person A davon überzeugen möchte, dass Nähe normal und wichtig ist, fühlt sich Person A schnell in ihren Bedürfnissen übergangen oder missverstanden.

Akzeptanz als Schlüssel für eine glückliche Beziehung

Anstatt mit Unverständnis auf andere, fremd erscheinende Bedürfnisse zu reagieren, ist es deshalb wichtig, diese zu akzeptieren und zu würdigen. Was Verbindung und Vertrauen schafft, ist anzuerkennen, dass das Gegenüber ein anderes Verhältnis etwa zu körperlicher Nähe hat. Wenn Person B es schafft, Person A mit ihrem «Selbstkonzept» anzunehmen, anstatt ihre eigene Kränkung in den Vordergrund zu stellen, entsteht die heilende Würdigung dessen, dass Person A bisher nicht anders konnte.

Nur durch Akzeptanz und authentisches Vorleben kann Person A nach und nach auch mehr Nähe von Person B annehmen. Nicht durch Rückzug oder Moralisierung, nicht per Belehrung oder Besserwisserei, noch mit Blossstellung oder ins Lächerliche ziehen findet Veränderung statt. Sondern durch echtes Interesse, Wertfreiheit und echtes Vorleben.

Veranstaltungen:

Online Workshop: «Aggression – wie gehe ich  mit diesem starken Gefühl um?»

Wann? Mittwoch, 24.3.2021, 20:00 bis 22:00 Uhr

Online: Elternkreis

Wann? Montag, 29.3.2021, 9:00 bis 11:00 Uhr

Online Workshop: «Gelingende Paar-Kommunikation»

Wann? Mittwoch, 31.3.2021 und 7.4.2021, 19:45 bis 21:45 Uhr

Kurs: «Gelingende (Familien-) Kommunikation – Das Training»

Wann? Kursstart am 10.4.2021 und 3.7.2021, Samstags 9:30 bis 16:30 Uhr

Wo? Familienzentrum Uster

Online Workshop: «Kommunikation für DICH»

Wann? Mittwoch, 14.+21.4.2021, 19:30 bis 21:30 Uhr

Alle Kursangebote und mehr über Susanne Schultes erfahren Sie hier.

Susanne Schultes

Susanne Schultes

Suanne Schultes arbeitet seit 12 Jahren in der Elternbildung, ist ausgebildete Kommunikationstrainerin, Eidg. dipl. Beraterin im psychosozialen Bereich (SGfB) und Supervisorin. Sie betreibt eine eigene Praxis für Familien- und Paarberatung in Männedorf. Die Mutter von zwei Kindern (15 und 10 Jahre) teilt Ihr Wissen ausserdem auch auf Facebook und Instagram sowie auf Ihrem Blog. 

Ich bin weiterhin auch online für Sie da:

Haben Sie Anliegen, welche Sie gerne klären möchten? Betrifft es Sie selbst, Ihre Partnerschaft oder Ihre Familie? Kontaktieren Sie mich per Mail für eine Terminvereinbarung.

Weitere Informationen zum Angebot von Susanne Schultes und weitere Artikel.