Facebook Pixel

Warum es wichtig ist mit Kindern ehrlich über den Tod zu sprechen

Eltern wollen ihre Kinder beschützen. Doch wer sein Kind vom Thema Tod abschirmt, nimmt ihm die Chance wichtige Fragen zu stellen. Wie Sie mit Kindern über den Tod sprechen und im Trauerfall gut begleiten.

Kinder verdienen es, dass wir nicht nur in blumigen Worten vom Tod sprechen.

Kinder verdienen es, dass wir nicht nur in blumigen Worten vom Tod sprechen. Bild: Annie Spratt - Unsplash

Dr. Barbara Zollinger ist Entwicklungspsychologin und Logopädin. Eines Tages kam ein Elternpaar mit seinem dreieinhalbjährigen Sohn in ihre Praxis in Winterthur. Es hatte bis dahin nie ein Wort gesagt. Erst nach vielen Besuchen fand die Entwicklungspsychologin heraus: die Eltern hatten ihrem Kind den Namen seines verstorbenen Bruders gegeben, ihm aber nichts von seiner Existenz erzählt. «Sie glaubten nicht über die Trauer und Tod zu sprechen, sei ein Weg, das Kind unbelastet aufwachsen zu lassen. Aber Tod und Trauer waren ja trotzdem da.»

Eltern möchten Kinder nicht mit schwierigen Themen belasten. Schon gar nicht mit dem Thema, vor dem sie sich am meisten fürchten. Wenn ein Leben eines geliebten Menschen plötzlich endet, ist das schon für Erwachsene oft unfassbar und kaum zu ertragen, wie soll das ein kleiner Mensch verstehen? 

«Kinder haben immer ein Recht auf die Wahrheit», sagt Zollinger. Sie glaubt: «Wer sein Kind schonen will, will meist sich selbst schonen». Schon Kleinkinder spüren, wenn etwas in der Luft liegt. Sie fragen vielleicht nicht nach, weil sie es noch nicht können oder die Eltern vor noch mehr Schmerz schützen wollen. Doch wenn ein Kind nicht weiss, warum seine Eltern traurig sind, kann es nicht lernen damit umzugehen und Kontrolle über die Situation erlangen. Massive Ängste und Unsicherheiten, aber auch Schuldgefühle können entstehen, die prägend für die weitere Entwicklung sind. 

Wie Eltern kindgerecht den Tod erklären

Aber wann ist der richtige Moment? Wenn jemand aus dem nahen Umfeld gestorben ist? Wenn jemand schwer krank ist oder mit drei Jahren? Zollinger empfiehlt, jetzt sei immer der beste Zeitpunkt. Doch was können Kinder, wann verstehen? Welche Worte und Erklärungen helfen dem Verständnis? Ein dreijähriges Kind weiss nicht, was Darmkrebs ist. Es stellt es sich vielleicht vor wie ein Tier, das im Bauch sitzt und mit seinen Scheren zwickt. Ein Bild, das es kennt.

Aber welche einfachen Worte kann man sagen, wenn sie einem selbst fehlen? Die Grossmutter ist für immer eingeschlafen? Dein Bruder sitzt jetzt auf einer Wolke? Der Papi ist auf eine lange Reise gegangen. Der Universitätsprofessor und Notfallpsychologe Dr. Gernot Brauchle, der immer dann angerufen wird, wenn ein tödlicher Unfall passiert ist, hat in über 150 Einsätzen praxisnahe Empfehlungen erarbeitet, die Eltern unterstützen mit Kindern besserüber den Tod  zu sprechen.

1 Was bedeutet es tot zu sein?

Wenn Eltern selbst Mühe haben den Tod zu erfassen, können sie ihrem Kind nicht die Sicherheit und Zuversicht vermitteln, die es bei einem Trauerfall braucht. Brauchle rät Eltern deshalb sich zunächst selbst mit dem Thema Tod und seinen Facetten auseinander zu setzen.

  • Der Endgültigkeit - Verstorbene erwachen nicht wieder zum Leben
  • Der Allgemeingültigkeit - alle Lebewesen müssen sterben
  • Der Unvermeidlichkeit - es gibt kein Mittel gegen den Tod
  • Der Unvorhersehbarkeit - es kann immer etwas passieren

2 Kinder begreifen den Tod anders

Im zweiten Schritt sollten sich Eltern ein Verständnis davon machen, in welchem Alter Kinder, welche Facetten des Sterbens begreifen können. Denn dementsprechend stellen sie auch Fragen - und dementsprechend trauern sie auch. Beispielsweise haben Kinder unter neun Jahren oft noch nicht verstanden, dass alle Lebewesen sterben müssen und dass er unausweichlich ist. Sie glauben häufig, dass der Tod nur alte Menschen betrifft. Sie fragen deshalb oft, wann die tote Person wiederkommt. Sie hoffen, vielleicht schläft sie nur und tun sich oft schwer die Endgültigkeit des Todes zu akzeptieren.

Was Tod und Sterben für Kinder in welchem Alter bedeutet

Ab ca. 7 Monaten
Bereits Babys vermissen Verstorbene, wenn diese wichtige Bezugspersonen waren. Sie fühlen bereits die Verzweiflung und die Leerstelle, die eine verstorbene Person bei Angehörigen hinterlässt. 

Zwischen 3 Jahren und 6 Jahren
Wer tot ist, ist «weg« oder «kaputt» Das heisst er kann auch wiederkommen oder repariert werden. Kinder in diesem Alter empfinden deshalb oft nicht dieselbe Trauer wie Erwachsene. Sie glauben häufig an magische Umstände («Ich zaubere Papi einfach wieder her») und stellen sich die Toten lebendig und nur an einem anderen Ort vor («Was zieht man eigentlich an, wenn man unter der Erde lebt?»).

Ab 6 bis 9 Jahren
Primarschulkinder verstehen in der Regel, dass Tote nicht wieder lebendig werden, aber sie haben Mühe, diese Tatsache zu akzeptieren. Sterben können für Sie häufig nur alte Lebewesen. Dass sie selbst oder Personen ihres Alters davon betroffen sein könnten,  können und wollen sie sich nicht vorstellen. Gleichzeitig fasziniert sie das Thema. Der Tod ist gruselig und interessant zugleich.

Ab 9 bis 12 Jahren
Kinder fragen jetzt häufig besonders detailliert nach. Sie haben ein Bedürfnis nach genauen Informationen, wenn eine ihnen nahestehende Person gestorben ist. Sie verstehen, dass der Tod endgültig ist und dass er alle Lebewesen betrifft. Dass man bisweilen nichts dagegen tun oder sich davor schützen kann, wollen sie oft nicht wahrhaben.


3 Die Kinder leiten das Gespräch

Eltern sollten «nur die Fragen beantworten, die das Kind selbst stellt», empfiehlt Brauchle. Gewisse Aspekte blenden Kinder je nach Alter noch aus, weil sie noch ausserhalb des Vorstellungsvermögen liegen.

4 Kindgerechte, aber klare Sprache

«Eltern sollten versuchen, einfache und klare Worte zu finden. Aber diese Worte können nicht immer Worte sein, die das Kind schon kennt.» erklärt Zollinger. Aber so gehe es Kindern zunächst mit allen neuen Begriffen. Ein Baby weiss zunächst nicht, was ein Fuss ist. Aber dadurch, dass es das es das Wort in ähnlichen Kontexten wiederholt hört und erlebt, lernt es seine Bedeutung immer besser kennen.

5 Brücken schlagen

Wenn Eltern und Kindern, die Worte fehlen, können auch Bücher ein gute Verbindung zum Thema herstellen und Anregungen bieten über den Tod zu sprechen. Sie eignen sich sowohl um das Thema im Alltag unbefangen kennenzulernen als auch für den Trauerfall.

Kinderbücher, die den Tod begreifbar machen

1 von 9

Kinderbücher, die den Tod begreifbar machen

Plötzlich sind sie weg. Grossvater, der immer Spässe gemacht hat. Das Haustier. Die Nachbarin. Der Tod ist schwer zu begreifen. Wenn Kinder zum ersten Mal mit dem Sterben konfrontiert sind, haben sie viele Fragen, auf die wir Erwachsenen selbst oft keine richtige Antwort wissen. Inspiration bieten diese Kinder- und Jugenbücher für Kinder bis 14 Jahren.

Text: Sigrid Schulze, Bild: Collage

Weitere Bilder anschauen

6 Ehrlich bleiben

Auch wenn es tröstlich erscheint, Brauchle empfiehlt der Versuchung zu widerstehen, den Tod mit Metaphern zu verschleiern. Beispielsweise erzählt man kleinen Kindern häufig, der Grossvater sei für immer eingeschlafen. Manche Kinder fürchten sich anschliessend einzuschlafen, aus Angst nie wieder zu erwachen. Besser sei zum Beispiel: «Grossvater ist gestorben. Mami und Oma weinen deshalb jetzt viel. Wir werden viel an ihn denken. Wir können uns an die guten Dinge erinnern, die wir mit dem Grosspapi erlebt haben.»

7 Niemand weiss alles

Manche Fragen werden Eltern an Ihre Grenzen bringen. Das ist in Ordnung und das darf man einem Kind auch mitteilen. Wenn ein Kind  wissen möchte, ob die Grossmutter jetzt im Himmel ist, könnten Sie beispielsweise antworten:  «Niemand weiss, ob sie jetzt im Himmel ist, manche Menschen glauben das, andere nicht. Was glaubst du denn?»