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Warum es gut ist, wenn’s kracht: Mit Wutausbrüchen umgehen

An diesen Tagen verbringen Familien mehr Zeit miteinander als gewohnt. Das ist schön – aber zuweilen auch anstrengend. Auch weil die Familie zurzeit das einzige Ventil für all die Gefühle ist, die sich derzeit anstauen. Familienberaterin und Kommunikationstrainerin Susanne Schultes erklärt, wie Sie auf Wutausbrüche Ihrer Kinder reagieren und eigene negative Gefühle kontrollieren.  

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Bild: Tera Vector, Getty Images

So wie mir geht es derzeit vielen Müttern und Vätern: Der gesamte Alltag spielt sich innerhalb der Familie ab. Andere Einflüsse und Begegnungen, ob nun mit Lehrpersonen, Freunden oder Arbeitskollegen, fallen weg. So schön es ist, mehr Zeit füreinander zu haben, es bedeutet auch, dass wir all die negativen Gefühle in der Familie teilen und aushalten müssen. Dazu kommt, dass die Situation an sich belastend ist: Vielleicht erleben wir vermehrt Wut, Frust und Trauer, weil uns eben all die gewohnten Begegnungen und Eindrücke fehlen.

Wut als Deckmantel für andere Gefühle

Kinder erleben diese Gefühle noch viel intensiver als wir Erwachsene. Und so kommt es schnell einmal zum einen oder anderen Wutausbruch, wenn das Fass voll ist. Da können wir Eltern noch so unterstützend und zuversichtlich sein. Machen Sie sich keine Vorwürfe. Das ist ganz normal. Wut ist oft der Deckmantel vieler anderer Gefühle.

Man kann sich das vorstellen wie die Spitze eines Eisbergs. Über dem Wasserspiegel spielt sich Aggression in Form von Wut und Zorn ab. Im viel grösseren Anteil des Eisbergs unterhalb der Wasseroberfläche spielen sich jene Gefühle ab, die sich dann, wenn sie sich kumulieren und „das Fass überläuft“, in Wut oder Zorn ausdrücken.

Kleinigkeiten können das Fass zum Überlaufen bringen

Grad heute wurde es bei uns wieder leicht explosiv. Mein Sohn hatte nachmittags „aus Versehen“ keinen Zvieri gegessen. Zurzeit achte ich sehr darauf, dass das „Zvieri“, wie gewohnt am Nachmittag zur selben Zeit stattfindet. Nur ­– an diesem Tag nicht. Am späteren Nachmitag kam dann die Krise. Mein Sohn nörgelte und bedrängte seinen Vater, er solle ihm „jetzt gefälligst“ helfen bei der letzten Hausaufgabe. Mein Frühwarnsystem funktionierte und so stellte ich ihm sogleich einen kleinen Snack aufs Pult. Es wirkte! Die Situation war „gerettet“.

Natürlich geht es nicht immer, wenn Aggression aufkommt, nur um das Grundbedürfnis der Nahrungsaufnahme – dennoch sollten wir gemäss der Maslow-Bedürfnispyramide diese Grundsätze nicht unterschätzen. Bei meinem Sohn haben sich wohl zahlreiche Gefühle aufgestaut: Besorgnis über die Situation, Unsicherheit, ob er die Aufgaben richtig löst, ein Gefühl des Alleinseins, weil er seine Freunde nicht mehr sieht, Trauer, weil ihm seine Hobbys fehlen. Und dann eben plötzlich noch das ungestillte Bedürfnis nach einer Zwischenmahlzeit. Und „zack“ – die Wut drückt all diese angestauten Gefühle aus.

Warum es gut ist, wenn’s ab und zu kracht

Als Eltern bekommen wir einfach die „geballte Wut“ ab und nehmen oft nur die Aggression an der Oberfläche wahr und nicht die darunterliegenden Gefühle. Oft nehmen wir einen Wutausbruch unseres Kindes auch persönlich, wir fragen uns, ob wir denn nicht schon genug tun, damit unser Kind zufrieden ist, oder was wir falsch gemacht haben. Doch darum geht es gar nicht: Unser Kind meint es selten persönlich, es ist einfach eine Art, unterdrückte Gefühle auszudrücken.

Dass diese Gefühle zum Vorschein kommen, ist gut! Unterdrückte Wut richtet sich nämlich bei Verboten, Sanktionen und Strafen gegen innen. So kann man es als „gesund“ ansehen, wenn es ab und zu mal so richtig „kracht“. Aggression ist nämlich einerseits ein wichtiges Alarmsignal unserer Persönlichkeit. Andererseits verleiht sie auch in mancher Situation den nötigen Schub, etwas ins Rollen zu bringen. Auch in förderlicher Hinsicht.

Innehalten und geduldig sein – auch mit sich selbst

Wichtig für Sie als Eltern ist es, dass Sie sich durch einen Wutanfall nicht persönlich angegriffen fühlen. Sie können mitfühlen, aber Sie sollten sich nicht auch in eine Negativspirale begeben. Spüren Sie den eigenen Gefühlen nach, seien Sie empathisch mit sich selbst und starten Sie einen inneren Dialog: „Ich finde mein Kind unmöglich und verstehe nicht, was das jetzt soll, ich bin darum jetzt selber wütend und kann darum das Verhalten meines Kindes nicht annehmen.“

Meist hilft bereits diese Erkenntnis, dass man nicht auf die Wut reagiert. Inne zu halten, entschleunigt und hält uns vielleicht davon ab, ebenfalls mit Wut zu reagieren. Es ist wichtig, das Kind nicht für seine Gefühle schlecht zu machen, zu bestrafen oder zu drohen.

Es ist ok, nicht jeden Wutausbruch des Kindes „empathisch“ begleiten zu können. Durch meine eigene Unsicherheit oder auch Überforderung, meine eigenen Ängste und Sorgen in dieser Zeit ist es durchaus verständlich, wenn meine eigenen Batterien nicht dafür reichen, alle Familienmitglieder jederzeit „abzuholen“. Wichtiger ist hier genügend Selbstfürsorge und auch die Ansprüche an sich selbst und an die Kinder in diesen Tagen etwas herunterzuschrauben. 

To do’s für diese ausserordentlichen Tage:

→ Gutes Essen (auch für mich), geregelte Essenszeiten

→ Nehmen Sie sich eine Auszeit – (bei mir ab und zu einen halben Tag in die Praxis)

→ Ein ruhiges Gespräch mit dem Partner, Partnerin

→ Musik (auch sehr laut)

→ Kaffee auf Balkon, egal, ob Hausaufgaben gemacht oder nicht

→ Telefonieren

→ Lachen

→ Humor

→ Maske, Füsse eincremen

→ Geregelter Tagesablauf

→ Geregelte Bettgehzeiten der Kinder

→ Eine halbe Stunde vor den Kindern aufstehen / oder Stunde, nur für mich oder für Partnerschaft

→ Kinder einbinden in Tagespendenzen

→ Evt. sparsamer News-Konsum

→ Umarmungen

Und wenn das Fass doch zu überlaufen droht:

→ Rausgehen, in anderen Raum gehen

→ Atmen, Atemübung

→ Tür zu

→ Einer Freundin, einem Freund oder der Mutter anrufen

Offene Kommunikation ist jetzt wichtig

Besprechen Sie Ihren Notfallplan auch mit den Kindern und dem Partner. Erklären Sie, warum Sie vielleicht plötzlich den Raum verlassen. Auch ist es wichtig, schwierige Situationen im Nachgang zu besprechen. Erklären Sie Ihre Gefühle und was die Situation in Ihnen ausgelöst hat. Stellen Sie klar, dass Sie sich selber sichern wollten, und stellen Sie klar, dass das Verhalten nicht gegen die Kinder gerichtet ist. Offene Kommunikation ist jetzt besonders wichtig. Ganz nach dem Motto: „Das Eisen schmieden, wenn es kalt ist.“

Weitere Tipps für die Lockdown-Zeit finden Sie übrigens laufend hier: www.susanneschultes.ch/blog

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Susanne Schultes

Suanne Schultes arbeitet seit 12 Jahren in der Elternbildung, ist ausgebildete Kommunikationstrainerin und Supervisorin. Sie betreibt eine eigene Praxis für Familien- und Paarberatung in Männedorf. Die Mutter von zwei Kindern (15 und 10 Jahre) teilt Ihr Wissen ausserdem auch auf Instagram und auf Ihrem Blog. 

Weitere Informationen: www.susanneschultes.ch